16 Juni 2017, 12:00
Durch die Wüste
 
Legionaere
 
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Tornados, Höhenflügen, Prophetien, Visionen. Was hält und trägt im Letzten? Erfahrungen mit dem Ruhegebet. BeneDicta von Petra Knapp-Biermeier.

Linz (kath.net) Zwei Taschen voller Bücher. Ich sehe sie noch im Rückspiegel bei dem blauen Mazda stehen. Sie werden immer kleiner, und dann biege ich um die Ecke. Endlich bin ich sie los. Ich bin am Entrümpeln, und auch meine Bibliothek ist geschrumpft. Ich verschenke die Bücher an Freunde und Bekannte. Ich meine, eine Last losgeworden zu sein. Zurück kriege ich einen Schatz.

Ein paar Tage später treffe ich nämlich N., der sich einige meiner Bücher rausgefischt hat und der sagt mir: „Das hat mich gerettet, dieses eine Buch.“ Er spricht vom Ruhegebet. Geschrieben hat darüber ein deutscher Pfarrer, Peter Dyckhoff, ein beeindruckender Mann und wunderbarer Autor, den ich vor vielen Jahren interviewte. Von seinen Büchern wollte ich jetzt einige weiterschenken.

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In der nächsten Stunde rekapituliert N. wie im Zeitraffer die Ereignisse des letzten Jahres, alle Heilungen, Wunder und aufregenden inneren Erlebnisse mit Gott. Und stellt fest, dass er nicht mehr weiter weiß. Er ist in der Wüste gelandet. Und mit ihm dieses Buch, das vom Ruhegebet nach Johannes Cassian erzählt. Von den Wüstenvätern. Wie passend.

Auch ich bin sofort neu fasziniert von dieser einfachen und so tiefgehenden Form des Gebetes, das ich vor vielen Jahren kennen gelernt habe: Du nimmst dir eine bestimme Zeit am Tag, in der du ein kurzes Gebet, einen Vers, meditierst. Nichts sonst. Du verweilst bei Jesus wie ein Kind bei seinen Eltern, das nichts leisten muss, sondern nur Liebe empfängt.

N. spricht zu meinem ausgedörrten Geist. Ja: Gott hat in meinem Leben sehr sichtbar gewirkt. Für alle. Sogar echte Wunder. Echte Heilungen. Unbestritten. Aber dann – autsch – gab es eine staubige Landung. Keine Oase in Sicht. Worte greifen nicht mehr, auch keine schönen, positiven, frommen. Was trägt einen wirklich durch? Durch Tornados? Höhenflüge? Eisregen? Schwüle Hitze?

Was bleibt von Liedern, Prophetien und Visionen? Von guten Gedanken, schönen Worten? Und was ist meine eigene Stimme, und was spricht Gott? Fragen über Fragen. Meine Bücherlast entpuppt sich als Schatz, neu entdeckt durch N. Und ich knüpfe voller Leidenschaft an dem an, was jene durchgetragen hat, die Gott in der Einsamkeit suchten, die über Jahrzehnte geläutert wurden in Askese, Schweigen.

Ich knüpfe aus tiefstem Herzen bei denen an, die noch kein Rampenlicht kannten. Die sich ihr Wissen von Gott im Verborgenen erarbeiteten, im stetigen Suchen und Ringen. Es fasziniert mich, wie sie Gott erleben und finden. Und noch während wir reden, barfuß im Gras, während ein paar Meter weiter unsere Kinder am Lagerfeuer spielen, fange ich schon an zu beten.

Peter Dyckhoff erklärt das so: „Im Ruhegebet geht es nicht um eine bestimmte Thematik, um kein Singen oder Sprechen, um kein bewusstes Denken oder Fühlen, um kein inneres Formulieren und auch um kein Gespräch mit Gott. Alles, was in Bewegung ist, kommt mehr und mehr zum Schweigen – sei es die Sprache des Körpers, des Geistes oder die der Seele. Das Ruhegebet ist eher mit einem Opfer zu vergleichen, bei dem ich abgebe, um es dem Herrn zu übergeben.“

Es gibt noch viele Details zu diesem Ruhegebet, etwa, dass man Gedanken und Ablenkungen nicht aktiv bekämpfen, sondern einfach vorüberziehen lassen soll. „Schenke den aufkommenden Gedanken keine Beachtung und gehe ihnen auch nicht nach. Nimm wahr, dass sie von selbst kommen und von selbst wieder gehen. Wenn sie schwinden, kehre zu deinem individuellen Gebetswort zurück und wiederhole es.“

Das einzige Tun beim Ruhegebet besteht „in der sanften Wiederholung deines Gebetswortes“. Täglich zwei Mal jeweils zwanzig Minuten lang zur einer passenden Tageszeit sind ideal, um diese Gebetsform einzuüben. Aber beginnen kann man auch sofort, in ganz kurzen Arbeitspausen, indem man sich ein Herzensgebet auswählt, und das mehrmals wiederholt, so wie ein Wanderer, der kurz innehält, um sich durch einen Schluck Wasser zu erfrischen.

In der Dämmerung stehen wir alle um die Feuerstelle, ein paar reden, manche summen. Das Feuer ist längst niedergebrannt, und die Glut wärmt uns. Schön ist es, still und nachdenklich sind wir. Am nächsten Tag kriege ich dann eine Nachricht von N. Er fotografiert mir eine Buchseite vom Ruhegebet ab, und so kommen sie wieder zu mir zurück, meine Bücher, neu entdeckt, neu entfacht, das Feuer Gottes, das nie erlöscht.

„Ohne das Gebet – und sei es auch noch so kurz – wird deine Entspannung zur Trägheit und die Arbeit zur Last. Lass niemals davon ab, dich in der Anrufung seines heiligen Namens und in der Bitte um Erbarmen immer und immer wieder an Gott zu wenden“, lese ich. Telefoniere, organisiere, schreibe. Schneide Melonen, bügle Hosen, sammle Legosteine ein. Richte meinen Geist aus, immer wieder, für wenige Sekunden, dorthin, wo meine Heimat ist. „Mein Herr und mein Gott!“

Foto: (c) kath.net







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