04 Mai 2017, 10:22
Neue Methoden der Selektion – Rasterfahndung beim Leben vor Geburt
 
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„Politik und Gesellschaft sind aufgerufen, der Ausweitung der ‚neuen Eugenik‘ zu wehren, solange es noch möglich ist“. Gastbeitrag von Prof. Paul Cullen

Kassel (kath.net) kath.net dokumentiert die schriftliche Vorlage der Rede von Prof. Paul Cullen, Erster Vorsitzender des Vereins „Ärzte für das Leben“, bei der Fachtagung des Bundesverbands Lebensrecht zur „Woche für das Leben“, Kassel, 29.04.2017: „Kinderwunsch ist menschlich - Selektion nicht“:

1. Anthropologie: Was ist der Mensch?

In den letzten Wochen bin ich auf verschiedene Veröffentlichungen aufmerksam gemacht worden, die sich mit der prophetischen Rede von Papst Benedikt XVI am 22. September 2011 vor dem Deutschen Bundestag beschäftigten, und die mir bei der Vorbereitung dieses Vortrags sehr geholfen haben. In seiner Rede sagte Benedikt folgendes: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss, und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur. Und sein Wille ist dann Recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört, und sich annimmt als der, der er ist, und der sich selbst nicht gemacht hat. Gerade so, und nur so, vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Benedikt fragte zudem, wie wir erkennen, was Recht ist. Diese Frage beantwortete er mit Hinweis auf das Naturrecht, das von der Antike bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahre 1948 die Grundlagen der Gesetzgebung bildete, inzwischen aber sich in die Position einer „katholischen Sonderlehre“, derer „man sich schämt“ gedrängt sieht. Die Erklärung für diese Situation sieht Benedikt in einem positivistischen Verständnis der Natur, entstanden unter der einseitigen Vorherrschaft der Naturwissenschaften, die - im Gegensatz zum subjektiven Bereich der Religion - vorgibt, die objektive Wirklichkeit der harten, nachweisbaren Fakten zu beschreiben.

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Zur Rede von Papst Benedikt nahm die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Jahr 2012 Stellung. Gerl-Falkovitz zitiert den Renaissance-Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), der 1486 behauptet hat, dass „es die Natur des Menschen [sei], keine Natur zu haben“ weil dieser im Gegensatz zur festgelegten Natur ohne inneres Gesetz geschaffen sei und damit die unbedingte Macht über sich selbst habe. „Ein Gott, mit menschlichem Fleische umkleidet“ sei der Mensch, womit Pico als Wegbereiter neuzeitlicher Anthropologie und Freiheitslehre anzusehen ist. Während in der Renaissance der Mensch als gottgleich angesehen wird, wird seit dem 18. Jahrhundert der menschliche Körper mit einer Maschine verglichen. Seit dem 19. Jahrhundert versuchen dann die Psychologie und die Anthropologie, das Konzept der Naturwissenschaften nachzuvollziehen. So werden nun auch die Psyche und das Verhalten des Menschen als vorherbestimmt dargestellt. Auf einmal ist der Mensch nicht mehr Herr der äußeren Natur wie bei Pico, sondern Knecht seiner inneren Natur wie bei Freud. In der heutigen Zeit nun der Rückschlag: „auf eigentümlicher Weise schlägt das Herrschaftsgefühl der frühen Neuzeit um in das Wissen vom Funktionieren eines Naturwesens unter anderen Naturwesen. Also, bemerkt Gerl-Falkovitz, „sind Herrschaft und Knechtschaft hier sehr intensiv in Verbindung“. In der Neurobiologie, zum Beispiel, sei Denken „nichts, als…“. So habe etwa der Nobelpreisträger für Chemie 2012, Robert Lefkowitz, in einem Fernsehinterview behauptet, dass „der Mensch nichts als Chemie [sei]“. Wie Gerl-Falkovitz lakonisch bemerkte, direkt ein Grund, Lefkowitz den Nobelpreis wieder abzuerkennen, denn wenn der Mensch nichts als Chemie sei, dann sei auch Herr Lefkovwitz selber nichts als Chemie und sein eigener Satz bloß sinnfreies Produkt einer deterministischen chemischen Reaktion. Also auf der einen Seite finden wir also „Freiheitspathos“ wie bei Pico della Mirandola, auf der anderen Seite aber die „Naturhaftigkeit des Menschen als gesetzmäßige Festlegung, und zwar nicht nur im Sinne des somatischen, sondern auch der psychischen und dann auch geistigen Vorgänge.“

Zur Benedikt-Rede nahm auch der Sozialethiker Manfred Spieker neulich Stellung. Der Beitrag von Benedikt zur katholischen Soziallehre liege laut Spieker in der Verbindung der Sozialethik mit der Ethik des Lebens mittels der Ökologie des Lebens. Bei Benedikt habe „Natur“ immer eine anthropologische Konnotation. Die Verantwortung vor der Schöpfung muss nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft verteidigen, sondern „vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung“ (Enzyklika „Caritas in veritate“). „Wenn der Mensch in die Natur eingreift, habe er die „Grammatik“ zu beachten, die die Natur in sich trägt, und die für die Kultur und für die gesellschaftliche Ordnung „einen normativen Charakter“ hat. Diese „Grammatik“ zu erkennen, ist Aufgabe der Vernunft. In allen Kulturen gebe es „ethische Übereinstimmungen, die Ausdruck derselben menschlichen vom Schöpfer gewollten Natur sind.“ „Der wichtigste und entscheidende Bereich der kulturellen Auseinandersetzung zwischen dem Absolutheitsanspruch der Technik und der moralischen Verantwortung des Menschen“, so Benedikt, „ist heute die Bioethik, wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel steht.“ Der Mensch stehe deshalb heute „vor einem entscheidenden Entweder-Oder“.

2. Wissenschaft und Determinismus

Also stehen wir als Menschen und als Gesellschaft am Scheideweg. Und obwohl ich gleich über Wissenschaft und Technik sprechen werde, sind die Fragen, um die es hier geht, keine wissenschaftlichen und erst recht keine technischen. Ich als Molekularbiologe und damit Vertreter der Biotechnologie verstehe das oft zu beobachtende Zurückweichen vieler Ethiker und Philosophen von naturwissenschaftlichen Fragen nicht. Noch weniger verstehe ich das Anbiedern an die angebliche - oder gar das Kuschen vor der angeblichen - Allmacht einer Naturwissenschaft, die in letzter Zeit in der Physik aber auch in der Biologie mehr Fragen aufwirft, als dass sie feste deterministische Lösungen bietet. Heute kann keiner mehr sagen, was ein Gen ist. Vor 35 Jahren, als ich angefangen bin, wusste es jeder. Das selber gilt für das Atom. Vor hundert Jahren wusste jeder gebildeter Mensch, was nach dem Rutherford-Modell ein Atom ist. Heute ist dieses Modell überholt: was ein Atom wirklich ist, weiß heute niemand. Dennoch bleiben viele, vielleicht sogar die meisten Verfechter von naturwissenschaftlich-verbrämten Utopien in Denkstrukturen des 19. Jahrhunderts gefangen.

Trotz der vielen offenen Fragen wird also oft vorgegangen, als ob wir alles ganz genau wüssten. Die Auseinandersetzung mit solchen Themen wäre, wie Johannes Hartl in einer Kolumne über Thomas von Aquin bemerkt, gerade die „Aufgabe eines Weisen.“ „Gibt es die heute noch, diese Weisen?“, fragt Hartl. Die Entwicklung der Wissenschaft der vergangenen hundert Jahre sei eine Geschichte der „Zersplitterung“. Bis dahin habe „eine einheitliche Beschreibung der Welt die europäische Geschichte wie ein roter Faden durchzogen, um im materialistischen Positivismus der Moderne ihren Höhepunkt zu erreichen.“ Im Jahre 1900 habe mit Otto Hahns Entdeckung der Quanten ein Grabenbruch begonnen, der das mechanistisch einheitliche Bild der Natur erschüttert habe. „Die Wissenschaft verliert mit ihrer Übersichtlichkeit ihre Unschuld“, so Hartl. „Aus den verstrahlten Trümmern Hiroshimas erhebt sich die bange Frage, wie es mit der Ratio soweit kommen könnte. Dialektik der Aufklärung und Banalität des Bösen. Aus der Ratlosigkeit ist der Abschiedsgesang auf die großen Narrative geboren, der das einzige ist, dessen die nun anbrechende Postmoderne sich ganz gewiss ist. Die reine Dekonstruktion jedoch ist kein wohnlicher Ort. Und in das metaphysische Vakuum schiebt sich die Logik des Marktes. In der vernetzten Welt setzt sich das durch, was sich verkaufen lässt. Wenn es nicht eine Wahrheit gibt, gibt es unendlich viele.“ Die Rede „von der Aufgabe des Weisen“ klinge „beinahe wie die Verheißung einer vergessenen Heimat“, so Hartl.

3. Transhumanismus

Ein ganz anderes Bild zeichnet das Buch „Homo Deus“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, das derzeit weltweit für Furore sorgt. Das wichtigste an diesem sonst etwas seichten Buch ist der Einblick, der es in die Denkstrukturen der transhumanistischen Bewegung gewährt. In dieser Welt, die von Bill Gates (Microsoft), Mark Zuckerberg (Facebook), Elon Musk (Tesla), Sergei Brin und Ray Kurzweil (Google) und vielen anderen bewohnt wird, ist der Mensch nichts als eine Sammlung von Algorithmen, „Software“, wenn man will, die es mit der Computerwelt zu verbinden gilt. In dieser neuheidnischen Bewegung ist die Erlösung die sogenannte „Singularität“, der Zeitpunkt, wo die intellektuelle Kapazität der Computer mit der der Menschheit gleichzieht und dann überschreitet. Ab diesem Zeitpunkt hat der Mensch nur eine Chance um zu überleben: sich mit dem Computer zu vereinigen, sein Bewusstsein in die Maschine zu transferieren und somit sowohl die Auflösung in der Menge als auch die Ewigkeit zu erlangen.

Auf dem Weg dahin wird es „Optimierungen“ geben, die zu einer neuen Zweiklassengesellschaft führen werden. Hier die aufgebesserte Elite, die über genetisch-biotechnische Modifikationen eine erhöhte Leistungsfähigkeit und eine verlängertes Leben sich erkaufen kann, dort der Rest. Eine, wie Manfred Spieker sagt „prometheische Anmaßung, die zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft führt, in der den Produzierenden die Produzierten gegenüberstehen“.

Ich bin skeptisch, ob diese Visionen je Realität werden: oft ist nichts so überholt wie die Zukunftsvisionen von gestern. Wichtig an der Sache ist, dass viele einflussreiche Personen und Organisationen daran glauben und mit viel Kraft darauf hinarbeiten.

4. Selektion als Zwischenschritt zur Durch-Ökonomisierung und Optimierung des Menschen

Die Argumentation, man will nur Krankheiten heilen oder Störungen beseitigen, ist also nur ein zwischenzeitliches Zweckargument. In Wahrheit geht es um die Optimierung. Ritalin, eingeführt als Medikament und um den einzelnen „Zappelphilipp“ zu behandeln, wird inzwischen von jedem 12. U.S.-amerikanischen Kind eingenommen. Vorgeburtliche Diagnostik wird für das „social sexing“ verwendet. Wofür die Genchirurgie (CRISPR/Cas9) eingesetzt wird, können wir bereits heute ahnen.

Die heutige Technologien der vorgeburtlichen Diagnostik – mit Ausnahme einiger Verfahren der klassischen Pränataldiagnostik –, dienen nicht der Identifizierung und somit der Behandlung krankhafter Störungen, sondern der Identifikation angeblich minderwertiger Menschen, die dann vor der Geburt vernichtet werden sollen. Ob Präimplanatationsdiagnostik (PID), nicht-invasive Pränataldiagnostik (NIPD) oder sonstige Methoden, alle diese Techniken dienen ausschließlich der Selektion. Grenzziehungen erweisen sich hierbei als illusorisch. Standards werden nicht eingehalten, Indikationen stetig erweitert, wie wir neulich in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt nachweisen konnten. Während sich der Ethikrat uneinig ist und bisweilen zu hören ist, dass „die Würde des Menschen ein nutzloses Konzept“ sei, profilieren sich Wissenschaftler und Unternehmen über Eingriffe in die menschliche Keimbahn, ohne Folgen und Risiken für die zukünftigen Generationen der Menschheit abschätzen oder verantworten zu können. Selbst bei profilierten Befürwortern der modernen Genetik wie Markus Hengstschläger, Professor für Genetik an der Universität Wien und Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, löst diese Vorgehensweise inzwischen großes Unbehagen aus.

In Wahrheit geht es um also um den alten Traum einer „Vervollkommnung“ der menschlichen Gattung, was weit über den Heilungsauftrag der Medizin hinausgeht. Die transhumanistischen Träume von einer Mensch-Maschine-Verschmelzung sind bereits weit fortgeschritten. Mit geradezu religiösem Eifer wird ein neues Menschenbild vorangetrieben, welches aber zu einer alten Mehrklassengesellschaft mit neuen, medizinisch geschaffenen Eliten führen soll. Ziel der neuen Verfahren ist einzig die Perfektion der Selektion, wie an der nahezu vollständigen vorgeburtlichen Beseitigung von Down-Syndrom-Kindern zum Beispiel in Dänemark zu erkennen ist.

Der Mensch ist aber mehr als eine Ansammlung von Genen und Algorithmen. Angewiesensein auf Mitmenschen ist eine Grunddimension des Lebens, kein Mangel. Unsere Bestimmung als Mitmenschen ist es, dem Leben zu dienen, Nöte zu lindern und Krankheiten zu heilen. Politik und Gesellschaft sind aufgerufen, der Ausweitung der „neuen Eugenik“ zu wehren, solange es noch möglich ist.

Prof. Dr. Paul Cullen wendet sich beim Marsch für das Leben 2015 gegen aktive Sterbehilfe










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