11 April 2017, 10:00
Warum man eine andere Kirche will – und warum das nicht funktioniert
 
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Ist das Projekt „Wo Glaube Raum gewinnt“ eine neue Theologie? Oder eine alte Ideologie? Gastkommentar von Pfarrer Michael Theuerl

Teltow (kath.net) Im Herbst 2015 lädt das Erzbistum Berlin „Ehren- und Hauptamtliche“ zu einem Bibelseminar ein, in dem man lernen soll, was das II. Vatikanische Konzil und die Bibel lehren: „Kirche als gleichrangige, von Gott berufene Mitglieder des einen Gottesvolkes auf dem Weg“.

Im Frühjahr 2016 schreibt uns unser Erzbischof: „Heute erreicht Sie die Ausschreibung für ein Modellprojekt des Erzbistums, dem die geistliche Überzeugung zu Grunde liegt, dass Gott jeder Pfarrei bereits alle Gaben gegeben hat, die sie für eine zeit- und raumgemäße Verkündigung in ihrem jeweiligen Gebiet nötig hat.“

Die „Stabsstelle“ für die Umgestaltung der Pastoral verkündet bei allen Auftritten, dass es bei den zu gründenden Großpfarreien und auf dem Weg dorthin in den Pastoralausschüssen einen Leiter / Moderator gibt und alle anderen in den Gremien – bestehend aus wenigen Priestern und vielen Laien – jeder eine gleichberechtigte Stimme hat: Eine klare Absage an Hierarchie.

In einer Auseinandersetzung zwischen einem verantwortlichen Pastoralreferenten der „Stabsstelle“ und einem aus unserer Kolpingfamilie wird uns gesagt: „Es kann ja sein, dass in Teltow später noch ein Pfarrer sitzt – aber es ist nicht gesagt, dass der dann auch am Sonntag dort die Messe hält; er hat schließlich noch andere Aufgaben. Und wenn ein Wortgottesdienst gehalten wird, ist das genauso viel wert.“

Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Man muss nicht viel von Theologie verstehen, um zu sehen, dass hier etwas nicht stimmt: Allen Irrtümern liegt eine Idee, eine Ideologie, zugrunde, nämlich dass in der Kirche alle gleich sind und folglich auch alle das gleiche zu sagen haben – eine Leugnung des wesentlichen Unterschiedes zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen und dem Weihepriestertum, eine Leugnung der sakramental-hierarchischen Grundverfassung der Kirche, die wir eine apostolische nennen. Diese Ideologie durchzieht das ganze Projekt „Wo Glaube Raum gewinnt“. Es ist eine alte Ideologie, die Kirche an ein weltliches System anpassen zu wollen, z. Zt. Demokratie – zuletzt gefordert vom sog. „Kirchenvolksbegehren“, „Kirche von unten“, BdKJ, ZdK u.a. („mitbestimmen“ lautete das vom Diözesanrat herausgegebene Motto für die letzten Pfarrgemeinderatswahlen). Jahrelang sahen sich die deutschen Bischöfe zu einem vom ZdK geforderten „Dialogprozess“ gezwungen, bei dem es keineswegs nur um ein neues Miteinander zwischen Klerikern und Laien ging, sondern um handfeste Forderungen, Glaubensinhalte einer demokratischen Mehrheitsmeinung zu unterwerfen (z. B. Anerkennung von homosexuellen Verbindungen, Kommunionzulassung für evangelische Christen, demokratische Leitungsstrukturen …). Positive Worte wie „Wertschätzung“, „auf Augenhöhe“, „ohne Denkverbote“, „angstfrei“, „ergebnisoffen“ werden benutzt, um vorgegebene Glaubensinhalte zu diskreditieren und Demokratisierung zu fordern.

„Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen aus seinen Grundsätzen; sind die Grundsätze falsch, werden die Taten nicht richtig sein“, so sagt der sel. Bernhard Lichtenberg. Hier handelt es sich um falsche Grundsätze, falsche Fundamente, die keine tragfähige Grundlage für eine Pastoral sein können, weil sie dem Wesen der Kirche widersprechen, und die deshalb auch alles Kommende, noch so gut Gemeinte zum Einsturz bringen werden.

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Priestermangel bei uns als Grund für Umgestaltung?

In der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz lesen wir, dass im Jahre 1990 auf einen aktiven Priester 316 aktive Gläubige kamen – im Jahr 2014 nur noch 181. Die Tendenz setzt sich fort: im Verhältnis haben wir immer mehr Priester auf immer weniger Gläubige. In anderen Ländern kommen dreimal, viermal und mehr Gläubige auf einen Priester bei wesentlich mehr Taufen, Trauungen, Beichten, Krankensalbungen als bei uns. Es dürfte bei der Intelligenz der Deutschen eigentlich rein zahlenmäßig und logistisch kein Problem sein, wenn ein Bischof im Überblick über seine Diözese die Punkte und Abstände der Gottesdienstorte so organisiert, dass alle die Möglichkeit haben, am Sonntag die Hl. Messe mitzufeiern oder dorthin gebracht zu werden. Wir sind ja nicht im weiten Sibirien.

Wir haben zurzeit 30 Seminaristen in unserem Erzbistum Berlin – die Zahl ließe sich ohne Probleme erhöhen 1. durch Seminaristen aus aller Welt (Neokatechumenat) in unserem diözesanen Priesterseminar Redemptoris Mater, in dem der hiesige Ortsbischof die Leitung hat, und 2. durch mehr Priester in den ausländischen Gemeinden, die problemlos auch deutsche Pfarreien mit übernehmen können (ca. 25 % aller Katholiken in unserem Erzbistum sind „fremdsprachlich“ – diese wachsen auch in puncto Berufungen). Die deutschen Katholiken nehmen kontinuierlich ab (auch aufgrund der Alterspyramide, was wir hier nicht so merken, weil wir Zuzugsgebiet sind).

Dass der angebliche Priestermangel nur ein vorgeschobener Grund für die geplanten Veränderungen ist, sieht man auch daran, dass auch die Pfarreien aufgelöst werden, wo ein Priester vorhanden ist (z. B. auf dem riesigen Territorium der Insel Rügen ist der Pfarrer nur noch „Pfarrvikar“ und darf nicht einmal Mitglied im Kirchenvorstand sein).

Oder warum ist in unserem großen Gebiet in Blankenfelde bei 3000 Katholiken kein Pfarrbüro vorgesehen? Das kann man wirklich nicht mit Priestermangel begründen – im Gegenteil, gerade wenn weniger Priester wären, dann müsste doch erst recht vor Ort ein arbeitsfähiges Büro sein, das dem Pfarrer am Hauptort zuarbeitet.

Hier wird gegen den Grundsatz der Subsidiarität verstoßen (nach dem man alles vor Ort tun soll, was dort getan werden kann). Die nächsthöhere Ebene soll nur dann helfend und unterstützend sich beteiligen, wenn etwas aus eigener Kraft nicht zu schaffen ist. Ein Zentralismus führt immer zur Entpersönlichung an anderen Orten und funktioniert meist auch nicht, wie wir aus dem Kommunismus wissen.

Das Argument, man müsse jetzt schon vorsorgen, Orte, Gottesdienste, Aktivitäten reduzieren im Hinblick auf spätere Zeiten (wer kann die Zukunft vorhersehen?), ist ungefähr so, wie wenn man sagen würde, weil eine Sache sowieso bald kaputt gehen wird, machen wir lieber gleich schon Schluss damit, dann können wir für später besser planen.

Seit der Einführung des Pastoralplanes „Wo Glaube Raum gewinnt“ kann man eine Dezimierung und Marginalisierung der Priester beobachten: Priester werden unter Druck gesetzt, ihre Pfarrei aufzugeben; manche flüchten freiwillig in die vorzeitige Pensionierung, um sich nicht in das neue System zwingen zu lassen, einige Priester haben die Flucht ins Ausland angetreten, andere in Sonderaufgaben außerhalb des Bistums. Nicht wenige Priester, die um Inkardinierung in Berlin gebeten haben, wurden abgewiesen. Ebenso Berliner Seminaristen, die in Heiligenkreuz studiert haben und nun in anderen Diözesen Priester sein müssen. Andere Priester wurden zwangsweise in Pension geschickt (u.a. mit 45 Jahren. Nirgendwo liegt irgendein Straftatbestand vor).

Viele Priester sind verängstigt, einige sind bereits krank geworden oder fürchten um ihre Gesundheit angesichts des entstandenen Stresses durch die verordneten Maßnahmen, die sie innerlich nicht mittragen können.

Zwei Priester einer in unserem Bistum tätigen Ordensgemeinschaft haben viele Berufungen, schlagen dem Bischof vor, dass noch mehr Priester von ihnen kommen könnten, und auch Schwestern – sie sind bereit, irgendwo einen ganzen pastoralen Raum zu übernehmen (das wird abgelehnt); aber sie werden an eine so kleine Stelle gesetzt, wo schon jahrelang kein Priester mehr ist und die Nachbarpriester alles gut mit versorgt haben.

Zusammenfassend werden wir sagen müssen, dass es keinen Priestermangel bei uns gibt, dass man sich aber mit allen Kräften darum bemüht, einen Priestermangel herbeizuführen.

Im Allgemeinen liegt bei den Priestern eine große Lethargie vor – viele zählen die Jahre bis zur Rente, um dem kommenden Zwangssystem zu entgehen.

Exemplarisch gibt der Fall des Priesters Martin Arndt die Situation wieder – nach siebenseitiger Feststellung der Kleruskongregation, dass dieser Priester rechtmäßig in Berlin inkardiniert ist, klagt der Erzbischof bei der Apostolischen Signatur gegen die Kleruskongregation und bemüht sich schon über ein Jahr, diesen Priester loszuwerden (obwohl kein anderer Bischof Anspruch auf diesen Priester erhebt). Auch hier liegt kein Straftatbestand vor. Was für ein fatales Signal an die Priester im Erzbistum ?!

Was passiert vordergründig und hintergründig – beim „pastoralen Prozess“?

Vordergründig haben die Leute in den Pfarreien den Eindruck, sie werden ernst genommen und gefragt. Es wird ihnen gesagt: das, was ihr jetzt macht, ist ein geistlicher Prozess. Nach einigen Jahren sind sie der Sitzungen müde, und viele haben die Befürchtung, dass ihre Ausarbeitungen gar nicht gelesen werden.

Hintergründig hat man erreicht, die Priester in die Gremien „einzubinden“ – was sie als Pastores der Pastoral denken und sagen wollen, können sie ja mit in das Votum der Gremien einfließen lassen. Weder Kardinal Woelki noch Erzbischof Koch haben die Dekanatspriesterkonvente besucht, um mit dem Presbyterium vor Ort über die Pastoral zu sprechen. Offensichtlich liegt hier ein anderes Kirchenbild zugrunde.

Hintergründig schafft man mit der Errichtung von unübersichtlichen XXL-Pfarreien zunächst einmal ein Chaos, eine gewisse Anarchie (wie sollte es auch möglich sein, Pastorale Räume zu gestalten oder zu leiten, wo über 40 Leute mitreden und entscheiden dürfen?!, wie das schon praktiziert wird). In dieses Chaos kann man dann neu ordnend eingreifen, die Karten neu mischen nach Kriterien, die nicht ganz durchschaubar sind, weil man ja den Leuten auch sagen kann: so etwas Großes gab es noch nie, da muss man auch ganz anders an die Sache dran gehen! Ein ideales Feld für Manipulation!

Aus der Sicht der Ideologen, die eine andere Kirche als die katholische wollen, könnten sich mit dem System „Wo Glaube Raum gewinnt“ zwei große Erfolge einstellen und man hätte sogar das Kirchenrecht ausgetrickst:

1. was jetzt der Dekan ist, wird dann vielleicht in der Großpfarrei der Pfarrer (nur ein Priester darf nach Kirchenrecht eine Pfarrei leiten). Alle bisherigen Pfarreien sind dann keine mehr; ein Laie kann dort wohnen und alles organisieren – so käme man praktisch zu der geforderten Gemeindeleitung durch Laien.

2. Der Großraumpfarrer wird sowieso keine Seelsorge mehr machen können – die fünf Büros, die bei ihm in der Zentralstelle angesiedelt werden, die vielen Sitzungen und Gremien lassen logischerweise keine Zeit und Kraft. Und sollte doch noch etwas Zeit bleiben, wird er unentwegt auf Schulungen geschickt werden.

Zusammenfassend könnte man sagen: man will die Priester nicht gänzlich abschaffen, aber sie sollen nichts mehr zu sagen haben.

Nach katholischer Auffassung hat aber der Priester immer das dreifache Amt: Lehramt, Priesteramt, Hirtenamt. Dieses hat er in der Priesterweihe von Christus unwiderruflich bekommen, und er hat es auch dann, wenn ihn der Bischof nicht zum Pfarrer macht, d. h. er kann nicht mit Laien unter dem Oberbegriff „pastorales Personal“ zusammengefasst werden, konkret: seine Stimme ist niemals gleichbedeutend mit der eines Gemeindereferenten oder Pastoralreferenten. Offensichtlich hat aber „Wo Glaube Raum gewinnt“ nicht diese katholische Auffassung, sondern ist Ideologie.
Eine Beobachtung aus der Zeit der Christenverfolgung in der Sowjetunion ist sehr interessant: die für den Kirchenkampf Verantwortlichen hatten das Wesen der Kirche genau studiert, um sie leichter zerstören zu können. Ihr Rezept: Trennung des geistlichen Amtes von der Gemeindeleitung. 1929 wurde ein Gesetz eingeführt: jede Pfarrei muss ein Leitungsgremium, die sogenannte „Zwanzig“ bilden. Am 18. Juli 1961 mussten dann die Bischöfe beschließen, dass die Kleriker der jeweiligen Kirche keine Mitglieder mehr in diesem Leitungsgremium sein dürfen. Das Herausdrängen der Kleriker aus der Leitung der Gemeinden war eines der Mittel zur aktiven Unterdrückung der Kirche. Zum einen erhofften sich die Feinde der Kirche, leichter mit beiden Gruppen fertig zu werden, wenn Kleriker und Laien getrennt sind. Und zum anderen haben sie richtig verstanden, dass wenn man das Religiöse, das Sakramentale, das Übernatürliche aus den Gemeinden herausnehmen kann, dass dann nur ein weltlicher Verein übrig bleibt; und kein weltlicher Verein hat für lange Zeit Bestand.

Finanzen und Gebäudemanagement – ein Grund für pastorale Veränderungen?

Die beabsichtigte Verwirrung, um einen neuen Pastoralplan (= eine andere Kirche) durchzusetzen, besteht auch darin, alles kompliziert zu machen und in einen Topf zu werfen: „ja, es ist ja nicht nur der Priestermangel, auch die Verwaltung der vielen Grundstücke und Gebäude wird immer schwieriger und auch die Finanzverwaltung!“ (wieso eigentlich?). Man muss die Dinge entzerren und einzeln betrachten. Dass „Priestermangel“ kein Grund für Veränderungen ist, haben wir schon aufgezeigt. Wieso sollten Dienstleistungen (Finanzen, Gebäudemanagement) einen solch starken Einfluss auf Inhalte der Pastoral haben?

Ob ich im privaten Bereich viel oder wenig Geld habe, davon hängt ab, wieweit ich reisen kann, welche Automarke ich kaufe, wieviel oder wenig Luxus ich mir leiste – aber niemals können solche sekundären Dinge (Hilfsmittel) mein Leben selbst bestimmen.

Genauso stehen Finanzen und Gebäudemanagement nicht auf derselben Ebene wie Glaube oder Theologie oder könnten sogar über diese bestimmen. Es handelt sich um untergeordnete, sekundäre Hilfsmittel, die man nicht auf die Ebene der Pastoral stellen kann, wie das hier fälschlich geschieht.

Wenn eine Pfarrei viele Grundstücke oder Mietwohnungen hat, dann stellt man – wie bisher – einen Verwalter an, der dem Pfarrer und Kirchenvorstand unter-stellt ist, und wenn die Finanzen zu kompliziert werden, kann man einen (sogar externen) Finanzdienstleister beauftragen, ohne Kompetenzen und Unterschriftsvollmacht aus der Hand zu geben – wie das bei „Wo Glaube Raum gewinnt“ gefordert ist. Es macht keinen Sinn, solche rein verwaltungstechnischen Dienste und Abläufe zu ständigen Mitgliedern in Gremien, wo es um Pastoral geht, zu bestimmen. Das wäre, wie wenn Chefärzte zu ihrer Dienstbesprechung auch das Küchenpersonal und die Putzkräfte „auf Augenhöhe“ am „Runden Tisch“ begrüßen würden. Dass Verwaltungsleiter zukünftig nicht beim Kirchenvorstand, sondern beim Ordinariat angestellt sein sollen und Unterschriftsvollmacht über Pfarreikonten haben, wirft große rechtliche Bedenken auf und ist m. E. nicht akzeptabel.

Nach dem Kirchenrecht ist ein Pfarrer als Leiter der Pfarrei immer zuständig in spiritualibus et temporalibus (in geistlichen Angelegenheiten und zeitlichen, weltlichen Belangen / Verwaltung etc.). Er muss nicht alles selber machen, kann delegieren – aber er ist immer auch der Verwaltungsleiter. Mit dem neuen Pastoralmodell verstößt man eindeutig gegen das Kirchenrecht, indem man ihm die Zuständigkeit in temporalibus entziehen will. Sehr gern kann es einen Verwaltungsleiter geben, aber nur in Abhängigkeit, in Anstellung und unter Aufsicht von Pfarrer und Kirchenvorstand. Warum erfindet man überhaupt neue Posten, wie z. B. Verwaltungsleiter; warum können die anfallenden Aufgaben nicht wie bisher von dem mit der Pfarrei vertrauten Personal (Sekretärin, Rendantin und anderen) erledigt werden?

Was die Finanzen betrifft, so wurde ein Institut D4 beauftragt, die „Wirtschaftlichkeit“ aller Pfarreien zu prüfen. Die Pfarreien sollen hohe Rücklagen bilden und überlegen, wie man noch zu Geld kommen kann. Wir wissen aber, dass dieser Aspekt nur einer im Leben einer Pfarrei ist - und nicht der wichtigste.

Man sollte sich auch nicht Angst machen lassen, sondern den „Schwarzen Peter“ zurückgeben. Wenn unsere Pfarrei Teltow mit vielen wohlhabenden Gläubigen alle Kirchensteuern dieser Leute bekäme, könnten wir sicher das ganze Dekanat finanzieren. Tatsächlich wird uns bei 5500 Gläubigen nicht einmal ein Hausmeister und eine Sekretärin genehmigt (alles wird nur aus freiwilligen Spenden bestritten).

Im Jahre 2016 hat das Erzbistum Berlin weniger als 25 % der Gelder für allgemeine Seelsorge, das Leben in den Pfarreien, zur Verfügung gestellt.

Es handelt sich um ein Problem, das man an höherer Stelle lösen muss.

Zusammenfassend wird man sagen müssen, dass weder der sogenannte Priestermangel, noch Finanzfragen oder Probleme mit Gebäudeverwaltung etc. ein Grund für die angestrebten Veränderung sein können.

Woher kommt diese Ideologie, die sich als Theologie ausgibt?

Man ist geneigt, manches im sog. Umgestaltungsprozess einfach nur als unüberlegte Dummheit abzutun, etwa wenn Kardinal Marx sagt, wir machen Pfarrverbände, die von einem Team von Priestern und Laien geleitet werden: „Im Team ist keiner, der Chef ist.“ Abgesehen davon, dass der Kardinal wissen müsste, dass seine Aussage häretisch ist (eine Pfarrei kann nicht von einem Team geleitet werden, sondern immer nur von einem Priester), wird hier logischerweise ein Chaos, eine Anarchie produziert, wenn keiner Chef ist.

Das aber genau ist beabsichtigt. In der Ideologie des Marxismus-Leninismus heißt es: wenn man Veränderung will, dann muss man zunächst Chaos und Anarchie verbreiten, „eine revolutionäre Situation herbeiführen“, in der die herrschende Klasse nicht mehr so weiter regieren kann wie bisher und die Unterdrückten nicht mehr so weitermachen wollen wie bisher. Nur dann kann man einen Umsturz erreichen und die Machtverhältnisse ändern, die Karten neu mischen. Die Oktoberrevolution 1917 (wozu die Deutschen den Unruhestifter Lenin nach Russland eingeschleust hatten) zeigt, dass die Rechnung aufging. Der Diabolos (der, der alles durcheinanderbringt) ist letztlich immer der Verursacher der Anarchie, des Chaos, der den von Gott geschaffenen Kosmos zerstören will.

Ebenfalls aus der Ideologie des Marxismus-Leninismus hat man bei den sog. Pastoralen Umgestaltungsprozessen die These übernommen, dass alle Menschen gleich sind, die absichtliche Verwischung des Unterschieds zwischen Weihepriestertum und allgemeinem Priestertum. Alle können mitreden, wird suggeriert – die Priester können ja ihre Meinung mit einfließen lassen in die Voten der Gremien der Pfarrei.

Und wieder ist es Marxismus-Leninismus, dass dann plötzlich doch nicht alle gleich sind, sondern „einige sind gleicher“, wie George Orwell in „Farm der Tiere“ darstellt. Man reagiert plötzlich diktatorisch. Das kann man auch im Bistum Berlin beobachten: ,wenn eure Pfarrei bis Sommer nicht das vorformulierte Formular B abschickt, in dem ihr jetzt „beschließt“, dass eure Pfarrei in drei Jahren aufgelöst wird, dann wird der Bischof „entscheiden“!‘

Mehrere Priester unseres Bistums wurden hart gemaßregelt, als sie ihre Vorschläge einbrachten.

Der Marxismus-Leninismus hat keine wirklichen Argumente, weil er nicht auf der Wahrheit basiert, sondern auf der Lüge – auch das Projekt „Wo Glaube Raum gewinnt“ hat nur Pseudo-Argumente, wie wir gesehen haben. Bei mehreren „Dialoggesprächen“, zu denen ich ins Ordinariat einbestellt wurde – und anderen Mitbrüdern ging es ebenso – war ich verblüfft, ich hatte mit inhaltlichen Auseinandersetzungen und Argumenten gerechnet, aber es kam nichts (s. Google - Michael Theuerl). Weil es keine sachlichen Argumente gibt, versucht man immer auf die persönliche – emotionale Schiene auszuweichen, sei es, um einem ein schlechtes Gewissen einzureden (man sei illoyal mit seinen Thesen und deren Verbreitung, könnte entlassen werden, wenn man nicht Priester wäre …) oder schwärmt unrealistisch von einer schönen Gemeinschaft, die wir gemeinsam aufbauen müssten (Bei meinen „Dialoggesprächen“ fühlte ich mich sehr erinnert an meine Auseinandersetzung im kommunistischen System, an die Methode – und manchmal war alles bis in die wörtlichen Formulierungen gleich). Eine Ideologie hat keine Argumente, versucht deshalb auf emotionale Bereiche auszuweichen – aber weil sie nicht auf der Wahrheit basiert, hat sie kein Fundament und keine Zukunft.

Gerade weil Ideologie nicht auf Wahrheit beruht, und auf Dauer auch nicht funktioniert, braucht man eine gewaltige Propagandamaschinerie, alles wird werbewirksam mit Hochglanzbroschüren verkauft; es stimmt nicht, zeigt aber doch mit der Zeit durch die vielen Wiederholungen seine Wirkung. Wenn man sich einmal die Mühe macht und die Orte und Personen aufsucht, die bereits im Prozess „Wo Glaube Raum gewinnt“ stehen, dann sieht man die reale Realität, die wirkliche Wirklichkeit – wie z. B. Kardinal Lehmann, der nach jahrelanger Erfahrung feststellt, dass XXL-Gemeinden keine Lösung sind.

Wir im Osten haben uns in der DDR-Zeit oft gewundert, mit welcher Begeisterung Leute aus dem Westen bei uns Literatur über Marxismus-Leninismus gekauft haben. Auf unser Unverständnis wurde uns oft gesagt: nein, bei euch ist ja gar nicht der richtige Marxismus-Leninismus, das ist nur fehlgeleitet; aber im Grunde ist das etwas Gutes. So haben sich ganze Generationen verblenden lassen und mit dieser Ideologie den „Marsch durch die Institutionen“ angetreten; heute sitzen sie u.a. in den Kath. Akademien, auf Professorenstühlen an staatlichen Universitäten und auf höheren Posten. Wenn man sich einmal mit Seminaristen unterhält, was dort gelehrt wird, dann wundert man sich nicht über die Krise der Kirche in Deutschland. Mit dieser Ideologie hat man die Kirche in vielen Teilen des Westens in den Ruin getrieben (besonders schrecklich in Holland und in der Schweiz). Vieles ist nur noch äußerlich als Massenorganisation stehengeblieben mit dem verzweifelten Bemühen um Anpassung an den Zeitgeist und gesellschaftliche Akzeptanz – innerlich längst entkernt. Nicht wenige Zeitgenossen registrieren aufmerksam, dass der Marxismus-Leninismus im Osten besiegt werden konnte, dass aber der Westen offen-sichtlich nicht genügend geistliche Abwehrkräfte hat und hier diese Ideologie fröhliche Urständ feiert (Gender-Ideologie, Forderung nach flächendeckender Abtreibung als Menschenrecht, „Homo-Ehe“, Zerstörung der Familien, Propagierung freier Sexualität … vieles ist direkt von Lenin übernommen worden). Irgendwo las ich einmal: Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verdammt, es noch einmal zu erleben.

Vor langer Zeit las ich von einer Bischofsversammlung mit Papst Johannes Paul in Rom. Es gab Probleme mit der Beleuchtung; sie ging immer an und aus und flackerte. Bischof Marx von Trier kam verspätet in die Synodenaula (in der Presse machte man damals Scherze, dass auch Karl Marx aus Trier sei) und auch Johannes Paul scherzte laut: wenn Marx kommt, geht alles kaputt, geht das Licht aus. Der Papst aus Polen wusste aus eigenem Erleben, wie es im Marxismus zugeht, kannte die Ideologie. Es bleibt ein bisschen unklar, was er sagen wollte. Vielleicht prophetische Worte eines Heiligen?

Teltow, 04. April 2017 Pfarrer Michael Theuerl

Michael Theuerl ist Pfarrer der Gemeinde Sanctissima Eucharistia in Teltow. Er ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen, war Sekretär der Kardinäle Meisner und Sterzinsky im geteilten Bistum Berlin, als Missionar im postsowjetischen Russland und als Gemeindepfarrer im Berliner Speckgürtel.

Symbolfoto: Jemand verlässt ein Kirchengebäude










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