10 April 2017, 13:00
Benedikt XVI. – die Kunst und die Schönheit und das Geheimnis Gottes
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: via veritatis – via pulchritudinis. Der Pfeil der Schönheit, der in den Menschen eindringt. Die Kunst ‚spricht’ immer von der unendlichen Schönheit Gottes. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Benedikt XVI., die Kunst und die Bedeutung der Schönheit – ein schier unerschöpfliches Thema im Denken und Fühlen Josef Ratzingers, das ebenso eine konstante Präsenz im Lehramt des Papstes einnahm. Immer wieder schmückten den Pontifikat besondere Perlen, die die Welt der Kunst dem Heiligen Vater schenkte, damit sie auf diese Weise zum Wohl und zur Erbauung aller Gläubigen gereichen konnten. Die Welt der Kunst hatte schnell begriffen, welche besondere und ihr nahestehende Gestalt auf dem Stuhl Petri saß. Immer wieder wurden so dem Papst Konzerte geschenkt, an denen er nicht in einem fürstlichen Stil teilnahm, sondern als Gleichgesinnter unter Gleichgesinnten. Musik – jenseits allen Spektakels, jenseits aller Oberflächlichkeit, ein Eintauchen in kristalline, zu Gott erhebende Schönheit, was Benedikt XVI. dann auch in eindringlichen Betrachtungen bei den Dankesworten nach den Vorstellungen vertiefte.

Für Benedikt XVI. ist die Schönheit, wie er dies einmal ausdrückte, eine höhere Form der Erkenntnis, da sie den Menschen mit der vollen Größe der Wahrheit einnimmt. „Die wahre Erkenntnis besteht darin“, so Kardinal Ratzinger bereits im Jahr 2002, „vom Pfeil der Schönheit getroffen zu werden, der den Menschen verletzt“. Was vor allem heißt: durch die Schönheit Christi getroffen und erobert zu werden, die „wirklichere und tiefere Erkenntnis ist als ein rein rationales Ableiten“.

Vom Beginn seines Pontifikats an wollte Benedikt XVI. die Menschen spüren und erkennen lassen, dass Schönheit und Kunst ein privilegierter Weg hinein in das Geheimnis Christi sind. Aus diesem Grund wollte der Papst auch, dass das Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche den Gläubigen mit Bildern bei der Hand nimmt, um die Wahrheit des christlichen Glaubens in seinem Wesen eindringen zu lassen. So erklärte der Papst in seiner Ansprache bei der Vorstellung des Kompendiums am 28. Juni 2005:

„Bild und Wort erhellen sich gegenseitig. Die Kunst ‚spricht’ immer, zumindest implizit, vom Göttlichen, von der unendlichen Schönheit Gottes, die sich in der Ikone schlechthin widerspiegelt: im Herrn Christus, dem Bild des unsichtbaren Gottes. Sakrale Bilder sind in ihrer Schönheit auch Verkündigung des Evangeliums und Ausdruck des Glanzes der katholischen Wahrheit; sie weisen die höchste Harmonie zwischen dem Guten und dem Schönen, zwischen der via veritatis [Weg der Wahrheit] und der via pulchritudinis [Weg der Schönheit] auf. Während sie von der jahrhundertealten fruchtbaren Tradition christlicher Kunst zeugen, leiten sie alle, Glaubende und Nichtglaubende, zum Entdecken und Betrachten des unerschöpflichen Zaubers des Erlösungsmysteriums an und geben dem lebendigen Prozess der Inkulturation dieses Geheimnisses in die jeweilige Zeit immer neue Impulse“.

Einen besonderen Stellenwert nimmt für Benedikt XVI. die Bedeutung von „Schönheit in der Liturgie“ ein – eine Notwendigkeit für die wahre Feier der göttlichen Geheimnisse. So schrieb der Papst in seinem nachsynodalen Schreiben „Sacramentum caritatis“ vom 22. Februar 2007:

„Die Liturgie hat nämlich, wie übrigens auch die christliche Offenbarung, eine innere Verbindung zur Schönheit: Sie ist veritatis splendor. In der Liturgie leuchtet das Pascha-Mysterium auf, durch das Christus selbst uns zu sich hinzieht und uns zur Gemeinschaft ruft. In Jesus betrachten wir – wie der hl. Bonaventura zu sagen pflegte – die Schönheit und den Glanz des Ursprungs. Dieses Merkmal, auf das wir uns berufen, ist nicht nur bloßer Ästhetizismus, sondern eine Art und Weise, wie die Wahrheit der Liebe Gottes in Christus uns erreicht, uns fasziniert, uns begeistert und so bewirkt, dass wir aus uns herausgehen und zu unserer wahren Berufung hingezogen werden: zur Liebe.

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Die Schönheit ist demnach nicht ein dekorativer Faktor der liturgischen Handlung; sie ist vielmehr ein für sie konstitutives Element, insofern sie eine Eigenschaft Gottes selbst und seiner Offenbarung ist“ (35).

Ein besonderes Ereignis war dann die Begegnung mit der Welt der Kunst in der Sixtinischen Kapelle am 21. November 2009. In seiner denkwürdigen und in jedem Absatz genau zu lesenden Ansprache setzte sich Benedikt XVI. intensiv mit der Beziehung von „Kirche und Kunst“ und der Bedeutung der Kunst für die Erfahrung des Glaubens auseinander. Die Schönheit, so der Papst, „sowohl die des Kosmos und der Natur als auch die durch Kunstwerke zum Ausdruck gebrachte, kann ein Weg zum Transzendenten werden, zum letzten Geheimnis, zu Gott, weil sie die Horizonte des menschlichen Bewusstseins öffnet und weitet, es auf diese Weise über sich selbst hinaus verweist und es mit dem Abgrund der Ewigkeit konfrontiert“.

„Eine wesentliche Aufgabe der wahren Schönheit“, so der Papst erneut, „besteht darin, wie Platon betont, dass sie im Menschen eine heilsame Erschütterung bewirkt, ihn aus sich selbst herausholt, ihn der Resignation und der Gewöhnung an das Alltägliche entreißt – sie lässt ihn sogar leiden, durchbohrt ihn wie ein Pfeil und ‚weckt ihn auf’, indem sie ihm die Augen des Herzens und des Geistes neu öffnet, ihm Flügel verleiht und ihn emporzieht“.

Benedikt XVI. zitierte den Schriftsteller Fjodor Dostojewski: „Die Menschheit kann ohne Wissenschaft leben, sie kann ohne Brot leben, aber sie kann nicht ohne Schönheit leben, weil man dann nichts mehr für die Welt tun könnte. Hierin liegt das ganze Geheimnis, hierin liegt die ganze Geschichte“. Die Schönheit also „lässt uns nicht in Ruhe, aber dadurch erinnert sie uns an unsere letzte Bestimmung, sie führt uns zurück auf unseren Weg, erfüllt uns mit neuer Hoffnung, gibt uns den Mut, ganz und gar das Geschenk des Lebens zu leben“.


Ansprache von Papst Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Künstlern in der Sixtinischen Kapelle am21. November 2009:

Meine Herren Kardinäle,
ehrwürdige Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
verehrte Künstler,
sehr geehrte Damen und Herren!

Mit großer Freude empfange ich euch an diesem festlichen Ort, der so reich an Kunst und Geschichte ist. Ich grüße jeden von euch sehr herzlich und danke euch, daß ihr meiner Einladung gefolgt seid. Durch diese Begegnung möchte ich die Freundschaft der Kirche mit der Welt der Kunst ausdrücken und erneuern, eine Freundschaft, die durch die Zeiten hindurch immer enger geworden ist. Seit seinen Anfängen hat das Christentum den Wert der Kunst erkannt und klugen Gebrauch gemacht von den verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst, um die unveränderliche Botschaft der Erlösung zu übermitteln. Diese Freundschaft muß fortwährend gefördert und genährt werden, so daß sie authentisch und fruchtbringend ist, angepaßt an die verschiedenen historischen Epochen und aufmerksam gegenüber sozialen und kulturellen Verschiedenheiten. Das ist der Grund für unser heutiges Treffen. Ich bin Erzbischof Gianfranco Ravasi, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur und der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche, und seinen Mitarbeitern zutiefst dankbar, daß sie dieses Treffen ermöglicht und organisiert haben, und ich danke ihm für die freundlichen Worte. Ich grüße die Herren Kardinäle und Bischöfe, die Priester und die geschätzten Persönlichkeiten, die hier anwesend sind. Ich danke auch dem Päpstlichen Chor »Cappella Sistina« für seinen Beitrag zu diesem Treffen. Im Mittelpunkt dieser Begegnung steht ihr, verehrte und hochgeschätzte Künstler aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen, wobei einige von euch dem religiösen Leben eher fernstehen, aber dennoch interessiert sind, die Kommunikation mit der katholischen Kirche lebendig zu halten und die Horizonte der menschlichen Existenz nicht auf materielle Realitäten, nicht auf eine verengte und vereinfachende Sichtweise zu reduzieren. Ihr repräsentiert die mannigfaltige Welt der Kunst, und daher möchte ich durch euch allen Künstlern meine Einladung zu Freundschaft, Dialog und Zusammenarbeit aussprechen.

In diesen Tagen finden einige bedeutende Jahrestage statt. Zehn Jahre sind seit dem Brief meines verehrten Vorgängers, des Dieners Gottes Papst Johannes Paul II., an die Künstler vergangen. Erstmalig hat damals, unmittelbar vor Beginn des Heiligen Jahres 2000, der Papst, der selbst ein Künstler war, einen Brief an die Künstler geschrieben, der die Feierlichkeit eines päpstlichen Dokuments mit dem freundschaftlichen Ton eines Gespräches verband zwischen all jenen, die, wie wir in der Anrede lesen, »mit leidenschaftlicher Hingabe nach neuen ›Epiphanien‹ der Schönheit suchen«. Vor 25 Jahren hat derselbe Papst Fra Angelico zum Patron der Künstler erklärt als ein Vorbild der vollkommenen Harmonie zwischen Glauben und Kunst. Ich erinnere mich auch, wie sich am 7. Mai 1964, vor 45 Jahren, hier an diesem Ort ein historischer Moment ereignete, auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Paul VI., der die Freundschaft zwischen Kirche und Kunst bekräftigen wollte. Seine Worte bei dieser Gelegenheit erklingen heute erneut unter dem Gewölbe der Sixtinischen Kapelle und berühren unsere Herzen und Gedanken. »Wir brauchen euch«, sagte er damals. »Wir brauchen eure Mitarbeit, um unseren Dienst ausüben zu können, ein Dienst, der, wie ihr wißt, darin besteht, die geistlichen Dinge, das Unsichtbare, Unaussprechliche, die Dinge Gottes, zu verkünden, zugänglich und verstehbar zu machen für den Geist und die Herzen der Menschen. In dieser Tätigkeit … seid ihr Meister. Es ist eure Aufgabe, eure Mission, und eure Kunst besteht darin, Schätze aus dem himmlischen Bereich des Geistes zu ergreifen und sie in Worte, Farben, Formen zu kleiden, sie zugänglich zu machen« (Insegnamenti II, [1964], 313).

Paul VI. schätzte die Künstler so sehr, daß er gewagte Worte gebrauchte. »Wenn wir auf eure Hilfe verzichten müßten«, fuhr er fort, »würde unser Dienst ins Stocken geraten und unsicher werden, und es bräuchte eine besondere Anstrengung – um es so auszudrücken –, um ihn künstlerisch, ja sogar prophetisch zu machen. Um die Höhen der lyrischen Ausdruckskraft der intuitiven Schönheit zu erklimmen, muß das Priestertum mit der Kunst in Einklang gebracht werden« (ebd., 314). Bei dieser Gelegenheit ging Paul VI. die Verpflichtung ein, die »Freundschaft zwischen Kirche und Künstlern neu zu gründen«, und er lud die Künstler ein, ein ähnliches, gemeinsames Engagement einzugehen, die Gründe für die gestörte Beziehung ernsthaft und objektiv zu analysieren und persönlich die Verantwortung zu übernehmen, mutig und leidenschaftlich einen neuen und tieferen Weg des gemeinsamen Kennenlernens und Dialoges zu gehen, um eine authentische »Renaissance« der Kunst im Kontext eines neuen Humanismus zu erreichen.

Dieses historische Treffen hat, wie ich bereits erwähnt habe, hier in diesem Heiligtum des Glaubens und der menschlichen Kreativität stattgefunden. Es ist also kein Zufall, daß wir an diesem Ort zusammenkommen, der besonders kostbar ist dank seiner Architektur und seines Symbolgehalts, und natürlich dank seiner Fresken, die ihn einzigartig machen, angefangen bei den Meisterwerken von Perugino und Botticelli, Ghirlandaio und Cosimo Rosselli, Luca Signorelli und anderen, bis hin zu den Szenen der Schöpfungsgeschichte und dem Jüngsten Gericht des Michelangelo Buonarroti, der uns hier eine der außergewöhnlichsten Kreationen der gesamten Kunstgeschichte geschenkt hat.

Die universelle Sprache der Musik ist hier häufig erklungen, dank des Genies der großen Musiker, die ihre Kunst in den Dienst der Liturgie gestellt haben, um dem Geist bei seinem Aufstieg zu Gott zu helfen. Zugleich ist die Sixtinische Kapelle voller lebendiger Geschichte, denn es ist der feierliche und ernste Ort von Ereignissen, welche die Geschichte der Kirche und der Menschheit kennzeichnen. Wie ihr wißt, wählt das Kardinalskollegium hier den Papst. Hier habe ich selbst mit banger Sorge, aber auch mit vollem Vertrauen in den Herrn den unvergeßlichen Moment meiner Wahl zum Nachfolger des Apostels Petrus erlebt.

Liebe Freunde, lassen wir diese Fresken heute zu uns sprechen, und lassen wir uns durch sie dem letzten Ziel menschlicher Geschichte näherbringen. Das Jüngste Gericht, das hinter mir zu sehen ist, erinnert uns daran, daß die menschliche Geschichte Bewegung und Aufstieg ist, ein dauerndes Streben nach Erfüllung, nach menschlichem Glück, auf einen Horizont hin, der stets die Gegenwart übersteigt, auch wenn er sie durchdringt. Mit dramatischer Ausdruckskraft stellt uns dieses Fresko aber auch die Gefahr des endgültigen menschlichen Scheiterns vor Augen, eine Gefahr, die der Menschheit droht, wenn sie sich von den Mächten des Bösen verführen läßt. Das Fresko stößt einen lauten prophetischen Ruf aus gegen das Böse und gegen jede Form von Unrecht.

Für Gläubige ist der auferstandene Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für jene, die ihm gläubig nachfolgen, ist er die Tür, durch die wir zur Schau »von Angesicht zu Angesicht « angeregt werden, zur Schau Gottes, der das grenzenlose, volle und endgültige Glück entspringt. So bietet Michelangelo unserem Blick das Alpha und das Omega, den Anfang und das Ende der Geschichte, und er lädt uns ein, unseren Lebensweg mit Freude, Mut und Hoffnung zu gehen. Die dramatische Schönheit der Gemälde Michelangelos mit all ihren Farben und Formen wird zu einer Verkündigung der Hoffnung, einer machtvollen Einladung, unseren Blick zum letzten Horizont zu erheben.

Das tiefe Band zwischen Schönheit und Hoffnung war der entscheidende Inhalt der bewegenden Botschaft, die Papst Paul VI. am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, am 8. Dezember 1965, an die Künstler richtete: »Euch allen«, erklärte er feierlich, »verkündet die Kirche des Konzils durch unsere Stimme: wenn ihr Freunde echter Kunst seid, seid ihr auch unsere Freunde« (Enchiridion Vaticanum, 1, S. 305). Und er ergänzte: »Diese Welt, in der wir leben, braucht Schönheit, um nicht in Verzweiflung zu versinken. Die Schönheit, wie auch die Wahrheit, bringt dem menschlichen Herz Freude, und es ist diese kostbare Frucht, die dem Zahn der Zeit widersteht, die Generationen vereint und sie befähigt, in Bewunderung miteinander zu kommunizieren. Und all dies geschieht durch das Werk eurer Hände … Vergeßt nicht, daß ihr die Hüter des Schönen in der Welt seid« (ebd.).

Bedauerlicherweise ist unsere gegenwärtige Zeit nicht nur durch negative Phänomene auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet geprägt, sondern auch durch den Schwund der Hoffnung und durch ein Fehlen von Vertrauen in menschliche Beziehungen, wodurch die Zeichen von Resignation, Aggression und Verzweiflung zunehmen. Die Welt, in der wir leben, läuft Gefahr, bis zur Unkenntlichkeit entstellt zu werden, weil unkluge menschliche Handlungsweisen, anstatt die Schönheit zu pflegen, skrupellos ihre Ressourcen für das Wohl einiger weniger ausbeuten und dadurch nicht selten die Wunder der Natur entstellen.

Was kann uns wieder mit Begeisterung und Zuversicht erfüllen, was kann den menschlichen Geist ermutigen, seinen Weg zu finden, seine Augen zum Horizont zu erheben, von einem Leben, das seiner Berufung würdig ist, zu träumen – wenn nicht die Schönheit? Liebe Freunde, als Künstler wißt ihr nur allzu gut, daß die Erfahrung der Schönheit, einer Schönheit, die authentisch ist, nicht nur vergänglich und künstlich ist, nicht nur etwas Zusätzliches oder Zweitrangiges für unsere Suche nach Sinn und Glück. Die Erfahrung der Schönheit entfernt uns nicht von der Wirklichkeit, im Gegenteil, sie führt zu einer direkten Begegnung mit den täglichen Wirklichkeiten unseres Lebens. Sie befreit die Wirklichkeit von der Dunkelheit, verklärt sie und macht sie strahlend und schön.

Eine wesentliche Aufgabe der wahren Schönheit besteht darin, wie Platon betont, daß sie im Menschen eine heilsame Erschütterung bewirkt, ihn aus sich selbst herausholt, ihn der Resignation und der Gewöhnung an das Alltägliche entreißt – sie läßt ihn sogar leiden, durchbohrt ihn wie ein Pfeil und »weckt ihn auf«, indem sie ihm die Augen des Herzens und des Geistes neu öffnet, ihm Flügel verleiht und ihn emporzieht. Dostojewskis Worte, die ich jetzt zitieren möchte, sind gewagt und paradox, aber sie laden zum Nachdenken ein. Er sagt: »Die Menschheit kann ohne Wissenschaft leben, sie kann ohne Brot leben, aber sie kann nicht ohne Schönheit leben, weil man dann nichts mehr für die Welt tun könnte. Hierin liegt das ganze Geheimnis, hierin liegt die ganze Geschichte. «

Der Maler Georges Braque nimmt diesen Gedanken auf: »Kunst soll stören, die Wissenschaft hingegen beruhigt. « Die Schönheit läßt uns nicht in Ruhe, aber dadurch erinnert sie uns an unsere letzte Bestimmung, sie führt uns zurück auf unseren Weg, erfüllt uns mit neuer Hoffnung, gibt uns den Mut, ganz und gar das Geschenk des Lebens zu leben. Die Suche nach Schönheit, die ich hier beschreibe, meint natürlich nicht die Flucht ins Irrationale oder in einen reinen Ästhetizismus.

Allzu oft ist die Schönheit, die uns vorgelegt wird, illusorisch und täuschend, oberflächlich und blendend und betäubt den Betrachter. Anstatt die Menschen aus sich selbst herauszuführen und sie auf Horizonte echter Freiheit hin zu öffnen, indem sie sie nach oben zieht, schließt sie sie in sich selbst ein und macht sie noch mehr zu Sklaven, die ohne Hoffnung und Freude sind. Es ist eine verführerische, aber heuchlerische Schönheit, die Begehren, den Willen zur Macht, zum Besitz und zur Herrschaft über andere weckt. Es ist eine Schönheit, die schnell in ihr Gegenteil umschlägt, indem sie die Gestalt des Obszönen, des Grenzüberschreitenden und der Provokation um ihrer selbst willen annimmt. Die authentische Schönheit aber öffnete das menschliche Herz für die Sehnsucht, für das tiefe Verlangen zu erkennen, zu lieben, auf den anderen zuzugehen, die Hände nach dem Anderen, dem, was uns übersteigt, auszustrecken. Wenn wir es zulassen, daß die Schönheit uns zuinnerst berührt, daß sie uns verwundet, daß sie unsere Augen öffnet, dann entdecken wir die Freude des Sehens neu und verstehen die tiefe Bedeutung unserer Existenz, das Geheimnis, dessen Teil wir sind. Von diesem Geheimnis können wir die ganze Fülle erwarten, die Freude, die Leidenschaft, sich diesem Geheimnis täglich zuzuwenden. In diesem Zusammenhang zitiert Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an die Künstler die folgenden Zeilen des polnischen Dichters Cyprian Norwid: »Die Schönheit ist dazu da, für das Werk zu begeistern, / das Werk, um aufblühen zu lassen « (Nr. 3). Und später fügt er hinzu: »Als Suche nach dem Schönen, Frucht einer das Alltägliche übersteigenden Einbildungskraft, ist sie ihrer Natur nach eine Art Anruf an das Mysterium. Selbst wenn er die dunkelsten Tiefen der Seele oder die erschütterndsten Seiten des Bösen ergründet, wird der Künstler gewissermaßen zur Stimme der universalen Erlösungserwartung« (Nr. 10). Und zum Abschluß stellt er fest: »Die Schönheit ist Chiffre des Geheimnisses und Hinweis auf das Ewige« (Nr. 16).

Diese Worte spornen uns an, in unserer Reflexion einen Schritt weiter zu gehen. Die Schönheit, sowohl die des Kosmos und der Natur als auch die durch Kunstwerke zum Ausdruck gebrachte, kann ein Weg zum Transzendenten werden, zum letzten Geheimnis, zu Gott, weil sie die Horizonte des menschlichen Bewußtseins öffnet und weitet, es auf diese Weise über sich selbst hinaus verweist und es mit dem Abgrund der Ewigkeit konfrontiert. Die Kunst kann in jeder Form eine religiöse Qualität annehmen, wo sie den großen Fragen unserer Existenz begegnet, den fundamentalen Themen, die dem Leben Sinn geben. Dadurch wird sie zu einem Weg tiefer innerer Reflexion und Spiritualität.

Diese große Nähe, diese Harmonie zwischen dem Weg des Glaubens und dem Weg des Künstlers wird durch unzählige Kunstwerke bezeugt, die sich auf die Personen, Geschichten und Symbole des immensen Schatzes von »Bildern« – im weitesten Sinn des Wortes – nämlich die Bibel, die Heilige Schrift, stützen. Die großen biblischen Erzählungen, Themen, Bilder und Gleichnisse haben unzählige Meisterwerke in jedem Bereich der Kunst inspiriert, genauso wie sie zu den Herzen der Gläubigen jeder Generation durch handwerkliche Arbeiten und die Volkskunst gesprochen haben, die nicht weniger beredsam und bewegend sind.

So kann man durchaus von einer »via pulchritudinis« sprechen, einem Weg der Schönheit, der gleichzeitig ein künstlerischer, ästhetischer Weg ist und ein Weg des Glaubens, eine theologische Suche. Der Theologe Hans Urs von Balthasar beginnt sein großes Werk Herrlichkeit – Eine Theologische Ästhetik mit diesen bezeichnenden Beobachtungen: »Schönheit heißt das Wort, das unser erstes sein soll. Schönheit ist das letzte, woran der denkende Verstand sich wagen kann, weil es nur als unfaßbarer Glanz das Doppelgestirn des Wahren und Guten und sein unauflösbares Zueinander umspielt. « Er fügt dann hinzu: »Schönheit, die interesselose, ohne die die alte Welt sich nicht selbst nicht verstehen wollte, die aber von der neuen Welt der Interessen unmerklich- merklich Abschied genommen hat, um sie ihrer Gier und ihrer Traurigkeit zu überlassen. Schönheit, die auch von der Religion nicht mehr geliebt und gehegt wird. « Und er schließt: »Wer bei ihrem Namen die Lippen schürzt, als sei sie das Zierstück einer bürgerlichen Vergangenheit, von dem kann man sicher sein, daß er – heimlich oder offen zugestanden – schon nicht mehr beten und bald nicht mehr lieben kann. «

Der Weg der Schönheit führt uns also dazu, das Ganze im Teil zu ergreifen, das Unendliche im Endlichen, Gott in der Geschichte der Menschheit. Simone Weil schrieb dazu: »In allem, was in uns den reinen und authentischen Sinn für das Schöne weckt, dort ist Gott wahrhaft anwesend. Es gibt eine Art Inkarnation Gottes in der Welt, für die die Schönheit das Zeichen ist. Schönheit ist er experimentelle Beweis dafür, daß Inkarnation möglich ist. Deswegen ist jede echte Kunst ihrem Wesen nach religiös. « Hermann Hesse drückt dies noch direkter aus: »Kunst bedeutet, Gott in allem, was existiert, zu zeigen. « Die Worte von Papst Paul VI. wiederaufnehmend hat der Diener Gottes Papst Johannes Paul II. den Wunsch der Kirche nach einem neuen Dialog und nach Zusammenarbeit mit den Künstlern vorgebracht: »Um die Botschaft weiterzugeben, die ihr von Christus anvertraut wurde, braucht die Kirche die Kunst« (Brief an die Künstler, 12). Aber gleichzeitig fragt er: »Braucht die Kunst die Kirche? «, und er lädt durch diese Frage die Künstler ein, eine Quelle frischer und gut begründeter Inspiration in der religiösen Erfahrung zu finden, in der christlichen Offenbarung und im »großen Kodex«, der Bibel.

Liebe Künstler, abschließend möchte auch ich wie mein Vorgänger eine herzliche, freundschaftliche und leidenschaftliche Bitte an euch richten. Ihr seid Hüter der Schönheit: dank eures Talentes habt ihr die Möglichkeit, zu den Herzen der Menschen zu sprechen, einzelne und gemeinsame Sensibilitäten zu berühren, Träume und Hoffnungen wachzurufen und Horizonte von Wissen und menschlichem Engagement zu erweitern. Seid dankbar für diese Gaben, die ihr empfangen habt, und seid euch eurer großen Verantwortung bewußt, Schönheit mitzuteilen, durch die Schönheit und in der Schönheit zu kommunizieren! Durch eure Kunst seid ihr selbst Boten und Zeugen der Hoffnung für die Menschheit! Und fürchtet euch nicht, euch der ersten und letzten Quelle der Schönheit zu nähern und in den Dialog mit den Gläubigen zu treten, mit denen, die wie ihr auch glauben, daß sie Pilger in dieser Welt und in der Geschichte sind, auf dem Weg zu unendlicher Schönheit!

Der Glaube nimmt nichts von eurem Genie oder eurer Kunst weg: im Gegenteil, er erhöht sie und nährt sie, er ermutigt sie, die Schwelle zu überschreiten und mit fasziniertem und innerlich bewegtem Blick das letzte und endgültige Ziel zu betrachten, die Sonne, die niemals untergeht, die Sonne, die die Gegenwart erleuchtet und sie schön macht.

Der hl. Augustinus, der ein von Liebe erfülltes Loblied auf die Schönheit anstimmte, hat die folgenden Worte niedergeschrieben, als er die letzte Bestimmung des Menschen betrachtete und vorwegnehmend die Szene des Jüngsten Gerichts beschrieb, die uns heute vor Augen steht: »Wir werden also etwa schauen, meine Brüder, was kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört und kein Herz je ergriffen hat: eine Schau, die alle weltliche Schönheit übertrifft, sei es die von Gold und Silber, Wäldern und Feldern, Meer und Himmel, Sonne und Mond, oder Sternen und Engeln. Der Grund ist der: sie ist die Quelle aller anderen Schönheit« (In Ep. Jo. Tr. 4,5: PL 35, 2008). Mein Wunsch für euch alle, liebe Künstler, ist, daß ihr diese Vision stets vor Augen haben mögt, in euren Händen und in euren Herzen, daß sie euch Freude bringe und weiterhin großartige Werke inspiriere. Von Herzen segne ich euch und, wie Paul VI., grüße ich euch mit einem einzigen Wort: Auf Wiedersehen!

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