03 April 2017, 15:00
Der Herr verurteilt die Sünde, nicht den Sünder
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Jesus und die Sünderin: ‚relicti sunt duo: misera et misericordia’ – ‚nur zwei bleiben, die Armselige und die Barmherzigkeit’. Geh und sündige nicht mehr! Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“: Montag der fünften Woche der Fastenzeit, Lesejahr A. Die Liturgie unterbreitet das Evangelium von Jesus und der Sünderin (Joh 8,1-11). Am 25. März 2007 war dieser Abschnitt aus Johannes das Evangelium des fünften Fastensonntags. Papst Benedikt XVI. besuchte an jenem Tag die römische Pfarrei „Santa Felicita e figli Martiri“.

„Der Herr verurteilt die Sünde, nicht den Sünder. Hätte er nämlich die Sünde geduldet, hätte er gesagt: Auch ich verurteile dich nicht, geh, lebe, wie du willst…, wie groß auch deine Sünden sein mögen, ich werde dich von jeder Strafe und von jedem Leid befreien. Aber so hat er nicht gesprochen“: in seiner Predigt beschäftige sich der Papst mit dem Ereignis, wo die Armseligkeit des Menschen und die göttliche Barmherzigkeit einander gegenüberstehen: „‚Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?’ (8,10). Und er ist erschütternd in seiner Antwort: ‚Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!’ (8,11). Und wieder bemerkt der hl. Augustinus in seinem Kommentar: ‚Der Herr verurteilt die Sünde, nicht den Sünder. Hätte er nämlich die Sünde geduldet, hätte er gesagt: Auch ich verurteile dich nicht, geh, lebe, wie du willst…, wie groß auch deine Sünden sein mögen, ich werde dich von jeder Strafe und von jedem Leid befreien. Aber so hat er nicht gesprochen’ (In Io. Ev. tract. 33,6). Er sagte: ‚Geh und sündige nicht mehr’“.

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„.Jesus lässt sich mit seinen Gesprächspartnern nicht auf eine theoretische Diskussion über den Abschnitt aus dem mosaischen Gesetz ein: Es geht ihm nicht darum, ein akademisches Streitgespräch über eine Auslegung des mosaischen Gesetzes zu gewinnen, sondern sein Ziel ist es, eine Seele zu retten und offenbar zu machen, dass sich das Heil nur in der Liebe Gottes findet.

Dazu ist er auf die Erde gekommen, dafür wird er am Kreuz sterben, und der Vater wird ihn am dritten Tag auferwecken. Jesus ist gekommen, um uns zu sagen, dass er uns alle im Paradies haben will und dass die Hölle, von der man in unserer Zeit wenig spricht, existiert und ewig ist für alle, die ihr Herz vor seiner Liebe verschließen. Wir begreifen also auch in dieser Episode, dass unser eigentlicher Feind die Anhänglichkeit an die Sünde ist, die uns ins Scheitern unserer Existenz treiben kann“.


Aus der Predigt von Papst Benedikt XVI. bei seinem Pastoralbesuch in der römischen Pfarrgemeinde „Santa Felicita e Figli Martiri“ am 25. März 2007:

Der Abschnitt aus dem Evangelium erzählt die Episode von der Ehebrecherin in zwei eindrucksvollen Szenen: In der ersten Szene wohnen wir einer Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Schriftgelehrten und Pharisäern bei, bei der es um eine Frau geht, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt und entsprechend der im Buch Levitikus (vgl. 20,10) enthaltenen Vorschrift zum Tod durch Steinigung verurteilt worden ist. In der zweiten Szene entspinnt sich ein kurzes und ergreifendes Gespräch zwischen Jesus und der Sünderin. Die unbarmherzigen Ankläger der Frau, die auf das Gesetz des Mose hinweisen, provozieren Jesus – sie nennen ihn »Meister« (»Didáskale«) – mit der Frage, ob es gerechtfertigt sei, die Frau zu steinigen.

Sie wissen um seine Barmherzigkeit und um seine Liebe zu den Sündern und sind neugierig, wie er sich in einem solchen Fall, der nach dem mosaischen Gesetz gar keinen Zweifel zuließ, herausreden würde. Doch Jesus stellt sich sofort auf die Seite der Frau; zuerst schreibt er auf die Erde geheimnisvolle Worte, die der Evangelist nicht mitteilt, die ihn aber beeindrucken, und dann spricht er jenen berühmt gewordenen Satz: »Wer von euch ohne Sünde ist (er gebraucht das Wort ›anamártetos‹, das im Neuen Testament nur hier gebraucht wird), werfe als erster einen Stein auf sie« (Joh 8,7) und beginne mit der Steinigung. Der hl. Augustinus schreibt in seinem Kommentar zum Johannesevangelium dazu, daß »der Herr in seiner Antwort das Gesetz respektiert und seine Milde (Güte) nicht aufgibt.« Und er fügt hinzu, daß Jesus mit seinen Worten die Ankläger dazu zwingt, in sich zu gehen und auch sich, wenn sie sich selbst sehen, als Sünder zu entdecken. So »gingen sie, von diesen Worten wie von einem Pfeil groß wie ein Balken getroffen, einer nach dem andern fort« (In Io. Ev. tract. 33,5).

Einer nach dem anderen, »zuerst die Ältesten bis zu den letzten«, gehen also die Ankläger, die Jesus hatten provozieren wollen, fort. Als alle weg sind, bleibt der göttliche Meister mit der Frau allein. Knapp und eindrucksvoll der Kommentar des hl. Augustinus: »relicti sunt duo: misera et misericordia« – nur zwei bleiben, die Armselige und die Barmherzigkeit (ebd.).

Halten wir inne, liebe Brüder und Schwestern, um uns in diese Szene zu vertiefen, wo die Armseligkeit des Menschen und die göttliche Barmherzigkeit einander gegenüberstehen: eine Frau, die einer großen Sünde beschuldigt worden war, und Er, der, obwohl er ohne Sünde war, die Sünden der ganzen Welt, unsere Sünden auf sich geladen hat. Er, der sich gebückt hatte, um in den Staub zu schreiben, hebt jetzt den Blick und begegnet dem Blick der Frau. Er fragt nicht nach Erklärungen. Es ist nicht ironisch gemeint, wenn er sie fragt: »Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?« (8,10). Und er ist erschütternd in seiner Antwort: »Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!« (8,11). Und wieder bemerkt der hl. Augustinus in seinem Kommentar: »Der Herr verurteilt die Sünde, nicht den Sünder. Hätte er nämlich die Sünde geduldet, hätte er gesagt: Auch ich verurteile dich nicht, geh, lebe, wie du willst…, wie groß auch deine Sünden sein mögen, ich werde dich von jeder Strafe und von jedem Leid befreien. Aber so hat er nicht gesprochen« (In Io. Ev. tract. 33,6). Er sagte: »Geh und sündige nicht mehr«.

Liebe Freunde, aus dem Wort Gottes, das wir gehört haben, ergeben sich konkrete Weisungen für unser Leben. Jesus lässt sich mit seinen Gesprächspartnern nicht auf eine theoretische Diskussion über den Abschnitt aus dem mosaischen Gesetz ein: Es geht ihm nicht darum, ein akademisches Streitgespräch über eine Auslegung des mosaischen Gesetzes zu gewinnen, sondern sein Ziel ist es, eine Seele zu retten und offenbar zu machen, dass sich das Heil nur in der Liebe Gottes findet. Dazu ist er auf die Erde gekommen, dafür wird er am Kreuz sterben, und der Vater wird ihn am dritten Tag auferwecken. Jesus ist gekommen, um uns zu sagen, dass er uns alle im Paradies haben will und dass die Hölle, von der man in unserer Zeit wenig spricht, existiert und ewig ist für alle, die ihr Herz vor seiner Liebe verschließen. Wir begreifen also auch in dieser Episode, dass unser eigentlicher Feind die Anhänglichkeit an die Sünde ist, die uns ins Scheitern unserer Existenz treiben kann.

Jesus verabschiedet die Ehebrecherin mit diesem Auftrag: »Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!« Er gewährt ihr die Vergebung, damit sie »von jetzt an« nicht mehr sündigt. In einer ähnlichen Episode, der Begegnung mit der reumütigen Sünderin, die uns im Lukasevangelium (7,36–50) erzählt wird, empfängt Jesus eine Frau, die Reue gezeigt hat, und entlässt sie in Frieden. Hier hingegen erhält die Ehebrecherin die Vergebung einfach bedingungslos. In beiden Fällen – für die reumütige Sünderin und für die Ehebrecherin – ist die Botschaft einzigartig. Im einen Fall wird betont, daß es ohne Reue, ohne die Sehnsucht nach Vergebung, ohne die Öffnung des Herzens für die Vergebung keine Vergebung gibt; hier wird hervorgehoben, daß uns nur die Vergebung Gottes und seine mit offenem und aufrichtigem Herzen empfangene Liebe die Kraft geben, dem Bösen zu widerstehen und »nicht mehr zu sündigen«, uns von der Liebe Gottes treffen zu lassen, die zu unserer Stärke wird. Die Haltung Jesu wird so zu einem Vorbild für jede Gemeinde, die gerufen ist, aus der Liebe und der Vergebung das schlagende Herz ihres Lebens zu machen.

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