30 März 2017, 12:45
Und immer wieder: Ehrfurcht
 
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18. Liturgische Tagung: Teilnehmerzahl im Aufwind - Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping führte mit seinem Vortrag „Vor dein Angesicht …“ inhaltlich in die Tagung ein. kath.net-Bericht von Martin Lohmann

Herzogenrath (kath.net) Wenn man einen Begriff nennen sollte, der am ersten Tag die Atmosphäre der 18. Kölner Liturgischen Tagung in Herzogenrath bestimmte, dann könnte man „Ehrfurcht“ nennen. Denn schon in den ersten Vorträgen schimmerte genau das immer wieder durch: Bei der Liturgie geht es nicht um einen Satzbaukasten menschlicher Befindlichkeiten, sondern vor allem und letztlich um Ehrfurcht. Sie ist, so steht es auf einem Tabernakel irgendwo zwischen Köln und Aachen, der Kern der Liebe. Und sie ist gepaart mit Dankbarkeit, Freude und Anbetung.

Gleich zu Beginn konnten die Veranstalter freudig feststellen, dass diesmal unter den mehr als 200 Teilnehmern im Pfarrsaal der Gemeinde St. Gertrud mehr als 60 Priester aus verschiedenen Regionen und sehr unterschiedlichen Altersgruppen sind. Ein Rekord, wie Una-Voce-Veranstalter Egmont Schulze Pellengahr anmerkte. Die Tagung sei letztlich ein Erfolgsmodell und verdiene Zukunft.

Das sieht auch Pfarrer Guido Rodheudt so, der auf mehrere gute Grußworte hinwies. Dankbar sei man vor allem für das Wort von Joachim Kardinal Meisner. Der emeritierte Erzbischof weist auf die „Großtat Papst Benedikts XVI.“ hin, der mit seinem Motu proprio „Summorum Pontificum“ das liturgische Leben der katholischen Kirche „aus der Engführung herausgebracht“ hat, „in der es durch falsche Akzentsetzung der liturgischen Erneuerung durch das 2. Vatikanische Konzil geraten ist“. Wörtlich schreibt Meisner: „Durch die so genannten selbst gestrickten Liturgien in manchen Pfarrgemeinden haben die Gottesdienste allen Glanz und alle Anziehungskraft verloren. Die Thematik Ihrer Veranstaltung trägt die Dynamik in sich, zu einer echten Erneuerung in unseren Gemeinden und damit in der Kirche beizutragen.“

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Der emeritierte Kölner Weihbischof und Ratzinger-Freund Klaus Dick erinnert in seiner Grußbotschaft an ein Wort von Joseph Pascher, dessen Schüler Joseph Ratzinger einmal „die ehrfürchtige Art, in der er uns Liturgie von ihrer Wesensgestalt her feiern lehrte“, betonte. Pascher hatte seine Schüler auch gelehrt, dass man nie Zeichen der Ehrfurcht abschaffen dürfe, „sonst schaffen Sie die Ehrfurcht ab“.

Diesen Gedanken legte der Erzbischof von Portland/Oregon beim Priesterkonvent seinen Mitbürgern ebenfalls ans Herz. In seiner Predigt während der Inauguralmesse in der Filialikirche St. Marien, die der Gründer des durch ein Erdbeben völlig zerstörten Benediktinerklosters im Geburtsort des heiligen Benedikt, Nursia, Pater Cassian Folsom OSB zelebrierte, machte der US-Bischof Mut zum Bekenntnis und zur frohen Weitergabe des Glaubens. Hier komme der andächtigen und ehrfurchtsvollen Liturgie, die Gott selbst im Mittelpunkt lasse und zur Anbetung einlade, eine besondere Aufgabe zu. Schließlich sei die Kirche keine weltliche Einrichtung, sondern göttlichen Ursprungs und mitten in die Welt gesandt. Sie habe keine wichtigere Aufgabe, als den Glauben an die Wahrheit der Erlösung zu verkünden, ja, sie sei selbst Universalsakrament der göttlichen Befreiung aus dem ewigen Tod in das ewige Leben. Sie sei keineswegs nur eine soziale Einrichtung oder gar eine NGO. Gerade heute brauche es den Mut zum friedvollen Bekenntnis, das sich an der Wahrheit der göttlichen Liturgie orientiert.

Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping führte mit seinem Vortrag „Vor dein Angesicht …“ inhaltlich in die Tagung ein. Hoping ging der Frage nach, inwieweit es einen erkennbaren und notwendigen Unterschied zwischen Opferung und Gabenbereitung in der Eucharistiefeier gebe. Hier gab es in den vergangenen Jahrzehnten nicht unwesentliche Verschiebungen. Gegner der „Reform der Reform“ verweisen gerne auf die deutschen Texte in den liturgischen Büchern. So wird dort aus dem „Offertorium“ letztlich eine Gabenbereitung, der Opfercharakter und dessen Bereitung scheinen zu verschwinden.

Im deutschen Messbuch von 1975 verschleiert den Oblationscharakter des ersten Teils der eucharistischen Liturgie: „So wird der erste Teil der eucharistischen Liturgie mit dem Titel ,Gabenbereitung’ überschrieben, das Missale Romanum von 1970 kennt dagegen nur die allgemeine Überschrift ,Liturgia eucharistica’ für den ganzen zweiten Teil der Messfeier.“ Und aus der korrekten „Oratio super oblata“ macht das deutsche Messbuch ein „Gabengebet“ statt ein „Gebet über die Opfergaben“. Das Offertorium ist also die Vorbereitung der eigentlichen Opferhandlung. Ein Gedanke, der textlich und im Bewusstsein vieler verloren gegangen ist.

Hoping: „Der von der Kirche geweihte Priester wirkt bei der Heiligung der Gaben von Brot und Wein ministerialer mit, als Diener und Repräsentant Christi. Als Bild Christi bringt der Priester die Opfergaben dar und spricht in der Person Christi die Konsekrationsworte. Darbringen und Konsekration münden in die Kommunion, in welcher das Sakrament empfangen wird.“ Doch dies scheint nicht mehr im Bewusstsein zu sein, wenn in einer modernen Einführung in die Feier der Eucharistie gesagt werde, die eucharistische Liturgie bestehe aus den Teilen: Brot nehmen (Gabenbereitung), Dankgebet sprechen (Hochgebet) und Darreichung (Kommunion).

Hoping wies in Herzogenrath nach, dass der Liturgie durch unsaubere Erneuerung und zugelassene oder gewollte Umdeutung im Blick auf die Heiligkeit und die damit verbundene geheimnisvolle Aura der Ehrfurcht Schaden zugefügt wurde. Das, was im römischen Kanon mit der „makellosen Opfergabe“, die Gottes heiliger Engel vor Sein Angesicht bringen, möge für uns zum „Kelch des Heiles“ werde, zum Ausdruck gebracht werde, sei aber kostbar und wesenhaft für den Charakter wirklicher göttlicher Liturgie.

Das Offertorium in der heiligen Messe sei deutlich mehr als nur eine Bereitstellung der Gaben von Brot und Wein auf dem Altar: „Mit dem Offertorium erfolgt eine oblatio, das heißt eine Gabendarbringung“. Es gehe um mehr als nur ein „rituelles Tischdecken“ (Alex Stock), denn durch die „Bereitstellung der Gaben von Brot und Wein auf dem Altar und ihre Darbringung werden die Opfergaben dem gewöhnlichen Gebrauch entzogen. Die Einheit von Darbringung, Heiligung, Opfer und Kommunion in der eucharistischen Liturgie komme besonders gut im Canon Romanus zum Ausdruck: ‚Wir bitten dich, allmächtiger Gott: Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit; und wenn wir durch unsere Teilnahme am Altar den heiugen Leib und das Blut deines Sohnes empfangen, erfülle uns mit aller Gnade und allem Segen des Himmels.‘“ Helmut Hoping: „In der Einheit von Darbringen und Heiligung, Opfer und Kommunion besteht der Kern der eucharistischen Liturgie.“

Was hinter dem Gregorianischen Choral als Garant liturgischer Kontinuität steckt, beleuchtete der Frankfurter Kantor Krystian Skoczowski. Die Musik, so betone es nicht zuletzt das Zweite Vatikanische Konzil, sei pars integralis, also ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie: „Die Musik ist nicht das gefühlige Ambiente, nicht der unvermeidbare Kitsch, den die Leute wollen und den man ihnen zugestehen muss, nicht das Medium, mit dem man zielgruppen-orientiert den einen oder anderen besonders ansprechen und in die Kirche locken kann, nicht das Feld, auf dem sich der mehr oder weniger begnadete Künstler selbst verwirklichen und sein Publikum erreichen kann, auch nicht das notwendige Übel, dessen Verstummen ungeduldig zu erwarten wäre.“

Sie sei vielmehr „wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie“ sein und werde von der Kirche als solcher definiert. Sie müsse so sein, dass sie „die Eigenschaften der Liturgie selbst“ besitzt: „Der hl. Papst Pius X. formulierte diese Voraussetzungen im Jahr 1903 in seinem Motu Proprio ,Inter pastoralis officii' und definierte drei Kriterien für den wesentlichen Charakter liturgischer Musik: Heiligkeit, Güte der Form, Universalität.“

Wenn es um Heiligkeit gehe, sei klar: „Kirchenmusik soll anders sein als weltliche Musik. Sie soll in ihrem klanglichen Charakter die Würde und Erhabenheit der liturgischen Handlung klanglich wiederspiegeln. Kirchenmusik soll in vollem Umfang dem spezifischen Anspruch der Liturgie gerecht werden, in die höchsten Sphären vordringen zu können. Der irdische Klang soll sich in der Liturgie mit dem Klang der Engelschöre im Himmel vereinen, und deshalb soll die Kirchenmusik himmlisch und nicht irdisch sein.“ Wer sich damit befasse, müsse rasch erkennen, dass ,Heiligkeit’ und ,Güte der Form’ „universell“ hörbar sein sollten: „Es sind benennbare klangliche Eigenschaften der Musik, die ihren „heiligen“, ihren sakralen Charakter ausmachen.

Der hl. Papst Pius X. sieht diese Eigenschaften in keiner anderen Musik so ideal verwirklicht wie im Gregorianischen Choral. Der Gregorianische Choral ist für Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung als „heilig“ und „gut“ erkennbar - vorausgesetzt, dass er im Geiste dieser Heiligkeit und musikalisch gut gesungen wird.“ Der Dreiklang „Heiligkeit, Güte der Form, Universalität, den Pius X. als Leitbild für die Kirchenmusik vor 114 Jahren benannte, ist verwandt mit dem antiken Dreiklang des Wahren, Schönen und Guten, der seinerseits im Begriff der Harmonie der mittelalterlichen Kunst- und Musikanschauung seine Übersetzung ins Christliche fand.“ der Choral sei letztlich „selbst Liturgie“, mehr als ein Beiwerk, eine Zugabe, sondern gesungenes Gebet, das stets passgenau seinen Platz in der jeweiligen Tagesliturgie habe: „Der gregorianische Choral ist der in Klang eingekleidete Gebetskalender der Kirche. Und als solcher wird er in den Klöstern seit Jahrhunderten gesungen, gebetet - gelebt. Allein damit ist der gregorianische Choral die Verkörperung der ‚klingenden Kirche‘ und ein Garant liturgischer Kontinuität.“

Tatsächlich ist aber aus dem Anspruch, den das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution benannte, nicht wirklich etwas geworden und in der Realität der Kirche von heute kaum noch greifbar. Das Konzil definierte 1963: „Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen (...) den ersten Platz einnehmen.“ Doch, so Skoczowski, „die Liturgiereform der hl. Messe entzog dieser Forderung de facto zum Teil die Grundlage, da das erneuerte Messbuch anstelle des Graduale nun einen Antwortpsalm, anstelle des Alleluia bzw. des Tractus nun einen Ruf vor dem Evangelium und den Gesang des Offertorium gar nicht mehr vorsieht. Zweifellos ist es noch möglich, die entsprechenden gregorianischen Gesänge an diesen Stellen in der Liturgie erklingen zu lassen, aber: Anders als beim Introitus oder der Communio sind diese Gesänge nicht mehr substanzieller Bestandteil der Liturgie - ihre Texte stehen nicht mehr im Messbuch. Damit verliert der gregorianische Choral den sichtbaren Charakter der lex orandi (des Gesetzes des Betens), den er noch hatte, als wenigstens sein Inhalt ein verbindlicher und „wesentlicher“ Teil der Liturgie war.“

Das ist bedauerlich, denn der gregorianische Choral ist gesungenes, in Töne erhobenes Gebet. Aber: Er kann und darf wiederentdeckt werden, zumal der gregorianische Choral es vermag, „uns aus dem Jetzt und Hier herauszulösen und eine universelle Ebene erfahrbar zu machen, die immer da ist und deren Teil zu werden unsere Berufung ist: die ewige Herrlichkeit des Himmels, dessen sichtbare und hörbare Gestalt auf Erden die klingende Kirche ist.“ Bei Licht besehen sei der der gregorianische Choral nicht nur „wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie“, sondern wesenhaft ein „tragender Baustein der klingenden Kirche. Er ist substanziell ein Teil unseres Glaubens“.

Der Kantor aus Hanau kommt zu dem Fazit: „Der gregorianische Choral ist kein statisches, sondern ein lebendiges Element der kirchlichen Tradition. Er ist der Herzschlag der Klöster, und diese sind das vegetative System der Kirche, das sie auch durch Zeiten der Schwäche tragen kann - wie die Geschichte schon oft gezeigt hat. Obwohl die Bedingungen, die den Choral in seiner liturgischen Heimat heute an vielen Orten umgeben, mitunter ungünstig oder sogar feindlich sind, bleibt er dennoch ein Garant der liturgischen Kontinuität. Denn wo auch immer Menschen - gläubige und fernstehende - mit ihm in Berührung kommen, verströmt er mit der Kraft des ganzen Glaubensgebäudes der Kirche den Geist der Liturgie. Damit ist er wesentlich auch das, was als Motto über dieser Liturgischen Tagung steht: Quelle der Zukunft.“

Am Ende des ersten Tages der 18. Liturgischen Tagung stand nicht zuletzt die Erfahrung, wie gut und lebendig der Austausch von Gedanken und Erkenntnisse gerade im Blick auf eine würdige und heilige Liturgie sein kann. Mit Spannung erwartet wird unter anderem der Vortrag, den Robert Kardinal Sarah für diese Tagung geschrieben hat und den der verlesen lassen wird. Es sei ihm, so Guido Rodheudt, offenbar ein wichtiges Anliegen, dass seine Gedanken zur „Reform der Reform“, mit der Franziskus wenig anfangen könne, bekannt werden. Denn statt des erbetenen Grußwortes nach der überraschenden Absage des Kardinals, nachdem dieser seine Teilnahme zuvor mehrfach schriftlich bestätigt hatte, schickte Sarah einen eigenen Vortrag. Diesen habe er bereits in mehrere Sprachen übersetzen lassen. Ein möglicherweise vorhandenes päpstliches Denk- und Redeverbot in Sachen „Reform der Reform“, so Guido Rodheudt, könne es ohnehin faktisch nicht geben. In Herzogenrath wird jedenfalls ebenso engagiert gedacht wie geredet. Nicht zuletzt, weil man dort zu wissen glaubt, dass in einer - einst von Kardinal Ratzinger initiierten - Reform der Reform viel Zukunft für Kirche, Glaube und Missionierung schlummert.

Foto: Pfr. Dr. Guido Rodheudt eröffnet die 18. Kölner Liturgische Tagung





Foto (c) kath.net/Martin Lohmann







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