06 Januar 2017, 15:10
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Pokemon, Phantasiewelten, Selbsttäuschung und die geistliche Realität: Darüber sprach Johannes Hartl am Freitagvormittag auf der MEHR-Konferenz in Augsburg. kath.net-Bericht direkt von der #MEHR von Petra Knapp-Biermeier

Augsburg (kath.net/pk) Ohne Wahrheit können Menschen nicht leben. Das sagte der Leiter des Gebetshauses Augsburg, Johannes Hartl, am Freitagvormittag auf der MEHR-Konferenz. „Es gibt im Herzen des Menschen ein Schreien nach Realität“, erklärte er in seinem zweiten Vortrag, der sich mit dem Thema „Willkommen in der Realität“ auseinandersetzte.

Vielfach suchen wir heute die Ablenkung, und es gebe eine „augmented reality“, etwa Pokemon, analysierte Hartl, der 2005 mit seiner Frau Jutta das Gebetshaus Augsburg gründete. Diese „vermehrte Realität“ sei ein „Schlüsselbegriff, wie wir funktionieren“. Die Realität an sich erleben wir manchmal als öde, und deswegen wollen wir etwas „dazu tun“. Wir geben uns oft der Vorstellung hin, dass die Realität nur gut werde, „wenn ich etwas tue oder wenn ich etwas kriege“. Dies sei jedoch eine Lüge, erklärte Hartl auf der Glaubenskonferenz, wo sich vier Tage lang über 10.000 Christen aus ganz Europa treffen.

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Es gebe die Tendenz zu flüchten, irgendwo hin zu laufen. Viele Menschen leben ständig in einer Parallelwelt oder in einer Phantasiewelt, bemerkte der 1979 geborene Theologe. Hartl diagnostizierte auch eine Neigung zur „Selbstbespiegelung“, wo eine Stimme einem einflüstere, ein möglichst dramatisches Bild von sich selbst als Mitte aller Dinge zu bekommen, worauf dann Selbstmitleid folge.

Manchmal seien wir ständig drin „in dem Film von Selbstbespiegelung und Bewertung“, erklärte der Gebetshaus-Leiter. „Wir hängen drin in Vorstellungen.“ Hartl zeigte sich „erschüttert“ vom „Level der Selbsttäuschung“ mancher Menschen, die keinerlei Kritik an sich heranlassen würden und permanent ein Bild von sich verteidigten.

„Gott ist an dir interessiert, so wie du bist, nicht an einer frommen Idealvorstellung, die du meinst verteidigen zu müssen“, unterstrich der Theologe und Vater von vier Kindern. „Gott ist der Gott der Realität“, lud er alle Anwesenden ein, „zurückzukommen in die Realität“. „Du kannst die Schönheit der Realität verpassen, weil du in deinem Film bist.“

Der ältere Bruder aus dem biblischen Gleichnis vom barmherzigen Vater sei ein Beispiel für diese Haltung: Er habe nie eine „Ruhe im Sein“, denn er glaube, sich alles verdienen zu müssen durch Arbeit, und die Feier, die Freude komme nie. Heute gebe es zahlreiche Menschen, die sich nicht freuen können an dem, was ist, etwa in ihrer Ehe. Niemand habe den idealen Ehepartner – und niemand sei ein idealer Ehepartner.

Johannes Hartl kritisierte einen Dualismus, der viele Christen beherrsche: „Ich teile mein Leben auf in den kleinen Bereich, wo Gott ist, und in das echte Leben.“ Tatsächlich lebten Christen jedoch „in einer höheren Realität“, stellte der Theologe klar. „Es gibt nur eine Realität, und das ist die Realität Gottes.“ Viele Phänomene unserer Welt seien mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar, existierten aber dennoch.

„Einer der größten Dramen der christlichen Kirche ist, dass wir nicht in einer geistlichen Sicht auf die Welt blicken und dass wir so viele Leiter haben, die nicht geistlich sehen“, bemerkte Hartl in seinem dritten Vormittag Freitagmittag. „Wir müssen lernen geistlich zu sehen.“ Wir seien berufen „zu einem Lebensstil aus einer höheren Realität heraus“.

Heute gebe es einen „Kampf um die Phantasie“, bemerkte der Gebetshaus-Leiter. „Wir haben einen Feind. Dieser Feind hasst die Realität. Er liebt alles, was es nicht gibt. Er ist nicht produktiv.“ Der einzige, der produktiv sei, ist Gott. Das Leben in Parallelwelten sei deswegen nicht neutral. Hartl sprach unter anderem Computerspiele an und ihren negativen Einfluss: „Alles, was dich wegzieht ins Digitale, hindert dich, das Hier und Jetzt zu genießen. Wir müssen den Geschmack am Sein wieder lernen.“

Im geistlichen Leben gehe es nicht immer ums Spüren, unterstrich Hartl; dies sei oft Selbstbespiegelung. „Das Fühlen von Gottes Gegenwart ist nicht immer ein guter Gradmesser.“ Christen müssten lerne, „im Hier und Jetzt zu stehen, aber aus einer höheren Realität zu leben.“ Das Zentrum von allem Sein sei die Anbetung.

Auch das Thema Wahrheit schnitt Hartl in seinem dritten Vortrag an. „Wir haben heute eine Generation, wo es wichtiger ist, wie das ankommt, was wir sagen, als ob es wahr ist.“ Europa sei jedoch dadurch groß geworden, dass wir glauben, dass es eine Wahrheit gibt. „Wir müssen ein Stück weit lernen, wieder über Wahrheit zu sprechen. Wir brauchen Mut, aus der höheren Realität zu leben und auch die Wahrheit auszusprechen.“ Es gebe heute „ viel Menschenfurcht“, kritisierte der Gebetshaus-Leiter; jedoch sei es nicht wichtig, nett zu sein, sondern klar zu sein. „Die Wahrheit zu sagen, ist nicht intolerant.“

Johannes Hartl: Heilige Faszination - #MEHR2017 / Gebetshaus Augsburg




Foto oben: Dr. Hartl (c) Gebetshaus Augsburg/Screenshot







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