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Mittelalterliche Gelassenheit

22. November 2016 in Kultur, 9 Lesermeinungen
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Es gibt wenige Schlachtfelder in der Kirche, in denen leidenschaftlicher und kompromissloser gestritten wird, als im Bereich der Kirchenmusik - Von Anna Diouf


Linz (kath.net)
Es gibt wenige Schlachtfelder in der Kirche, in denen leidenschaftlicher und kompromissloser gestritten wird, als im Bereich der Kirchenmusik. Während die einen sich hingebungsvoll dem Keyboard und der Gitarre widmen, halten andere jede nach 1750 komponierte Musik für ungeeignet zum liturgischen Gebrauch. Manchmal hilft allerdings ein Blick in die Geschichte, um die katholische Weite wiederzugewinnen, die so ausschlaggebend für die Vielfalt innerhalb der Kirche ist.

Haben Sie schon einmal Noten eines Stückes von Palestrina gesehen? Nach dem Wunsch des Papstes Johannes XXII. (1249-1334) wäre diese Musik undenkbar in der Kirche: Er beklagt in der Bulle Docta Sanctorum Patrem aus dem Jahr 1323, dass unerhörte Neuerungen in die Kirchenmusik Eingang gefunden hätten, wie etwa Semibreven und Minimen. Diese Notenwerte entsprechen der modernen ganzen und halben Note - ja, das, was wir heute als derart komplette und lange Note empfinden, dass wir sie als "Ganze" zur Grundlage der Unterteilung machen, war im 14. Jahrhundert lediglich die Hälfte einer "kurzen" Note! Und damit natürlich für den ernsten Charakter der Liturgie vollkommen ungeeignet. Nun werden Sie feststellen, dass Palestrina noch ganz andere "Undenkbarkeiten", noch kürzere Noten und fantastisch anmutende rhythmische Risiken eingeht - ganz und gar unpassend für den papsttreuen Katholiken des 14. Jahrhunderts. Hätte sich Johannes XXII. durchgesetzt, würden wir also das, was wir heute als urkatholisch und erzgeistlich empfinden, nicht innerhalb der heiligen Messe hören können - denn es hätte es sich höchstwahrscheinlich niemals entwickelt. Statt dessen würden wir neben dem Gregorianischen Choral, der natürlich unbestritten die liturgischste, innigste und ehrwürdigste Musik im Gottesdienst ist, eigentlich nicht einmal Musik, sondern schlicht klanggewordenes Gebet, lediglich zwei- bis vierstimmige Quint- und Quartorgana hören. Wem das nichts sagt: Auf Youtube kann man entsprechende Musik hören, die übrigens im Mittelalter selbst durchaus mit Trommeln und Schellen (und Gesten - auch liturgischer Tanz ist kein Makel der Moderne) begleitet wurde. Sicher interessant, aber man ist doch dankbar für die Erschließung der Klangwelten der klassischen Vokalpolyphonie.


Kritiker könnten hier die altbekannte These vom Kampf der Kirche gegen den Fortschritt erkennen. Aber das ist falsch. Denn die Hauptverfechter der "Neuen Kunst", wie die unsagbar waghalsige Verwendung neuer Rhythmen und kurzer Notenwerte genannt wird, waren meist ebenfalls Geistliche. Spannend ist in diesem Zusammenhang, - kleiner Exkurs in Sachen Apologetik - dass, während man den Papst als Kritiker der Neuerungen natürlich in Verbindung mit der Kirche nennt, meist unterschlägt, dass etwa Philippe de Vitry (1291-1361), der bekannteste Vertreter der ars nova, selbst Bischof und hochrangiger Geistlicher war. So kann man selbst in kleinen Nuancen den Eindruck erwecken, "die Kirche" sei fortschrittsfeindlich: Der Gegner der Neuerung wird als Amtsträger der Kirche kenntlich gemacht, der Modernisierer nicht - und schon entsteht der Eindruck einer monolithisch unbeweglichen Hierarchie gegenüber armen, wehrlosen Nonkonformisten.

Tatsächlich handelte es sich um eine Kontroverse innerhalb der Kirche, und die beiden Kontrahenten haben sich nicht nur versöhnt, der Papst ließ sich von der Qualität der ars nova überzeugen - womit letztlich die Tür geöffnet wurde zum polyphonen Glanz späterer Jahrhunderte.
An diesem Beispiel kann man unschwer erkennen, dass Tradition sich entwickelt, und dass die Empfindung etwa für den sakralen Charakter einer Form keineswegs in sich absolut und unwandelbar ist.

Wer also heute unnachgiebiger Gegner moderner Musikformen ist, soll sich bewusst sein, dass diese Musik durch Jahrhunderte hindurch sortiert und geläutert werden wird, und am Ende vielleicht als durch und durch geistlich empfunden werden könnte. Auch ist der Einfluss weltlicher Musikstile auf die geistliche Musik uralt und keine Entwicklung des 20. Jahrhunderts.

Mein Lieblingsbeispiel für den Wandel in der Wahrnehmung von Musik ist aber ein anderes: Die Parodiemesse. Stellen wir uns vor, ein Song wie "Staying alive" würde in eine Messvertonung umgearbeitet - undenkbar? Nein.

Jahrhundertelang war es üblich, populäre Wirtshausgesänge - zum Teil mit extrem anstößigem Inhalt - mit Messtexten zu überschreiben. Natürlich war dies in der Kirche höchst umstritten; der übelsten Angewohnheit der Zeit, nämlich einen geistlichen Text zeitgleich mit einem höchst weltlichen Lied zu singen, wurde auch vehement ein Riegel vorgeschoben, jedenfalls im liturgischen Bereich. Dennoch gehören Messen wie die Missa "L'Homme armé" (Messvertonung über einen völlig banalen mittelalterlichen Schlager mit leicht zweideutigem Text über den "Bewaffneten Mann, der gefährlich ist") oder die Missa "Un gay bergier" (ein recht explizit pornographisches Lied über einen "fröhlichen Schäfer") zu den Werken der Vokalpolyphonie, die wir heute als äußerst feierlich und erhebend empfinden.
Hier hat also der katholische Glaube weltliche Musik geläutert und erhöht. Diese gestalterische Kraft des Glaubens, die aus Profanem Frommes machen kann, sollte man wieder öfter bedenken und in seinem eigenen Glaubensalltag suchen. Die Frage ist nicht, ob alt oder neu, sondern: In welchem Geist gestalte ich die Materie, die mir vorliegt? In jedem Lebensbereich kann man aus den einfachsten Dingen Gotteslob machen, und, wie man am Beispiel der Parodiemessen sieht, kann man manchmal selbst aus Ungehörigem Gotteslob herausfiltern. Die puritanische Ablehnung weltlicher Inhalte entspricht nicht der katholischen Auffassung, dass die materielle Welt zuerst Gottes gutes, sehr gutes Werk ist, dessen Früchte man geradezu unverschämt sakralisieren darf. Das trifft auf mittelalterliche Wirtshausschlager ebenso zu wie auf Popsongs.

Musiktipps von Anna:

Palestrina (sicut vervus)



Perotin (Ars antiqua / Organum)


Philippe de Vitry: Ars nova




Originallied l'homme armé



Missa l'homme armé (Ockeghem)




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