28 September 2016, 12:00
Liturgischer Missbrauch ist ungerecht!
 
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Der Kampf des seligen Niels Stensen. Gastkommentar von Markus Büning

Linz (kath.net) Die Tugend der Gerechtigkeit wird oft nur auf das Streben nach sozialer Gerechtigkeit reduziert. Ein weiterer Aspekt dieser Tugend wird leider, auch innerhalb unserer Kirche, immer weniger in den Blick genommen: Die Gerechtigkeit, die wir Menschen gegenüber Gott schulden, nämlich die „Tugend der Gottesverehrung“ (KKK, Nr. 1807): Wir schulden Gott die Ehre, das heißt den angemessenen und wahren Gottesdienst. Tun wir das nicht, dann sind wir an dieser Stelle ungerecht und zwar gegenüber dem, dem wir alles verdanken.

Diesem Aspekt der Gerechtigkeit widerspricht der liturgische Missbrauch, der sich in den letzten Jahrzehnten in den Kirchengemeinden unserer Diözesen rasant ausgebreitet hat, vehement.

Grund hierfür ist zunächst der Umstand, dass viele Priester während ihrer Ausbildung seit Jahrzehnten nicht zu Genüge mit dem tiefen theologischen und einheitsstiftenden Sinn liturgischer Riten vertraut gemacht worden sind. Zum anderen ist ein falscher pastoraler Eifer dahingehend auszumachen, mit sogenannter situations- und zeitbedingter Sprache eigene Messformulare zu kreieren. An Stelle des Messbuches findet sich dann das jeweilige „liturgische Ringbuch“ des Zelebranten. Mitunter sind die von der Kirche festgelegten Texte der Messliturgie kaum noch wiederzuerkennen. Hinzu kommen viele weitere Missstände, die den würdigen Umgang mit den eucharistischen Gestalten vermissen lassen.

Durch diese Auswüchse entstehen auf Seiten vieler Katholiken, die noch treu jeden Sonntag die Hl. Messe besuchen möchten, tiefgehende Verletzungen.

Nach erfolgloser Konfrontation mit dem zuständigen Pfarrer haben viele Katholiken die Erfahrung gemacht, dass eine entsprechende Beschwerde beim zuständigen Bischof auch nicht weiterhilft. Hierdurch ist viel Vertrauen in die kirchliche Autorität verloren gegangen.

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Mitunter ist ein regelrechter „Messtourismus“ zu beobachten: Viele Katholiken nehmen lange Wegstrecken auf sich, um eine Liturgie zu erleben, die noch den Vorgaben der Kirche entspricht.

Manchmal haben gerade ältere Menschen mangels Mobilität sogar resigniert und den Besuch der Hl. Messe ganz aufgegeben. Dies ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem, welches seitens der Bischöfe viel stärker in den Focus genommen werden muss.

Der hl. Johannes Paul II. hat in seiner letzten Enzyklika ECCLESIA DE EUCHARISTIA aus dem Jahr 2003 dieses große Problem angesprochen: „Leider ist zu beklagen, dass es - vor allem seit den Jahren der nachkonziliaren Liturgiereform - infolge einer falsch verstandenen Auffassung von Kreativität und Anpassung nicht an Missbräuchen gefehlt hat, die Leiden für viele verursacht haben. Insbesondere in einigen Gebieten hat eine gewisse Gegenbewegung zum »Formalismus« manche dazu verleitet, die von der großen liturgischen Tradition der Kirche und von ihrem Lehramt gewählten »Formen« für nicht verbindlich zu erachten und nicht autorisierte und oft völlig unpassende Neuerungen einzuführen. Ich verspüre deshalb die Pflicht, einen innigen Appell auszusprechen, dass die liturgischen Normen in der Eucharistiefeier mit großer Treue befolgt werden. Sie sind ein konkreter Ausdruck der authentischen Kirchlichkeit der Eucharistie; das ist ihr tiefster Sinn. Die Liturgie ist niemals Privatbesitz von irgend jemandem, weder vom Zelebranten noch von der Gemeinde, in der die Mysterien gefeiert werden.“ (Nr. 52).

Der Papst hat im Gefolge dieses Lehrschreibens im Jahr 2004 die Instruktion Redemptionis sacramentum veröffentlicht, welche katalogartig die liturgischen Missbräuche aufzählt und den Gläubigen gegen diese Auswüchse eine Beschwerdemöglichkeit eingeräumt.

Dieses Instrument ist in der kirchenrechtlichen Wirklichkeit der deutschsprachigen Diözesen kaum zur Anwendung gekommen. Ganz im Gegenteil, von vornherein witterte man hier eher die Gefahr von Denunziation und Wichtigtuerei als die ernsthafte Notwendigkeit der Beachtung dieser Instruktion. Es ist eine Schande, dass der Appell eines heiligen Papstes so verpuffen konnte.

Es bleibt zu hoffen, dass es wieder Bischöfe gibt, die sich nach dem Vorbild eines seligen Niels Stensen klar und unmissverständlich für die Beachtung der liturgischen Ordnung in ihren Verantwortungsbereichen einsetzen. Zugegebenermaßen gab es in den Zeiten vor der Liturgiereform sicher auch die Gefahr eines herzlosen „Rubrizismus“. Aber dieser Missstand der Vergangenheit rechtfertigt in keiner Weise das andere Extrem eines libertären Umgangs mit der Liturgie, der die Einheit der weltweiten Kirche nicht mehr anerkennen will und die Liturgie dem Subjektivismus ausliefert.

Schauen wir kurz auf den Kampf des seligen Niels Stensen (1638-1686), den dieser im 17. Jahrhundert gegen die liturgischen Missbräuche seiner Zeit im damaligen Fürstbistum Münster führte: Bei seinen Visitationen achtete Niels vor allem darauf, dass der Klerus dem gegenüber Gerechtigkeit übt, dem er alles verdankt. Dabei ging es ihm vor allem um die Tugend der rechten Gottesverehrung. Er konnte es nicht ertragen, wenn in den Kirchengemeinden die Gottesdienstpraxis am Boden lag oder missbräuchlich war. Es ging ihm nicht um die geistlose Einhaltung von Rubriken sondern darum, dass den Menschen in den Kirchengemeinden wieder bewusst werden sollte, wem sie alle Ehre schuldeten. Er wollte durch seine Visitationen ein neues Klima der Ehrfurcht gegenüber Gott herstellen. Im Zentrum stand vor allem seine Sorge um einen angemessenen Umgang mit der heiligen Eucharistie. Wen wundert es? War es doch die Gegenwart Gottes im Altarsakrament, durch die Niels Stensen erst den Zugang zur Wahrheit des Glaubens gefunden hatte. Dieses Sakrament stand im Mittelpunkt seiner priesterlichen und bischöflichen Existenz.

Stensens Reform begann im Hohen Dom zu Münster: Die Gestaltung der Weiheliturgie entsprach in mehrfacher Hinsicht nicht den Vorgaben des Trienter Konzils. Stensen forderte vom Domkapitel klar und unmissverständlich ein, alle Missstände bezüglich der Gottesdienste, die im Zusammenhang mit den zu erteilenden Priesterweihen standen, abzuhelfen. Er wünschte bei den Weihegottesdiensten eine größere Feierlichkeit. Weiterhin schaffte Stensen jede Gebühr und Taxe, die der zu Weihende dem Sakramentsspender zu zahlen hatte, ab. Auch dieses Vorgehen verstieß klar gegen die Vorgaben von Trient. Für diese Maßnahme zog er sich unverzüglich den Widerstand des damaligen Generalvikars von Dript zu. Niels blieb aber hart: Alles musste dafür getan werden, dass der Geruch der Simonie aus dem liturgischen Handeln der Kirche verschwand. Nein, hier ließ der Reformer nicht mit sich verhandeln.

Der vornehmliche Kampf des Weihbischofs richtete sich gegen den liturgischen Missbrauch, der mit der Hl. Eucharistie in Zusammenhang stand. Hier liefern uns die Visitationsberichte des Seligen Aufschluss über die von ihm vorgefundenen Missstände, so monierte er bei einer Visitation im Oldenburger Münsterland in Emsteck folgendes: In der Kirche brannte kein ewiges Licht und der Tabernakel stand offen. Insgesamt war die Ehrfurcht vor dem Altarsakrament zu gering. Stensen ordnete dementsprechend folgendes an: „Die Männer und auch der Pastor machen keine Kniebeuge, oder auch nur eine sehr kleine, vor dem Sakrament. Das muss anders werden, die jüngeren Leute sind anzuweisen, dass sie sich ehrerbietig während der heiligen Messe betragen und während des Kanons knien. Auch dürfen knechtliche Arbeiten an Festtagen nicht geduldet werden. Die Paramente sind alt, schmutzig und nur von einer Farbe.“ Desweiteren bemängelt er gegenüber dem Pfarrer, dass die Palla, die er während des heiligen Messopfers benutzen musste, schmutzig gewesen sei. Darüber war unser Bischof zutiefst empört, ja verletzt, da dies ein Verhalten ist, das gegenüber dem im Sakrament gegenwärtigen Gott nicht zu dulden ist. Was würde ein Niels Stensen heute sagen, wenn er die Art und Weise unseres Umgangs mit der Eucharistie erleben würde?

Niels wachte aber nicht nur über die liturgische Ordnung. Bei seinen Visitationen beobachtete er genau, ob der jeweilige Pfarrer seine ureigene Aufgabe, die Seelsorge, wahrnahm oder nicht. So kritisierte er in einem Bericht den Pfarrer von Bakum: „Ganz in der Sorge für das Zeitliche vergraben, hat er Friedhofsgebiet verkauft, auf dem Schenken errichtet wurden, hat er die Kirche und das Heil der ihm anvertrauten Seelen darüber vergessen, so dass die Leute nicht wissen, was zur Beichte gehört, was ein Sakrament ist usw.“ Auch dieser Hinweis könnte aus unseren Tagen stammen. Wie oft sind unsere Pfarrer mit den Geschäften dieser Welt anstatt mit der Sorge um das salus animarum, das Seelenheil der ihnen anvertrauten Menschen beschäftigt. Auch dies ist ein Aspekt der rechten Gottesverehrung: Die Seelsorge hat zum Ziel, dass jede Seele wieder zu ihrem Ursprung zurückkommt. Gott hat einen Anspruch auf jede Seele, die er unendlich liebt. Die Kirche ist sein Mittel, alle durch Sünden geschehenen Verletzungen zu heilen, damit jeder Mensch in den Himmel kommen kann. Dafür ist Seelsorge da und nicht für das Sitzen in endlosen Sitzungen, bei denen das Resultat oft zweifelhaft erscheint.

Im Oktober 1682 schrieb der Dechant des Oldenburger Visitationsbezirkes an den Generalvikar in Münster: „Der Hochwürdigste Herr Weihbischof hat den Vechta-Distrikt recht streng visitiert.“ Das war im Klerus der allgemeine Eindruck und es bildeten sich Widerstandsgruppen gegen Stensen, die sich fortwährend in Münster über ihn beklagten. Der Konflikt mit dem Münsteraner Domklerus kam nach dem Tod des Fürstbischofs von Fürstenberg zum Höhepunkt. Das Domkapitel hatte sich bei der Wahl des neuen Bischofs durch Intrigen und wohl auch aus finanziellen Gründen auf den damaligen Kölner Kurfürsten, der bereits Bischof von Köln, Hildesheim und Lüttich war, geeinigt. Niels Stensen hatte als Nichtmitglied im Kapitel kein Wahlrecht. Ihm oblag aber die Aufgabe, vor dem eigentlichen Wahlakt die Votivmesse zum Heiligen Geist zu lesen. Da weigerte sich nun unser mutiger Weihbischof: „Wie aber soll man zum Heiligen Geist beten, wenn schon alles entschieden war – und noch dazu auf krummen Wegen?“

Er berichtete dem Papst über diese Unstimmigkeiten und verließ am Morgen des 1. September 1683, unmittelbar vor der geplanten Bischofswahl, Münster in Richtung Hamburg. Der Weihbischof resignierte, weil er sich darüber im Klaren war, dass er von dem neuen Bischof von Münster keinerlei Rückendeckung zu erwarten hatte. Immerhin konnte es Niels eine Genugtuung sein, dass der Heilige Stuhl in der Person des seligen Innozenz XI. diese Bischofswahl nicht anerkannte.

Bemerkenswert ist auch, dass einige Laien der damaligen Zeit offensichtlich erkannt haben, dass sie es mit einem Heiligen zu tun hatten. Aufschlussreich ist das Ratsprotokoll meiner Heimatstadt Ahaus im westlichen Münsterland, in dem die Ratsherren der Stadt ihren Eindruck über die Visitation des seligen Weihbischofs beschrieben: Niels Stensen sei einige Tage des Jahres 1682 zur Visitation in Ahaus gewesen, „wo er jeden Tag predigte, firmte und auch meistenteils zu Fuß von einem Ort zum anderen reiste, und so exemplariter und in Speise und Trank so mäßig lebte, dass er einem Heiligen gleichgehalten wurde.“ Aufgrund seines Lebensstils, seines Vorbilds erkannten diese Menschen, dass ein heiliger Bischof zu ihnen gekommen war. Dies ist umso bemerkenswerter, da in dieser Stadt der Münsteraner Fürstbischof das Schloss seiner Sommerresidenz hatte. Die Ahauser waren bis zum Besuch Niels Stensens von ihren Bischöfen sicher ein anderes Auftreten gewöhnt. Nun erlebten sie nicht den Kirchenfürsten, sondern den evangeliumsgemäßen Boten der Frohbotschaft, der ganz im Sinne seines Herrn in Bescheidenheit und Demut auftrat. Das hat diese Menschen offensichtlich sehr beeindruckt.

Als einfacher Priester, auf alle bischöflichen Insignien und Privilegien verzichtend, widmete er sich in den letzten Jahren ganz den Menschen der ihm anvertrauten nordischen Diaspora in Hamburg und Schwerin. Der Schmerz unseres Seligen muss unendlich groß gewesen sein. Ihm wurde klar, dass die ihm anvertraute Ortskirche weitgehend nicht gewillt war, den Trienter Reformgeist anzuerkennen. Grund hierfür war, dass man sich auf die Erträge der Pfründe sicher eingerichtet hatte.

Eine völlig verweltlichte Kirche erträgt es nicht, wenn die Geldquellen auch nur ansatzweise zu versiegen drohen.

Hier kommt einem der Gegenwartsbezug in den Sinn: Ist es wirklich gut, dass unsere Bischöfe und die Domkapitel aus den Haushalten der Länder bezahlt werden? Besteht durch diese Staatsnähe nicht die Gefahr, dass man dem Staat einige Dinge durchgehen lässt, um diese „Pfründe“ zu sichern? Birgt das Kirchensteuersystem an sich nicht auch die Gefahr einer Seelsorge, die sich auf diese „sichere Einnahmequelle“ eingerichtet hat? Wie steht es heute um die Verweltlichung der Kirche unserer Diözesen und Kirchengemeinden und die Notwendigkeit zur Bekehrung hin zur Entweltlichung, hin zu einem neuen geistlichen und evangeliumsgemäßen Leben der Kirche? All diese Fragen gibt uns das Leben des seligen Niels Stensen mit auf den Weg.

kath.net-Buchtipp
Ermunterung zur Heiligkeit - Die Tugenden im Leben der Heiligen und Seligen
Von Markus Büning
Taschenbuch, 208 Seiten
2016 Christiana-Verlag (fe-Medien)
ISBN 978-3717112624
Preis 7,95 EUR

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Bistum Osnabrück - Kurze Vorstellung von Bischof Nils Stensen - Sein Wappen wurde ins Wappen des Osnabrücker Bischofs Bode aufgenommen










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