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5 Sekunden vor 12 – nicht erst 2084

23. Juni 2016 in Kommentar, 37 Lesermeinungen
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Die Kirchen haben jedenfalls in kürzester Zeit durch viele ihrer Führungskräfte und Gremien derart massiv ihr kritisches Potenzial in der Gesellschaft abgebaut, dass mündigen Christen der Atem stockt. kath.net-Kommentar von Prof. Hubert Windisch


Regensburg-Freiburg (kath.net) Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal – immerhin 2011 Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels – beschreibt in seinem Roman „2084. Das Ende der Welt“, dessen Titel er George Orwells „1984“ entlehnt hat, eine schreckliche Vision: die islamische Glaubensdiktatur über die Welt.

Wie kann es dazu kommen? Dazu führt einerseits die barbarische Kraft und Rücksichtslosigkeit dieser Religion und andererseits die kraftlose Unterwürfigkeit der westlichen Kultur und ihrer christlichen Staffage. Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist mit dieser Vision praktisch zu Ende gedacht. In Bezug auf die Zeitangabe muss man Sansal allerdings widersprechen: Das alles wird nicht erst 2084 geschehen, es geschieht schon jetzt. Es ist 5 Sekunden vor 12.

Was erlaubt diese pessimistische Sicht der Dinge? Es sind viele Fakten. Sie alle aufzuzählen, würde diesen Beitrag sprengen. Hingewiesen sei deshalb in cumulo nur auf folgendes: Die Unterwürfigkeit gegenüber dem Islam zeigt sich vor allem im Bildungsbereich, z. B. an den Universitäten und Schulen. Laut dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz von der TU Berlin müssen sich Wissenschaftler gut überlegen, was sie zum Islam sagen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. In Bezug auf unser Alltagsverhalten sei diese Unterwürfigkeit an einem banalen Beispiel veranschaulicht. Bisher wurde kein Moslem gezwungen, in einer Kantine Schweinefleisch zu essen. Inzwischen stellt man aber in Kindergärten und anderen Einrichtungen ohne Notwendigkeit auf Halalessen um. Es ist erschreckend, wie schnell sich durch vorauseilende Unterwürfigkeit gegenüber islamischen Vorstellungen unser Miteinander verändert. Wird schließlich islamisches Verhalten aggressiv, antwortet man darauf meist hilflos durch ein immer größeres Polizeiaufgebot, das aber letztlich nur zu einer Symptombehandlung beitragen kann, anstatt eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem Islam zu wagen, die an die Wurzeln der Herausforderungen herangeht.


Nicht wenige möchten sich in der augenblicklichen Auflösung westlicher und letztlich auch christlicher Kultur noch an den Kirchen festhalten können, werden aber bitter durch deren Identitätsverlust enttäuscht, der auf einen gravierenden Realitätsverlust der Kirchen schließen lässt. Bei manchen devoten Äußerungen von Kirchenleitungen zum Islam kann man nicht nur eine unpassende Naivität, sondern auch diverse Ängste und vielleicht sogar eine gewisse Glaubensschwäche vermuten.

Die Kirchen haben jedenfalls in kürzester Zeit durch viele ihrer Führungskräfte und Gremien derart massiv ihr kritisches Potenzial in der Gesellschaft abgebaut, dass mündigen Christen der Atem stockt. Es wird nachgebetet, was etablierte Parteien politisch korrekt vorbeten. Es wird kirchlicherseits angesichts der kritischen Zeitläufte kaum noch geführt und verkündet, sondern eher beschwichtigt und verharmlost.

Einer Karikatur kirchlichen Selbstverständnisses gleich schreitet die Depotenzierung des kirchlichen Auftrags interessanterweise im Mantel der klerikalen Bevormundung der Gläubigen einher.

Zu Recht erscheint diese Bevormundung vielen als hohl, weil sie spüren, dass man sich nicht mehr der Wahrheit stellen will, sondern die Wirklichkeit (z. B. in Bezug auf die großen Schwierigkeiten mit den vielen männlichen muslimischen Flüchtlingen) verdrängt.

Viele fragen sich: Kann man auf der kirchlichen Führungsetage die Wirklichkeit nicht erkennen oder will man sie nicht erkennen? Das erste wäre Dummheit, das zweite Bosheit. In beiderlei Hinsicht besteht die große Gefahr, dass die Hirten ihre Herden verlieren. Viele mündige Christen halten so manche Wortmeldung oder manche Geste von Bischöfen und Kardinälen wie den Schlepperbootsaltar des Kölner Kardinals an Fronleichnam für unerträglich. Pfarrer erzählen mir, dass sie Gläubige nicht mehr aufhalten, wenn sie aus der Kirche austreten wollen. Was sollen die Pfarrer auch sagen, wenn selbst der Papst am 24. April dieses Jahres als Überraschungsgast bei einer Kundgebung für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz anlässlich des Internationalen Tages der Erde im Park der römischen Villa Borghese spontan erklärte: „Ob jemand dieser oder jener Religion angehört, spielt keine Rolle; alle gemeinsam vorangehen, um zusammenzuarbeiten; sich respektieren, sich respektieren!“

Der Substanzverlust des Christentums ist enorm. Der Wert des Christentums für die Welt wäre es ebenso. Wofür setzen wir uns ein? Eines dürfen wir jedenfalls nicht vergessen: Es gibt einmal ein Gericht über unser Zeugnis von Jesus Christus durch Jesus Christus selbst. Diesem Gericht entkommt keiner, auch nicht der Bischof, nicht der Kardinal, nicht der Papst.

Prof. Dr. Hubert Windisch (Foto) ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.


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