22 Dezember 2015, 17:45
L'amor che move il sole e l'altre stelle
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Zehn Jahre ‚Deus caritas est’. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Bei der Generalaudienz am 18. Januar 2006 kündigte Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika an, zu deren Veröffentlichung es dann am 25. Januar, Weltgebetstag für die Einheit der Christen, unter dem Titel „Deus caritas est“ – „Gott ist die Liebe“ kam. Das Lehrschreiben trägt das Datum seiner Unterzeichnung: 25. Dezember 2005.

Absicht Benedikts XVI. war es, den Begriff Liebe in seinen verschiedenen Dimensionen zu zeigen, denn: „Heute scheint ‚Liebe’, im alltäglichen Sprachgebrauch, weit von allem entfernt zu sein, was sich ein Christ vorstellt, wenn er von Liebe spricht“.

„Ich will zeigen“, so der Papst weiter, „dass es sich um eine einzige Bewegung handelt, aber mit verschiedenen Dimensionen. Der ‚Eros’, dieses Geschenk der Liebe zwischen Mann und Frau, kommt aus der gleichen Quelle der Güte des Schöpfers wie auch die Möglichkeit einer Liebe, die um des anderen willen auf sich selbst verzichtet. Der ‚Eros’ verwandelt sich in dem Maß in ‚Agape’, in dem sich die beiden wirklich lieben und einer nicht mehr sich selbst, seine Freude, seine Befriedigung sucht, sondern vor allem das Wohl des anderen. Und so verwandelt sich dieser ‚Eros’ in ‚Caritas’, auf einem Weg der Läuterung und Vertiefung. Von der eigenen Familie öffnet sie sich hin zur größeren Familie der Gesellschaft, zur Familie der Kirche und zur Familie der Welt“.

Des weiteren wollte der Papst darlegen, „dass der ganz und gar persönliche Akt der Liebe, der von Gott kommt und uns geschenkt wird, ein einziger Akt der Liebe ist. Er muss auch als kirchlicher – organisatorischer – Akt zum Ausdruck kommen. Wenn es wirklich wahr ist, dass die Kirche Ausdruck der Liebe Gottes ist, jener Liebe, die Gott für sein menschliches Geschöpf hegt, dann muss es auch stimmen, dass der fundamentale Akt des Glaubens, der die Kirche schafft und eint und uns die Hoffnung auf das ewige Leben und die Gegenwart Gottes in der Welt schenkt, auch einen kirchlichen Akt hervorbringt. Praktisch muss die Kirche als Kirche, als Gemeinschaft, als Institution lieben“.

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Auch das karitative Wesen der Kirche, ihre karitative Tätigkeit darf sich für Benedikt XVI. nicht in reiner Philanthropie erschöpfen, sondern muss „notwendiger Ausdruck des tiefsten Aktes der persönlichen Liebe sein, mit der uns Gott geschaffen hat und in unserem Herzen den Drang zur Liebe weckt, Spiegelbild der Liebe, die Gott ist und uns zu seinem Abbild macht“.

Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Enzyklika, am 23. Januar 2006, empfing Benedikt XVI. die Teilnehmer eines vom Päpstlichen Rat „Cor Unum“ ausgerichteten internationalen Kongresses in Audienz. Der Papst ergriff diese Gelegenheit, um selbst wesentliche Leseschlüssel für sein Lehrschreiben zu geben. Dabei ging Benedikt XVI. von der „kosmischen Reise“ aus, auf die der Dichter Dante Alighieri seine Leser mitnehmen will – eine Reise, die vor dem Licht Gottes endet, dem ewigen Licht, „l'amor che move il sole e l'altre stelle" (Par. XXXIII, V. 145), dem Licht, das „die Liebe ist, die auch die Sonne bewegt und die anderen Sterne“.

„O luce etterna che sola in te sidi, / sola t'intendi, e da te intelletta / e intendente te ami a arridi!“ – „Du ewig Licht ruhst in dir selbst allein, verstehst, erkennst dich, bist erkannt, verstanden in dir und lächelst dir in Liebe zu“ (Par. XXXIII, V. 124–126) – noch überwältigender als der absolute Mittelpunkt wird für Dante dann ein menschliches Antlitz: das Antlitz Christi.

„Gott“, „Christus“ und „Liebe“ werden in „Deus caritas est“ zu einem zentralen Leitbild des christlichen Glaubens zusammengeschlossen.


Zum 10. Jahrestag der Unterzeichnung der Enzyklika „Deus caritas est“ am 25. Dezember 2005 veröffentlicht kath.net die Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer eines vom Päpstlichen Rat „Cor Unum“ ausgerichteten internationalen Kongresses, Sala Clementina (23. Januar 2006):

Eminenzen, Exzellenzen,
meine Damen und Herren!

Die kosmische Reise, in die Dante in seiner Göttlichen Komödie den Leser miteinbeziehen will, endet vor dem ewigen Licht, das Gott selbst ist, vor jenem Licht, das zugleich »die Liebe ist, die auch die Sonne bewegt und die anderen Sterne« (Par. XXXIII, V. 145). Licht und Liebe sind ein und dasselbe. Sie sind die uranfängliche schöpferische Macht, die das Universum bewegt.

Auch wenn diese Worte aus Dantes Paradies das Denken des Aristoteles durchscheinen lassen, der im Eros jene Macht sah, die die Welt bewegt, so nimmt dennoch Dantes Blick etwas völlig Neues wahr, was für den griechischen Philosophen noch unvorstellbar war. Nicht nur, dass sich ihm das ewige Licht in drei Kreisen offenbart, an die er sich mit jenen uns bekannten eindringlichen Versen wendet: »Du ewig Licht ruhst in dir selbst allein, verstehst, erkennst dich, bist erkannt, verstanden in dir und lächelst dir in Liebe zu« (Par. XXXIII, V. 124–126). Tatsächlich noch überwältigender als diese Offenbarung Gottes als trinitarischer Kreis der Erkenntnis und der Liebe ist die Wahrnehmung eines menschlichen Antlitzes – das Antlitz Jesu Christi –, das sich Dante in dem zentralen Kreis des Lichtes zeigt. Gott, unendliches Licht, dessen unermessliches Geheimnis der griechische Philosoph erahnt hatte, dieser Gott hat ein menschliches Antlitz und – so dürfen wir hinzufügen – ein menschliches Herz.

In dieser Vision Dantes zeigt sich zum einen die Kontinuität zwischen dem christlichen Glauben an Gott und der von der Vernunft und von der Welt der Religionen entwickelten Suche; gleichzeitig jedoch kommt auch die Neuheit zum Vorschein, die jede menschliche Suche übertrifft – die Neuheit, die allein Gott uns offenbaren konnte: die Neuheit einer Liebe, die Gott dazu veranlasst hat, ein menschliches Antlitz, ja Fleisch und Blut, das ganze menschliche Sein anzunehmen. Der göttliche Eros ist nicht nur eine uranfängliche kosmische Kraft. Er ist Liebe, die den Menschen geschaffen hat und sich zu ihm hinunterbeugt, wie sich der barmherzige Samariter zu dem verwundeten und beraubten Mann hinuntergebeugt hat, der am Wegrand der Straße von Jerusalem nach Jericho lag.

Das Wort »Liebe« ist heutzutage so nichtssagend, abgenutzt und missbraucht, dass man sich fast scheut, es in den Mund zu nehmen. Und doch ist es ein Urwort, Ausdruck der urweltlichen Wirklichkeit; wir dürfen es nicht einfach aufgeben, sondern müssen es wiederaufnehmen, reinigen und zu seinem ursprünglichen Glanz zurückführen, damit es unser Leben erleuchten und auf den rechten Weg bringen kann. Dieses Bewusstsein war es denn auch, das mich veranlasst hat, die Liebe als Thema meiner ersten Enzyklika zu wählen. Zentrale Stellung des Glaubens an Gott Ich wollte versuchen, für unsere Zeit und für unser Dasein etwas von dem zum Ausdruck zu bringen, was Dante in seiner Vision so wagemutig zusammengefasst hat. Er erzählt von der »Sehkraft«, die sich »mehrte«, während er schaute, und die ihn innerlich verwandelte (vgl. Par XXXIII., V. 112–114).

Genau darum geht es: Dass der Glaube zu einem schauenden Begreifen wird, das uns verwandelt. Ich wollte die zentrale Stellung des Glaubens an Gott – an jenen Gott, der ein menschliches Antlitz und ein menschliches Herz angenommen hat – hervorheben. Der Glaube ist keine Theorie, die man sich zu eigen machen oder auch zurückstellen kann. Er ist etwas sehr Konkretes: Er ist das Kriterium, das über unseren Lebensstil entscheidet. In einer Zeit, in der die Feindseligkeit und die Habgier zu Supermächten geworden sind, in einer Zeit, in der wir den Missbrauch der Religion bis zur Apotheose des Hasses erleben müssen, ist die reine neutrale Rationalität nicht imstande, uns zu schützen. Wir brauchen den lebendigen Gott, der uns bis zum Tod geliebt hat.

So werden in dieser Enzyklika die Themen »Gott«, »Christus« und »Liebe« zu einem zentralen Leitbild des christlichen Glaubens zusammengeschlossen. Ich wollte die Menschlichkeit des Glaubens zeigen, zu dem der Eros gehört – das »Ja« des Menschen zu seiner von Gott geschaffenen Leiblichkeit, ein »Ja«, das in der unauflöslichen Ehe zwischen Mann und Frau seine in der Schöpfung verwurzelte Gestalt findet. Und dort, in der Ehe, verwandelt sich der Eros in Agape – die Liebe zum anderen sucht nicht mehr sich selbst, sondern wird zur Sorge für den anderen, zur Bereitschaft, sich für ihn aufzuopfern und auch für das Geschenk eines neuen menschlichen Lebens offen zu sein. Die christliche Agape, die Liebe zum Nächsten in der Nachfolge Christi, ist nicht etwas Fremdes, das den Eros beiseite schieben oder sich gar gegen ihn richten würde. Ja, sie hat in dem Opfer, das Christus für den Menschen erbracht hat, eine neue Dimension gefunden, die sich in der Geschichte der barmherzigen Hinwendung der Christen zu den Armen und Leidenden immer mehr entfaltet hat.

Eine erste Lektüre der Enzyklika könnte vielleicht den Eindruck erwecken, sie zerfalle in zwei Teile, die nur lose miteinander verbunden sind: einen ersten theoretischen Teil, der vom Wesen der Liebe spricht, und einen zweiten, der von der kirchlichen Caritas, den karitativen Organisationen handelt. Mir ging es jedoch gerade um die Einheit der beiden Themen, die nur dann richtig zu verstehen sind, wenn sie als ein einziges gesehen werden. Zuerst sollte das Wesen der Liebe, wie es sich uns im Licht des biblischen Zeugnisses darstellt, behandelt werden. Vom christlichen Gottesbild ausgehend, sollte gezeigt werden, wie der Mensch dazu geschaffen ist zu lieben, und wie diese Liebe, die am Anfang vor allem als Eros zwischen Mann und Frau in Erscheinung tritt, sich dann innerlich in Agape, das Geschenk seiner selbst an den anderen, wandelt – und das gerade, um der wahren Natur des Eros zu entsprechen.

Auf dieser Grundlage sollte dann dargelegt werden, dass das Wesen der in der Bibel beschriebenen Liebe zu Gott und zum Nächsten das Zentrum der christlichen Existenz bildet, Frucht des Glaubens ist. Danach jedoch sollte in einem zweiten Teil deutlich gemacht werden, dass der ganz und gar persönliche Akt der Agape niemals eine rein individuelle Angelegenheit bleiben kann, sondern auch zu einem wesentlichen Akt der Kirche als Gemeinschaft werden muss, das heißt, es bedarf auch der institutionellen Gestalt, die im gemeinschaftlichen Handeln der Kirche zum Ausdruck kommt. Die kirchliche Organisation der Caritas ist nicht eine Form sozialer Hilfe, die sich der kirchlichen Realität mehr oder weniger zufällig anschließt, eine Initiative, die man auch anderen überlassen könnte. Sie ist vielmehr Teil der Natur der Kirche. So wie dem göttlichen Logos die menschliche Verkündigung, das Wort des Glaubens entspricht, so muss die Agape, die Gott ist, der Agape der Kirche, das heißt ihrer karitativen Tätigkeit, entsprechen.

Gott und Christus – Quelle der kirchlichen Caritas Außer der ersten ganz konkreten Bedeutung der Hilfe für den Nächsten hat diese Tätigkeit wesentlich auch die Aufgabe, die Liebe Gottes, die wir selbst empfangen, den anderen mitzuteilen. Sie muss gewissermaßen den lebendigen Gott sichtbar machen. Gott und Christus dürfen in der karitativen Organisation keine Fremdworte sein. Sie zeigen in Wirklichkeit die ursprüngliche Quelle der kirchlichen Caritas. Die Kraft der Caritas hängt von der Kraft des Glaubens aller Mitglieder und Mitarbeiter ab.

Das Drama des leidenden Menschen berührt unser Herz. Aber der Sinn des karitativen Engagements geht weit über bloße Philanthropie hinaus. Es ist Gott selbst, der uns innerlich antreibt, das Elend zu lindern. So ist es letztendlich er selbst, den wir in die leidende Welt tragen. Je bewusster und klarer wir ihn als Geschenk mitbringen, um so wirksamer wird unsere Liebe die Welt verwandeln und in ihr wieder Hoffnung wecken – eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht und nur so wahre Hoffnung für den Menschen ist. Ich wünsche euch für euer Symposion den Segen des Herrn.

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