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«Der fundamentalste aller Unterschiede»

19. November 2015 in Interview, 4 Lesermeinungen
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Biologe beklagt ideologisch Gleichmacherei der Geschlechter. Von Christoph Scholz (KNA)


Berlin (kath.net/KNA) Der renommierte Konstanzer Evolutionsbiologe Axel Meyer sorgt mit seinem Buch «Adams Apfel und Evas Erbe» für rege Diskussionen darüber, «wie Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer». Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläuterte er am Mittwoch aus evolutionsbiologischer Sicht, wie dies auch das soziale Verhalten prägt. Die Gender-Vorstellung, wonach das Geschlecht ein soziales Konstrukt ist, weist er als unwissenschaftlich zurück.

KNA: Spätestens seit Conchita Wurst scheint der «kleine Unterschied» zwischen Mann und Frau zu verschwimmen. Was sagt der Evolutionsbiologe dazu?

Meyer: Das Geschlecht ist biologisch der fundamentalste aller Unterschiede unter den Menschen. Und dabei ist die Unterteilung in männlich und weiblich wie bei fast allen anderen Lebewesen universell. Nicht zufällig stellen sich die Eltern bei einer Schwangerschaft fast immer als erstes die Frage: «Mädchen oder Junge?» Conchita Wurst scheint nichts als ein Publicity Stunt zu sein, um Aufmerksamkeit zu erreichen und morbiden Voyeurismus zu befriedigen. Wenn er/sie wenigsten singen könnte...

KNA: Gibt es einen biologischen Grund für die Geschlechter-Teilung?

Meyer: Die Teilung in zwei Geschlechter ermöglicht genetische Variationen während der geschlechtlichen Fortpflanzung. Damit ist ein Teil der Nachfahren möglicherweise besser an neue Umwelten angepasst, indem etwa die Resistenz gegenüber Krankheiten erhöht ist.

KNA: Wie sieht es mit der Gleichheit aus?

Meyer: Die Natur ist nicht political correct: Kein Mensch gleicht genetisch dem anderen. Das betrifft auch Anlagen, Begabungen oder die körperlicher Gestalt. Aber deshalb muss niemand besser oder schlechter sein - wir sind eben alle Mutanten, jeder ein bisschen anders.


KNA: Welchen Einfluss haben bei der Entwicklung Umwelt und soziale Beziehungen?

Meyer: Sie sind wesentlich: Ein Merkmal entwickelt sich stets im Wechselspiel zwischen Erbanlagen und Umwelt. Die gilt auch für die rund 140 Gene, die je für Körpergröße oder Intelligenz verantwortlich sind. Es gibt beispielsweise Regionen mit Jodmangel, was den IQ um bis zu 15 Punkte drücken kann. Der Umwelteinfluss ist je nach Merkmal und Krankheit unterschiedlich groß.

KNA: Gibt es dann ein typisch männliches oder weibliches Verhalten?

Meyer: Ja, eine ganze Reihe von Verhaltensunterschieden ist biologischen Ursprungs. Entwicklungspsychologisch reagieren Jungs eher auf Mobiles und spielen lieber mit technischem Spielzeug; Mädchen mögen Puppen und schauen der Mutter länger in die Augen. Solche Unterschiede finden sich kulturübergreifend, selbst bei Affenbabys. Männer sind aggressiver und gebrauchen mehr Waffen und Werkzeuge, Frauen sind empathischer. Männer haben eine kürzere Lebenserwartung aber eine bessere räumliche Orientierung, und, und, und.

KNA: Das hört sich nach biologistischem Determinismus an. Wo bleibt die Freiheit?

Meyer: Die Natur gibt, je nach Merkmal, zwar Anlagen vor, aber bestimmt natürlich nicht alles. Wir haben unser Verhalten und Gesundheit und so weiter im vorgegebenen Rahmen selber in der Hand durch Ernährung, Sport, Bildung oder moralische Entscheidungen. Glück und Zufall spielt auch immer eine Rolle, das sollte man nicht vergessen, denn wir konnten uns ja - das Entscheidendste im Leben - unsere Eltern nicht aussuchen. Sonst hätten Brad Pitt und Angelina Jolie noch mehr Kinder.

KNA: Die Gender-Theorie sieht Heterosexualität als gesellschaftlich normiert an. Die Vordenkerin, Judith Buttler, fordert, den «kulturell bedingten Status von Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht» zu denken.

Meyer: Mit den Ergebnissen von Biologie und naturwissenschaftlicher Forschung hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Eine Metastudie basierend auf 18.000 Studien kommt auf 65 universelle, biologische Unterschiede, von denen ich bereits einige nannte.

KNA: Immerhin gilt das Gender-Mainstreaming von der Wirtschaft bis zum Regierungshandeln. Wir haben rund 200 Lehrstühle an denen auch Gender-Studies gelehrt wird.

Meyer: Die zu 95 Prozent von Frauen besetzt sind. Wenn die Geschlechtergleichheit propagiert wird, sollten dann nicht auch fifty-fifty Männer und Frauen die Lehrstühle besetzen? Viele Aspekte der Gender-Studies erscheinen mir irrational, ja antiwissenschaftlich, besonders wenn sie sich über biologische Erkenntnisse hinwegsetzen. Beim Mainstreaming wird wider besseres Wissen einer politischen Ideologie Macht verliehen. Und das ist genau die Antiwissenschaftlichkeit, die ich anprangere. Eine Ideologie ist nicht offen für wissenschaftliche Ergebnisse und hat an Universitäten nichts zu suchen.

KNA: Wie steht es um die Präferenz? Kann ich mich für ein Geschlecht entscheiden?

Meyer: Die Präferenz ist zu einem nicht unerheblichen Teil angeboren. Der Mensch kann sich nicht völlig frei in diese oder jene Richtung entscheiden, auch wenn der radikale Flügel der LGBT-Community dies behaupten mag. Problematisch wird es für mich, wenn daraus gesellschaftspolitische oder pädagogische Schlüsse gezogen werden, etwa für die Kindererziehung. Natürlich bin ich für Toleranz und Gleichberechtigung, aber nicht für Gleichmacherei von Ungleichem oder ideologische Umerziehung. Das hatte wir schon bei den Nazis und in der DDR, das brauchen wir kein drittes Mal.

KNA: Gibt es aber nicht Mischformen? Deutschland kennt inzwischen ein Drittes Geschlecht im Pass und Facebook bietet 54 geschlechtliche Zuordnungen an.

Meyer: Genetisch gibt es eine kleine Zahl von Trans- und Intersexuellen. Intersexualität trifft auf 1 in 4.000 bis 20.000 Fällen zu, je nach Studie. Also wir reden hier von 0.025 Prozent - 0.005 Prozent der Bevölkerung. Das sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Selbst hier bleibt bei aller Abweichung die Grundorientierung an «Männlich» und «Weiblich». Ganz praktisch gilt das übrigens auch bei der Zulassung zu olympischen Spielen, wenn etwa Transsexuelle ausgeschlossen werden, weil sie anderen Frauen – durch genetische oder hormonelle «Unfälle» - überlegen wären.

KNA: Wie steht es um die Homosexualität?

Meyer: Evolutionsbiologisch ist Homosexualität schwerer zu erklären. Denn sie sorgt nicht für Nachfahren. Aber es scheint so zu sein, dass die Veranlagung auch zum Teil genetisch bedingt ist und eher von Müttern weitergegeben wird. Männern sind oft deutlicher ausschließlich homo- oder heterosexuell als Frauen. Ihr Anteil liegt zwischen ein und drei Prozent an der Bevölkerung.

KNA: In Deutschland steht die Frage der Adoption für gleichgeschlechtliche Paar zur Diskussion. Wie wichtig sind aus Sicht der Biologie Vater und Mutter für die Ausbildung des Rollenverhaltens beim Kind?

Meyer: Ich meine zur gesunden Entwicklung des Kindes gehören Vater und Mutter, da sich Rollen in der Erziehung wie Vorbildfunktionen und so weiter ergänzen. Ich halte besonders Leihmutterschaften für moralisch bedenklich, da sie meist Frauen in Not ausbeuten.

(C) 2015 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Foto Prof. Meyer © Universität Konstanz


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