22 Oktober 2015, 21:00
Medienberichte und Synodengeschehen haben 'wenig miteinander zu tun'
 
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Synodenbeobachter Prof. Schirrmacher (Evangelische Allianz) kritisiert Medienrezeption der Bischofssynode, dies gelte „selbst dann, wenn verärgerte Synodenväter selbst Sachen an die Presse lancieren“. kath.net-Interview von Petra Lorleberg

Vatikan (kath.net/pl) „Das sei mal als großes Lob gesagt: So unmittelbar nimmt mich sonst keine protestantische Kirche in die laufenden Diskussionen mit hinein, wenn es nicht meine eigene ist.“ Dies stellt Professor Thomas Schirrmacher im Interview mit kath.net fest. Der evangelisch-reformierte Theologieprofessor Schirrmacher ist der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), geladener Beobachter der vatikanischen Bischofssynode und Mitglied des deutschsprachigen Zirkels. Er äußert sich zu so heißen Themen wie Mediendarstellung der Bischofssynode und Behauptungen über angebliche Lagerbildungen. Dazu stellt er beispielsweise fest: „Das, was die Medien berichten und was hier passiert, hat wenig miteinander zu tun. Das gilt selbst dann, wenn verärgerte Synodenväter selbst Sachen an die Presse lancieren, dann tun sie meist so, als hätten sie die Mehrheit, aber eine Minderheit gefährde die Kirche.“ Außerdem weist der Theologe darauf hin, dass die Ergebnisse der Bischofssynode auch auf die evangelische und die orthodoxe Christenheit rückwirken werden, so wie es ja auch umgekehrt zu Wechelwirkungen komme: „Wenn der Papst Fiat fährt, werden amerikanische Fernsehprediger plötzlich von ihren eigenen Leuten gefragt, warum sie eigentlich eine eigene Gulfstream brauchen.“

kath.net: Herr Prof. Schirrmacher, Sie haben offenbar keine Berührungsängste mit katholischen Würdenträgern, sondern kontern auf der Bischofssynode ganz locker mit klassischer Kleidung für protestantische Geistliche in hoher Leitungsverantwortung – Werden Sie gelegentlich darauf angesprochen?

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Schirrmacher:
Die meisten Delegierten kennen mich von einer früheren Synode oder anderen Konferenzen oder von den inzwischen recht häufigen Treffen zwischen Vertretern der Institutionen im Vatikan und der Weltweiten Evangelischen Allianz. Am erstauntesten sind ganz offensichtlich die, die im Alltagsleben ihrer Diözese wenig mit uns zu tun haben und uns nur aus den Medien kennen. Umgekehrt gibt es das ja genauso: Je weniger echte Begegnung, desto größer die falschen Vorstellungen oder gar Vorurteilen.

kath.net: Was genau ist Ihre Rolle bei der Bischofssynode?

Schirrmacher:
Brüderliche Delegierte, wie wir heißen, stehen außer dem Stimmrecht eigentlich den anderen Delegierten in nichts nach. Wir haben genauso wie jeder andere 3 Minuten in den Plenarreden, bekommen alle Insiderinformationen, diskutieren in den Sprachgruppen ohne jede Einschränkung mit, machen Textvorschläge für das Abschlussdokument – in der deutschsprachigen Gruppe sind die auch von allen auf die Reise nach oben geschickt worden. Ich hatte täglich ein Gespräch von ca. 10 Minuten, wo es nicht nur, aber auch um die Inhalte der Synode ging.

Das sei mal als großes Lob gesagt: So unmittelbar nimmt mich sonst keine protestantische Kirche in die laufenden Diskussionen mit hinein, wenn es nicht meine eigene ist.

kath.net: Kardinal Marx bezeichnete gleich zu Anfang der Synode vor Journalisten Berichte über ein konservatives und ein progressives Lager als «Inszenierung der Medien». Trotzdem ordnen auch kirchliche Nachrichtenagenturen wie KNA und KAP einzelne Teilnehmer unverdrossen den Lagern zu. Wie erleben Sie das vor Ort?

Schirrmacher:
Na, das, was die Medien berichten und was hier passiert, hat wenig miteinander zu tun. Das gilt selbst dann, wenn verärgerte Synodenväter selbst Sachen an die Presse lancieren, dann tun sie meist so, als hätten sie die Mehrheit, aber eine Minderheit gefährde die Kirche.

Die Realität ist: Natürlich wird hier auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus sehr offen gesprochen. Aber Lager im Sinne von Parteien bilden sich aus drei Gründen nicht heraus:

1. Viele der Probleme sind typisch Kontinent-bezogen, die Kontinente bilden aber gewissermaßen keine Allianzen. So haben die Afrikaner typisch eigene Probleme mit Polygamie und teuer Mitgift, weswegen die kirchliche Trauung lange herausgezögert wird, aber die Asiaten gehen mit ähnlichen Problemen völlig anders um.

2. Man kann bestenfalls zu einem Thema sagen, dass jemand konservativ oder progressiv ist, aber die Antworten passen nicht zusammen. Da ist also etwa einer dafür, in klar umrissenen Ausnahmefällen nach Buße usw. Wiederverheiratete mit Kindern zum Empfang der Kommunion zuzulassen, ist aber gleichzeitig gegen die Aufnahme irgendeines Wortes der Entschuldigung wegen Kriminalisierung von Homosexualität in der Vergangenheit. Wo gehört der nun hin?

Und 3. erlebe ich, dass man sehr viel Verständnis für den jeweils anderen hat, das heißt, dass alle die berichteten komplizierten seelsorgerlichen Situationen gut verstehen, nur in der Lösung nicht übereinstimmen. Es gibt hier bei den allermeisten sehr viel Verständnis dafür, warum die andere Seite die heiklen Themen anspricht.

kath.net: Es geht um Ehe und Familie. Wie ist die Spannbreite der diesbezüglichen Positionen in der Evangelischen Allianz? Welche Positionen bringen Sie selbst in den deutschen Gesprächszirkel ein?

Schirrmacher:
Ich bringe in den Zirkel die Positionen der evangelikalen Ethik ein, für die Worte Jesu in der Heiligen Schrift weiter verbindlich sind, aber der Charakter des Christentums als Vergebungs- und Erlösungsgemeinschaft ebenso deutlich werden muss.

Dabei entspricht das katholische Verständnis der Ehe am ehesten unserem Verständnis der Ehe als biblisch und schöpfungsmäßig begründeten Bund. Bei uns in der Allianz geht es um die Positionen, die mit der klassischen katholischen Position weitgehend übereinstimmen bis hin zu Positionen, dass jemand, der nicht aus der Kirche ausgeschlossen wurde, immer auch den Leib des Herrn empfangen darf.

Zum Thema Homosexualität haben wir die ganze Bandbreite von Afrika, also einer strafrechtlichen Ahndung von Homosexualität; über die Mehrheitsposition, dass Homosexualität Sünde ist, Homosexuelle aber nicht gesellschaftlich diskriminiert werden sollten; bis hin zu einer Minderheit, die der Meinung ist, dass Homosexuelle ihre Orientierung nicht ändern können und deswegen zölibatär oder in dauerhafter Partnerschaft leben sollten. Wir haben ja kein Lehramt, sondern eine Art Dauersynode in den Gemeinden.

kath.net: Sollten wir im Christentum die Familie wieder stärken und wie könnte dies geschehen? Oder sehen Sie in diesem Bereich derzeit keinen Korrekturbedarf?

Schirrmacher:
Ja, wir sollten uns bewusst machen, dass die Familie von Gott geschaffen wurde, bevor es Staat und Kirche gab und sich das im Leben jedes Einzelnen wiederholt: Die Familie prägt ihn als Erstes – zum Guten wie zum Schlechten.

Sexualität und Familie sind der Höhepunkt des Schöpfungsberichtes („Und siehe es war sehr gut“) und ein Geniestreich des Schöpfers. Sie zu einem reinen Arrangement des Zusammenlebens herabzustufen, bedeutet nicht nur, das Werk des Schöpfers in Frage zu stellen, sondern auch konkret Milliarden von Menschen persönlich zu schaden.

kath.net: Erwarten Sie Rückwirkungen von Beschlüssen dieser katholischen Bischofssynode auch auf die Mitgliedsgemeinschaften der Evangelischen Allianz oder gibt es hier noch keinerlei Wechselwirkungen?

Schirrmacher:
Ja natürlich sind Auswirkungen zu erwarten. Es gibt weltweit drei große christliche Körperschaften. Ich nenne das die Kuchenthese: Die Katholische Kirche macht die Hälfte des Kuchens aus. Die Kirchen der zweiten Hälfte, die Nichtkatholiken, sind wieder in zwei Hälften zu teilen, da es zwei globale Dachverbände gibt. Der Ökumenische Rat der Kirchen umfasst die orthodoxen Kirchen und die historischen protestantischen Großkirchen. Die Evangelische Allianz umfasst im Wesentlichen die jüngeren protestantischen Kirchen. Beide sind mit ca. 600 Millionen Anhängern etwas gleich groß. Diese drei Verbände beeinflussen sich enorm, was die einen tun, beeinflusst die anderen unmittelbar, sei es zu Guten wie zum Schlechten. Das was die katholische Hälfte des Kuchens macht und entscheidet, prägt natürlich alle.

Wenn der Papst Fiat fährt, werden amerikanische Fernsehprediger plötzlich von ihren eigenen Leuten gefragt, warum sie eigentlich eine eigene Gulfstream brauchen. Davon, dass wir etwa zig Millionen gemischt katholisch-evangelikale Ehen in Afrika und im Globalen Süden haben, einmal gar nicht zu sprechen.

kath.net: Wo stehen wir im deutschen Sprachraum eigentlich grundsätzlich mit dem Kontakt zwischen Evangelischer Allianz und Katholiken?

Schirrmacher:
Im deutschen Sprachraum ist die Situation in Deutschland und Österreich insofern anders, als in fast allen anderen Ländern, weil die Evangelischen Allianzen keine Dachverbände von Kirchen sind – wie es etwa schon in der Schweiz der Fall ist.

Das liegt daran, dass in beiden Ländern etwa die Hälfte der Evangelikalen in den historischen evangelischen Kirchen sind und man deswegen andere organisatorische Formen der Zusammenarbeit gefunden hat. Das macht die Sache für die katholische Seite recht unübersichtlich, vor allem, weil sie mit den Vertretern der landeskirchlichen Evangelikalen ja nicht als Kirchen spricht.

In Kenia oder Korea zum Beispiel stehen der katholischen Kirche einfach die konservativen evangelischen Kirchen als Evangelische Allianz und der (wesentlich kleinere) Nationale Kirchenrat mit den anderen Kirchen gegenüber, da spricht man mit den Evangelikalen als Kirchen.

Trotzdem erleben wir, dass die katholische Seite evangelikale Theologen und Führer zunehmend als Vertreter eines Viertels der Weltchristenheit ernst nehmen und lernen, zwischen der Situation in unseren Ländern und der weltweite Lage zu unterscheiden.

Fotostrecke:
Schirrmacher spricht zur Plenarversammlung der Bischofssynode 2015




Papst Franziskus wünschte eine Kopie der Rede von Prof. Schirrmacher und bedankte sich dafür




Mit den Kardinälen Schönborn und Marx




Mit Kurienkardinal Müller




Der evangelisch-reformierte Theologe arbeitet im Sitzungssaal der Glaubenskongregation während einer Sitzungspause am Synodentext




Im Gespräch mit Papst Franziskus während einer Sitzungspause




Am Ende eines Synodentages: Thomas Schirrmacher mit dem Kardinal von Äthiopien und dem Erzbischof von Süd-Sudan





Foto oben (c) Thomas Schirrmacher








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