08 Oktober 2015, 11:00
Die Entwicklung vom Feminismus zur Gender-Ideologie
 
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Anfangs wurde im Feminismus der Unterschied zwischen den Geschlechtern noch betont. Inzwischen soll das Geschlecht überhaupt keine Rolle mehr spielen. Leseprobe 4 aus „Gender – Was steckt dahinter?“ von Mathias von Gersdorff

Illertissen (kath.net) Für die Entstehung der Gender-Ideologie ist der Feminismus von herausragender Bedeutung, weil er zuerst jeglichen Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern kritisierte mit dem Argument, diese Ungleichheit führe zu einer systemimmanenten Unterdrückung der Frau. Der Feminismus der 1970er-Jahre übernahm ganz die Idee des Klassenkampfes. „Proletariat“ wird durch „Frauen“ ersetzt. Diese müssten gegen die Herrschaft der Männer kämpfen, um sich emanzipieren zu können.

Bekannteste Figur weltweit ist Simone de Beauvoir. Ihr Buch „Das andere Geschlecht“ ist so etwas wie das Manifest der Frauenbewegung. Jüngerin de Beauvoirs und bekannteste Figur der deutschen Frauenbewegung ist Alice Schwarzer.

Der wohl bekannteste Satz de Beauvoirs ist: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt.“

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Dieser Satz klingt wie der erste Gender-Schlachtruf. Man kann darüber streiten, ob Simone de Beauvoir das im Sinne der heutigen Gender-Ideologen so gemeint hat. Jedenfalls ist nicht zu leugnen, dass Gender-Ideologen sehr viele Denkansätze von de Beauvoir aufgrund ihres existenzialistischen Ansatzes aufgegriffen haben. Entsprechend dem Existenzialismus geht die Existenz der Essenz vor. Jean-Paul Sartre, Hauptvertreter des Existenzialismus, schreibt: „Wenn der Mensch, so wie ihn der Existenzialist begreift, nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs nichts ist [also keine Essenz besitzt, Anm. d. Verf.]. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt“.

Auf dieser philosophischen Grundlage entwickelt Simone de Beauvoir ihre feministische Theorie in „Das andere Geschlecht“. Welchen Einfluss der Existenzialismus für de Beauvoirs Denken hat und in welcher Hinsicht hier schon der Kerngedanke der Gender-Ideologie enthalten ist, die behauptet, es gäbe eigentlich keine Männer und Frauen, erläutert Karl Simpfendörfer, wenn er die Struktur des Beauvoir’schen Gedankensystems beschreibt: „Unter diesen Basisideen des feministischen Gedankensystems bestehen logische Bezüge. Der Gedanke (dass es keinen Gott gibt) bedingt, (dass der Mensch keine Natur bzw. kein Wesen besitzt) und (er deshalb gestaltbare Materie ist). Dies ist einleuchtend. Wenn es keinen Gott gibt, der die Menschen nach einem bestimmten Plan oder einer bestimmten Vorstellung entworfen hat, gibt es keine Wesenheit des Menschen als Nachvollzug und Ausdruck dieses Plans oder dieser Vorstellung. Da kein Schöpfer vorhanden ist, der die Menschen nach seinen Vorstellungen und mit einer konkreten Bestimmung geschaffen hat, gibt es auch nicht den Menschen, sondern nur existierende Wesen einer potenziellen Gattung Mensch, die erst durch die Gestaltung ihres Selbst sich zu Menschen ‚adeln‘.“

Simpfendörfer kritisiert Simone de Beauvoir als Wegbereiterin der Abtreibungsgesellschaft. Doch seine Analyse zeigt ebenso gut, wie wichtig ihr Beitrag für die Entstehung der Gender-Ideologie ist.

Natürlich war Simone de Beauvoir nicht die einzige Feministin und vor allem war sie nicht die mit den radikalsten Ansichten. Um ein Beispiel einer noch radikaleren Figur zu geben, nenne ich hier Shulamith Firestone (1945–2012). Sie war wohl eine der Ersten, welche die weibliche Biologie in den Mittelpunkt der Analyse stellte: „Feministinnen müssen nicht nur die gesamte westliche Kultur infrage stellen, sondern die Kultur selbst, mehr noch: sogar die Natur.“ Dann, so behauptete sie, dürften die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau so gut wie keine Rolle spielen: „Die feministische Revolution muss, im Gegensatz zur ersten feministischen Bewegung [damit meint Shulamith Firestone die Frauenbewegung innerhalb der Arbeiterbewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, Anm. d. Verf.] nicht einfach auf die Beseitigung männlicher Privilegien, sondern der Geschlechtsunterschiede zwischen den Geschlechtern selbst zielen: Genitale Unterschiede zwischen den Geschlechtern hätten dann keine gesellschaftliche Bedeutung mehr. (Das bedeutet die Rückkehr zu einer ungehinderten Pansexualität – Freuds ‚polymorphe Perversion‘ –, und würde dann wahrscheinlich die Hetero-Homo-Bisexualität ersetzen).“

Judith Butler und die Queer Theorie

Nachdem die feministische Bewegung, die im Westen im Zuge der 1968er-Bewegung entstanden ist und in den 1970er- und 1980er-Jahren erhebliche Erfolge erreichen konnte, insbesondere bei der fast weltweiten Freigabe der Abtreibung, ins Stocken geriet, konnte sie keine neuen Ansätze mehr entwickeln auf der Basis der Idee eines Klassenkampfes zwischen den Geschlechtern.

Dieser Feminismus, der die Muster des Marxismus für seine gesellschaftspolitischen Kämpfe übernommen hatte, geriet deshalb zunehmend in die Kritik: Zu sehr würde man auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern abheben. Diese Akzentuierung der Ungleichheit zwischen den beiden Geschlechtern würde im Endeffekt die Ungleichheit noch verschärfen, anstatt sie zu überwinden. Diese Feministinnen würden sich in der Tat im Grunde so verhalten, als ob sie gar kein Geschlecht hätten und sich das der Männer erkämpfen müssten, etwa so, wie die Proletarier in der kommunistischen Revolution sich den Besitz am Kapital erkämpfen müssten, um selber Kapitalisten zu werden, so die Kritik. Die Norm bliebe der Mann, und es gelte, die Frau zu vermännlichen.

Die Polarität zwischen dem Mann und der (diskriminierten und unterjochten) Frau sollte vielmehr überwunden werden: Das Geschlecht sollte als Faktor in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Aufbau einer „gerechten“ Gesellschaft und überhaupt im Bewusstsein keine Rolle mehr spielen.

kath.net-Lesetipp:
Gender. Was steckt dahinter?
Von Mathias von Gersdorff
144 Seiten, Hardcover
2015 Media Maria
ISBN 978-3-945401-14-9
Preis 15.40 EUR

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