13 August 2015, 10:00
Humanismus der Nettigkeit – Oder: woran krankt unsere Verkündigung?
 
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„Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“ - Gedanken von Bischof Stefan Oster

Passau (kath.net/Facebook Stefan Oster)
Im Krankenhaus kommt man ins Nachdenken: Hier ein Text, der daraus entstanden ist. Wäre schön, wenn auch hieraus eine Debatte entstünde. Das Thema ist m.E. weitaus wichtiger und zentraler als die klassischen, kirchlichen Reizthemen, die sonst immer diskutiert werden. (PS: Ein wenig Geduld mit dem längeren Text bitte! :-))

Humanismus der Nettigkeit – Oder: woran krankt unsere Verkündigung?

Bischof Heinz Josef Algermissen aus Fulda hat kürzlich in einem Interview befragt nach der Kirchenkrise gesagt, unsere Verkündigung sei „ein Stück weit krank“. Sie müsse dringend in katechetischer und didaktischer Hinsicht reformiert werden. Der Grundwasserspiegel des Glaubens in unserer Kirche sei in den letzten Jahrzehnten noch nie so tief gewesen wie zur Zeit. Woran die Verkündigung genauer krankt, wurde aus dem Gespräch nun nicht ersichtlich.

Aber ich stimme Bischof Heinz Josef grundsätzlich zu und würde daher den Versuch machen wollen, wenigstens einige Aspekte der Krankheit zu analysieren. Ich meine zu sehen, dass unsere Verkündigung subkutan weithin wenigstens von zwei wenig auffälligen, freundlich und oft unausgesprochenen daher kommenden und wohl gerade deshalb gefährlichen Verkürzungen des Evangeliums befallen ist, die ich kurz darstellen will. Am Ende dann der Wunsch, mit einem kleinen Beitrag zu beginnen, der mit Gottes Hilfe der Gesundung dienen könnte.

Humanismus der Nettigkeit

Zur Diagnose: Ich halte es erstens für eine äußerlich recht sympathisch wirkende Irrlehre, wenn heute mit Hilfe des Schlagwortes „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ das Christentum zu einer Art Humanismus der Nettigkeit nivelliert wird: Ja nichts von Sünde, nichts von Umkehr, nichts von Gericht, schon gar nicht von Hölle predigen! Passt nicht mehr in die Zeit. Und passt auch irgendwie nicht zur Kirche im Heute. Die „Botschaft“ des Evangeliums ist demnach vor allem ein nettes, ein wenig ethisch aufgeladenes Handlungsprogramm, das uns auffordert, gut zueinander zu sein, vor allem gut zu Minderheiten und Armen, gut zur Schöpfung, gut zu Flüchtlingen, gut zum Nachbarn..... Und wer das einigermaßen erfüllt, der ist schon Christ oder zumindest irgendwas Ähnliches. Der meint, es jedenfalls schon verstanden zu haben, was in der Kirche immer gepredigt wird, der ist irgendwie dabei. Aber freilich:
regelmäßiger Gottesdienst, persönliches Gebetsleben, Fasten, Umkehr, persönliche Heiligung – alles ist dann nicht mehr wirklich nötig: „Hab ja eh kapiert, was gemeint ist – und bemüh mich dann auch ums Gutsein.

Ok, meine Kinder schicke ich vielleicht schon noch in den kirchlichen Kindergarten oder in den Kommunionunterricht wegen der Werte und so. Aber ich selbst brauch das natürlich nicht mehr, hab es ja im Grunde verinnerlicht und kann gelegentlich auch im Wald mal beten. Passt schon....“

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Eine solche oder ähnliche, aus meiner Sicht inner- und außerkirchlich weithin anzutreffende Haltung wäre dann eine wenig anspruchsvolle und eher gedankenlose Spielart des so genannten Pelagianismus, also einer antiken christlichen Irrlehre, die – sehr knapp (und sehr verkürzt!) gesagt - davon ausging, dass der Mensch selbst durch sein Tun der Hauptverantwortliche für sein Heil ist.

Er tut aus eigener Kraft Gutes und orientiert sich dabei vermeintlich an Jesus, aber tatsächlich vor allem am durchschnittlichen ethischen Maßstab seiner eigenen Umgebung.

Oder er beruhigt sein latent schlechtes Gewissen immerhin durch die eine oder andere wohltätige Spende – „und dann passt es schon! Bin ja ein guter Christ, ich tu ja niemandem was Böses!“ Die Beziehung zu Gott und sein vorausgehendes, erlösendes Handeln an uns tritt in den Hintergrund.
Dass das Evangelium und vor allem Paulus als sein erster Interpret so deutlich wie nur irgend möglich erklären, dass nur der Glaube rettet und nicht die nach eigener Beurteilung eingeschätzten „guten Werke“, hat hier keinerlei Relevanz – und wird auch wenigstens im Raum eines oberflächlich gelebten Katholizismus kaum mehr verstanden.

Heilsuniversalismus und Heilsautomatismus

Zu einer solchen Irrlehre würde ich dann aber zweitens noch eine weitere, weithin verbreitete dazurechnen wollen – eine „Lehre“, die in der Regel vereint mit diesem anspruchslosen Pelagianismus daherkommt. Es ist die (gläubige?) Haltung, die den so genannten Heilsuniversalismus mit Heilsautomatismus verwechselt – und natürlich auch sehr sympathisch ist.

Heilsuniversalismus heißt: Ja, Jesus ist für alle gestorben und auferstanden und hat damit sein Heilsangebot an alle Menschen gemacht.

„Gott will nämlich, dass alle Menschen gerettet werden,“ heißt es auch in der Schrift (vgl. 1 Tim 2,4). Heilsautomatismus aber heißt: „Weil Jesus für alle gestorben ist, ist am Ende ohnehin jeder dabei, automatisch! Und es kommt letztlich gar nicht so sehr darauf an, ob und wie ich mich darauf einlasse.“

Der Unterschied zwischen beiden ist: Heilsuniversalismus ist richtig, ist Lehre der Kirche und ist zurecht auch vom II. Vatikanischen Konzil besonders betont worden, Heilsautomatismus aber ist richtig daneben! Und das, obwohl sie äußerlich beinahe gleich auszusehen scheinen. Aber nun, beide Irrlehren zusammen, der Heilsautomatismus kombiniert mit dem Pelagianismus der Nettigkeit, verunklaren das Evangelium Jesu Christi am Ende zu einem Programm der völligen Harm- und Anspruchslosigkeit. Und weil alles, was unter diesen beiden subsumiert wird, für Viele auch innerkirchlich so selbstverständlich zu sein scheint, braucht man das Evangelium selbst auch gar nicht mehr zu lesen. Das Problem dabei:

Weder ein Humanismus der Nettigkeit noch ein Heilsautomatismus haben irgendetwas mit dem echten Evangelium zu tun. Für beides hätte Jesus weder zu kommen noch zu sterben brauchen. Beides hätte man ohnehin irgendwie gewusst oder geglaubt. Im Übrigen habe ich auch einen nicht geringen Teil heutiger theologischer Ausbildungseinrichtungen in beiden Konfessionen im Verdacht, ebenfalls untergründig und natürlich intellektuell oftmals hoch ausdifferenziert, dennoch von der Irrlehre des Heilsautomatismus infiziert zu sein.

Subkutane Irrlehren machen Bekehrung überflüssig

Ein unter dem Deckmantel des Heilsuniversalismus daher kommender Heilsautomatismus braucht aber keinerlei Dringlichkeit mehr, keine Entscheidung, keine existenzielle Antwort des Menschen, schon gar keine Buße. Er rechnet nicht damit, dass auch nur irgendjemand verloren gehen könnte. Und – man muss es so sagen – er widerspricht damit tatsächlich dramatisch der Dringlichkeit der Ansage des Reiches Gottes als Kern der Verkündigung Jesu. Seine ersten Worte im Markus Evangelium lauten: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,16)

Rund ein Drittel aller Jesusworte in den Evangelien nehmen diese Dringlichkeit wieder auf und erweisen sich als Ansage des Gerichts. Jesus selbst stellt immer und immer wieder vor die Entscheidung, er ruft eindringlich in die Umkehr, in die Nachfolge und droht bei ausbleibender Antwort mit dramatischen Konsequenzen: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.
Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“, sagt der Auferstandene den Jüngern als eine Art abschließenden Höhepunkt seiner Verkündigung vor seiner Himmelfahrt (Mk 16, 15f).

Und sollte jemand fragen, ob sich diese Sicht auf diese letztlich zwei Möglichkeiten – Rettung oder Verlorenheit - in den restlichen Texten des Neuen Testaments wiederholen, lautet die Antwort:
Ja, natürlich, im Grunde in allen! In der Apostelgeschichte, bei Paulus, in den Petrus-, in den Johannesbriefen, im Hebräerbrief sowieso.... Es ist sogar ein Grundtenor schlechthin des Neuen Testaments: Jesus, seine Hingabe, sein Blut allein bringt die Rettung – und ohne ihn bleibt nur Verlorenheit! Apg 4,12: „In keinem anderen ist das Heil zu finden.

Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“

Wir Bischöfe, Priester, Diakone, Mitarbeiter/Innen in der Seelsorge sind allesamt auch in die Verkündigung gerufen – an seiner statt! Meine These: Man nimmt uns ohnehin nicht alles ab, aber in jedem Fall und bestenfalls nimmt man uns nur ab, was wir selbst glauben. Doch wenn die Menschen spüren, dass wir die Dringlichkeit im Anliegen Jesu, seinen Anruf und Aufruf in die Bekehrung und Nachfolge nicht mehr ernst nehmen, nicht mehr selbst glauben, dann wird Verkündigung tatsächlich verfälschend, mit Bischof Algermissen „krank“ und irgendwann hinfällig - geschmackloses Salz, das weggeschmissen wird und über das man nur noch drüber läuft.

Der derzeitige Weg der Kirchen und besonders ihrer weithin verkündeten Glaubensinhalte in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit passiert ohnehin flächendeckend und beschleunigt sich jährlich.

„Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“

In unseren Gottesdiensten singen wir nun bisweilen das schöne alte Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ - und darin die Zeilen der zweiten Strophe: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, daß sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt. Erbarm Dich, Herr!“ Ganz offenbar ist dieses Lied aus einer gläubigen Wahrnehmung entstanden, dass sich im Grunde kaum mehr jemand darum schert, was eigentlich Reich Gottes ist und dass Jesus gekommen ist, um uns den Weg da hinein wieder zu eröffnen – als unsere Rettung und Erlösung. Und dass er das Angebot da hinein zu finden, immer wieder verbunden hat mit der dramatischen Mahnung, dass man mehrheitlichen tatsächlich draußen bleiben, also verloren gehen könnte.

Nur vier kurze Zitate dazu aus seinem Mund: „Mt 7:13 „Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm. Joh 3:3 Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Mt 18:3 Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Mt 10:39 Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. “

Viele, viele weitere Stellen könnten angeführt werden. Und wer nun meint, spätestens mit dem II. Vatikanischen Konzil habe die Kirche die Rede von der Alternative zwischen Rettung oder möglicher Verdammnis überwunden, für den sei hier nur ein kurzes Zitat nachgereicht aus einem der zentralen Texte der Kirchenversammlung: Lumen Gentium 14: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt und im Schoße der Kirche zwar ‚dem Leibe’, aber nicht ‚dem Herzen’ nach verbleibt.“

Mir scheint jedenfalls, wir singen das erwähnte Lied allzu häufig aus der Perspektive der „toten Christenheit“ selbst und nicht aus der Perspektive derer, die sich wirklich ein Erwachen und Bekehrung wünschen! Zudem kann sich wohl kaum mehr jemand vorstellen, wie ein solches Erwachen und Sich-bekehren aussehen könnte, es passiert ja kaum noch. Das macht aber dann zugleich eine weitere Folge unserer subkutanen Häresien offenbar: Unser Beten ist so häufig selbst so tot, so sehr einfach nur „dahergesagt“, so gottfern, so visions- und glaubenslos.

Was heißt eigentlich „Bekehrung“?

Ist eigentlich in unserer Verkündigung die „Bekehrung“ noch eine Kategorie, eine Erfahrung, mit der wir rechnen? Rechnen wir noch mit dem Einfall Gottes in unser Herz, so dass Er wirklich Veränderung bewirken könnte, vertieften Glauben, größere Liebesfähigkeit, mehr Sehnsucht nach ihm, dem lebendigen Gott? Vermutlich nur in seltenen Fällen.

Aber wenn Bekehrung und persönliche Heiligung und persönliche Christusbeziehung im Grunde in der volkskirchlich geprägten Religiosität und Verkündigung kaum mehr eine Rolle spielen, ist das dann nicht vielmehr ein Zeichen für die beständige Abwesenheit Gottes in unseren Herzen? Ist nicht der dramatische, vielerorts flächendeckende Verlust des Beichtsakraments ein Symptom dafür, dass wir gar nicht mehr wissen, was Bekehrung heißt, was christliches Leben im Angesicht der Heiligkeit Gottes heißt?

Denn umgekehrt gilt: Das Neue Testament und die gesamte Geschichte der Spiritualität bezeugen eben dieses: Wo Gott wirklich im Herzen eines Menschen erwacht, dort sehnt sich der Betroffene zunächst auch wirklich nach Umkehr, nach Buße, dort hält er seine eigene Durchschnittlichkeit und Sündigkeit – wenigstens zu Beginn - nicht mehr aus in Gottes Gegenwart, dort fleht er um Erbarmen. Die Reaktion der Menschen in der Apostelgeschichte auf die Pfingstpredigt des Petrus ist ein Muster, das sich je und je wiederholt: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz“ (Apg 2,37) – und Petrus empfiehlt: „Kehrt um, lasst euch taufen auf den Namen Jesus zur Vergebung eurer Sünden“. Der Geist Gottes
überführt: Er deckt auf, sagt Jesus, was in unserem Herzen wirklich Glaube ist, was Sünde, was Gericht! (Joh 16,8) Paulus wird von einem so Überführten gefragt: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ (Apg 16, 30). Und die Antwort ist schlicht: Jesus! Glaube an ihn!

Überall im Neuen Testament und in der Geschichte der Kirche(n), wo sich die Kraft des Geistes Gottes erweist, erwirkt er in den Menschenherzen die tiefe Erfahrung: „Ich brauche Rettung, ich brauche Vergebung, ich brauche Jesus!“ Der Geist führt in die Bekehrung. Er macht bewusst und erfahrbar, wie weit der durchschnittliche Mensch, auch der durchschnittliche Christenmensch (die wir alle sind!) von der Heiligkeit und Majestät Gottes entfernt leben. Er macht bewusst, dass wir alle immer neu Bekehrung nötig haben. Und er macht von innen her klar: Ja, es gibt den Zustand der Verlorenheit – und im Grunde bin ich mit meiner nur natürlichen, glaubenslosen Verfassung jetzt schon genau in diesem Zustand.

Daher, liebe Schwestern und Brüder, liebe Facebook-Freunde und Leser dieser Zeilen: Ich bin überzeugt, dass die Kirche in unserem Land, und ich spreche natürlich als Bischof auch besonders für die Kirche von Passau (und für mich selbst!) kaum etwas so sehr nötig hat, wie eine Erneuerung des Glaubens, Erfahrung von echter Bekehrung, eine Erneuerung der Erfahrung der Gegenwart Gottes in unseren Herzen, eine Erfahrung, die uns überführt, die uns Jesus anhangen lässt als unserem Retter. Und zwar nicht in einem irgendwie allgemeinen Sinn, über den wir nur nachdenken. Sondern in einem persönlichen, tiefen Sinn, in dem wir Ihn als unseren Erlöser bekennen und ihm unser Leben in die Hand legen.

Einmal ganz bewusst und dann immer wieder neu, täglich mit ihm anfangen – und so nach und nach in die echte Freude und den echten Frieden finden, den die Beziehung zu ihm schenken kann und schenken wird! Indem wir wirklich lernen in einem persönlichen Gespräch mit Ihm zu beten, indem wir wirklich sein Wort, die Hl. Schrift, immer neu lesen, um ihm darin zu begegnen. Er ist der Retter, er ist die Beziehung unseres Lebens.

Es gibt keine Alternative zu ihm, an ihm führt kein Weg vorbei.
Oder anders: Die vielen Wege, die an ihm vorbei führen, führen nach dem überwältigenden Zeugnis der Schrift in die Verlorenheit. Die gibt es, sehr real – und sie wird von Jesus selbst in drastischen Worten beschrieben.

Und was ist mit der „Hölle“?

Hölle ist der letzte „Ort“, besser der letzte, der äußerste „Zustand“ dieser von Jesus beschriebenen Gottferne. Mehr als jede andere Person in der Bibel spricht Jesus selbst von diesem Zustand, von der „Hölle“. Und er tut es deshalb: Weil er selbst, weil sein Kommen, sein Leben, sein Sterben, sein Auferstehen der absolute, letzte, tiefste, größte Ausdruck der Liebe des Vaters zu uns ist!

Wenn das so ist, dann kann es nach dem Ereignis des Kreuzes als Manifestation dieses Liebesangebotes für uns nichts mehr Größeres geben. Es kann qualitativ nicht „noch mehr“ kommen, was Gott uns an Liebe zeigen könnte. Jesus, der Christus, ist das äußerste Ja Gottes zu dieser Welt – mit allen Konsequenzen. Denn wenn Gottes äußerste (Hin-)Gabe auch wirklich Gabe ist, dann ist die Annahme der Gabe in die Freiheit des Empfängers gestellt. Die Liebe Gottes hebt die Freiheit des Menschen nie auf, sie zwingt auch nie! Und deshalb ist ein aus Freiheit antwortendes, letztes, entschiedenes Nein des Menschen zu Christus zugleich und notwendig ein Ja zum entschiedenen Leben ohne Gott, damit zur äußersten Gottverlassenheit, zur Hölle.

Und weil er, Jesus, eben genau um dieses weiß, weil er die Verlorenheit in den Herzen der Menschen spürt und innerlich in der Begegnung mit ihnen zutiefst selbst erlebt, ruft er im Evangelium immer neu in die dringliche Entschiedenheit für ihn selbst: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich“ (Joh 14,6). “„Alle (!), die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber ... Ich bin die Tür“ (Joh 10, 8- 9) „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann (Mt 10,28).“

Der Sieger

Ja, an ihm, an Jesus und an niemand anderem scheiden sich die Geister, so wird es bleiben, bis er wiederkommt. Sein Geist überführt zunächst, er zerknirscht, er bricht die Herzen auf, er bewirkt in uns auch Bewusstsein von Verlorenheit und die Furcht davor. Aber die tatsächliche Antwort, das wirkliche Motiv, innerlich neu in die Nähe Gottes zu finden, erwächst dem Menschen dann nicht aus der Furcht, sondern aus der Herzenserkenntnis Jesu, aus der Liebe zu ihm.

Denn der Herr bleibt bei der Warnung vor der Verlorenheit nie stehen, sondern ebenso häufig sagt
er: „Fürchtet euch nicht! Ich bin es“ (Joh 6,20). Und er fügt hinzu:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25)“ – „Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33) – „Ich gehe zum Vater, um dort für Euch eine Wohnung zu bereiten“ (Joh 14,2). Besonders die großen Gestalten unseres Glaubens, die Heiligen, die Tiefen, die sich so grundlegend in der Liebe Gottes getragen wussten, genau die wussten und wissen existenziell viel tiefer als die anderen, welche Tragödie die Verlorenheit bedeutet. Echte innere Nähe zu Gott weiß viel tiefer, was der tatsächlich mögliche Verlust dieser Nähe bedeutet.

Antworten: Gebet, Liebe, Hl. Schrift

Ich möchte Sie nun einladen, mit mir danach zu suchen und darum zu ringen, wie wir – alle miteinander – wieder neu entschiedene, persönliche und gemeinschaftliche Antworten auf das universale und doch so persönlich an uns gerichtete Heilsangebot des Herrn geben können.

Eine Antwort, die wir aus der Erzählung von Pfingsten, aber auch aus so vielen anderen Texten der Überlieferung vor Augen gestellt bekommen ist: Gebet, leidenschaftliches Gebet! Die Jünger haben nach Himmelfahrt, vor Pfingsten zusammen mit Maria „im Obergemach“ verbracht und Tag und Nacht gebetet. Ich bin überzeugt, dass aufrichtiges, inständiges, fortwährendes Gebet vor Gott und zum Heiligen Geist wichtig ist – und auch neu eingeübt werden will. Zunächst vor allem, um Zeugnis zu geben, dass Gott Gott ist, dass wir Ihn kennen und um seiner selbst willen lieben, anbeten und verherrlichen. Gott allein ist aller Anbetung würdig. Ich bin aber auch überzeugt, dass durch betende Menschen, allein und in Gemeinschaft, unter uns ein neuer Boden der Fruchtbarkeit bereitet werden kann, ein geistliches Klima für das erfahrbare Kommen des Geistes als Antwort auf den Ruf der Kirche, für ihre und unsere Überführung, für die Erweckung: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit“.

Eine zweite Antwort ist: Liebe, leidenschaftliche Liebe zu Christus als Antwort auf seine Liebe zu uns - die uns wiederum hilft und lehrt und einübt, den Nächsten wie uns selbst zu lieben. Liebe ist Zeugnis, das wichtigste Zeugnis! Aber das Problem ist: Wenn unsere Liebe nicht aus dem Gebet lebt und wenn unser Gebet nicht selbst Ausdruck unserer Liebe zu Christus ist, dann neigt unser Handeln am Nächsten dazu, geistlich gesprochen fruchtlos zu sein, selbst wenn es noch so sehr einen äußerlichen, christlichen Anstrich hat. Paulus stellt am Ende des ersten Korintherbriefes fest (16,22): „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht“ – und er meint damit: An unserer Liebe zum Herrn entscheidet sich die Zugehörigkeit zu ihm selbst und seiner Kirche - und nicht einfach daran, ob wir uns irgendwie sozial betätigen!

Eine dritte Antwort wäre: Neuentdeckung der Heiligen Schrift. Wir brauchen Leser und Verkünder, die das Wort Gottes betend lesen und lesend beten, immer neu. Ich bin überzeugt, dass solchen Lesern nach und nach ein Schlüssel zuwächst, der ihnen hilft, die Schrift für andere aufzuschließen wie ein Tor, durch das man hindurchgeht, um „dahinter“ wirklich dem Herrn selbst zu begegnen – der zu uns in diesem Wort spricht.

Unsere Sakramente, besonders die Eucharistie, erschließen sich aus einer erneuerten geistlichen Praxis selbstverständlich ebenfalls neu – und werden sich dann – wie von selbst – sogar als Herz solcher erneuerten Praxis erweisen. Aber ohne immer wider erneuerte geistliche Praxis laufen auch die Sakramente Gefahr, nur mehr als Ausdruck eines leer gewordenen Ritualismus der Kirche wahrgenommen und deshalb nicht mehr verstanden zu werden.

Ein Senfkorn?

Ein kleiner Neuanfang (der Herr liebt kleine Anfänge!) könnte folgendes sein: Ich sehne mich zum Beispiel danach, dass sich in Passau, in unserem Bistum immer mehr Menschen finden, die miteinander Gott um seiner selbst willen (!) die Ehre geben, die von neuem noch mehr Orte des fortwährenden, innigen und frohen Gebetes erwachsen lassen, als es schon gibt. Gerne würde ich beispielsweise auch auf dem Domplatz in Passau davon Zeugnis geben und z.B. die kleine Barbarakapelle zu einem Ort des Gebetes rund um die Uhr werden lassen. In Stille, im Beten der Schrift, im Lobpreis, in Taizé-Gesängen, in der Fürbitte, im Rosenkranz, im Gebet um Segen und Heilung und vielem anderen mehr. Ich suche also Menschen, die in und um Passau leben, die schon ein Herz haben für beständiges Gebet an einem Ort, für Lobpreis und Anbetung, für die Sehnsucht nach Erneuerung aus der Kraft und dem Kommen seines Geistes – und die bereit sind, dafür regelmäßig eine oder mehrere Stunden in der Woche zu verschenken. Solche mögen sich hier melden: barbarakapelle@gmx.de. Wie schön, wenn es mehrere gäbe, die diese Sehnsucht schon mit mir teilen: Das wäre ein Hinweis auf ein Senfkorn, auf einen kleinen Anfang für das vielgestaltige Wachsen seines Reiches in uns und unter uns; für ein Wachsen, aus dem uns dann nach und nach auch wieder neue, heilende und von Gottes Gegenwart gesättigte Kraft für unsere Verkündigung erwachsen kann.

Mit freundlicher Genehmigung von Bischof Stefan Oster.

Foto: (c) Diözese Passau

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