05 Juni 2015, 12:31
Was verschieden ist, darf nicht als gleich angesehen werden!
 
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Kardinal Bergoglio: ‚Ehe’ zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts ist ein ‚schwerer anthropologischer Rückschritt’. Ein Brief aus dem Jahr 2010 des Erzbischofs von Buenos Aires. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as). „Wer bin ich, zu verurteilen?“ Dieses Wort, das Papst Franziskus bei der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückflug von Brasilien im Juli 2013 gesprochen hatte, gehört wohl zu den am meisten missbrauchten des Pontifikats. Es sollte der Anschein erregt werden, als „verurteile“ der Papst homosexuelle Beziehungen nicht. Das trügerische Wort von der „neuen Willkommenskultur“ wurde geprägt, „neue Öffnung“, „Revolution: diese Schlagwörter wurden in den Vordergrund gerückt, als habe der Papst die Lehre der Kirche geändert und den Katechismus abgeschafft.

Allein – liest man das Zitat vollständig, sagte Franziskus, der „Sohn der Kirche“, als den er sich gerne bezeichnet, auch im Jahr 2013 nichts anderes als das, was der Lehre in vollem Umfang entspricht. Menschen werden nie „verurteilt“, über ihr Verhalten hingegen ist ein Urteil notwendig und berechtigt. So lohnt es sich, jene Worte (erneut? Zum ersten Mal?) in ihrem Zusammenhang zu lesen (was intellektuelle Redlichkeit eigentlich immer fordern würde). Der Papst sprach in einem eindeutigen „Wenn-dann-Satz“:

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„Wenn einer Gay ist und den Herrn sucht und guten Willen hat – wer bin dann ich, ihn zu verurteilen? Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt das sehr schön, aber er sagt: Halt! Diese Menschen dürfen nicht an den Rand gedrängt werden, sie müssen in die Gesellschaft integriert werden. Das Problem liegt nicht darin, diese Tendenz zu haben, nein, wir müssen Brüder und Schwestern sein, denn das ist nur ein Problem von vielen. Das eigentliche Problem ist, wenn man aus dieser Tendenz eine Lobby macht: Lobby der Geizhälse, Lobby der Politiker, Lobby der Freimaurer – so viele Lobbys. Das ist für mich das schwerwiegendere Problem“.

Also: keine Rede von „neuer“, undifferenzierter „Offenheit“. Im Gegenteil: Lobbys werden erkannt, jene Lobbys, denen dann im Januar 2015 eine „ideologischen Kolonisierung“ vorgeworfen wurde.

Das ist für Jorge Mario Bergoglio nichts Neues. Bereits aus dem Jahr 2010 ist Ähnliches bekannt. Damals schrieb der Erzbischof von Buenos Aires einen Brief an den Präsidenten der Kommission für die Laien der argentinischen Bischofskonferenz, Justo Carbajales. Anlass: die Diskussion im Parlament über die Approbierung des Gesetzes, das die „Ehe“ zwischen Personen gleichen Geschlechts und die Möglichkeit der Adoption von Kindern bei diesen Paaren einführen sollte (ein Gesetz, das schließlich verabschiedet wurde). Die katholischen Laienverbände waren im Begriff, eine öffentliche Demonstration gegen das Gesetzesvorhaben zu organisieren.

Kardinal Bergoglio sprach diesem Ansinnen seine volle inhaltliche und praktische Unterstützung zu. Für den Erzbischof war es natürlich ebenso wichtig zu betonen, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise katholische Christen ihr Anliegen vorbringen: ohne Gewalt, ohne Aggressivität, die Würde der Person respektierend.


kath.net veröffentlicht eine deutsche Übersetzung des Briefs von Kardinal Bergoglio aus dem Jahr 2010:

13. Juli 2010

Lieber Justo!

Die bischöfliche Kommission für die Laien der argentinischen Bischofskonferenz hat in Ausübung der Freiheit aller Bürger die Initiative ergriffen, eine Demonstration gegen die mögliche Approbierung eines Gesetzes zur Ehe von Personen desselben Geschlechts zu organisieren und gleichzeitig erneut die Notwendigkeit zu bekräftigen, dass den Kindern das Recht zuerkannt wird, einen Vater und eine Mutter zu haben, die für ihr Aufwachsen und ihre Erziehung notwendig sind. Mit diesem Brief möchte ich diesem Ausdruck von Verantwortung der Laien meine Unterstützung geben.

Ich weiß, weil ihr es mir gesagt habt, dass dies kein Event gegen irgendjemanden sein wird, weil wir nicht über jene urteilen wollen, die anders empfinden und denken. Angesichts des 200. Jahrestags (Argentiniens) und in der Gewissheit, eine Nation aufzubauen, die die Pluralität und die Unterschiedlichkeit ihrer Bürger einschließen muss, bekräftigen wir ohne Zweifel und mehr denn je eindeutig, dass das, was verschieden ist, nicht als gleich angesehen werden darf und dass es in einem sozialen Zusammenleben notwendig ist, die Unterschiede zu akzeptieren.

Es geht hier nicht um eine rein terminologische Frage oder um eine Frage formaler Konventionen in ihrer Relativität hinsichtlich privater Beziehungen, sondern um ein Band anthropologischer Natur. Das Wesen des Menschen strebt zur Einheit von Mann und Frau als gegenseitige Verwirklichung, als Aufmerksamkeit und Fürsorge, als natürlicher Weg zur Fortpflanzung. Dies verleiht der Ehe ihre soziale Erhabenheit und ihren öffentlichen Charakter. Die Ehe geht dem Staat voraus und ist die Basis der Familie, die die Zelle der Gesellschaft ist und jeder Gesetzgebung – sogar der der Kirche – vorausgeht. Daraus ergibt sich, dass die Approbierung des zur Diskussion stehenden Gesetzesentwurfes einen wirklichen und schweren anthropologischen Rückschritt bedeuten würde.

Nein, die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist nicht dasselbe wie die Verbindung zweier Personen desselben Geschlechts. Unterscheiden heißt nicht diskriminieren, im Gegenteil: es heißt respektieren. Differenzieren, um zu unterscheiden, heißt, auf eigene Weise zu bewerten. Dies bedeutet nicht: diskriminieren. In einer Zeit, in der so sehr auf den Reichtum des Pluralismus und der kulturellen und sozialen Unterschiedlichkeit bestanden wird, ist es wirklich ein Widerspruch, die grundlegenden menschlichen Unterschiede zu minimieren. Ein Vater und eine Mutter sind nicht dasselbe. Wir dürfen die künftigen Generationen nicht lehren, dass es dasselbe ist, sich einen Plan für eine Familie vorzubereiten und dabei die Verpflichtung zu einer stabilen Beziehung zwischen Mann und Frau zu übernehmen oder mit einer Person desselben Geschlechts zusammenzuleben.

Wir müssen auf eines achten: wenn man versucht, ein angebliches Recht der Erwachsenen voranzubringen, darf es nicht dazu kommen, das vorrangige Recht der Kinder – die einzigen, die privilegiert werden müssen – beiseite zu lassen, in den Genuss des Vorbilds eine Vaters und einer Mutter zu kommen, einen Papa und eine Mama zu haben.

Ich übertrage dir einen Auftrag: auf unserer Seite soll es weder in der Sprache, aber auch nicht im Herzen zu Aggressivität und Gewalt gegenüber einem unserer Brüder und Schwestern kommen. Die Christen verhalten sich wie Diener einer Wahrheit, nicht als seien sie ihre Herren. Ich bitte den Herrn, dass er euch mit seiner Sanftmut – jener Sanftmut, die er von uns allen fordert – bei dem Event begleite.

Ich bitte dich, für mich zu beten und für mich beten zu lassen. Jesus segne dich und die heilige Jungfrau behüte dich.

In brüderlicher Verbundenheit

Jorge Mario Kardinal Bergoglio SJ, Erzbischof von Buenos Aires

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