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Volksvertreter vertreten das Volk, Zitronenfalter falten Zitronen?

14. Mai 2015 in Kommentar, 17 Lesermeinungen
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Katholiken, die den Glauben der Kirche und die nachkonziliare Lehrentwicklung für sich angenommen haben, fühlen sich zunehmend von weltlichen und kirchlichen Medien und sogar von ihren eigenen Bischöfen marginalisiert. Kommentar von Peter Winnemöller


Geseke (kath.net/Blog katholon) Wer glaubt, dass Volksvertreter das Volk vertreten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Ein Bonmot - eine augenzwinkernde Art, die Wirklichkeit mit einem manchmal absurd wirkenden Vergleich zu beschreiben - ist diese Aussage. Natürlich vertritt auch das „ZdK” sozusagen als Kirchenvolksvertreter nicht wirklich das Kirchenvolk. Die Mehrheit der „ZdK”- Mitglieder setzt sich aus Funktionären zusammen, die irgendeinen Teil der Kirche, ein Bistum, einen Verband, ein Werk, eine Gemeinschaft repräsentieren. Und damit sie das auch in Zukunft noch tun dürfen, haben sie natürlich das Ohr am Mund ihrer (zumindest vermuteten) Klientel. Eine erfolgreiche Arbeit zeigt sich in der Zufriedenheit der Mehrheit der vermuteten Klientel eines Funktionärs. Ist er erfolgreich, ist seine Wiederwahl oder Wiederberufung gesichert und er darf weiter Funktionär sein. Wessen Interessen vertritt also der Funktionär? Seine eigenen! Und keine, wirklich keine anderen, selbst wenn es ihm gelänge die Maximalforderungen seiner (vermuteten) Klientel durchzusetzen. Funktionär sein ist schließlich lukrativ. Man spielt mit im großen Spiel der Macht und selbst wenn der eigentliche Funktionärsposten wirtschaftlich nicht interessant ist, die Optionen der Partizipation an Macht und Einfluss, sowie die Chance indirekt auch wirtschaftliche und / oder politische Vorteile zu generieren, machen den Job interessant. Das gilt allgemein so an Stellen, wo Funktionäre zum Einsatz kommen.

Der Vorteil des Einsatzes von Funktionären liegt auf der Hand. Man delegiert, was man selber nicht tun will an die, die es tun wollen und gönnt oder missgönnt ihnen die damit errungenen Vorzüge. Machen wir uns nichts vor, kein Funktionär ist bisher verhungert. Zuweilen flutscht man nach erfolgreicher Ochsentour vom Ort, über den Kreis, über den Bezirk, das Land in die oberste Spitze. Adäquat gilt das auch für kirchliche Gremien, Verbände und Organisationen. Je höher man in der Funktionärskaste aufsteigt, umso mehr verschwimmen die Einflussbereiche. Kirche, Politik, Gesellschaft, Gewerkschaft, Wirtschaft und viele andere Segmente überschneiden sich hier auch personell. Spitzenpolitiker der Parteien sitzen folglich ganz selbstverständlich im „ZdK”, wenn man darin nur einen gegenseitigen Vorteil erkennen kann. Persönliche Bereicherung spielt in Funktionärskreisen keine primäre Rolle, denn man ist in der Regel wirtschaftlich saturiert. Mitnahmeeffekte gibt es natürlich immer und man nimmt das gerne mit. In erster Linie ist es ein interessanter Eintrag auf der Webseite, der Visitenkarte und im Lebenslauf. Es ergeben sich neue Kontakte, neue Einflussmöglichkeiten. Es geht um Macht und um nichts anderes.

Die Kirche hat in Deutschland 24 Millionen Mitglieder und ist die größte gesellschaftliche Gruppe. Jede Partei, jede Gewerkschaft, jeder Verband in Wirtschaft und Gesellschaft kann von solchen Zahlen nur träumen. Das allein macht die Kirche interessant für jeden Funktionär, der nicht durch eine zu starke persönliche Abneigung gehindert ist. Für solche gibt es Humanistenverbände und andere Spielwiesen. Dazu kommt eine derzeit sensationelle Einnahmesituation von sagenhaften 5,5 Mrd. € Kirchensteuer. Dazu kommt noch das Vermögen der Kirche und die Einnahmen kirchlicher Werke und Einrichtungen. Das ist ein Spielfeld, auf dem jeder gerne mitmachen möchte, denn Geld, auch wenn man es nicht persönlich hat, verleiht Macht. Wir erinnern uns: Funktionäre haben das Interesse der Partizipation an der Macht.


Absurd wirkt es auf den ersten Blick, wenn man sich andere Zahlen anschaut. Die Kirche hatte in den vergangenen Jahren mit Rekordzahlen nicht nur bei der Einnahmesituation, sondern auch bei den Austritten von Mitgliedern zu tun. Ferner werden wir, was innerkirchlich durchaus eine Kennzahl ist, im vergangenen Jahr vermutlich die Zahl der regelmäßigen Messbesucher am Sonntag bei unter zehn Prozent sehen.

Stellt man dies in einen größeren Zusammenhang und berücksichtigt, dass die Mehrheit auch der Kirchenmitglieder schon längst nicht mehr den Glauben der Kirche in seiner Gesamtheit teilt, so ergibt sich eine Konstellation, die für Funktionäre beinahe ideal ist. Die zwar leichte sinkende aber immer noch exorbitant hohe Zahl der Mitglieder, welche enorme Einnahmen generieren, interessiert sich für die Kerninhalte kaum noch.

Diejenigen, die austreten, sind nicht die Zahlungskräftigen und können daher vernachlässigt werden. Die Zahlungskräftigen teilen im Wesentlichen allerdings nicht mehr die vertretenen Inhalte. Sie verbleiben in der Kirche aus sehr unterschiedlichen Motivationen. Weil die so viel Gutes tun. Weil die sich um die Armen kümmern. Weil man ja noch kirchlich beerdigt werden möchte. Nichts desto trotz nimmt man auch hier, wir befinden uns in der mittleren und oberen Mittelschicht unserer Bevölkerung, deren Wirtschaftskraft die höchste von allen Gesellschaftsgruppen ist, langsam wahr, wie sehr man doch mit zweiter Ehe oder unverheiratet zusammen lebend zunehmend in Fundamentalkonflikte gerät. Verhütung betreibt man, wie man lustig ist. Und insgesamt kann einem die Kirche ja den Buckel runter rutschen. Die Predigten vom Pastor kann man schon lange nicht mehr hören und man muss ja nicht mehr jede Woche in die Kirche rennen.

Hier, exakt hier, finden die Funktionäre des „ZdK” ihre Klientel. Die zahlungskräftigen Taufscheinkatholiken, die der Kirche noch irgendwie was Gutes abgewinnen können, die sie allerdings sonst nicht weiter tangiert. Man entledigt sich seiner Zahlungspflichten, wie Kirchensteuer, GEZ und ähnlichen, dann ist es aber auch gut gewesen. Machen wir uns bitte nichts vor: Das ist die erdrückende Mehrheit. Man ist gut etabliert, hat Ehepartner und Kind(er), ein Häuschen, zwei Autos, seine Hobbies und vielleicht ist man sogar irgendwie mit der Pfarrgemeinde vor Ort in der einen oder anderen Art verbunden. Aber eben nur irgendwie, weil was die Kirche lehrt einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Die Kinder leben längst mit Freund oder Freundin zusammen und man selbst rät ab, doch bitte nicht zu früh zu heiraten. Aber natürlich hält man die katholische Ehe hoch.

Wer sich also erschrocken fragte, wie eine solche Erklärung des „ZdK” zustande kommt und wie die beiden folgenden Begriffe „An den Glaubenssinn des Gottesvolkes anknüpfen” und „Zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen” ihren Ursprung haben, findet genau hier die Antwort. Das „ZdK” hat als Player im großen Spiel von gesellschaftlicher Macht und Einfluss nicht den Hauch eines Interesses an Neuevangelisierung, an Glaubensvermittlung, an vertiefter Katechese oder sakramentaler Seelsorge. Man weint den Austretenden nur Krokodilstränen hinterher, weil sie ohnehin nicht zahlungskräftig sind. Diese wären niemals Klientel, selbst wenn sie zum Glauben und zur Kirche fänden. Die würden nur stören. Man kümmert sich lieber um die, zwischen deren bürgerlichem Leben und dem Glauben der Kirche geradezu ein Grand Canyon klafft. Da konstruiert man – statt Glaubenswahrheiten zu verkünden – lieber lustige Hängebrücken, die das Lehramt der Kirche bei nächster Gelegenheit mit lockerer Geste einkassiert. Blöd eigentlich, oder?

Nein! Denn: Das stört nicht weiter, die Methode der Arbeit ist politisch. Politisch heißt in diesem Falle das Maximum fordern und das Machbare erreichen. Anschließend erklärt man, warum noch(!) nicht mehr erreichbar war. So macht es jeder Politiker vor, während und nach den Wahlkampf. Und welches Wahlversprechen wäre nicht irgendwann gebrochen worden. Daran ist man doch bereits gewöhnt. Man wird schon längst die Sprachregelung in der Schublade der „ZdK”-Pressestelle haben, mit der man der Öffentlichkeit dann erklärt, wie sehr man sich doch bemüht habe, doch leider seien konservative Beharrungskräfte in diesem Falle noch einmal stärker gewesen. Es ist so vorhersehbar. Der Feind sitzt immer noch in Rom. Da es diesmal vermutlich noch nicht wieder der Papst ist, sind es irgendwelche finsteren konservativen Kardinäle.

Womit die Frage beantwortet wäre, ob das „ZdK” schon an die Zeit nach der Synode denkt. Klar! Sie wären blöd, wenn sie es nicht täten. Es trifft sie ja keine Schuld daran, dass die Ziele nicht erreicht wurden. Ein wirklich gut verkaufter unverschuldeter politischer Misserfolg bindet die eigene Klientel nicht weniger als der Erfolg selber. Ja mehr noch, man kann zum Kampf aufrufen und wenn man es geschickt anfängt, viele Kräfte motivieren.

Ebenfalls zur Politik im Allgemeinen und Alltag des Funktionärs im Besonderen gehört es, Störfaktoren zu eliminieren. Die Kritik an den jüngsten Beschlüssen des „ZdK” kam, wie man es erwartet hatte, von Seiten derer, die nicht zur Klientel des „ZdK”, sehr wohl aber zur Kirche gehören. Es ist die Gruppe von Katholiken, die den Glauben der Kirche, wie ihn die Konzilien über Jahrhunderte zu glauben vorgelegt haben und wie ihn das letzte Konzil, sowie die nachkonziliare Lehrentwicklung für unsere Zeit entfaltet hat, für sich angenommen haben. Diese Katholiken fühlen sich in den letzten Jahren zunehmend innerhalb der Kirche – auch von ihren Bischöfen – marginalsiert und an den (zumeist rechten) Rand gedrängt. Dazu wird auch von eigenen kirchlichen Medien, erst recht aber von weltlichen Medien, eine enormes Feuerwerk der Diffamierung und Ausgrenzung abgebrannt. Dass sich nun ausgerechnet ein Bischof zum Störfaktor gemacht hat, ist ärgerlich, denn gegen die Bischöfe, zumindest gegen die im eigenen Land, will man nicht so gerne schießen. Immerhin – Funktionäre rechnen kühl – besteht das Risiko einer mitbrüderlichen Solidarität. Und schon hat das „ZdK” ein Problem. Man versucht es ins Positive zu wenden und betont die Wichtigkeit der Debatte. Der Trick ist uuuuuuuuralt. Funktioniert aber immer noch. Die meiste Luft dürfte raus sein. Es steht kaum zu erwarten, dass sich ein Bischof lange an den Funktionären abarbeitet. So wichtig sind die auch wieder nicht.

Gläubige, praktizierende, bekennende Katholiken sind nun in einen Dilemma. Soll man in gleicher Weise antworten, wie das „ZdK” agiert? Es käme wirklich auf einen Versuch an, ob man dem „ZdK” nicht tatsächlich mit politischen Mitteln die Flügel stutzen könnte. Doch dabei macht man sich die Finger schmutzig und es bleiben Wunden zurück. Man beginnt, begibt man sich auf diesen Weg, sich selber innerkirchlich zu politisieren und zu funktionalisieren. Ob das wünschenswert ist, sei einmal dahingestellt. Und am Ende könnte man auch noch verlieren.

Der Weg der Kirche ist das nicht. Der Weg der Kirche ist es auch nicht, zu Protestaustritten aufzufordern. Die Kirche reformiert man nicht politisch. Der Weg der Kirche ist der Weg des Kreuzes. Die Kirche reformiert man nur, indem man an ihr leidet. Das verlangt Aushalten. Das verlangt Bleiben. Das verlangt eindeutig nicht, sich auf end- und fruchtlose Dialoge einzulassen. Aber es verlangt durchaus, den Hirten mal zu sagen, dass man so nicht öffentlich repräsentiert werden will. Und darum wird auch in diesem Blog das „ZdK” bis auf weiteres in „” stehen.

Peter Esser: ZdK Aktion Gänsefüßchen


Foto Winnemöller (c) kath.net/Michael Hesemann


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