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Macht der Barmherzigkeit stärker als der moralische Zeigefinger

19. März 2015 in Kommentar, 27 Lesermeinungen
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Das Jubiläum der Barmherzigkeit will uns vor Augen führen: Gott bewegt den Sünder nicht durch den moralischen Zeigefinger zur Umkehr, sondern durch grenzenlose Liebe. Diese Barmherzigkeit heilt. kath.net-Kommentar von Georg Dietlein


Köln (kath.net/gd) Mit dem Jubiläum der Barmherzigkeit will uns Papst Franziskus darin erinnern, dass das Wesen des dreifaltigen Gottes Liebe, Zuneigung und Barmherzigkeit ist. Gott liebt den Menschen als Sünder. Gerade diese atemberaubende und gleichsam betörende Botschaft von der grenzenlosen Liebe Gottes, die durch Krippe und Kreuz gegangen ist, will das Leben des Sünders total verändern. Denn Gottes Barmherzigkeit heilt.

Manch einer wird sich vielleicht gewundert haben, dass Papst Franziskus das Thema Barmherzigkeit so sehr in den Mittelpunkt seines Pontifikates stellt. Dabei ständen doch, so denken wir, ganz andere Themen an. Wäre es nicht wieder einmal an der Zeit, klare Kante zu zeigen und die Irrenden, die „Relativisten“ und die verstockten Sünder zurechtzuweisen? Steht im Moment nicht vielmehr die Klarheit und Wahrheit der kirchlichen Lehre auf dem Spiel als dass man das Wort „Barmherzigkeit“ an die große Glocke hängen müsste?

Wer so denkt, der irrt. Denn Gott will den Sünder nicht mit dem moralischen Zeigefinger zur Umkehr bewegen, sondern durch seine Barmherzigkeit. Das Wort von der Barmherzigkeit Gottes ist keine abstrakte Theorie, die sich irgendwelche Theologen ausgedacht haben. Vielmehr ist sie Zentralbotschaft Gottes, seine ganz persönliche Zusage an jeden einzelnen von uns, die uns in unserem Innersten ansprechen und anrühren möchte. Gottes Barmherzigkeit erlöst uns nicht erst im Jenseits, sondern heilt und verändert uns bereits im Diesseits. Sie ist die wirksame Salbe Gottes, die das Leben dessen, der sie annimmt, von aller Angst, von aller Sünde und vom Tod befreit.

Die Geschichte vom kleinen Titus

Die Macht der Barmherzigkeit ist stärker als die Macht des moralischen Zeigefingers. Ich möchte dies anhand einer kleinen Geschichte verdeutlichen. Die Rede ist vom 14-jährigen Titus, der die achte Klasse des Gymnasiums besucht. Alle Menschen kennen Titus als sehr fleißigen und ehrgeizigen Schüler. Oft ist er der Klassenbeste und bringt ein Einserzeugnis mit nach Hause. Seine Lehrer, seine Eltern und seine Freunde sind sehr stolz auf Titus. Doch eines Tages wendet sich für Titus das Blatt. Er steckt mitten in der Pubertät, ist nicht mehr so leistungsfähig und schreibt überwiegend nur noch schlechte Klausuren. Titus versucht dies bestmöglich vor seinen Mitschülern und Freunden zu verheimlichen. Auch vor seinen Eltern schämt er sich. Deshalb fälscht er regelmäßig das Zeugnis und unterschreibt das Original mit der nachgeahmten Unterschrift seines Vaters. Der ganze Betrug fliegt schnell auf, als der Klassenlehrer die gefälschten Unterschriften vergleicht. Es kommt zum Termin beim Direktor. Zitternd sitzt Titus neben seinem Vater, der noch gar nicht weiß, worum es geht. Er vermutet, dass der Direktor seinem Sohn den Übergang auf eine Hochbegabtenschule nahe legen möchte. Doch der Grund für das Direktorengespräch ist ein anderer. Der Direktor stellt Titus’ Vater zur Rede und will Titus von der Schule werfen. Doch der Vater bleibt ganz ruhig. Er blickt seinen Sohn mit liebevollen Augen an. Dann wendet er sich zum Direktor und sagt ihm: „Diese Zeugnisse habe ich alle persönlich unterschrieben.“


Die Macht der Barmherzigkeit

Wir können uns alle vorstellen, wie sehr diese Worte des Vaters das Leben des kleinen Titus verändert haben: „Diese Zeugnisse habe ich alle persönlich unterschrieben.“ Mit anderen Worten: „Mir ist es eigentlich gar nicht so wichtig, ob Du ein guter oder ein schlechter Schüler bist. Ich nehme Dich auch so an. Du musst keine Angst vor mir haben, sondern darfst Dich mir ganz anvertrauen – mit Deinen Fehlern, Schwächen und Problemen.“ Mit seinen bewegenden Worten hat der liebende Vater nicht nur die Schullaufbahn seines Sohnes gerettet, sondern auch das ängstliche und verwundete Herz seines Sohnes geheilt. Der Sohn weiß nun, dass er sich vor seinem Vater nicht zu schämen oder zu ängstigen braucht. Er kann auch mit einem schlechten Zeugnis vor seinen Vater treten. Er, der seinen Sohn unbedingt liebt, wird ihn immer so annehmen wie er ist. So haben die heilsamen Worte des Vaters das Leben des Sohnes radikal verändert.

Mit genau diesen Worten will Gott auch unser Herz berühren und unser ganzes Leben verändern. Denken wir vielleicht einmal an eine Situation in unserem Leben zurück, die uns extrem peinlich ist, in der wir uns zu Tode geschämt haben, von der wir möglicherweise keinem einzigen Menschen erzählen wollen, weil uns jeder für unser Verhalten verurteilen und uns im Regen stehen lassen würde. Und genau in diese Situation der abgrundtiefen Schuld, des Versagens und des Verzweifelns reichen die liebevollen Worte des göttlichen Vaters hinein: „Egal was Du auch an Schuld auf Dich geladen hast – ich verlasse Dich nicht.“

Seine Barmherzigkeit erlöst

Vielleicht verstehen wir jetzt die radikale Durchschlagskraft, die das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes beinhaltet. Kaum jemand lässt sich heute noch vom moralischen Zeigefinger eines Bußpredigers beeindrucken. Und kaum jemand würde in seinem Leben etwas aus Angst vor Strafe verändern. Doch das Wort Gottes an uns, sein Evangelium, seine gute Botschaft ist eine andere: Gott weiß darum, dass wir unsere Fehler, Probleme und Macken haben. Doch er liebt uns als Sünder und will uns vergeben.

Am deutlichsten wird uns dies am Kreuz. Gott vergilt die Bosheit der Menschen nicht mit Bosheit, sondern durchbricht diese Spirale des Hasses, indem er seinen Mördern am Kreuz vergibt. Die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes reicht hinein bis in die dunkelsten Ecken, die tiefsten Abgründe unserer schwachen menschlichen Existenz. Auch in der tiefsten Schuld und in der schwersten Sünde wird Gott uns nicht verlassen. Seine Liebe ist unkündbar. In der Tat: Diese Barmherzigkeit erlöst (vgl. Tit 3,5). Sie heilt und verändert das Leben jedes einzelnen Menschen.

kath.net-Buchtipp:
Unter dem Geheimnis des Kreuzes
Betrachtungen zum Kreuzweg
Von Georg Dietlein
212 Seiten;
2014 Pneuma Verlag
ISBN 978-3-942013-23-9
Preis 19.95 EUR

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Foto des Autors:


KTV-Interview mit Bischof Heiner Koch im Juni 2013 (Interviewer: Georg Dietlein)


Foto Georg Dietlein (c) kath.net/Michael Hesemann


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