10 März 2015, 12:00
Der Theologe – die Theologie: Weg und Auftrag
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Der ‚Mozart der Theologie’, Geschenk Gottes an die Kirche, und das Wesen der theologischen Wissenschaft. Die vor dem Mysterium verschlossenen Augen des Herzens und das wahre Korn. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Dass Benedikt XVI. einem Gemeinplatz nach gern der „Mozart der Theologie“ genannt wird, ist bekannt. Dieser Titel jedoch sagt wenig, wird nicht zugleich erklärt, wer dann der „Bach der Theologie“ ist und wie es um das Verhältnis zu einem „Chopin der Theologie“ steht, was dann vielleicht am eindrucksvollsten im Denkens eines „Mahlers der Theologie“ zum Ausdruck kommt. Benedikt XVI. ist zweifellos einer bedeutendsten lebenden Intellektuellen, der als solcher, als Theologe, als Bischof und Papst in 60 Jahren die Welt und die Kirche mitgestaltet hat.

Wie Papst Franziskus am 27. Oktober 2014 hervorgehoben hatte, kann man von ihm nicht sagen, „das Studium und die Wissenschaft hätten seine Persönlichkeit und seine Liebe zu Gott und dem Nächsten ausgedörrt, im Gegenteil, die Wissenschaft, die Weisheit und das Gebet haben sein Herz und seinen Geist weit gemacht“. „Benedikt XVI.: ein großer Papst“, so Franziskus: „Groß wegen seiner Kraft und dem Eindringungsvermögen seiner Intelligenz, groß wegen seines herausragenden Beitrags zur Theologie, groß wegen seiner Liebe zur Kirche und den Menschen, groß wegen seiner Tugend und seiner Religiosität“. Daher dankte Franziskus für das Geschenk, das Gott der Kirche und der Welt mit dem Dasein und dem Pontifikat von Papst Benedikt gemacht hat.

Die Theologie Benedikts XVI., die die Grundlage seines Lehramtes darstellt, ist eine erbetete Theologie im Bewusstsein der Notwendigkeit der Demut gegenüber dem, vor dem jedes menschliche Wort letztendlich immer gebricht. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, sich näher mit den jährlichen Ansprachen vor der Internationalen Theologischen Kommission auseinanderzusetzen, in der sich der Papst sowohl mit den Inhalten als auch der notwendigen Form des theologischen Denkens auseinandergesetzt hatte. Für Benedikt XVI. war Zeit seines Lebens klar, was er als Papst am 3. Dezember 2010 zusammenfasste:

„Kein theologisches System kann bestehen, wenn es nicht immer von der Liebe zu seinem göttlichen ‚Objekt’ durchdrungen ist, wenn es nicht unablässig vom Dialog mit dem göttlichen Logos, Schöpfer und Erlöser – das heißt von dessen Aufnahme in den Verstand und das Herz des Theologen – genährt wird. Außerdem ist keine Theologie wirklich eine solche, wenn sie nicht durch Zeit und Raum in das Leben und Nachdenken der Kirche eingebunden ist. Gewiss muss die Theologie, um wissenschaftlich zu sein, rational argumentieren; aber sie muss auch der Natur des kirchlichen Glaubens treu sein: auf Gott ausgerichtet, im Gebet verwurzelt sein und in einer Gemeinschaft mit den anderen Jüngern des Herrn stehen, die von der Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus und mit dem ganzen Bischofskollegium gewährleistet ist“.

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Zwei Mal feierte Benedikt XVI. mit den Mitgliedern der Internationalen Theologischen Kommission die heilige Messe zum Abschluss ihrer jährlichen Versammlung: am 6. Oktober 2006 und am 1. Dezember 2009.

Im Jahr 2006 predigte Benedikt XVI. „frei“, weil er keine Zeit gehabt hatte, ein Manuskript vorzubereiten. Benedikt XVI. unterstrich die Notwendigkeit eines Prozesses der Reinigung des Denkens, „der vor allem auch ein Prozess der Reinigung unserer Worte sein muss“. Denn: „Wie könnten wir die Welt und zuerst uns selber dem Wort öffnen, ohne in das Schweigen Gottes einzutreten, aus dem sein Wort hervorgeht?“. So werde dann deutlich, dass Gott nie „Objekt“ der Theologie, sondern deren „Subjekt“ ist: „Derjenige, der in der Theologie spricht, also das sprechende Subjekt, sollte Gott selbst sein. Und unser Sprechen und Denken sollte nur dazu dienen, daß das Sprechen Gottes, das Wort Gottes, in der Welt gehört werden, in ihr Raum finden kann. Und so fühlen wir uns erneut eingeladen zu diesem Weg des Verzichts auf unsere Worte; zu diesem Weg der Reinigung, damit unser Wort nur Werkzeug ist, durch das Gott sprechen kann, und so tatsächlich Gott nicht Objekt, sondern Subjekt der Theologie ist“.

Stroh und Korn

„Schweigen angesichts der Größe Gottes, weil unsere Worte zu klein sind. Das läßt mich an die letzten Wochen im Leben des hl. Thomas denken. In diesen letzten Wochen hat er nicht mehr geschrieben und nicht mehr gesprochen. Seine Freunde fragen ihn: Meister, warum sprichst du nicht mehr, warum schreibst du nicht? Und er sagt: Gegenüber dem, was ich geschaut habe, erscheinen mir jetzt alle meine Worte wie Stroh. Der große Kenner des hl. Thomas, Pater Jean-Pierre Torrel, warnt uns davor, diese Worte falsch zu verstehen. Das Stroh ist nicht nichts. Das Stroh trägt das Korn, und darin besteht der große Wert des Strohs. Es trägt das Korn. Und auch das Stroh der Worte bleibt wertvoll als Träger des Korns. Aber ich würde sagen, das ist auch für uns eine Relativierung unserer Arbeit und zugleich eine Aufwertung unserer Arbeit. Es ist auch ein Hinweis, damit unsere Arbeitsweise, unser Stroh, wirklich das Korn des Wortes Gottes trägt.“

2009 lud Benedikt zu einer Gewissenserforschung ein und stellte die Frage: „Was ist Theologie? Was sind wir Theologen? Wie können wir gut Theologie betreiben?“. Diese Frage ist für Benedikt XVI. entscheidend, denn: „Es gibt große Gelehrte, große Fachleute, große Theologen, Lehrer des Glaubens, die uns vieles gelehrt haben. Sie haben sich zwar eingehend mit Detailfragen der Heiligen Schrift und der Heilsgeschichte befasst, aber es ist ihnen nicht gelungen, das Mysterium selbst zu erkennen, den eigentlichen Kern: dass nämlich Jesus wirklich der Sohn Gottes gewesen ist, dass der dreifaltige Gott in unsere Geschichte eingetreten ist, in einem bestimmten geschichtlichen Moment, in einem Menschen, wie wir es sind. Das Wesentliche blieb ihnen verborgen! Es wäre nicht schwer, einige wichtige Namen aus der Geschichte der Theologie in den letzten 200 Jahren anzuführen, von denen wir viel gelernt haben: die Augen ihres Herzens sind jedoch vor dem Mysterium verschlossen geblieben“.


Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der heiligen Messe mit den Mitgliedern der Internationalen Theologischen Kommission, 6. Oktober 2006:

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich habe keine richtige Homilie vorbereitet, nur einige Stichworte für eine Betrachtung. Die Sendung des hl. Bruno, des Tagesheiligen, wird im Tagesgebet deutlich und wird – so können wir sagen – hier ausgelegt. Dieses Gebet, wenngleich es im italienischen Text etwas anders lautet, erinnert uns daran, daß die Sendung dieses Heiligen Schweigen und Kontemplation war.

Aber Schweigen und Kontemplation haben ein Ziel: Sie dienen dazu, in der Zerstreuung des täglichen Lebens eine ständige Einheit mit Gott zu bewahren. Das ist das Ziel: daß in unserem Herzen immer die Einheit mit Gott gegenwärtig ist und unser ganzes Sein verwandelt.

Schweigen und Kontemplation – Wesensmerkmal des hl. Bruno – dienen dazu, in der Zerstreuung des Alltags diese tiefe, beständige Einheit mit Gott finden zu können. Schweigen und Kontemplation: Aber die schöne Berufung des Theologen ist das Sprechen. Dies ist sein Auftrag: In der Geschwätzigkeit unserer Zeit und anderer Zeiten, in der Inflation der Worte die wesentlichen Worte gegenwärtig zu machen. In den Worten das Wort gegenwärtig zu machen, das Wort, das von Gott kommt, das Wort, das Gott ist.

Aber wie könnten wir, als Teil dieser Welt mit allen ihren Worten, das göttliche Wort in den Worten gegenwärtig machen, wenn nicht durch einen Prozeß der Reinigung unseres Denkens, der vor allem auch ein Prozeß der Reinigung unserer Worte sein muß? Wie könnten wir die Welt und zuerst uns selber dem Wort öffnen, ohne in das Schweigen Gottes einzutreten, aus dem sein Wort hervorgeht? Zur Reinigung unserer Worte und damit zur Reinigung der Worte der Welt brauchen wir jenes Schweigen, das Kontemplation wird, die uns in das Schweigen Gottes eintreten und so dorthin gelangen läßt, wo das Wort, das erlösende Wort geboren wird.

Im Anschluß an eine lange Tradition sagt der hl. Thomas von Aquin, daß in der Theologie Gott nicht das Objekt ist, über das wir sprechen. Das ist zwar unsere übliche Auffassung. In Wirklichkeit aber ist Gott nicht Objekt, sondern Gott ist Subjekt der Theologie. Derjenige, der in der Theologie spricht, also das sprechende Subjekt, sollte Gott selbst sein. Und unser Sprechen und Denken sollte nur dazu dienen, daß das Sprechen Gottes, das Wort Gottes, in der Welt gehört werden, in ihr Raum finden kann. Und so fühlen wir uns erneut eingeladen zu diesem Weg des Verzichts auf unsere Worte; zu diesem Weg der Reinigung, damit unser Wort nur Werkzeug ist, durch das Gott sprechen kann, und so tatsächlich Gott nicht Objekt, sondern Subjekt der Theologie ist.

In diesem Zusammenhang kommt mir ein sehr schönes Wort aus dem Ersten Petrusbrief, im 1. Kapitel, Vers 22 in den Sinn. Lateinisch lautet es: »Castificantes animas nostras in oboedientia veritatis«. Der Gehorsam gegenüber der Wahrheit sollte unser Herz enthaltsam machen (»castificare«) und auf diese Weise zum rechten Wort und zur rechten Tat führen. Anders gesagt, sprechen, um Beifall zu finden, sprechen mit Ausrichtung auf das, was die Menschen hören wollen, sprechen im Gehorsam gegenüber der Diktatur der allgemeinen Meinung, wird als eine Art Prostitution des Wortes und der Seele angesehen.

Die »Enthaltsamkeit«, auf die der Apostel Petrus anspielt, bedeutet, sich nicht diesen Standards zu unterwerfen, nicht den Beifall, sondern den Gehorsam gegenüber der Wahrheit zu suchen. Und ich denke, das ist die grundlegende Tugend des Theologen, diese zuweilen harte Disziplin des Gehorsams gegenüber der Wahrheit, der uns zu Mitarbeitern der Wahrheit, zu einem Mund der Wahrheit macht, damit nicht wir es sind, die in diesem Wortschwall der heutigen Zeit sprechen, sondern, wirklich gereinigt, rein gemacht durch den Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die Wahrheit in uns spricht. Und so können wir wirklich Überbringer der Wahrheit sein.

Das läßt mich an den hl. Ignatius von Antiochien und einen schönen Satz von ihm denken: »Wer die Worte des Herrn verstanden hat, versteht sein Schweigen, weil der Herr in seinem Schweigen erkannt werden muß«. Die Erforschung der Worte Jesu gelangt bis zu einem gewissen Punkt, bleibt aber unserem Denken verhaftet. Nur wenn wir zu jenem Schweigen des Herrn gelangen, des Herrn in seinem Einssein mit dem Vater, von dem die Worte stammen, können wir auch wirklich beginnen, die Tiefe dieser Worte zu begreifen. Die Worte Jesu entstanden in seinem Schweigen auf dem Berg, wie die Schrift sagt, in seinem Einssein mit dem Vater. Aus diesem Schweigen der Gemeinschaft mit dem Vater, aus dem Versunkensein in den Vater, entstehen die Worte, und nur, wenn wir an diesen Punkt gelangen und von diesem Punkt ausgehen, gelangen wir zur wahren Tiefe des Wortes und können so authentische Interpreten des Wortes sein. Der Herr lädt uns durch sein Wort dazu ein, mit ihm auf den Berg zu steigen und in seinem Schweigen immer wieder den wahren Sinn der Worte zu erlernen.

Damit sind wir bei den beiden Lesungen des heutigen Tages angelangt. Ijob hatte laut zu Gott geschrieen, ja er hatte auch mit Gott gerungen angesichts der offenkundigen Ungerechtigkeit, mit der Gott ihn behandelte. Jetzt sieht er sich mit der Größe Gottes konfrontiert. Und er begreift, daß gegenüber der wahren Größe Gottes unser ganzes Reden nur Armut ist und nicht einmal von ferne an die Größe seines Seins heranreicht, und so sagt er: »Einmal habe ich geredet, ich tu es nicht wieder; ein zweites Mal, doch nun nicht mehr! « (Ijob 40,5).

Schweigen angesichts der Größe Gottes, weil unsere Worte zu klein sind. Das läßt mich an die letzten Wochen im Leben des hl. Thomas denken. In diesen letzten Wochen hat er nicht mehr geschrieben und nicht mehr gesprochen. Seine Freunde fragen ihn: Meister, warum sprichst du nicht mehr, warum schreibst du nicht? Und er sagt: Gegenüber dem, was ich geschaut habe, erscheinen mir jetzt alle meine Worte wie Stroh. Der große Kenner des hl. Thomas, Pater Jean-Pierre Torrel, warnt uns davor, diese Worte falsch zu verstehen. Das Stroh ist nicht nichts. Das Stroh trägt das Korn, und darin besteht der große Wert des Strohs. Es trägt das Korn. Und auch das Stroh der Worte bleibt wertvoll als Träger des Korns. Aber ich würde sagen, das ist auch für uns eine Relativierung unserer Arbeit und zugleich eine Aufwertung unserer Arbeit. Es ist auch ein Hinweis, damit unsere Arbeitsweise, unser Stroh, wirklich das Korn des Wortes Gottes trägt.

Das Evangelium schließt mit den Worten: »Wer euch hört, der hört mich« (Lk 10,16). Was für eine Warnung, was für eine Gewissensprüfung sind diese Worte! Ist es wahr, daß, wer mich hört, wirklich den Herrn hört? Beten und arbeiten wir, damit es immer wahrer wird, daß, wer uns hört, Christus hört. Amen!


Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der heiligen Messe mit den Mitgliedern der Internationalen Theologischen Kommission, 1. Dezember 2009 :

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Worte des Herrn, die wir soeben im Abschnitt aus dem Evangelium gehört haben, sind für uns Theologen eine Herausforderung oder, besser gesagt, eine Einladung zur Gewissenserforschung: Was ist Theologie? Was sind wir Theologen? Wie können wir gut Theologie betreiben? Wir haben gehört, daß der Herr den Vater preist, weil er das große Mysterium des Sohnes, das trinitarische Mysterium, das christologische Mysterium den Weisen, den Gelehrten verborgen hat – sie haben es nicht erkannt –, es aber den Unmündigen, den nèpioi, also jenen, die nicht gelehrt sind und keine große kulturelle Bildung haben, kundgetan hat. Ihnen wurde dieses große Geheimnis offenbart.

Mit diesen Worten beschreibt der Herr einfach eine Gegebenheit aus seinem Leben; ein Faktum, das bereits zur Zeit seiner Geburt begonnen hat, als die Sterndeuter aus dem Osten die Fachkundigen, die Schriftgelehrten, die Exegeten nach dem Ort der Geburt des Erlösers, des Königs von Israel, fragen. Da die Schriftgelehrten erfahrene Fachleute sind, wissen sie die Antwort; sie können sofort sagen, wo der Messias geboren wird: in Betlehem! Sie fühlen sich jedoch nicht aufgerufen, dorthin zu gehen: es bleibt für sie eine rein akademische Erkenntnis, die keine konkreten Auswirkungen auf ihr Leben hat; sie bleiben Unbeteiligte. Sie können zwar Auskunft geben, aber dieses Wissen hat keinen Einfluß auf ihr Leben.

Später, während des gesamten öffentlichen Lebens des Herrn ist das gleiche Phänomen festzustellen. Die Gelehrten vermögen nicht zu erkennen, daß dieser nichtgelehrte Mann aus Galiläa wirklich der Sohn Gottes sein soll. Es ist für sie unannehmbar, daß der große und einzige Gott, der Gott des Himmels und der Erde, in diesem Mann gegenwärtig sein soll. Sie wissen alles, sie kennen auch das 53. Kapitel des Buches Jesaja und alle großen Prophezeiungen, doch das Geheimnis bleibt ihnen verborgen. Den Kleinen hingegen wird es offenbart, begonnen bei der Gottesmutter bis hin zu den Fischern vom See von Galiläa. Sie erkennen, ebenso wie es der römische Hauptmann unter dem Kreuz erkannt hat: dieser Mann ist der Sohn Gottes.

Die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Jesu gehören nicht nur der Vergangenheit an, sondern sie sind auf verschiedene Weise in allen Generationen gegenwärtig. Und auch in unserer Zeit, in den vergangenen 200 Jahren können wir genau dies feststellen. Es gibt große Gelehrte, große Fachleute, große Theologen, Lehrer des Glaubens, die uns vieles gelehrt haben. Sie haben sich zwar eingehend mit Detailfragen der Heiligen Schrift und der Heilsgeschichte befaßt, aber es ist ihnen nicht gelungen, das Mysterium selbst zu erkennen, den eigentlichen Kern: daß nämlich Jesus wirklich der Sohn Gottes gewesen ist, daß der dreifaltige Gott in unsere Geschichte eingetreten ist, in einem bestimmten geschichtlichen Moment, in einem Menschen, wie wir es sind. Das Wesentliche blieb ihnen verborgen! Es wäre nicht schwer, einige wichtige Namen aus der Geschichte der Theologie in den letzten 200 Jahren anzuführen, von denen wir viel gelernt haben: die Augen ihres Herzens sind jedoch vor dem Mysterium verschlossen geblieben.

Es gibt aber auch in unserer Zeit die Kleinen, die dieses Mysterium erkannt haben. Denken wir nur an die hl. Bernadette Soubirous; an die hl. Therese von Lisieux mit ihrer neuen, »unwissenschaftlichen« Art, die Bibel zu lesen; bis hin zu den Heiligen und Seligen unserer Zeit: die hl. Josephine Bakhita, die sel. Teresa von Kalkutta, der hl. Damiaan de Veuster. Und wir könnten noch viele weitere Namen anführen.

Dabei drängt sich uns die Frage auf: Warum ist das so? Ist das Christentum die Religion der Einfältigen, der Menschen ohne Kultur und Bildung? Erlischt der Glaube dort, wo die Vernunft erwacht? Wie läßt sich all dies erklären? Vielleicht müssen wir noch einmal in die Geschichte zurückblicken. All das, was Jesus gesagt hat und was sich über alle Jahrhunderte hindurch beobachten läßt, bleibt wahr. Und doch gibt es eine »Art« von Kleinen, die auch gelehrt sind. Unter dem Kreuz steht die Gottesmutter, die demütige Magd Gottes, die zugleich die große, von Gott erleuchtete Frau ist. Und es steht dort auch Johannes, der Fischer vom See von Galiläa: doch eben dieser Johannes wird von der Kirche zu Recht »der Theologe« genannt, da er es wirklich verstand, das Geheimnis Gottes zu sehen und zu verkünden: mit Adleraugen ist er in das unzugängliche Licht des göttlichen Geheimnisses vorgedrungen. In ähnlicher Weise berührt der Herr nach seiner Auferstehung auf dem Weg nach Damaskus das Herz des Saulus, der einer jener Gelehrten ist, die nicht sehen. Im ersten Brief an Timotheus schreibt er über sich selbst, daß er damals trotz seines Wissens »töricht« gewesen sei. Doch der Auferstandene ergreift ihn: er erblindet und wird zugleich zum wahrhaft Sehenden, er beginnt zu sehen. Der große Gelehrte wird ganz klein, und gerade deswegen erkennt er die Torheit Gottes, die Weisheit ist, eine Weisheit, die alle menschliche Weisheit übersteigt.

Wir könnten fortfahren, die ganze Geschichte auf diese Weise zu deuten. Doch nur eine Anmerkung sei noch angefügt. Die weisen Gelehrten, die sofòi und sinetòi, von denen wir in der ersten Lesung gehört haben, scheinen anders zu sein. Bei ihnen sind sofia und sínesis Gaben des Heiligen Geistes, die auf dem Messias, auf Christus, ruhen. Was bedeutet das? Es wird ersichtlich, daß es einen zweifachen Gebrauch der Vernunft gibt und zwei Arten, weise oder unmündig zu sein. Es gibt eine autonome Art des Vernunftgebrauchs, die sich über Gott erhebt, und zwar durch das ganze Spektrum der Wissenschaften hindurch, angefangen bei den Naturwissenschaften, bei denen eine für die Erforschung der Materie geeignete Methode universalisiert wird: bei dieser Methode wird Gott nicht miteinbezogen, so als ob es Gott nicht gäbe. Und dies geschieht schließlich auch in der Theologie: man fischt in den Wassern der Heiligen Schrift mit einem Netz, das nur Fische bis zu einer bestimmten Größe fangen kann. Alles was größer ist, paßt nicht in dieses Netz hinein und darf daher nicht existieren.

Auf diese Weise wird das große Geheimnis Jesu, des menschgewordenen Gottessohnes, auf den historischen Jesus verkürzt: eine tragische Gestalt, ein Gespenst ohne Fleisch und Blut, ein Mensch, der im Grab geblieben, verwest und wirklich gestorben ist. Mit dieser Methode kann man zwar einige Fische »fangen«, doch das große Geheimnis bleibt ausgeschlossen, da sich der Mensch zum Maß aller Dinge macht: diese Vorgehensweise trägt einen Hochmut in sich, der zugleich eine große Dummheit ist, da sie einige Methoden absolut setzt, die die großen Wirklichkeiten nicht zu fassen vermögen; sie gehört zu jener akademischen Geisteshaltung, die wir bei den Schriftgelehrten feststellen konnten, die den Heiligen Drei Königen antworten: das geht mich nichts an; ich bleibe in meiner Existenz verschlossen, die davon nicht berührt wird. Es handelt sich dabei um jene Spezialisierung, die zwar alle Details sieht, der aber der Blick aufs Ganze fehlt.

Und es gibt auch eine andere Weise, den Verstand zu gebrauchen, weise zu sein, und zwar die des Menschen, der anerkennt, wer er ist; er erkennt sein eigenes Maß und die Größe Gottes, indem er sich in Demut der Neuheit des Wirkens Gottes öffnet. Auf diese Weise, nämlich durch das Anerkennen seines eigenen Kleinseins, indem er sich so klein macht, wie er ist, gelangt er zur Wahrheit. Und so kann auch der Verstand alle seine Möglichkeiten zum Ausdruck bringen, er wird nicht ausgeschaltet, sondern er weitet sich und wird größer. Es handelt sich um eine andere sofìa und sìnesis, die das Geheimnis nicht ausblendet, sondern wirkliche Gemeinschaft mit dem Herrn ist, in dem die Erkenntnis und Weisheit und deren Wahrheit zu finden ist.

Wir wollen daher in diesem Moment dafür beten, daß der Herr uns die wahre Demut schenke. Er gewähre uns die Gnade, klein zu sein, um wirklich weise sein zu können; er erleuchte uns und lasse uns sein Geheimnis der Freude im Heiligen Geist sehen; er helfe uns, wahre Theologen zu sein, die sein Mysterium verkünden können, weil sie im Tiefsten ihres Herzens und ihrer Existenz berührt worden sind. Amen.


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