12 Februar 2015, 10:30
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Von wegen Übergangspapst: Benedikt XVI hat eine Brücke ins dritte Jahrtausend geschlagen – ihr Fundament reicht in die Grundfragen menschlicher Existenz. Gastbeitrag von Stefan Högl

Vatikan (kath.net) Von wegen Übergangspapst: Benedikt XVI hat eine Brücke ins dritte Jahrtausend geschlagen – ihr Fundament reicht in die Grundfragen menschlicher Existenz.

I.

Es sind die monumentalen Ereignisse des Lebens, die ins Herz des Menschen dringen und an den Pulsschlag des Lebens erinnern. Geburt und Tod gehören dazu, Hochzeiten und Jubiläen, Silvester und Neujahr. Auch in den Religionen findet man Zeiten, die sich vom Lauf des Jahres abheben und die übrigen Tage an Glanz überstrahlen.

Die christliche Kirche feiert Weihnachten und Ostern als ihre höchsten Festtage - und Millionen von Menschen lassen sich davon berühren, selbst wenn sie dem Glauben sonst mit Skepsis begegnen. Mit Tradition allein lässt sich dieses Verhalten kaum erklären. Es sind die existenziellen Fragen des Lebens, die sich gerade an kirchlichen Feiertagen stellen, Fragen, die über den Alltag hinausweisen und den Sinn des Leben erhellen wollen. Sie verlangen nach einer Antwort.

Die Wahl eines Papstes gehört zu den bewegendsten Ereignissen der Weltgeschichte. Mit ihr verbinden sich religiöse und politische Sphären zu einer historischen Dimension. Der Rauch eines unscheinbaren Kamins über den Dächern des Vatikans fasziniert Beobachter aus aller Welt - ganz gleich wie sie zum Christentum stehen. Gewiss, es geht um die Person des neuen Oberhirten. Bedeutender aber ist der Weg, den der neue Papst beschreiten will. Wohin wird er die Kirche führen? In der vorösterlichen Zeit des Jahres 2013 drehte sich alles um diese Frage. So verband sich die Nachfolge im Petrusamt mit einer feierlichen Stimmung, die universal spürbar war.

Der neue Papst war noch nicht bestimmt, da hatte sein Vorgänger bereits ein deutliches Zeichen gesetzt. Sein freiwilliger Rücktritt war überraschend - ein Novum in der neueren Kirchengeschichte, er war mutig. In dieser Frage waren sich alle Beobachter einig. Unisono war auch die Stimmung, als es darum ging, die vergangene Amtszeit zu bewerten. Was manche selbst ernannten Experten in aller Eile zum Besten gaben, war freilich nichts Neues: Ein konservatives Pontifikat sei es gewesen, ohne Reformen, verlorene Jahre, mutig nur der letzte Schritt. Oder - im Stil einer konkurrierenden Theologin: Nichts war gut an Benedikt! - Doch wie war es wirklich?

II.

Es ist der Hirtenstab des Papstes, der in der Vergangenheit schon manchen Kritiker zu Missverständnissen verleitet hat. Wer in ihm ein Zepter als Zeichen besonderer Macht sieht, der gerät leicht in die Versuchung, sich einen christlichen Regenten vorzustellen, dem die Kirche gleichsam untertan ist. Die Bischöfe hören auf sein Wort, die Gläubigen ohnehin, und so bräuchte es nur den Willen des Papstes, um endlich die Reformen umzusetzen, die längst überfällig seien. So hört man es immer wieder und von verschiedener Seite. Nicht alles aber, was in den Medien kursiert, ist schon die ganze Wahrheit.

"Der Herr ist mein Hirte" - so beginnt Psalm 23 und weiter heißt es: "Dein Stecken und dein Stab, die trösten mich". In diesen Versen, die König David zugeschrieben werden, spiegelt sich ein fundamentales Vertrauen wider – nicht bloß eine vage Hoffnung. Der Lobpreis des Psalmisten drückt eine existenzielle Gewissheit aus, eine, die für das Papstamt konstitutiv ist: Alles Wirken geschieht im Vertrauen auf Gott. Er ist der Urgrund, den der Hirtenstab symbolisiert.

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Manchem Zeitgenossen mag diese Dimension wie ein staubiges Konstrukt erscheinen, liegen doch die Anfänge des Papsttums bald zweitausend Jahre zurück. Gewiss: Wer die Frage nach Gott verneint und die Sinnsuche längst aufgegeben hat, der wird dem Nachfolger Petri nicht viel abgewinnen können. Wer aber im Kern der christlichen Botschaft etwas Positives erkennt, kann auch der Kirche eine historische Rolle zuerkennen, selbst wenn er sie zuweilen kritisch sieht.

In dieser Tradition liegt die zweite Bedeutung des Hirtenstabs: Der Papst sieht sich in besonderer Weise als Nachfolger des Petrus, auf dessen Fels, wie das Neue Testament bildlich sagt, die Kirche erbaut ist. Wie dort die christliche Botschaft zur Entfaltung kommt, welche Regeln die Gemeinschaft leiten und welche Zeichen man in der Welt setzen soll, das liegt in seiner ganz besonderen Verantwortung: Als oberster Hirte, nicht als oberster Herrscher.

III.

Das Pontifikat Benedikt XVI. hat eine lange Vorgeschichte, die nicht allein persönliche und religiöse Aspekte hat. Weltpolitische und geistesgeschichtliche Entwicklungen kommen in besonderer Weise zum Tragen. Kirchenhistoriker versuchen oftmals zwischen liberalen und konservativen Tönen im Werdegang des Theologen und späteren Papstes zu unterscheiden. Für Biographen ist dies gewiss ein reizvoller Blick, doch das zentrale Anliegen schon des frühen Joseph Ratzinger war ein anderes. Es galt einem fortschreitenden Relativismus, der den christlichen – katholischen – Glauben bedroht. So ist auch Benedikts Agenda erfüllt vom Kampf gegen die zunehmenden Versuche, die Transzendenz des Menschen und der Welt zu bestreiten – mit allen Folgen, die diese Weltbilder nach sich ziehen.

Transzendenz bedeutet die Überschreitung von Grenzen, vereinfacht, dass sich des Wesen der Welt nicht auf ihre physikalischen Eigenschaften reduzieren lässt und der Mensch mehr ist als ein biologisch-psychologischer Apparat inmitten eines wirren evolutionären Strudels: Ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Sinn. Diese Ansicht aber ist heute weiter verbreitet denn je. Ihr Ursprung liegt im naturwissenschaftlichen Denken, doch ihre Anhänger finden sich mittlerweile in allen Fakultäten. Im Namen einer vermeintlichen Aufklärung proklamiert sie die Sinnlosigkeit der Welt und die Absurdität menschlicher Existenz, wenngleich mit freundlicheren Worten. So gesehen ist das Anliegen des Papstes nicht allein theologischer Natur. Er hat in dieser Frage gleichsam eine universale Hirtenrolle übernommen.

IV.

Das transzendente Weltbild ist im 20. Jahrhundert in eine existenzielle Krise geraten. Es war die größte Bedrohung, die die jahrtausendelange Suche nach einer höheren Wirklichkeit je erlebt hat. Die Gegner kamen von allen Seiten. Auf der weltpolitischen Bühne war es das „Gespenst des Kommunismus“, um bei Marx und Engels´ Worten zu bleiben. In staatliche Form gegossen war sein Ziel, religiöses Denken auszumerzen. Das Paradies der Werktätigen kannte kein Jenseits, alle Hoffnung war irdisch, der Materialismus offizielle Doktrin.

In geistesgeschichtlicher Hinsicht war es die Aufklärung, deren Waffen nun zum Kampf gegen transzendentes Denken missbraucht wurden. Aus der einstigen Emanzipation von Kirche und Staat wurde der Kampf gegen eine vermeintlich überkommene Tradition. Gerade linke Intellektuelle nahmen die fundamentale Kritik auf und trugen sie bis in die Mitte der Gesellschaft.

So fand sich die christliche Kirche – wie überhaupt alle Religionen – in einer äußerst prekären Lage wieder: Von außen drohte die Expansion des Kommunismus, der seine Weltherrschaft prophezeite, von innen begann die Aushöhlung durch einen Relativismus, der Glaube und Hoffnung die Grundlage entziehen wollte. Der Untergang schien greifbar nahe. Wer den Stand der Kirche und die Rolle ihrer Hirten verstehen will, tut gut daran, einen Blick in die Geschichte zu werfen. Inmitten der vielen Stürme, die das 20. Jahrhundert erschüttert haben, lassen sich drei große Fronten erkennen, deren Wind noch heute weht.

V.

Als man sich nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs daran machte, Staat und Wirtschaft neu aufzubauen, war es an der Zeit auch die neue Gesellschaft mit den Werten der Freiheit und der Demokratie vertraut zu machen. So kam eine Entwicklung ins Rollen, die bis heute nachwirkt und die auch vor der Institution Kirche nicht haltmachte.

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann in den Sechziger Jahren ein Weg, der den Glauben in die Mitte der modernen Gesellschaft tragen sollte. Das Leitwort hieß aggiornamento - Erneuerung. Auf deutscher Seite war es Joseph Ratzinger, der als Konzilstheologe Kardinal Frings unterstützte und dabei nachhaltig für Reformen eintrat. Sein Anliegen, die Tradition des christlichen Glaubens mit der modernen Wissenschaft zu versöhnen, hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Die Öffnung der Kirche war eine wegweisende Entscheidung, eine Weichenstellung für die Zukunft, keine Reaktion auf den Zeitgeist. Sie trägt die Erkenntnis in sich, dass freie Menschen auch ihren Glauben in Freiheit bekennen und leben müssen. Jahrzehnte später wird Benedikt diesen Aspekt wieder aufgreifen: Gewalt und Drohung sind dem Wesen Gottes zuwider.

VI.

Weltpolitisch betrachtet fällt das Zweite Vatikanum in die Zeit des Kalten Krieges. Die Kubakrise war bereits überstanden, als Paul VI. die Leitung des Konzils vom verstorbenen Johannes XXIII. übernahm. Während die Supermächte über eine Annäherung verhandelten, ging auch die Kirche einen Schritt auf die Moderne zu und begann sich der Welt zu öffnen.

Gegen Ende der 70er Jahre hielt der Ost-West-Konflikt die Welt erneut in Atem. Die Spannungen nahmen wieder zu. In dieser Zeit konnte die Wahl eines Papstes zum Politikum werden. So geschah es, als der Pole Karol Wojtyla ins Hirtenamt berufen wurde. Inmitten der Konfrontationen zwischen Ostblock und freiem Westen galt seine Sympathie den unterdrückten Glaubensbrüdern seiner Heimat. Sein leidenschaftlicher Einsatz für die Freiheit des Glaubens gilt heute als Mitursache für den politischen Wandel in Polen und für den Untergang des Kommunismus in Osteuropa. So ist denn auch der weltpolitische Einsatz Johannes Paul II. als wesentliches Erbe in Erinnerung geblieben. Sein Eintreten für die Freiheit des Menschen – und dessen Würde, was oft vergessen wird – hat den universalen politischen Anspruch des Hirtenamtes zum Tragen gebracht.

Im Gegensatz dazu steht die Bewahrung der Tradition im Inneren, die von manchen Zeitgenossen kritisiert wurde und den Ruf eines konservativen Papstes geprägt hat. Im Mittelpunkt stand wohl die Sorge, dass weitere Reformen die Organisation der Kirche und die Grundlagen der christlichen Lehre erschüttern könnten. Eine Institution, die fast zwei Jahrtausende den Stürmen der Geschichte getrotzt hatte, sollte nicht unnötig in Gefahr gebracht werden. Tatsächlich blies der Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts von verschiedener Seite heftig Wind entgegen, nicht selten mit dem Ziel, die im Zweiten Vatikanum aufgesperrten Türen endlich aus den Angeln zu heben.

VII.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Johannes Paul II. die römische Kirche geprägt. Dabei konnte er sich stets auf einen Mitarbeiter stützen, den er schon früh als führenden Theologen gewinnen konnte: Münchens Kardinal Joseph Ratzinger. Seine wissenschaftliche Reputation war ihm schon damals vorausgeeilt. Als Präfekt der Glaubenskongregation war es nun an ihm, das theologische Fundament zu wahren.

Vielleicht waren es die Studentenproteste, die Ratzinger in seiner akademischen Zeit erlebt hatte und die Angriffe gegen die Kirche, die in den 80er Jahren zunahmen, die ein Unbehagen gegen allzu deutliche Reformen bei ihm begründeten. Jedenfalls hat er die Linie seines Hirten in all den Jahren mitgeprägt. Zwar gab es Zeichen der Öffnung im interreligiösen Dialog und bei der Ökumene, doch wurden diese in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen.

Der tiefere Grund für die Skepsis gegenüber vermeintlich überfälligen Reformen liegt freilich tiefer begründet, als es gesellschaftliche Strömungen und Forderungen sein könnten. Auch als Präfekt der Glaubenskongregation stand Ratzinger vor dem fundamentalen Problem des Relativismus, nun in seiner theologischen Ausprägung. Als Philosoph, der er aus innerster Überzeugung war, war seine Haltung eindeutig.

Auch im Glauben soll es – vereinfacht gesagt – nicht mehrere Antworten geben, die nebeneinander relativ wahr sein konnten. Zumindest in den wesentlichen Fragen muss eine Übereinstimmung herrschen, was für die Kirche gelten soll: Eine Richtschnur für den christlichen Glauben, einen Maßstab. Eine solche Festlegung wird oft als undemokratisch und intolerant verstanden, doch meist zu unrecht. Was der Einzelne glaubt, wird niemand vorgeschrieben, und auch die theologische Diskussion bleibt davon unberührt. An einem Maßstab kann man sich messen – mehr nicht. Eine pluralistische Gesellschaft lebt vom Widerstreit der Meinungen – auch in religiösen Fragen. Und doch muss eine Kirche, wie fast jede Gemeinschaft, regeln, was zu ihrem Verständnis zählt und was nicht. Auch wenn sich dieses einmal wandeln kann.

VIII.

Das Ende des langen und auf Bewahrung ausgerichteten Pontifikat Johannes Paul II. stellte die Kirche vor eine neue Herausforderung. Zum einen hatte man eine charismatische Persönlichkeit verloren, wie plötzlich auch alle Kritiker gestehen musste. Zum anderen gab es zwar vielfach den Wunsch nach einem neuen Aufbruch, doch niemand ahnte damals, wie.

Als dann Kardinal Ratzinger zum obersten Hirten berufen wurde, waren die Erwartungen zunächst verhalten – vom Patriotismus der Deutschen, besonders der Bayern einmal abgesehen.

Manche Beobachter sprachen von einem Übergangspapst, auf den man sich einigen hätte können. Anhänger Johannes Paul II. erhofften sich eine Fortsetzung des beschrittenen Weges, während dessen Kritiker genau dieses befürchteten. Es kam so und es kam anders.

Natürlich konnte niemand erwarten, dass Benedikt XVI. seinen bisherigen Pfad verlassen würde. Nach wie vor war ihm an einer behutsamen Annäherung an die Fragen der modernen Gesellschaft gelegen, und nach wie vor sah er es als seine Aufgabe an, einen klaren Kurs zu verfolgen.

Der bayerische Papst wusste freilich, dass er in einer Tradition stand, die ihre Siege im 20. Jahrhundert errungen hatte. Sie hatte das Schiff der Kirche nach einer Phase der Öffnung durch die Stürme des Ost-West-Konflikts geleitet, Klippen ideologischer Anfeindungen umfahren und mit einem weltgewandten Hirten die christliche Tradition bewahrt. Im beginnenden 21. Jahrhundert aber würde man sich wieder auf neue Herausforderungen einstellen müssen.

Noch war nicht zu erahnen, welche Personen und Initiativen die Kirche einst in die Zukunft führen würden. Gerade erst war das zweitlängste Pontifikat der Geschichte zu Ende gegangen. So muss es Benedikt wie vielen anderen klar gewesen sein: Einen neuer Aufbruch würde erst der nächste Oberhirte in Angriff nehmen können. Und doch war Benedikt vor allem eines: Ein Konzilspapst.

IX.

Wenn es in Benedikts Amtszeit je die Gelegenheit gegeben hätte, ein Konzil einzuberufen, er hätte es noch an seinem letzten Arbeitstag getan. Nie waren die Fragen drängender, die Entwicklung bedenklicher und die Lösung wichtiger als zu dieser Zeit. Es waren die Fundamente, die zu erodieren drohten oder bereits weggebrochen waren.

Kein Vatikanisches Konzil hätte ihm im Sinn gelegen, denn die Kirche hatte sich bereits auf den Weg gemacht. Ein Weltkonzil hätte es gebraucht, um die existenziellen Fragen der Menschheit zu erörtern: seine Würde, seiner Werte, seine Hoffnung. Wenn die Vereinten Nationen je ein Forum für diese Fragen geboten hätten, so hätte Benedikt eine Agenda ins Leben gerufen, die noch heute tagen würde. Allein, es gibt sie nicht. So grundlegend diese Fragen für den Einzelnen sind, für sein Glück, für das Zusammenleben, so wenig finden sie Beachtung. So hat Benedikt in einer weltpolitischen Lage, die konzilsträchtiger nicht sein hätte können, den Hirtenstab erhoben, um ein Zeichen der Orientierung zu setzen. Seine eindringliche Botschaft galt allen, die von den zentralen Fragen des Menschen – der conditio humana – berührt waren: Den Gelehrten, den politisch Verantwortlichen, den interessierten Menschen in aller Welt.

Beispielhaft hierfür sind zwei Reden, die Benedikt in seiner Heimat gehalten hat.

X.

Es hätte vermutlich keinen bayerischen Papst gegeben, wenn dessen Vorgänger ihn nicht so eindringlich nach Rom gebeten und dort gehalten hätte. Eigentlich wollte der Kardinal weiter an seinen Büchern schreiben, hätte ihn Johannes Paul II. nur gelassen. Am Ende siegte die Pflicht, obwohl er im Herzen Wissenschaftler geblieben ist.

Benedikts erster Deutschlandbesuch führte ihn nach Regensburg, jene Universität, an der er selbst zuletzt gelehrt hatte. Hier war der Ort, an dem sich Philosophie und Theologie zu einer Papstrede verbinden sollten. Es war die Vernunft, die im Mittelpunkt der Gedanken stand, die sich an die Gelehrten aller Fakultäten richteten. Denn hier, im Zentrum der geistigen Auseinandersetzung, war der Ursprung jener geistesgeschichtlichen Krise, die schon der junge Theologe Ratzinger festgestellt hatte, und die längst zu einem philosophischen Konzil führen hätte müssen. Das Ziel wäre freilich nicht die Hinwendung zur Welt gewesen oder die Öffnung gegenüber der Moderne. Im Gegenteil: Was Benedikt forderte, war die Rückkehr der Wissenschaft zu ihren eigenen Wurzeln, eine Besinnung auf das Fundament ihrer Erkenntnis: auf die Vernunft.

Wie diese sich zum (christlichen) Glauben und zur Frage der Transzendenz stellte, hatte in der jüngsten Vergangenheit eine dramatische Wandlung erfahren. Als vernünftig – und damit „wissenschaftlich“ – galt vielfach nur mehr das, was sich in die Kategorien eines rationalen Kalküls fügte, dem sich alle Disziplinen zu unterwerfen hätten. Was sich konkreter, vermeintlich objektiver Erforschung zu entziehen droht, muss demnach ausgelagert werden: in den Bereich des Irrationalen, rein Subjektiven, ja Un-Vernünftigen. Die Universität – so mahnte Benedikt damals – verenge dadurch aber ihren Blick. Wo Religion, Moral, die Fragen nach Sinn und Wahrheit aus dem Fokus geraten, bleibt nur die relative Erkenntnis temporärer Fragestellungen. Wo der Bezug zum Absoluten ausgeklammert wird, gerät das Fundament ins Wanken, auf dem doch alle Fragen ruhen.

Es ist der „hörende Geist“ - die „Vernunft [in] ihre[r] ganze[n] Weite“, die Benedikt zum Einsatz rufen wollte, damit das Ziel der Wissenschaft nicht aus dem Auge verloren werde: Die „eigentlich menschlichen Fragen … nach unserem Woher und Wohin“.

XI.

Der zweite Papstbesuch – fünf Jahre später – führte nach Berlin. Im Herzen der politischen Verantwortung, im Deutschen Bundestag, wiederholte Benedikt seinen Aufruf. Nicht die Erkenntnis der Welt, sondern die Frage nach dem richtigen Handeln stand nun im Zentrum seiner Rede – und doch lässt sich das eine vom anderen nicht trennen. Die Abgeordneten im Blick, ging Benedikt nun wieder zu den Wurzeln, zum Ursprung menschlicher Entscheidung, der Frage nach Richtig und Falsch, nach moralischen Werten. Sie stellen sich im Alltag, aber sie stellen sich vor allem in der Politik.

Gerade in dieser Grundsatzfrage zeigt sich heute ein Verständnis von der Welt, das sehr verbreitet ist, am Ende aber keine Antwort weiß. In der Frage nach Moral hat sich ein Relativismus etabliert, der Richtig und Falsch von echtem Ethos trennt. Was gut ist, wie man handeln soll – das sei in stetem Wandel, denn echte Werte gebe es nicht, es seien stets Produkte der Gesellschaft. Wo aber ein letzter Maßstab fehlt, da fehlt dem Handeln die Berechtigung, da fehlt der Politik die Legitimität, da fehlt den Rechten, gerade den Menschenrechten die Begründung. Wo Gesetze im positivistischen Sinne nur „gesetzt“ sind, haben sie keine Kraft. Die Lücke ist unübersehbar.

„Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz“, so zitierte der Papst die Bitten des jungen König Salomon aus dem Alten Testament, „damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht.“ - Gemeint ist ein Gewissen, das sich jenseits der Meinungen und Abstimmungen verortet, jenseits eines subjektiven Gefühls für das Richtige.

Und wieder wird ist es der enge Rahmen eines Wissenschaftsverständnisses, auf den Benedikt schon in Regensburg hingewiesen hatte, der jetzt die Moral des Menschen berührt. So wiederholt er nun im Grundsatz seinen Aufruf nach der Weite der menschlichen Vernunft, „wobei [das] Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“

XII.

Die Papstreden der Deutschlandreisen verdichten das philosophische Anliegen Benedikts, das zwar mit christlichen Bezügen transportiert wird, aber universellen Anspruch hat. Der „hörende Geist“ und das „hörende Herz“ sind zwei Seiten einer Medaille, deren Wert oftmals verkannt wird. Es handelt sich um ein Weltverständnis, das die Transzendenz des Menschen und seiner Vernunft mit einschließt. Erst so entsteht überhaupt die Möglichkeit, existenzielle Fragen sinnvoll zu stellen. Wo der Relativismus die Grenzen setzt, wird das Absolute geleugnet: letztlich also Gott.

Benedikt ist bei beiden Reden nicht als Prediger aufgetreten. Seine Rufe zur Umkehr sind in der Sprache des Philosophen gehalten. Und doch finden sich jeweils Bezüge zur Gottesfrage, die sich an das Publikum richten. In Regensburg hat er als Pontifex versucht, die Brücke aufzuzeigen, die von der Philosophie zum biblischen Gottesbegriff führt, der sich gerade nicht aus mythischen Versatzstücken ergibt. Vom Alten Testament weist eine Spur zum Johannesprolog, der Gott mit dem griechischen Logos (für Vernunft) gleichsetzt: „Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat.“ Dieser Bezug zu Johannes wird auch in der Enzyklika „Deus Caritas est“ deutlich.

Im Bundestag hat Benedikt die Frage in den Raum gestellt, „ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?“ - Gewiss, die weltanschauliche Vielfalt der Abgeordneten hat zu einer behutsamen Formulierung beigetragen. Und doch war es die entscheidende Frage – die nach dem Absoluten –, die alle anderen Fragen in sich trägt.

Die Rezeption der Regensburger Rede wie auch der Ansprache im Parlament hat nicht – noch nicht – die erwarteten Früchte hervorgebracht. Vergessen wurde, dass der Papst nicht seine persönliche Meinung und schon gar nicht ein katholisches Dogma in die Welt getragen hat. Seine Klage über die geistige Verfassung unserer Tage ist auf eine bedrückende Weise zeitlos.

Überhört hat man auch die Deutlichkeit seiner Worte hierüber, als er betonte, es handle sich um “eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.“

Dringend. So zu hören im Deutschen Bundestag, im September 2011. Aggiornamento!

So schließt sich der Kreis eines außergewöhnlichen Pontifikats, dessen Verdienste noch lange nicht erschlossen sind. Benedikt hat die Tradition, die er mit seinem Vorgänger einst begonnen hat, behutsam fortgeführt, bis er sie in die Hände seines Nachfolgers Franziskus legen konnte. An ihm ist es jetzt, den Herausforderungen der neuen Zeit mit Entschlossenheit zu begegnen.

Ein wesentliches Merkmal des Theologen Ratzinger war sein Einsatz gegen einen Relativismus – innerhalb der Kirche wie außerhalb. Stets sah er die Gefahr, dass der Glaube ohne die Verbindlichkeit des Lehramts zu einer Beliebigkeit werden konnte, so dass am Ende Erosion und Auflösung drohten. Das beste Lehrstück hierzu hatte er stets vor Augen: Die moderne Gesellschaft, die sich von Transzendenz und Absolutem befreit hatte und nun auf der Suche nach ihrem Sinn war. Ihr wandte sich Benedikt später zu. Der erste Schritt bezieht sich auf die Wissenschaft unsere Zeit und einen zum rationalen Kalkül verengten Vernunftbegriff. Wo er sich durchsetzt, erodiert ein jahrtausendealtes Fundament, auf dem Religionen und Kulturen errichtet wurden, auf dem Moral und Menschenrechte fußen, in dem die Frage nach dem Sinn des Lebens wurzelt.

Im Zweiten Vatikanum bekannte sich die Kirche dazu, in fremden Religionen dasjenige zu respektieren, was sie als „wahr und heilig“ erkennen konnte. Fünfzig Jahre später zeigte Benedikt, wie sich der christliche Glaube zur Vernunft verhielt: Nicht nur, dass es hier keinen Widerspruch geben musste, das war die minimale Voraussetzung. Vielmehr sollte deutlich werden, dass das Christentum eine vernünftige Antwort auf existenzielle Fragen war. Jetzt sollten auch jene, die dem christlichen Glauben kritisch gegenüberstanden, das schätzen, was sie als vernünftig erkennen konnten.

Die christliche Kirche – das hat das 20. Jahrhundert gezeigt – ist eine Gemeinschaft, die trotz ihrer zentralen Bindung eine Vielfalt an Wegen und Ausprägungen besitzt. Diese sind so verschieden wie die Menschen selbst und reichen von tiefer Frömmigkeit und traditionellen Riten bis hin zur philosophischen Interpretation biblischen Geschehens. Vielleicht wird es in Zukunft nötig sein, an beiden Polen Menschen zu gewinnen, die sich dem christlichen Glauben verbunden wissen.

Benedikt hat im Laufe seines Wirkens einen weiten Bogen gespannt, der die verschiedenen Gestaltungen kirchlichen Lebens anerkannt und dem Glauben eine unschätzbare philosophische Tiefe verliehen hat. Darüber hinaus hat er der Welt als Hirte eine Orientierung aufgezeigt, wie selten zuvor ein Papst. Das Vermächtnis des Pontifex Philosophicus wird daher noch viele Generation prägen. Danke, Benedikt!

Dr. phil. Stefan Högl ist Gymnasiallehrer in Bayern.







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