26 Januar 2015, 17:00
'Je suis Vincent Lambert' - Ein Lebensmarsch der Superlative
 
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Paris: Mehr als 45.000 Menschen marschierten beim Marsch für das Leben, dieses Jahr mit dem Schwerpunkt Sterbehilfe. Die europäische Lebensrechtsbewegung ist stark im Aufwärtstrend, auffallend sind die vielen Jugendlichen. Von Georg Dietlein

Paris (kath.net/gd) „Je suis Charlie“? Non! Je suis Vincent Lambert! – In diesem Jahr haben sich die Organisatoren des 10. Marsches für das Leben in Paris den berühmten „Je suis“-Slogan, der zur Zeit überall en vogue ist, geschickt zu eigen gemacht. Nein, wir sind nicht Charlie. Wir sind Vincent Lambert! Damit erinnerten die 45.000 Demonstranten in Paris an das Schicksal des 38-jährigen Koma-Patienten Vincent Lambert, der zum Symbol der französischen Sterbehilfe-Debatte geworden ist. Vincent Lambert war vor einigen Jahren mit dem Motorrad schwer verunglückt und liegt seitdem im Koma. Vincent kann zwar seine Augen bewegen und ist schmerzempfindlich. Kommunizieren kann man aber mit ihm nicht. Im Februar 2014 stellten die Ärzte auf Wunsch der Ehefrau die künstliche Ernährung ein. Hiergegen klagten Vincents Eltern und gewannen in der ersten Instanz. Doch Vincents Ehefrau und die behandelnden Ärzte gingen in Berufung. Mittlerweile liegt der Fall beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der vermutlich in den nächsten Wochen ein abschließendes Urteil über das Lebensschicksal Vincent Lamberts treffen wird. Viviane Lambert, Vincents Mutter, ging beim diesjährigen Marche pour la Vie in der ersten Reihe mit und betonte: „Wir kämpfen für Vincent, aber zugleich für die Gesellschaft. Es geht hier um eine Tür, die geöffnet wird. Heute ist es Vincent. Aber er ist nicht der erste und er wird nicht der letzte sein.“

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Ein Marsch der Superlative

Wer schon einmal am jährlich stattfindenden Marsch für das Leben in Berlin teilgenommen hat, für den ist Paris gleichsam die Superlative. Etwa 6.000 Menschen waren im vergangenen September in Berlin für die Würde des menschlichen Lebens auf die Straßen gegangen. In Paris waren es am vergangenen Sonntag zwischen der Place Denfert-Rochereau und dem Hotel des Invalides im Süden von Paris bereits mehr als 45.000 Demonstranten – Tendenz: steigend. Die europäische Lebensrechtsbewegung befindet sich zur Zeit in einem starken Aufwärtstrend. Das belegen die Zahlen aus den Vorjahren. Im Jahr 2012 gingen in Berlin immerhin 3.000, in Paris bereits 20.000 Demonstranten für den Wert des menschlichen Lebens auf die Straßen. Zwei Jahre später (2014) betrugen die Teilnehmerzahlen bereits jeweils das Doppelte. Wenn nur jeder Zehnte, der zum Marsch für das Leben in Berlin oder Paris eingeladen wurde, diese Einladung auch angenommen hat, bekommt man eine Ahnung davon, welche Sprengkraft dieser Marsch bereits in den Köpfen der Menschen entfaltet hat und in Zukunft wohl auch noch weiter entfalten wird.

Die Bedeutung des jährlichen Lebensmarsches in Paris unterstrich auch der Primas von Frankreich und Erzbischof von Lyon, Philippe Kardinal Barbarin, der am „Marche pour la Vie“ im vergangenen Jahr teilgenommen hatte: „Diese Demonstration ist von großer symbolischer Bedeutung und wirkt sich mehr aus als man denkt. Sie weist darauf hin, dass die Unterdrückung menschlichen Lebens, das seinen Lauf begonnen hat, tiefes Unrecht darstellt, einen Akt schrecklicher Schwere.“ Zum Marsch für das Leben in Paris hatte neben zahlreichen französischen Bischöfen auch Papst Franziskus aufgerufen. Er ermutigte die Teilnehmer, eine „Zivilisation der Liebe“ und „Kultur des Lebens“ zu erbauen. Als eine junge Dame bei der Kundgebung zu Beginn des Marsches „Vive le Pape“ ins Mikrofon rief, applaudierte die ganze Menge.

Kernthema: Sterbehilfe

Im Mittelpunkt des Pariser Marsches für das Leben stand in diesem Jahr das Thema Sterbehilfe – auf Französisch „euthanasie“, ein ziemlich klares und ungeschöntes Wort, das bei uns Deutschen Erinnerungen an unsere dunkle Vorgeschichte weckt. Nicht nur in Deutschland, wo der Deutsche Bundestag bis zum Herbst diesen Jahres über eine Reform des Verbotes des ärztlich assistierten Suizids beraten möchte, sondern auch in Frankreich polarisiert dieses Thema. Der Fall Vincent Lambert beschäftigt in diesen Tagen ganz Frankreich und war in der vergangenen Woche auch Thema im französischen Parlament. Dabei ist das gesetzliche Sterbehilfeverbot in Frankreich sogar noch strenger ausgeprägt als bei uns in Deutschland: In Frankreich sind aktive Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung – auch durch Nicht-Ärzte – streng verboten. Die passive Sterbehilfe, also das „Sterben lassen“ (wie im Fall Vincent Lamberts), wurde 2005 durch das „Loi Leonetti“ unter bestimmten Bedingungen erlaubt, nämlich dann, wenn eine entsprechende Willensäußerung des Patienten vorliegt. Der Fall Lambert zeigt nun aber auf, wie schwer die Situation sein kann, wenn ein solcher ausdrücklicher Patientenwille nicht vorliegt: Soll dann die Entscheidung über Leben und Tod den nahen Verwandten oder einem Ärzteteam überlassen werden? Droht so nicht gerade die Aussortierung alter, kranker, schwacher und besonders hilfsbedürftiger Menschen, eben Euthanasie – wie im Falle von Vincent Lambert? Auch die jüngsten Pläne François Hollandes, den assistierten Suizid oder sogar aktive Sterbehilfe quasi durch die Hintertür zu legalisieren, sollten einen nachdenklich stimmen. In Frankreich droht ein ethisches Tabu zu brechen, dessen Konsequenzen wir in den Benelux-Staaten bereits heute „bewundern“ können.

Viele religiös motivierte Teilnehmer

Vergleicht man den Pariser mit dem Berliner Marsch für das Leben, so springt nicht nur die wesentlich höhere Teilnehmerzahl ins Auge, sondern auch die Zusammensetzung der Demonstranten: katholische Priester und Ordensleute, erkennbar an Soutane und Ordenshabit, zahlreiche katholische Jugendliche mit entsprechenden Symbolen und Fahnen, eine eigene Gebetsgruppe mit ca. 1.000 Teilnehmern am Ende des Marsches. Etwa zwei Drittel der Demonstranten seien praktizierende Katholiken und kämen aus religiösen Gründen nach Paris, erzählten mir Teilnehmer des Marsches. Besonders auffällig war der hohe Anteil Jugendlicher beim Marsch. Etwa jeder zweite Teilnehmer zählte zur Altersklasse U30. Zahlreiche Männer und Frauen hatten ihre ganze Familie mit nach Paris gebracht. Entsprechend jugendgerecht war der Marsch gestaltet worden. Die kilometerlange Menschenversammlung wurde aufgelockert durch tönende Mobile, auf denen junge Menschen Zeugnis für den Wert des menschlichen Lebens abgaben und die Demonstranten anschließend durch moderne Musik in Stimmung brachten. Die Themen des Pariser Marsches unterschieden sich nicht wesentlich von den Themen, die auch beim Marsch für das Leben in Berlin eine Rolle spielen: Abtreibung, vorgeburtliche Selektion, aktive und passive Sterbehilfe, Euthanasie.

Vermutlich war nicht nur die hohe Teilnehmerzahl in Paris dafür verantwortlich, dass – im Gegensatz zu Berlin – keine Gegendemonstrationen zu vermelden waren. Die „Manifestation“ verlief gänzlich ohne gewaltsame Vorkommnisse. Offensichtlich ist das Verständnis für die unantastbare Würde und den Wert jedes einzelnen Menschen bei den Franzosen noch tiefer verwurzelt als bei uns Deutschen. Dafür spricht auch die unterschiedliche Zahl der lebendgeborenen Kinder in den zwei Nachbarländern: Während in Deutschland pro 1000 Einwohner im Jahr etwa acht Kinder geboren werden, liegt die Geburtenziffer in Frankreich noch einmal 50 % höher.

Mich persönlich hat es sehr beeindruckt, dass in Paris so viele junge Menschen auf die Straßen gegangen sind und dabei keine Kosten und Mühen gescheut haben, um sich für den Wert des menschlichen Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende einsetzen. Das stimmt mich sehr hoffnungsvoll. Letztlich werden es diese jungen Menschen sein, die Gleichaltrige von einem geplanten Schwangerschaftsabbruch abbringen können. Ich wünsche mir für jeden einzelnen Jugendlichen, der in Paris beim Marche pour la Vie mitgegangen ist, dass er mit anderen jungen Menschen befreundet ist, die sein persönliches Lebenszeugnis vom Wert des menschlichen Lebens und von der Schönheit der Familie offenherzig annehmen. Das authentische Zeugnis so vieler junger Menschen in Paris kann eigentlich keinen Menschen kalt lassen – auch nicht in Deutschland. Und so war auch für mich persönlich der Marche pour la Vie nicht nur mit Lächeln und Freude verbunden, sondern auch mit der einen oder anderen Träne. Denn der erbitterte Kampf für den Wert jedes menschlichen Lebens ist auch in Deutschland Pflicht eines jeden Christen – unsere Mission und meine Mission.






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