17 Dezember 2014, 11:00
Was unterscheidet Gott vom Teufel?
 
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Ein Artikel des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet zeigt, wie weit die wissenschaftliche Theologie von der Kirche entfernt sein kann. Ein kath.net-Kommentar von Johannes Graf

Freiburg (kath.net/jg)
„Bischof, tu was!“ Mit dieser Aufforderung ist ein Beitrag des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet in der Zeitung Christ & Welt (Ausgabe 50/2014) überschrieben. In dem Artikel kommen gleich mehrere Themenfelder zur Sprache, die charakteristisch für eine bestimmte gegenwärtige Strömung innerhalb der Kirche im allgemeinen und der wissenschaftlichen Theologie im speziellen sind, wie wir sie in den westlichen Ländern kennen. Es lohnt sich daher, Striets Gedanken einer Analyse zu unterziehen.

Die eingangs zitierte Aufforderung an die Bischöfe meint, dass die Leitung der Kirche das rezipieren sollte, was von einer bestimmten Richtung der Theologie seit einigen Jahrzehnten gefordert wird: Anerkennung einer zweiten Ehe und homosexueller Partnerschaften ebenso wie eine größere Autonomie für die Ortskirchen.

Striet ist sich dabei bewusst, im Gegensatz zur geltenden Lehre der Kirche zu stehen und hofft auf eine Änderung. Er bedauert, dass man derzeit aus „bischöflichen Kreisen“ fast nur Stimmen höre, die, so schreibt er wörtlich, „keine Notwendigkeit zur Veränderung der Doktrin sehen“.Es überrascht daher nicht, Striet unter den Theologieprofessoren zu finden, die 2011 das romkritische Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ unterstützt haben.

Gleich im dritten Absatz des Artikels gibt Striet dankenswerter Weise seinen eigenen Ausgangspunkt bekannt. Er bekennt sich zu einer Theologie, „die sich forsch auf Gegenwartsfragen einlässt, veränderte gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen zur Kenntnis nimmt, die vor allem historisch denkt – was heißt: um die geschichtliche Kontingenz von ‚Wissen’ und Überzeugungen weiß.“ Problematisch ist vor allem der dritte Punkt. Theologie hat auch die Aufgabe, die göttliche Botschaft für die gesellschaftliche und kulturelle Gegenwart und ihre Anfragen zu durchdenken und verständlich zu machen, wie Striet in den ersten beiden Punkten anführt.

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Die historische Perspektive der kirchlichen Lehre völlig außer Acht zu lassen, wäre einseitig. Es gibt tatsächlich eine Entwicklung der Lehre, die aber darin besteht, die Offenbarung besser zu verstehen. Eine Änderung der Lehre ist nicht denkbar, denn das würde bedeuten, dass die Kirche sich geirrt hat. Jesus selbst hat ihr aber den Beistand des Heiligen Geistes zugesagt, der sie in die Wahrheit einführen wird (Joh 16,13).

Für Striet wäre dieser Einwand vermutlich kein Problem, weil er von der Geschichtlichkeit von „Wissen“ und „Überzeugungen“ ausgeht. Von Wahrheit spricht er gar nicht mehr. Wissen und Überzeugungen sind nach dieser Auffassung geschichtlich bedingt und können sich mit den geschichtlichen Rahmenbedingungen auch ändern. Das wirft zwei ganz grundsätzliche Fragen auf.

Die erste: Wenn richtig und falsch, gut und böse sich im Lauf der Geschichte ändern können – und zwar tatsächlich und nicht deshalb weil Menschen sich in der Beurteilung irren – was unterscheidet Gott dann vom Teufel? Dieselbe Handlung könnte unter denselben Bedingungen und Umständen einmal gottgefällig und ein anderes Mal Sünde sein. Dann wäre sogar die Existenz Gottes einmal richtig und einmal falsch, je nach den historischen Umständen.

Die zweite Frage: Wenn man das historische Prinzip auf den Satz: „Alles Wissen und alle Überzeugungen sind geschichtlich kontingent“ anwendet, dann ist auch dieses Prinzip nur das Ergebnis einer bestimmten wissenschaftsgeschichtlichen Konstellation und muss nicht unbedingt etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Die Wahrheit, also die Übereinstimmung des Gesagten beziehungsweise Gedachten mit der Wirklichkeit, wird ausgeblendet. Anders gesagt: Der Satz „Alles Wissen und alle Überzeugungen sind geschichtlich kontingent“ kann dann auch nicht den Anspruch erheben, wahr zu sein. Dieser Gedankengang heißt in der Logik „Rekursion“ und ist ein probates Mittel gegen viele Formen des Relativismus.

Striets Ausgangsposition ist eine philosophische Vorentscheidung, mit der er an die Offenbarung herangeht. Seine ganze Theologie steht unter der Bedingung der Veränderbarkeit im Lauf der Geschichte.

Wie sieht nun die für unsere Zeit gültige Theologie aus? Striet geht von einem Gott aus, „der Menschen zur Freiheit ermutigt“, „der Freiheit will“. Wer diese Vorstellung aber auf konkrete Fragen anwende, werde von der „Amtskirche“ sofort zurückgepfiffen. Dies sei „Anpassung an den Zeitgeist“, „gegen die göttliche Schöpfungsordnung“ oder „Diktatur des Relativismus“. Der Theologe wirft der Kirche vor, sie habe noch immer nicht gelernt, was Freiheit (heute) sei. Freiheit bedeute, „sich selbst ein Gesetz zu sein und nicht auf etwas Vorgeordnetes schielen zu dürfen. Aber auch nicht zu müssen.“ Striet bleibt hier seiner Linie treu und übernimmt den emanzipatorischen Freiheitsbegriff der Moderne. Neuzeit und Moderne sind unter anderem durch das stetige Bemühen gekennzeichnet, sich von den Einschränkungen der Natur und der Gesellschaft zu befreien. Diese Haltung hat den technischen Fortschritt mit all seinen Vor- und Nachteilen ermöglicht. Gesellschaftlich hat die Emanzipation die Demokratie und die wirtschaftliche Freiheit gebracht, die für viele heute selbstverständlich sind. Je weiter links die Ideologie, desto radikaler waren und sind die Forderungen nach Emanzipation. Die letzte Spielart ist die Gender-Ideologie, die den Menschen angeblich von seinem vorgegebenen Geschlecht „befreien“ will.

Bei Striet endet die Freiheit dort, wo andere Menschen „zum Mittel eigener Bedürfnisse degradiert“ werden. Das erinnert stark an Immanuel Kant, der seinen kategorischen Imperativ einmal so formuliert hat: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, II. Abschnitt)

Natürlich ist der Arzt Mittel zur Gesundung des Patienten, der Lokführer, dem man nicht einmal persönlich begegnet, Mittel zur Reise von A nach B. Nur ein Verhalten, das im anderen ausschließlich ein Mittel für eigene Zwecke sieht, ist nach Kant unmoralisch. Ich gehe davon aus, dass Striet dem zustimmen würde, weil er die Formulierung „zum Mittel eigener Bedürfnisse degradiert“ verwendet.

Mit der überlieferten christlichen Botschaft hat das wenig zu tun. „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“, sagt Jesus (Joh 14,21). Striet würde das wahrscheinlich mit dem Argument der historischen Bedingtheit jeder Aussage relativieren (siehe oben).

Soziologisch habe sich die „Autonomiemoral“ ohnehin durchgesetzt, behauptet er. Auch in den sich als „konservativ-katholisch beschreibenden Kreisen“ dürfte sich das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung nicht durchgesetzt haben, vermutet er. Einen Beweis oder auch nur ein Indiz für diese Unterstellung bleibt er allerdings schuldig. Anstelle dessen versucht er, seine Behauptung mit einer weiteren Mutmaßung zu untermauern: Diejenigen, die vor kurzem – gemeint ist wohl unter Benedikt XVI. – noch unbedingte Loyalität gegenüber dem kirchlichen Lehramt gefordert hätten, würden nun einen neuen Papst fordern, weil ihnen die Linie von Franziskus nicht passe.

Die Beobachtung ist nicht uninteressant. Diese Personen gibt es natürlich. Wer die Ablöse von Papst Franziskus fordert, argumentiert auf einer ähnlichen Ebene wie jemand, der Benedikt XVI. nicht wollte und vertraut nicht auf die Führung der Kirche durch den Heiligen Geist. Die Frage ist, was man mit dieser Tatsache begründen kann. Ein theologisches Argument ist sie jedenfalls nicht. In der Kirche geht es nicht um Mehrheiten. Striet will damit, so scheint mir, auf etwas anderes hinaus. Wenn sowohl „konservative“ wie „progressive“ Katholiken die Autonomiemoral vertreten, dann sind es nur mehr ein paar Bischöfe, die noch überzeugt werden müssen. Aufhalten ließe sie sich unter diesen Voraussetzungen nicht mehr. Auch diese Überlegung wäre im Einklang mit der Geschichtlichkeit der Überzeugungen.

Wer eine Autonomiemoral vertritt, für den ist nicht einmal die Barmherzigkeit eine Tugend. Barmherzigkeit setze eine „hierarchisierende Perspektive“ voraus, schreibt Striet. Wer sich für barmherzig halte, sei sich sicher in der Unterscheidung von Richtig und Falsch. Er stelle sich damit über den anderen, den er „ungeschuldet toleriert“, obwohl dieser sich längst Anerkennung verdient hätte. Statt Barmherzigkeit sollte man lieber von „Warmherzigkeit“ sprechen, schlägt der Theologe vor.

Die sakramentale Ehe erfährt bei Striet eine Neudefinition. Die „Unauflöslichkeit der Ehe“ sei jedenfalls der falsche Ansatzpunkt, weil sie ein „verrechtlichtes und deshalb falsches Verständnis“ dessen zeige, was sakramental bedeute. Das Wesen einer Partnerschaft besteht führ ihn darin, sich frei, verantwortungs- und liebevoll füreinander zu entscheiden. Das könnten auch Homosexuelle. Wenn Menschen eine Beziehung dieser Art „in den Horizont ‚Gott’ stellen“, dann geschehe, was der Begriff „sakramental“ zu beschreiben versuche.

Vom Sakrament, wie es die Kirche versteht, bleibt da nicht mehr viel übrig. Ein Christ ist dazu aufgerufen, sein ganzes Leben in den „Horizont Gott“ zu stellen. Das macht nicht jede Handlung gleich zum Sakrament. Im Sakrament bewirkt Gott, was es bezeichnet. Er macht Mann und Frau zum Ehepaar und begleitet die beiden. Deshalb heißt es bei der katholischen Trauung auch: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Bei Striet hingegen bleibt die Ehe im Wesentlichen eine rein menschliche Angelegenheit. Und alles was Menschen verantworten, sei begrenzt, fährt er fort. Das zeige sich am biologischen Tod. Doch es gebe auch den Tod davor, den „Tod von Möglichkeit“, schreibt er. Wenn das Eheversprechen also gültig sei, „bis der Tod uns scheidet“, dann könne das bis zum „Tod vor dem biologischen Tod“ gelten. Auch wenn Scheitern niemals schön sei, müsse man es als Teil des Lebens anerkennen.

Der Begriff „Tod“ wird hier ebenso wie die Ehe neu definiert. Dann kann die Formulierung „bis dass der Tod uns scheidet“ im Eheversprechen bleiben. Nur heißt „Tod“ jetzt eben etwas anderes.

„Bischof, tu was?“ Ja, kann man nur sagen, auch wenn die kumpelhafte Anrede gegenüber einem Nachfolger der Apostel unpassend ist. „Exzellenz“, möchte man sagen, „schauen Sie genau, wer an Ihrer Hochschule Ihre Priester, Religionslehrer und Pastoralreferenten ausbilden darf.“

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