09 März 2003, 00:20
Bischof Gerhard Ludwig Müller: Plädoyer für die Beichte
 
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KATH.NET dokumentiert "Versöhnung aus dem Sakrament der Buße" - ein Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit 2003

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus, den Herrn!

I.

Millionen von Menschen in aller Welt demonstrieren für den Frieden und meinen das Schweigen der Waffen. Die Erfahrung zeigt aber, dass Frieden für die Menschen von den Menschen allein nie ein für allemal hergestellt und gesichert werden konnte. Der ewige Friede ist ein Ideal, das unsere Kräfte und guten Absichten unendlich übersteigt. Frieden ohne Versöhnung der Menschen mit Gott ist unmöglich. Erst die Versöhnung mit Gott ermöglicht eine Aussöhnung der Menschen und Völker untereinander.

Wir Christen glauben an Jesus Christus, den endgültigen Friedensstifter in Namen Gottes. Durch Jesus Christus ist die alte Welt der Feindschaft, der Bosheit, des Hasses, der Selbstsucht und der Rücksichtslosigkeit endgültig vergangen. Die Herrschaft Gottes bricht an: "Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber all das kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt hat." (2 Kor 5,17b-18) Gott hat in Christus die Kirche gestiftet, damit sie als das wirksame Zeichen für die innigste Vereinigung der Menschen mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit dienen kann (vgl. II. Vatikanum, Lumen gentium 1). Und er hat seiner Kirche auch die Mittel gegeben, durch die sie den Dienst des Friedens und der Versöhnung ausüben kann.

II.

Zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit erinnere ich Sie deshalb an das wunderbare Sakrament der Buße, das Jesus der Kirche und damit allen Gläubigen geschenkt hat; es ist das vierte in der Reihe der sieben Sakramente des Neuen Bundes. Durch das Bußsakrament wird den Getauften, die gesündigt haben, die Gnade der Wiederversöhnung mit Gott und der ganzen Kirche geschenkt.

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Dieses Sakrament geht zurück auf die Vollmacht zur Sündenvergebung, die Jesus seinen Aposteln und damit auch ihren Nachfolgern im Bischofs- und Priesteramt übertragen hat. Der auferstandene Herr sagt zu den Jüngern: "Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch ... Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." (Joh 20,21-22; vgl. Mt 16,19; 18,18)

Der Dienst der Versöhnung gehört zu den wesentlichen Aufgaben, die der Apostel im Namen Gottes und in der Vollmacht Christi ausübt. Paulus schreibt den Korinthern: "Wir sind also Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten euch an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! ... Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt." (2 Kor 5,20; 6,1)

Im Laufe der Geschichte hatte das Bußsakrament manchen Wandel zu verzeichnen, was seine liturgische Gestalt und die theologische Interpretation seiner einzelnen Aspekte angeht. Als seine wesentlichen Inhalte haben sich im Glaubensbewusstsein der Kirche folgende Elemente ausgeprägt:

- Von Seiten des umkehrwilligen Sünders sind Voraussetzung: die Reue über die Sünden, das klare Bekenntnis der Sünden, das wir "Beichte" nennen, und die ernsthafte Bereitschaft zur Wiedergutmachung des an sich selbst und der Gemeinschaft angerichteten Schadens. Untrennbar davon ist der ernsthafte Wille zur Erneuerung des christlichen Lebens.

- Von Seiten der Kirche kommt hinzu: das fürbittende Gebet aller für den Pönitenten, insbesondere die Fürbitte des Priesters, sowie das wirkmächtige Wort der Vergebung und die Erklärung, dass der Sünder mit Gott und der Kirche wiederversöhnt ist, kurz gesagt: die priesterliche Absolution.

Gegen manche häretische Richtungen hat die katholische Kirche immer daran festgehalten, dass Christus der Kirche die Vollmacht zur Absolution von allen Sünden gegeben hat. Die Kirche hat auch die im Laufe der Frömmigkeitsgeschichte entstandene Praxis gutgeheißen, auch bei lässlichen Sünden das Bußsakrament zu empfangen. Denn die "persönliche Beichte" darf nach einem Wort des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer als eine ideales Mittel der ehrlichen Gewissenerforschung gelten und damit als "ein Mittel der persönlichen Seelsorge, das nicht ohne Schaden für das Leben der Gemeinde vernachlässigt werden kann". Bonhoeffer bewunderte deswegen die katholische Beichtpraxis, weil hier die Gottesbeziehung für den einzelnen so konkret und aktuell werden kann, wie es eine Predigt kaum zu bewirken vermag.

III.

Wenn man momentan die Häufigkeit und die Art der Beichtpraxis in unserem Land betrachtet, erkennt man ohne Zweifel einen krassen Unterschied zu früheren Jahrzehnten. Nur in wenigen Pfarrkirchen finden wir lange Schlangen vor den Beichtstühlen. Manche reden von der Gefahr, dass das Bußsakrament bei weiten Teilen der katholischen Bevölkerung in Vergessenheit geraten könnte. Hie und da kann man auch die alten Klischees von der Beichte als einem "Machtinstrument" des Klerus hören. Die Beichte der persönlichen Sünden sei einem selbständigen und mündigen Menschen von heute nicht mehr zuzumuten. Wenn einer ein schlechtes Gewissen habe, dann könne er doch alles selbst mit seinem Herrgott ausmachen.

Meine lieben Christen, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich feststelle, dass diese simplen Redensarten nur von Menschen stammen können, die von den "Geheimnissen des Himmelreiches" wenig verstehen, die aber immensen Schaden anrichten am Glaubensleben der Christen.

Ist es nicht umgekehrt richtig? Warum versperren wir uns dem Wunder der Gnade Gottes?

Gott ist Mensch geworden und hat als Mensch unter uns Menschen gelebt. Er hat Menschen in der Kirche die Vermittlung seiner Versöhnungsgnade übertragen. Darum sagt der Apostel Jakobus im Zusammenhang seiner Aussagen über die Krankensalbung: "Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr gerettet werdet." (vgl. Jak 5,16)

An dieser Grundgestalt der mit-menschlichen Heilsvermittlung aufgrund der Menschwerdung Gottes führt kein Weg vorbei. Die Unmittelbarkeit unseres Gewissens zu Gott verwirklicht sich konkret in der kirchlichen Vermittlung. So wenig wie einer allein für sich Mensch werden, sein und bleiben kann, so wenig kann einer allein, d.h. ohne die Kirche, Lebensgemeinschaft haben mit dem lebendigen Gott in Jesus Christus. Die Kirche ist die von Gott gestiftete Glaubensgemeinde, der Leib Christi, durch die Gott seinen Heilsplan in Christus durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch ausführen will, damit wir in Christus "freien Zugang haben zu Gott durch das Vertrauen, das der Glaube an ihn schenkt." (Eph 3,12)

Ergreifen wir darum jetzt die besondere Chance zu einer Erneuerung unserer Beichtpraxis, damit wir die Versöhnung in Christus an uns erfahren dürfen!

Oft schon hat im Laufe der langen Geschichte des Christentums eine Phase des Aufschwungs eine Zeit der Schwäche und des Niedergangs abgelöst. Heute nun stehen wir am Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Christus: Wir dürfen gemeinsam den Weg einer geistlichen Erneuerung in Christus mit und in seiner Kirche gehen.

IV.

Aus vielen Pfarrgemeinden, in Klosterkirchen und anderen Seelsorgestellen wird berichtet, dass zwar die Quantität der Einzelbeichten gesunken, dafür aber die geistliche Qualität erheblich zugenommen hat.

Bei den internationalen Jugendtreffen mit dem Papst und auch bei unseren Begegnungen mit den Jugendlichen auf der Ebene der Diözese, der Gemeinden und geistlichen Bewegungen wird das Bedürfnis nach einem ganz persönlichen Beichtgespräch laut. Viele wollen sich nicht mehr hinter der Anonymität der Masse verstecken, sondern selbst ganz ernstgenommen werden: "Ich bin Ich vor Gott und gehöre zum Wir der Kirche" ? so brachte neulich ein Jugendlicher das Christsein auf einen prägnanten Nenner.

Beim kommenden Diözesantag der Jugend am Palmsonntag Nachmittag werden über 30 Priester nach einer gemeinschaftlichen Vorbereitung ausreichend Zeit zur Verfügung haben, um den jungen Christinnen und Christen zuzuhören und ihnen dann das Wort der Vergebung zuzusprechen. Dazu lade ich alle Jugendlichen des Bistums herzlich nach Regensburg ein!

Die Beichte in der Form des Beichtgespräches hat sich als sehr segensreich erwiesen.

Wir sind verpflichtet zum ausdrücklichen Bekenntnis wirklich gravierender Sünden, die unser Grundverhältnis zu Gott und zur Kirche schwer beschädigen oder gar zerstören. Im Beichtgespräch kann im Unterschied zu einer bloßen Aufzählung der lässlichen Sünden dann auch die persönliche spirituelle Situation zur Sprache kommen. Wir alle wissen, wie wir oft vergeblich immer neue Anläufe machen, innere Blockierungen und Bremsen zu lösen, wie schwer es uns gelingt, Antipathien gegen andere aufzulösen, oder wie erfolglos wir bisweilen sind in dem Bemühen, eingefleischte Gewohnheiten zu überwinden. Oft leiden Menschen auch unter den Zwängen des Berufes oder der beständigen Verletzung des Gewissens, dort wo man Zwängen eines Systems ausgeliefert ist. Der Priester kann hier ganz unmittelbar auf den Beichtenden eingehen, trösten, ermutigen und auch einen je persönlichen Rat in einer Gewissensentscheidung geben.

Bei einer Beichte mit seelsorgerlichem Gespräch ist die spirituelle Herausforderung an den Priester sehr hoch. Er muss die persönliche Zuwendung, mit der er die Hirtenliebe Christi darstellt und verkündet, verbinden mit einem außerordentlichen Respekt vor der Freiheit des Beichtenden. Unsere christliche Beichte hat nämlich nichts gemein mit der Schamlosigkeit irregeleiteter Zeitgenossen, die in einer Talkshow bereit sind, vor einem Millionenpublikum all ihre Intimitäten auszubreiten, und die sich kurioserweise erst zu schämen anfangen, wenn die Rede auf Gott und die Religion kommt. Im Gegensatz zu diesen Praktiken, bei denen Menschen wie Schauobjekte vorgeführt werden oder sich vorführen lassen, setzt die Beichte die Menschenwürde voraus und bestärkt sie.

Sicher gibt es in manchen Fällen so tief traumatisierende Verwundungen der Psyche bei den Opfern oder Tätern einer feindseligen Aggression, dass der Beichtvater auf die fachliche Beratung eines Psychologen oder Sozialtherapeuten verweisen muss. Dennoch kann man den Beichtstuhl in der Kirche und die Couch des Psychotherapeuten nicht als ebenbürtige Alternative ansehen. Denn bei der Beichte geht es um die Dimension der Schuld gegen Gott und die kirchliche Gemeinschaft, welche in die tiefste Mitte der Person als Geschöpf und als Dialogpartner der Liebe Gottes hineinreicht.

Im Bußsakrament erhält der Christ, der wegen seiner Sünden die Versöhnung mit Gott und der Kirche verloren hatte, seine Würde wieder, die er schon aufgrund seines Geschaffenseins besitzt und die ihm als Gotteskindschaft in der Taufe auf unüberbietbare Weise zu eigen gegeben worden war.

Die Versöhnung mit Gott, mit dem Nächsten und mit sich selbst bewirkt einen tiefen Frieden der Seele. Innere Ruhe und Sicherheit ist genau das, was einer davon hat, wenn er zum Beichten geht. Keiner muss sich mehr selbst betrügen in seinem Gewissen. Alle Strategien der Selbstrechtfertigung werden zu einer brotlosen Kunst. Gar nicht erst anzufangen brauchen wir mit dem so beliebten Gesellschaftsspiel, die Schuld auf die anderen abzuwälzen, weil dabei sowieso keiner gewinnen kann.

V.

Eine demoskopische Untersuchung hat vor ein paar Wochen von einem mangelnden Vertrauen der Katholiken in ihre Kirche gesprochen; viele würden sich die Lösung ihrer Zukunftsängste von irgendwelchen menschlich geschaffenen Institutionen erhoffen. Lassen wir es einmal dahingestellt, was die Befragten überhaupt unter "Kirche" verstehen und was sie von ihr wissen. Fest steht, dass es eine große seelische Not vieler Menschen gibt. Die ungelöste Sinnfrage quält, Verzweiflung wächst und lässt viele in die Falle selbsterdachter Heilungs- und Erlösungsprogramme tappen. Solche Menschen sind bereit, dafür viel Geld und Zeit und oft sogar ihre Freiheit aufzugeben.

Alles Menschenwerk ist aber zum Scheitern verurteilt. Selbsterlösung wächst nicht als Frucht auf dem Acker dieser Erde. Nur Gott kann uns retten. Wir als die Kirche Gottes rühmen uns nicht angelernter Fähigkeiten zur Menschenführung oder der Möglichkeiten kirchlicher Diplomatie, auf die Mächtigen der Erde einzuwirken. Wir lassen uns tragen vom Glauben, dass wir "in Christus" sind und dass Gott "Christus Jesus für uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht hat" (1 Kor 1,30).

Der ganze Mensch in seinem individuellen, sozialen und geschichtlichen Dasein ist einbezogen in den Frieden und in die Versöhnung, die uns von Gott her geschenkt sind und die uns innerlich durchdringen wollen. Darum mache ich mir den Friedenswunsch des Apostels für Sie alle, liebe Schwestern und Brüder in unserem ganzen Bistum, zu eigen:

"Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unbeschädigt, damit es an euch nichts zu bemängeln gibt, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt." (1 Thess 5,23)

So segne Sie der gütige und allmächtige Gott: + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist!

Regensburg, am Fest Kathedra Petri, dem 22. Februar im Jahre des Heils 2003

+ Gerhard Ludwig
Bischof von Regensburg

Informationen zur Fastenzeit

Fastenhirtenbrief des Papstes

KATH.NET-Fastenaktion

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