10 Februar 2014, 12:00
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Wo sind die Hirten, die Orientierung und Weisung geben? Es gibt sie. Es gibt aber auch die Irrlichter – Ein aktueller kath.net-Kommentar von Prof. Hubert Windisch

Regensburg (kath.net) In seinem „Braut- und Sportunterricht“ von 1930 verspottet Kurt Tucholsky mit spitzer Feder die Haltung der evangelischen Landeskirchen gegenüber den Zeitläuften von damals als eine Haltung des „Wir auch“. Weil die Kirchen hinter allem und jedem herrennen, um überall mit ihrem Segen dabeizusein, schaffen sie nach Tucholsky nichts mehr, sondern werden abgeschafft. Gut 80 Jahre später ist diese spöttische Bemerkung von Tucholsky vor allem auf der Führungsebene der evangelischen Kirche von Deutschland Wirklichkeit geworden. Denn die evangelische Kirche hat sich, ganz dieser Haltung verschrieben, schon lange aufgegeben und in den Zustand einer zeitgeistnivellierten Quantité négligeable gefügt. Gipfelpunkte dieses protestantischen Bedeutungsverfalls der letzten Jahrzehnte waren nach innen die Herausgabe der mit Kirchensteuermitteln geförderten Bibel in gerechter Sprache, die schlichtweg einen Hohn auf die Lutherübersetzung der Heiligen Schrift darstellt, und nach außen die EKD-Orientierungsschrift zu Ehe und Familie in heutiger Zeit, die sich letztlich um einer Pseudoaktualität willen vom biblisch-theologischen Menschenbild der Kirche(n) verabschiedet. So entsteht eine Kirche, die man gerade deshalb, weil sie die Zeitläufte willfährig absegnet, letztlich weder spürt noch vermißt.

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Nun könnte man darauf hinweisen, dass es in der katholischen Kirche noch Sperrigkeiten gegen diesen Kirchenzerfall gibt. So etwa die Rückbindung einer Ortskirche an die Weltkirche durch den Papst und damit die Herauslösung der Kirche aus rein nationalen oder regionalen Vorstellungen und Gegebenheiten. Man könnte hinweisen auf das Lehramt in der katholischen Kirche, das es nicht zulässt, dass jeder Pfarrer zu einem kleinen Papst avanciert. Man könnte hinweisen auf die Grundsätze in den Dogmen, z. B. in bezug auf das Verständnis des Lebens und Sterbens Jesu Christi, oder in Moralfragen, die nicht einfach dem Mainstream geopfert werden, wie z. B. in bezug auf Ehe oder Homosexualität, auch wenn da und dort ein deutschsprachiger Bischof verrückt spielt.

Es ist der katholischen Kirche sicher dieser Mut zur zeitlosen Modernität noch nicht ganz abhandengekommen, und doch stirbt auch die katholische Kirche immer schneller in immer mehr Seelen anstatt in ihnen zu erwachen, wie Romano Guardini 1922 noch emphatisch behaupten konnte. Auch die katholische Kirche in Deutschland ist, wenn auch etwas zeitverschoben gegenüber der evangelischen Kirche, vom Prozess der Selbstabschaffung betroffen.

Das belegen die Ergebnisse der vatikanischen Umfrage zur kommenden Bischofssynode und manche bischöflichen Stellungnahmen dazu. Man kann nun die Früchte einer jahrzehntelangen Anbiederung an das Gegebene durch die Selbstzerstörung der eigenen Identität ernten. Wenn aber das Gegebene, d. h. die politischen Vorgaben in unserem Staat in Bezug auf Ehe und Familie und die sexualethischen Einstellungen und Praktiken in unserer Gesellschaft selbst von Selbstzerstörung geprägt sind, verdoppelt sich dieser Zerstörungseffekt durch das Mit- und Zutun der Kirchen. Wir auch! Die Kirchen wollen mitten drin sein in der Lawine, die abwärts donnert und eine Schneise der Zerstörung im Miteinander von Mann, Frau und Kindern hinterlässt. Man will ja modern sein. Man stellt sich der Lawine nicht entgegen, man könnte ja überrollt werden, man rollt mit. Wir auch!

Eine solche Kirche, die – um mit der Würzburger Synode zu sprechen – nur die Hoffnungslosigkeiten der Welt verdoppelt, brauchen aber die Leute nicht. Wenn wir nur noch bejahen und absegnen, was ist, führen uns Staat und Gesellschaft am Nasenring durch die Manege. Kirche wird zur religiösen Staatsmagd wie einst die Religion im alten Rom, sie ist nicht mehr die Magd des Herrn. Man braucht die Kirche zwar, aber als eine Größe, die man eigentlich nicht mehr braucht.

Wir dürfen die Menschen in sexuellen Fragen und Nöten nicht allein lassen. Wie bedeutsam wäre für heutige Kinder und Jugendliche die klare und kostbare Lehre der Kirche in einfacher Sprache. Und wie ernst wäre doch das drängende Bitten von Rainer Maria Rilke in seinem „Brief eines jungen Arbeiters“ gerade von der Kirche für die Menschen von heute zu nehmen, wenn er schreibt: „Warum, ich frage Sie, … wenn man uns helfen will, uns so oft Hilflosen, warum lässt man uns im Stich, dort an den Wurzeln alles Erlebens? Wer uns dort (d. h. in sexuellen Fragen) beistünde, der könnte getrost sein, dass wir nichts weiter von ihm verlangten.“ Liest man einen Auszug aus einer empirischen Dissertationsuntersuchung über die Selbstsexualisierung unter Mädchen („Mal zotig, mal vulgär“, in der FAZ vom 31. Januar 2014, Seite 7), muß man erschrecken über den weithin kaputten und hilflosen sexuellen Zustand von Jugendlichen. Wir aber haben kein Vertrauen mehr in die Kraft der eigenen Botschaft. So entsteht eine falsche Nähe zur Gegenwart. Dieser von Rilke geforderte Beistand kann jedoch nicht durch falsche Nähe, also durch Anbiederung geleistet werden, sondern hat ganz im Sinn von Madeleine Delbrêl zu geschehen, die wie kaum eine andere Frau ihrer Zeit den Menschen nahe war und doch sagen musste: Wir Christen müssen den Menschen auch immer fremd bleiben, um ihnen ganz nahe zu sein. Es ist das Paradox der fremden Nähe des Evangeliums zu unserem Leben. Eigentlich sollten Botschaft und Leben der Kirche diesem Paradox verschrieben sein.

Wo sind die Hirten, die Orientierung und Weisung geben? Es gibt sie. Es gibt aber auch die Irrlichter, die aus welchen Gründen auch immer weder lehren noch führen. Wer gebietet ihnen Einhalt? Rom könnte es tun. Wenn nicht, müssen die Schafe nach Möglichkeiten suchen, um sich selbst zu wehren. Auch Laien haben Pflichten und Rechte.

Professor Hubert Windisch hatte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2012 den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg inne.

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