12 Februar 2014, 10:15
'Gegenwärtige Krise ist eine gewaltige Chance zur echten Bekehrung!'
 
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Jetzt braucht es „echte Glaubensverkündigung mit Mut zum Profil und zur kantigen Treue zum Evangelium“. Davon ist Johannes Hartl, Leiter des Augsburger Gebetshauses, überzeugt. Denn „die Volkskirche stirbt“. KATH.NET-Interview von Petra Lorleberg

Augsburg (kath.net/pl) „Die Volkskirche stirbt. Wenn die Leiter der Kirche jetzt die Zeichen der Zeit erkennen, werden sie nicht 90% ihrer Kraft verwenden, um Strukturen zu stützen, die sich schon mittelfristig erübrigen werden, sondern ihr Geld, ihre Kreativität und ihre immensen personellen Möglichkeiten nutzen, an etwas Zukunftsfähigem zu bauen. Leider sehe ich die Bereitschaft zu solch innovativem Denken noch nicht an vielen Stellen. Deshalb bin ich etwas in Sorge... Denn die Kirchen werden massiv leerer werden.“ Diese nüchterne Diagnose stellt der Theologe Dr. Johannes Hartl im kath.net-Interview. Der Leiter des 2005 gegründeten „Gebetshaus Augsburg“ hofft dringend darauf, dass Katholiken im deutschsprachigen Raum „Kirchenzugehörigkeit nicht damit zu verwechseln, ein wirklicher Jünger Jesu zu sein.“ Denn die meisten getauften Katholiken in Deutschland „leben de facto nicht mit Jesus als Herrn ihres Lebens!“. „Wenn er der Herr in einem Herzen wird, dann hat das massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche: die Identität, den Umgang mit den Worten, dem Geld, der Sexualität, den Gedanken...“

Hartl geht es dabei gerade nicht um Anpassung an den Zeitgeist, im Gegenteil, bei den Themen Sexualität, Ehe und Familie freue er sich sehr „über den Stand, den das Lehramt zu diesen Themen hat und hält!“

Der 35-jährige katholische Theologe ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er war jahrelang in missionarischer Jugendarbeit und nationalen Leitungsgremien der Charismatischen Erneuerung tätig. „Johannes Hartl hat so gar nichts von einem Betbruder!“, schrieb das christliche Nachrichtenmagazin idea einmal, nachdem man mit einem Christen in Bikerstiefeln, engen Röhrenjeans und lässiger Kapuzenjacke gesprochen hatte. Umso überraschender mag dann auf den einen oder anderen die knackige Verkündigung von Hartl wirken sowie die Information, dass er ein Haus leitet, indem (vorwiegend junge) Menschen rund um die Uhr beten: Seit September 2011 24 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche.

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Das Gebetshaus Augsburg beschreibt sich selbst als „eine 2005 entstandene Initiative junger Christen innerhalb der Charismatischen Erneuerung in der Katholischen Kirche. Wir glauben, dass Gott absolut faszinierend ist. Er ist es wert, Tag und Nacht angebetet und verherrlicht zu werden. Wir tun das auf unsere Weise. Jugendlich, ökumenisch und mit moderner Lobpreismusik.“


kath.net: Herr Dr. Hartl, Ihre Vorträge vermitteln eindrucksmächtig ein hohes Maß an Glaubenszuversicht. Wie sehr hat die Beziehung zu Jesus Ihr Leben verändert? Und wann hat es begonnen?

Hartl:
Ich verdanke meinen Eltern und der Prägung durch das Benediktinerkloster Metten, in dessen Nähe ich aufwuchs, ein Fundament von Halt im Glauben.

Doch erst eine persönliche Gotteserfahrung als Teenager hat mich zu einem lebendigen, leidenschaftlichen Freund von Jesus gemacht.

Ich hab ihn seither auf so wunderbare und mächtige Weise wirken sehen, dass ich heute mehr denn je überzeugt bin, dass Jesus die Antwort auf die tiefsten Fragen der Menschheit ist. Ich bräuchte buchstäblich Stunden, um all die Wunder zu erzählen, die ich schon erlebt habe.

kath.net: Haben Sie das bereits erlebt, bei anderen, bei sich selbst: Gott geht auf Menschen zu und diese sind nach der Begegnung wie verwandelt? Ist das nur ein subjektives Highlight, ein emotionales Zuckerchen oder steckt dahinter mehr? Was passiert zwischen Gott und Mensch?

Hartl:
Wer so über Bekehrungen denkt, kennt niemanden, der wirklich eine Bekehrung erfahren hat. Ich bin stark von der Charismatischen Erneuerung geprägt, doch letztendlich geht es weder um charismatische Phänomene noch um besonders emotionale Erlebnisse. Eine echte Bekehrung – und davon durfte ich besonders bei Jugendlichen schon viele sehen – ist eine wirkliche und bleibende Veränderung des Herzens. Das Neue Testament spricht da ganz zu Recht von einer „neuen Geburt“ (vgl. Joh 3,3; 1 Kor 5,17).

kath.net: Begegnung mit Jesus: Welche konkreten und sichtbaren Auswirkungen auf den Menschen und seine Lebenshaltung sind damit verbunden? Was möchte Jesus von uns Katholiken im deutschsprachigen Raum – auch von uns Laien – ganz konkret?

Hartl:
Jesus hat das Reich Gottes gepredigt. Er hat nicht gepredigt, dass man ein besserer Mensch sein soll, ein bisschen moralischer werden oder öfter in die Kirche gehen soll. All das sind Folgen.

Doch worum es beim „Reich Gottes“ geht ist: dass Gott der Herr ist. Wenn er der Herr in einem Herzen wird, dann hat das massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche: die Identität, den Umgang mit den Worten, dem Geld, der Sexualität, den Gedanken...

Ich glaube, dass Jesus Katholiken im deutschsprachigen Raum einladen möchte, Kirchenzugehörigkeit nicht damit zu verwechseln, ein wirklicher Jünger Jesu zu sein.

Denn die meisten getauften Katholiken in Deutschland leben de facto nicht mit Jesus als Herrn ihres Lebens! Er möchte, dass das Reich Gottes in allen unseren Lebensbereichen anbricht. Nicht mehr und nicht weniger.

kath.net: In der letzten „Mehr-Konferenz“ haben Sie von den Zeichen der Zeit gesprochen. Asien, Lateinamerika, Afrika, hier wächst der Glaube schwindelerregend, in Westeuropa findet ein großer Abfall statt. Als Christin in Deutschland, was sind für mich die Zeichen der Zeit?

Hartl:
Echte Erneuerung im Glauben, davon bin ich überzeugt, kommt nur aus einer persönlichen Beziehung mit Jesus. Und diese wiederum wächst maßgeblich im Gebet.

Deshalb ist das Zurück zum Gebet, zur persönlichen Nachfolge Jesu, das dringendste und wichtigste Anliegen momentan.

Wir sollten nüchtern sehen, wohin unsere westliche Gesellschaft driftet. Doch unsere Antwort kann nie Entmutigung oder bloßer Kampfgeist, sondern muss eine innere Erneuerung in dem sein, was allein Europa verändern kann: dem Feuer des Heiligen Geistes.

Gott ist in Europa genau so stark wie in Afrika oder Asien. Er kann die gleichen Dinge wirken. Wenn wir ihn beim Wort nehmen, glauben und beten.

kath.net: „Betet ohne Unterlaß!“ (1 Thess 5,17) Ist die Krise des Westens eine Krise des Gebets, gerade auch in der Kirche? Sie haben ein Gebetshaus gegründet. Herr Dr. Hartl, was sind Ihre Erfahrungen dort: Berührt Gott auch heute noch Menschen, ganz persönlich, ganz direkt, ganz existentiell?

Hartl:
Zunächst möchte ich zustimmen: ja, es gibt eine massive Krise des Gebets in der Kirche des Westens. Ein großer Teil aller Gläubigen (und auch der Priester, Ordensleute und Theologen) haben eigentlich nicht gelernt, zu beten. Oder jedenfalls nicht, auf eine Weise zu beten, die ihr Innerstes tatsächlich berührt. Ich glaube, dass wir auch neue Formen finden dürfen, wie Menschen des 21. Jahrhunderts in ein intensives Gebetsleben finden können.

Im Gebetshaus erleben wir, wie tief und wie nachhaltig Menschen (und darunter hauptsächlich junge Menschen) verändert werden, wenn sie Gott im Gebet begegnen.

Ich würde so weit gehen, zu sagen: die Menschen lieben es, zu beten, wenn sie für sich entdeckt haben, dass Gott absolut faszinierend und uns in Liebe nahbar ist. Die jungen Leute, die uns besuchen und bei uns mitarbeiten, verbringen täglich 4 Stunden im Gebet und tun das sehr sehr gerne.

kath.net: „Weihrauch überall“ (vgl. Mal 1,11) Welche Eigenschaften hat eine authentische Anbetung, ein aufrichtiger Lobpreis?

Hartl:
Wenn man nach Jesus geht, dann ist echte Anbetung immer von den beiden Polen „in Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23) geprägt.

Für mich persönlich bedeutet das „im Geist“, dass das Gebet nicht nur etwas ist, was ich krampfhaft produziere, sondern ein Geschehen, in dem mir der Heilige Geist zu Hilfe kommt. Etwas, das nicht nur menschliche Bemühung, sondern tatsächlich auch Erfahrung mit dem Übernatürlichen ist und etwas, das der Geist Gottes selbst in mir hervorbringt.

„In der Wahrheit“ heißt für mich einerseits, dass eine Antwort an Gott nie an Gottes zuerst ergangenem Wort an uns vorbeikommt. Konkret: nur durch Jesus Christus, das eine Wort des Vaters, haben wir Zugang zu Gott. Jesus, der auf autoritative Weise in der Heiligen Schrift, wie die Kirche sie bewahrt und in ihrer Tradition auslegt, sichtbar wird. Kein wahres Gebet ohne die eine wahre Offenbarung Gottes!

Zugleich bedeutet „in der Wahrheit“ aber auch: ich darf ganz echt sein. Ich muss mich vor Gott nicht verstellen. Es ist keine fromme Show, kein Leistungssport. Da, wo ich als ganzer Mensch ganz aufrichtig vor dem Vater stehen darf, dessen Liebe mir Jesus Christus zeigt und der mich in meiner Schwachheit mit seinem Tröstergeist zur Anbetung befähigt, da wird das Gebet nicht nur authentisch, sondern höchst beglückend. Ein großes Privileg!

kath.net: In Ihrem Vortrag auf der „Mehr-Konferenz zitierten Sie Mal 2, 14-16 und Sie führen dazu aus: „Das heißt, Gott sagt, für mich ist das Thema Ehe wichtig. Und wie mit Ehe und Treue umgegangen wird, ist mir wichtig. Und Ihr als Priester, ihr als Leviten, Ihr als mein Volk, dürft an dieser Stelle nicht Unwahrhaftiges wahrhaftig nennen.“ Ist dieses Thema eine Schlüsselfrage?

Hartl:
Ich habe auf der MEHR 2014 fünf Themen genannt, die ich für Schlüsselthemen halte. Ich glaube, dass sich in der Zukunft sehr viel daran entscheiden wird, wie Christen sich zu den Themen der Rolle von Mann und Frau, der Homosexualität, der Abtreibung, der Frage nach der Hölle (bzw. Allversöhnung) und dem Heilsuniversalismus („alle Religionen sind gleich“) positionieren werden.

Ich freue mich sehr über den Stand, den das Lehramt zu diesen Themen hat und hält!

Tatsächlich glaube ich, dass es bei dem Thema Sexualität, Ehe und Familie wirklich um etwas absolut Zentrales geht.

Letztendlich ist es keine Frage der Moral, sondern eine des Menschenbildes. Da in der Sexualität der Mensch seinen intimsten Sehnsüchten und dem überwältigenden Zauber der Liebe begegnet, ist die menschliche Sexualität einerseits der Punkt im Menschen, an dem die psychische, leibliche und geistliche Komponente am engsten verknüpft ist. Zugleich ist sie aber auch der Punkt größter Verletzbarkeit. Alles, was wir im Bereich der Sexualität tun, wird auf unser seelisches Leben und auch auf unsere Beziehung zu Gott massive Auswirkungen haben.

Da unsere moderne Kultur sich weitgehend von Gott losgesagt hat, ist Sexualität für viele zu einem Götzen geworden. Sie verliert dann ihre göttliche Schönheit und wird suchthaft. Doch wer diesen Götzen attackiert, zieht sich die Wut der Massen zu.

Deshalb wird eine biblische „Theologie des Leibes“ zunehmend befeindet werden, doch sie ist dringender und wichtiger denn je.

Denn die in den Stricken der falschen, gott-losen Sexualität gefangenen Herzen leiden und bluten, auch wenn viele sich das nicht eingestehen wollen.

kath.net: Herr Dr. Hartl, was vermuten Sie, wie wird die Kirche im deutschsprachigen Raum in 10, 20 Jahren aussehen?

Hartl:
Die Volkskirche stirbt. Wenn die Leiter der Kirche jetzt die Zeichen der Zeit erkennen, werden sie nicht 90% ihrer Kraft verwenden, um Strukturen zu stützen, die sich schon mittelfristig erübrigen werden, sondern ihr Geld, ihre Kreativität und ihre immensen personellen Möglichkeiten nutzen, an etwas Zukunftsfähigem zu bauen.

Leider sehe ich die Bereitschaft zu solch innovativem Denken noch nicht an vielen Stellen. Deshalb bin ich etwas in Sorge... Denn die Kirchen werden massiv leerer werden, es wird auch weiterhin noch immer weniger Priester geben und immer mehr von denen werden überarbeitet und emotional instabil sein.

Doch ich sehe: es gibt sehr viele Menschen in diesem Land, die ein echtes geistliches Leben führen wollen, die Glaubensvertiefung und Gemeinschaft wollen, die offen wären für das Evangelium (das sie nicht kennen).

Doch häufig finden solche Menschen innerhalb der katholischen Kirche nichts, was sie in einer Sprache erreicht, die sie verstehen und mit einer Form, die sie ganzheitlich anspricht. Das ist sehr schade.

Denn die gegenwärtige Krise wäre eine gewaltige Chance zu einer echten Bekehrung.

Weg vom Glauben an Geld, Einfluss und die riesigen Strukturen der Volkskirche. Und hin zu echter Glaubensverkündigung, zu Bekehrungen, zu Jüngerschaft, mit Mut zum Profil und zur kantigen Treue zum Evangelium.

Und diese Erneuerung steht und fällt mit dem Gebet. Von dem wir alle gerne sprechen, doch es kaum tun.

Dr. Johannes Hartl: Der Maleachi-Ruf




Johannes Hartl - Culture of Prayer - Kultur des Gebetes





Foto Johannes Hartl (c) Gebetshaus Augsburg/Ruth Brozek



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