09 Dezember 2013, 10:30
Feuerwehrchef mit elf Kindern
 
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Stephan Neuhoff ist Chef von 1.100 Mitgliedern der Kölner Berufsfeuerwehr, 720 aktiven ehrenamtlichen Helfern und 400 Jugendfeuerwehrleuten, er oberster Einsatzleiter der größten Katastrophe in der jüngeren Kölner Geschichte – Ein Porträt

Köln (kath.net/idea) Er ist verantwortlich für eine der größten Feuerwehren in Deutschland: Stephan Neuhoff (Foto) – Chef von 1.100 Mitgliedern der Kölner Berufsfeuerwehr, 720 aktiven ehrenamtlichen Helfern und 400 Jugendfeuerwehrleuten. Als oberster Einsatzleiter erlebte er die größte Katastrophe in der jüngeren Kölner Geschichte – den Einsturz des Stadtarchivs. Zusammen mit seiner Ehefrau Ingeborg hat er elf Kinder. Christof Hüls hat das Ehepaar besucht.

Am 3. März 2009 kam es in Köln zu einem der schwersten Unfälle in der Stadtgeschichte: Das Stadtarchiv sackte in eine U-Bahn-Baugrube ab. Wochen zuvor hatte Stephan Neuhoff noch selber in dem 21,4 Meter hohen Komplex in alten Urkunden „gegraben“, um etwas über die Historie seiner Feuerwehr herauszufinden. Nun türmte sich vor ihm ein acht Meter hoher Haufen auf, eine Mischung aus Beton, Glas und Akten.

Das einstürzende Archiv hatte die seitlichen Mauern der angrenzenden Wohnhäuser mit heruntergerissen, so dass die Helfer in die Wohnzimmer der Menschen blickten wie in ein Puppenhaus. Der Feuerwehrchef überlegte: Konnten alle Bewohner ihre Häuser verlassen? Rundherum bildeten sich Risse an weiteren Gebäuden: Wohnhäuser, Schulen, Seniorenheim ... Plötzlich stand er am größten Trümmerfeld, das er je gesehen hatte. Nach und nach trafen Hunderte von Helfern ein, und denen sollte er sagen, wo es langgeht. Der Einsatzleiter betete. Neuhoff: „In solchen Situationen stehen zu können und nicht wegzulaufen, da hilft mir das Gebet.“

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Entscheidung über Leben und Tod

Als in der Nacht klar war, dass zwei Bewohner fehlten, musste er um eine der schwersten Entscheidungen ringen: Schickt er seine Leute in die Gefahrenzone, weil vielleicht nur Zentimeter unter Steinen schwerverletzte Menschen liegen? Oder wartet er viele Stunden, bis schweres Räumgerät aufgebaut ist, das sicheres Arbeiten ermöglicht? Er ging auf Nummer sicher und lag richtig. Erst Tage später fanden die Helfer in neun und zwölf Metern Tiefe zwei Leichen unter Tonnen von Steinen. Für sie wäre jede Hilfe zu spät gekommen. Für sein Handeln nach dem Einsturz erntete der Krisenmanager große Anerkennung in der Stadt. Im März 2014 geht der in den Medien als „Held von Köln“ bezeichnete Neuhoff in Pension. Die Stadt suchte, wie der Kölner Stadt-Anzeiger schrieb, als Nachfolger „eine Mischung aus Behördenleiter und Superheld“.
Zwischen Feuerwehr und Kirche

Familie Neuhoff lebt in Köln-Mauenheim. 1.500 Meter Fußweg sind es bis zur Hauptwache der Feuerwehr, 1.200 Meter in die andere Richtung bis zur Kirche. Das Ehepaar sieht das dreistöckige Reihenhaus als Gottes Geschenk. Es ist von außen schlicht, bietet aber 280 Quadratmeter Wohnraum.

Die unbeliebtesten Fragen

An der Küchentür hängt ein DIN-A4-Blatt. Die elf Kinder Neuhoffs haben sich einmal einen Spaß daraus gemacht, darauf die zehn „meistgehörten und gehassten Fragen zu Großfamilien“ zu sammeln. Etwa „Wie schafft eure Mutter das?“ Oder „Sind das alles eigene Kinder? ...“

Inzwischen füllen sich die Stühle am großen Esstisch seltener. Nur noch vier Söhne und Töchter leben in ihrem Geburtshaus. Dafür wuseln gelegentlich drei Enkel über den Wohnzimmerteppich. An der Wand hängt ein Kreuz, auf einem kleinen Tisch liegt eine große Bibel neben einer Kerze. Der Glaube begleitete Ingeborg und Stephan Neuhoff von Jugendzeit an. Sie leitete die Mädchengruppen, er die Pfadfinder in einer katholischen Pfarrei. „Wir waren das Traumpaar in der Gemeinde“, erzählt die Erzieherin und Sozialarbeiterin strahlend. Vieles in der Kirche machten sie jedoch nur, „weil man es eben so macht als Christ“. Erst viel später begriff das Paar, worum es eigentlich geht im christlichen Glauben.

Davor lag eine schwere Ehekrise …

Davor lag eine schwere Ehekrise. Der Ehemann nahm Anlauf für seine Karriere an die Spitze der Kölner Berufsfeuerwehr. Entsprechend wenig Zeit blieb für Kinder und Frau. Sie umschreibt ihre damalige Lage: „Ich stand kurz vor einer Depression.“ Je schlechter die Atmosphäre zu Hause wurde, desto mehr flüchtete der Vater in seine Arbeit. Die Kirche bot zwar Halt, aber keine Lösung.

Das änderte sich erst, als das Ehepaar an einer „Glaubensverkündigung“ in seiner Gemeinde teilnahm, die von Mitgliedern des „Neokatechumenalen Weges“ gehalten wurde. Diese Bewegung entstand Mitte der 60er Jahre in den Slums von Madrid. Sie bildet in Pfarreien Gemeinschaften, in denen Kirchenmitglieder einen Weg zur Vertiefung ihres Glaubens gehen können.

… und dann kam der „Kyrios“

15 Abende und ein Wochenende lang drehte es sich in dem Kurs um Themen wie den Sinn des Lebens und das praktische Christsein. Stephan Neuhoff gingen viele Lichter auf: „Ich habe erkannt, dass Gott mich so liebt, wie ich bin als Sünder.“ Er habe Jesus Christus als „Kyrios“ (Herrn) kennengelernt, der wirklich Macht hat. 40 Kursteilnehmer ließen sich motivieren, die Treffen selbstständig fortzusetzen – darunter die Neuhoffs. Auch in ihrer Ehe lief die Kommunikation wieder an. „Wir haben angefangen, uns einfach etwas übereinander zu erzählen.“ Mit ihrer Gruppe unternehmen die Neuhoffs seitdem immer wieder missionarische Aktionen: Mal stellen sie sich mit Kreuz und Bibel auf die Kölner Domplatte, singen Lieder und fragen Passanten nach ihrer Sicht von Kirche und Glauben. Mal ziehen sie von Haustür zu Haustür. Die Resonanz falle sehr unterschiedlich aus. Am interessantesten seien Gespräche mit Anhängern von evangelischen Freikirchen oder Evangelikalen. „Da wissen wir, dass wir überJesus als Fundament reden.“

Das Leben der Tochter steht auf Messers Schneide

Eine tiefe Glaubenserfahrung machte das Ehepaar, als das vierte Kind mit einem schweren Herzfehler auf die Welt kam. Sein Leben stand mehrmals auf Messers Schneide. Der Feuerwehrdirektor war es gewohnt, das Kommando zu führen und für alles eine Lösung zu finden. Jetzt fühlte er sich auf einmal machtlos. In dieser Phase sei ihm bewusst geworden, was es heißt, als Christ „sein Kreuz auf sich zu nehmen“ (Lukas 14,27). Seine Frau ergänzt: „Ich glaube nicht an Zufall.“ Alles habe einen Sinn. Gott wolle, wie beim Blindgeborenen (Johannes 9), seine Herrlichkeit zeigen. Er half tatsächlich, gab Kraft und viele Helfer. Das Kind überlebte. Danach war für die Eltern mehr als zuvor klar, welch großes und kostbares Geschenk das Leben ist. Sie waren bereit, jedes Kind anzunehmen, das Gott ihnen schenken wollte. Es wurden elf. Ingeborg Neuhoff: „Je mehr ich gelernt habe, seine Hilfe im Leben zu erwarten, desto glücklicher bin ich geworden.“

Über ihre Einstellung zum Geld sagen beide: „Es gab nie eine Reserve.“ Seit inzwischen 24 Jahren ist Neuhoff Chef der größten nordrhein-westfälischen Berufsfeuerwehr mit entsprechendem Beamtensold. Doch elf Kinder kosten viel Geld. Der engagierte Christ: „Für uns war das eine Frage: Gott oder Mammon?“ Sie entschieden sich, auf Christus zu setzen, und lernten auch, „dass Gott Humor hat“. Er überraschte sie beispielsweise, als ihr Achtsitzer-Kleinbus mit dem achten Kind zu klein wurde: Dank eines Erbes hatten sie plötzlich bis auf 100 Mark genau den Kaufpreis eines 13-Sitzer-Busses. Seine Gewissheit, dass Gott wirklich existiert, sei eng mit den Kindern verbunden, erzählt der Familienvater. Ingeborg Neuhoff ergänzt: „Gott ist größer und hat mehr Ideen, als wir im Kopf haben.“

Das Lebensglück ist nicht messbar

Geld lasse sich zählen, meint Ingeborg Neuhoff beim Abschied: „Aber Lebensglück kann man nicht messen.“ An der Küchentür sieht man einen weiteren Zettel hängen, diesmal mit den Antwortvorschlägen auf die zehn unbeliebtesten Fragen nach der Kinderzahl. Die Eltern lachen und versichern, die seien nicht so ganz ernst gemeint. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage, ob das denn alles eigene Kinder seien: „Die Hälfte ist geklaut.“ So etwas würden die Neuhoffs doch nie tun.

Foto Stephan Neuhoff © agbf.de

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