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Teodolfo Mertel, der letzte Kardinaldiakon

6. November 2013 in Chronik, keine Lesermeinung
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Dass es unter den Mitgliedern des Kardinalskollegiums bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ‚echte’ Diakone gab, ist zumeist unbekannt. Kardinal Teodolfo Mertel (1806-1899) war der letzte von ihnen. Von Ulrich Nersinger


Vatikan (kath.net) Geboren wurde Teodolfo Giovanni Antonio Mertel (Archivfoto) am 6. Februar (nach anderen Angaben am 9. Februar) des Jahres 1806 in Allumiere bei Civitavecchia. Sein Vater Isidor, ein gelernter Bäcker, war 1802 aus Eglfing in Bayern nach Allumiere ausgewandert. Bekannt war der in Latium gelegene Ort durch sein reiches Allaunvorkommen, das dort in Gruben abgebaut wurde (das italienische Wort für „Allaungrube“ ist „allumiera“).

Schon in der Pfarrschule der Kapuziner zeigte sich der herausragende Intellekt Tedolfo Mertels, so dass der begabte Junge in das Seminar von Montefiascone geschickt wurde, wo er mit Bravour die klassischen Studien abschloss. Zum Studium der Rechte begab er sich dann nach Rom. An der „Sapienza“-Universität promovierte er zweiundzwanzigjährig am 16. Juli des Jahres 1828 im weltlichen und kirchlichen Recht.

Bereits nach wenigen Jahren der Praxis bei einem bekannten Advokaten hatte der Name des jungen Doktors einen guten Klang in den Gerichtssälen der Ewigen Stadt. Aufgrund seiner Fähigkeiten und seines sozialen Engagements wurde er der Präfekt der „Congregazione di S. Ivo“, eines römischen Institutes, das die unentgeltliche anwaltliche Vertretung und Verteidigung Mittelloser übernahm.

Giacomo Antonelli, der damalige Unterstaatssekretär des Papstes und spätere Kardinalstaatssekretär, wurde auf den begabten Juristen aufmerksam und freundete sich mit ihm an. Von Antonelli gefördert schlug Teodolfo Mertel eine vielversprechende Karriere an der Römischen Kurie ein. Am 29. August 1843 wurde er zum Prälaten-Referendar der Apostolischen Signatur ernannt, ein Jahr später stieg er zum Votanten (stimmberechtigter Richter) der Signatur auf, 1847 erfolgte die Berufung zum Auditor (Richter) der Sacra Romana Rota.

In all diesen Ämtern bewies Monsignore Mertel soviel Gewandtheit und Klugheit, dass ihn der selige Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846-1878) in die Kommission für die politischen Reformen berief, die er zu Beginn seines Regierungsantrittes errichtet hatte. 1848 wurde ganz Europa durch Revolutionen erschüttert. Auch in Rom schien ein Umsturz unmittelbar bevorzustehen. Um dem entgegenzuwirken, sah sich Pius IX. gezwungen, dem immer lauter werdenden Ruf nach einer Verfassung zu entsprechen.

Der Papst sah in Mertel den geeigneten Mann, ein für alle akzeptables „Statut“ zu schaffen. Zur Ausarbeitung der 69 Artikel wurden dem Prälaten nur 36 Stunden zur Verfügung gestellt. Teodolfo Mertel gelang das Unmögliche. Bei den europäischen Potentaten jedoch stieß die Verfassung des Kirchenstaates auf Unverständnis; vom Papst hatte man ein derartiges Nachgeben nicht erwartet (man erkannte nicht, dass es Pius in erster Linie daran lag, jegliches Blutvergießen zu vermeiden). Und obwohl sie für damalige Verhältnisse als liberal galt, konnte sie die Revolution im weltlichen Herrschaftsgebiet des Heiligen Vaters und die dadurch erzwungene Flucht des Papstes in das Königreich Neapel nicht verhindern.


Als Pius IX. seine weltliche Herrschaft mit der Unterstützung eines französischen Expeditionskorps wiedergewann, ernannte er Monsignore Mertel zum Konsultor der Kommission, die er während seiner Abwesenheit mit der Regierung der Päpstlichen Staaten betraut hatte. Nach der Rückkehr des Papstes wurde der Prälat zunächst Minister ohne Portefeuille (Juni 1850 – März 1853) dann Minister des Innern und der Justiz (März 1853 – März 1858). Gemeinsam mit Monsignore Francois Xavier de Merode arbeitete er äußerst erfolgreich an der Verbesserung der Gerichtsverfahren und der Strafprozessordnung in den Päpstlichen Staaten – obschon der belgische Prälat zu den erklärten Gegnern Antonellis und der „Laien“-Monsignori aus dem Freundeskreis Mertels zählte.

Im Konsistorium vom 15. März 1858 berief ihn Pius IX. in das Kardinalskollegium und übertrug ihm die Diakonie des heiligen Eustachius. Wie ein Großteil der Prälaten, die in der Verwaltung der Kirche und der Päpstlichen Staaten wirkten, so hatte auch Monsignore Mertel nie die höheren Weihen eines Klerikers erhalten. Da die Erhebung zum Kardinal aber zumindest den Empfang der Weihe zum Diakon erforderte, wurde ihm diese am 16. Mai des Jahres in Castel Gandolfo, der Sommerresidenz der Päpste, von Pius IX. persönlich erteilt (die Weihe zum Subdiakon hatte er schon unmittelbar nach seiner Kreierung erhalten).

Noch im gleichen Jahr ernannte ihn der Papst wiederum zum Minister ohne Portefeuille und beauftragte ihn mit der Sorge um die Anstalten für Taubstumme und Behinderte – soziale Einrichtungen, die Pius IX. besonders am Herzen lagen und deren Errichtung in den Päpstlichen Staaten der Selige schon mit Beginn seines Pontifikates energisch betrieben hatte. 1861 wurde Kardinal Mertel zum Präfekten der Kongregation der Spolien ernannt; von 1863 bis 1871 war er zudem Präfekt des Staatsrates. Der Apostolischen Signatur stand er seit 1877 vor.

Da bei der Krönung Leos XIII. (Gioacchino Pecci, 1878-1903) der damalige Krardinalprotodiakon verhindert war, setzte Kardinal Mertel dem neuen Pontifex die dreifache Papstkrone auf. Unter Leo XIII. stieg Teodolfo Mertel in die einflussreiche und exklusive Klasse der Palastkardinäle auf, zunächst als Sekretär der Memorialien (1878), dann ein Jahr später als Sekretär der Apostolischen Breven. Im Konsistorium von 1881 optierte er auf die Diakonie S. Maria in Via Lata. Von 1884 bis zu seinem Tod im Jahre 1899 bekleidete er das Amt des Vizekanzlers der Heiligen Römischen Kirche. Seine Diakonie von S. Maria in Via Lata tauschte er mit der Titelkirche S. Lorenzo in Damaso, die traditionsgemäß dem Vizekanzler zustand und „pro illa vice“ (für jenes eine Mal) den Status einer Diakonie erhielt – die Ironie der Geschichte wollte es, dass unweit dieses Gotteshauses am 15. November 1848 Graf Pellegrino Rossi, der erste der nach der vom ihm erarbeiteten Verfassung ernannte Ministerpräsident des Kirchenstaates, von Revolutionären ermordet worden war und später in der genannten Basilika seine Grabstätte erhielt.

Teodolfo Mertel hatte sich neben den Arbeiten seines Berufs stets mit andersweitigen Studien beschäftigt und darin eine Erholung gesucht. Durch seinen Geburtsort angeregt, war er auf dem Gebiet der Geologie sehr bewandert und besaß eine Mineraliensammlung von hohem Wert. Besonderes Interesse zeigte er für Studien zur Geschichte seines Heimatortes – schon in den Dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte er anonym zwei grundlegende Werke über Allumiere verfasst: „Le memorie storiche sull’Allumiere“ und „Cenni istorici sulle miniere delle Allumiere“. Die Entdeckungen De Rossis in den römischen Katakomben verfolgte er mit großer Anteilnahme. Selbst in hohem Alter fehlte er selten in den Sitzungen des archäologischen Vereins, der seine Versammlungen allmonatlich im Palazzo della Cancelleria, in dem sich auch die Amtswohnung des Kardinals befand, abhielt. „Kardinal Theodulf Mertel ist der ehrwürdige Greis, der bei allen Feierlichkeiten im Vatikan und ebenso bei den gern von ihm besuchten wissenschaftlichen Sitzungen der Akademien auffällt, weil er wegen teilweiser Lähmung von seinem Sekretär und seinem Kammerdiener beim Gehen gestützt werden muߓ, schrieb Pius Maria Baumgarten in seinem Buch „Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild“ (Bd.1, Wien 1899).

Es war üblich, dass die in Rom weilenden Gesandten fremder Mächte mit Blick auf ein kommendes Konklave ihren Souveränen und Regierungen in bestimmten Abständen Rapporte zukommen ließen, die diesen einen umfassenden Einblick in das Kardinalskollegium geben sollten, d. h. das wahrscheinliche Wahlverhalten der Purpurträger beschrieben und ihre jeweiligen Chancen auf die Nachfolge des heiligen Petrus erläuterten. In einem Geheimbericht der preußischen Gesandtschaft beim Quirinal hieß es zu Kardinal Mertel: „Allgemein geachtet. Hat den Ruf eines gediegenen Rechtsgelehrten. Ist in weltlichen Dingen bewanderter als die Mehrzahl der übrigen Cardinäle. Soll im allgemeinen von gemäßigter Gesinnung sein“. Als einziger Kritikpunkt wurde angemerkt: „Stottert im Reden, seine Sprache ist nur schwer verständlich“. Freiherr Anton von Cetto, der bayerische Gesandte am Heiligen Stuhl, benannte den Kardinal in seinem „Tableau des Cardinaux“ als „für juristische Dinge sehr befähigt“ und hielt ihn, wohl auf Grund seiner Urheberschaft der Verfassung von 1848, für „liberal“ und von „modernen Anschauungen“.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens verbrachte der Kardinal immer mehr Zeit in seiner Heimatstadt, der er sich stets eng verbunden gefühlt hatte – die dortige Armenfürsorge war von ihm großzügig unterstützt worden; vielen Priesteramtskandidaten, die über keine eigenen finanziellen Mittel verfügten, hatte er das Studium ermöglicht. Teodolfo Mertel verstarb am 11. Juli des Jahres 1899, fast völlig erblindet, in Allumiere. Die sterblichen Überreste des bei der Bevölkerung hochgeachteten Purpurträgers wurden in der Pfarrkirche aufgebahrt und dann in der Familiengruft nahe der Wallfahrtskirche der „Madonna delle Grazie al Monte“ beigesetzt. Mit Kardinal Mertel starb der letzte Purpurträger, der keine höhere Weihe empfangen hatte als die eines Diakons.





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