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Entweltlichung 2.0. Michael Hesemann leistet 'Schlüsseldienste'

6. August 2013 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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Michael Hesemann hat ein Buch über das Vermächtnis Benedikts XVI. und die Zukunft der Kirche veröffentlicht. Eine Rezension von F.N. Otterbeck


Linz (kath.net)
Der 35. Todestag von Papst Paul VI. ist heute ein willkommener Anlass, auf die beiden Paulus-Päpste zu blicken, die Michael Hesemann in seinem jüngsten Buch einfühlsam und detailgenau portraitiert hat. Es ist die erste "gültige" Publikation zum Pontifikatswechsel 2013, von Benedikt zu Franziskus. Weite Teile des Buches zu Papst Franziskus sind dem Vermächtnis des "Paulus-Papstes" Benedikt gewidmet. Doch diese Strategie ist richtig gewählt, um die Ankunft "des Neuen" überhaupt zu verstehen. Ohne gründliche Aufarbeitung der römischen "Deutschstunde" 2005 bis 2013 ließe man grob fahrlässig den Mythos wuchern, ein "Anti-Ratzinger" sei bestellt worden, um die Taten oder auch "Untaten" des deutschen Papstes auszuradieren. Die Journaille-Tage nach Rio ließen jüngst neue Blüten der Desorientierung austreiben: Ein "Wir-sind-Sprecher" Vertreter huldigte prompt einem Papst dafür, dass der, zur "Homo-Lobby" befragt, den sonst von Wiesner und seiner Gemeinde so verschmähten Katechismus der Kirche zitierte. Andererseits löste die subsidiäre Disziplinierung eines jungen Ordens, der eine Krise durchmacht, seitens des römischen Amtes, von interessierter Seite die Deutung aus, "also doch", es werde die Liturgie demontiert, jedenfalls zeichne sich der Anfang vom Ende der Wiederbelebung ihres älteren Brauchs ab (nach MR 1962). Dabei ist dieses - legitime - Vorhaben bislang doch nur in Oasen gelungen und kann "von oben" kaum stärker forciert werden. Denn "die Massen" werden kaum je tridentinisch die Messe zu beten lernen, schon gar nicht in den Missionsgebieten der Erde Gottes. Verkehrte Welt? Die "pastorale Linke" jubelt Hosianna, deren Antagonisten murmeln "kreuzige ihn"? Da kann sich bei Michael Hesemann kundig machen, wer Orientierung finden will. Er leistet den "Schlüsseldienst" - ubi Petrus, ibi Ecclesia. Im Mittelpunkt steht die Entdeckung, dass "Benedetto", unter dem Kampfnamen des 'Gesegneten', ein Paulus-Papst gewesen ist, also "auch" Paulusnachfolger. Er hat das Andenken des Apostels mit dem Paulus-Jahr 2008/09 gefördert. Er hat die mutmaßliche Auffindung des echten Paulusgrabes "vor Ort" verkündet (wie schon Paul VI. 1965 sagten konnte: Petrus ist hier, bei St. Peter). Er hat die theologischen Themen des Volksmissionars aufgegriffen, paulinisch-augustinisch sozusagen, und vorangetrieben: von Glaube und Vernunft bis hin zu Glaube, Hoffnung und Liebe. Priesterjahr wie Glaubensjahr waren und sind gleichfalls geprägte Zeiten dieser 'epoca paolina' des Petrusdienstes. Aber auch Glaube-und-Gerechtigkeit hat Benedikt beackert, nicht nur, indem er das Paulusjahr mit seiner letzten, der Sozialenzyklika krönte; ein im kirchlichen 'Nordwesten' - wie viele andere - unterdrückter Text aus jenen 'otto anni benedettini'.

Ein profilierter Journalist aus Bonn, der freilich der These von der "benedettinischen Wende" für Deutschland früh widersprach, konfrontierte mich schon im November 2012 mit der Mutmaßung: "Wir bekommen ein Konklave". Ich wehrte ab. Es stehe ja noch "niemand bereit". Ratzinger "müsse" noch bleiben. Aber das damalige Entsetzen über den Kräfteverfall des ersten Erfolgspapstes des III. Jahrtausends berichtet auch Hesemann. Ob in Bonn, Düsseldorf oder Köln, ob am Rhein oder am Tiber, man mochte mit einem Rücktritt nicht rechnen; abstrakt vielleicht - aber nicht so konkret, nicht so schmerzhaft. "In was für einer großen Zeit haben wir gelebt", klagte ich still, dieser Gnadenzeit eingedenk, bis zum 13. März 2013. Doch dann ist einer "über uns aufgegangen wie die Sonne". So schrieb Dante über den heiligen Franz. Die Sonne der argentinischen Flagge leuchtet jetzt im neuen Papstwappen, freilich bekehrt zu ihrem Ursprung, Jesus Christus - 'sol invictus', einziges Licht 'für uns' (vgl. Enz. Lumen fidei, Nr. 1). Ein sonniger 'vicarius Christi' geht mit alldem in die Offensive, was sein Wegbereiter zum Ruhme des 'Ölbaums' (des Gottesvolkes) vollbracht hat. Das gelingt es Hesemann durchweg aufzuzeigen, jedenfalls dem Leser, der einen Vorschuss an Sympathie für Bergoglio und Ratzinger aufbringen kann. Nur einige, wenige Flüchtigkeitsfehler (z.B. Paul III. auf S. 49, aber Heinrich II. auf S. 195) trüben den Ertrag. Sie sind wohl wieder einmal verlegerischer Erwerbshektik zuzurechnen.

Der, sagen wir, "jesuitische Trick" des vierten oder fünften Paulus-Papstes (Luciani darf man aber hinzuzählen, wegen des historischen Verzichts auf die Papstkrönung) seit G.B. Montini (1963-1978) besteht offenbar darin, dass er sein Programm mit dem Namen des 'alter Christus' von Assisi auszudrücken verstand. Aber man täusche sich nicht: Auch Franziskus wollte - wie Ignatius - zuerst und vor allem Missionar sein; und gelangte so bis ins Heilige Land, das auch die Brüder Francesco und Bartolomaio, Papst und Patriarch, so Gott will, bald sehen werden, wie zuerst der petrinische Pilger Paul VI. vor bald 50 Jahren. Die Sendung der Kirche zu den Völkern und 'ins Volk' hat umso mehr Erfolgsaussicht, je mehr die hierarchische Kirche, die heilige Mutter des Glaubens, selber fähig ist, in geistlicher wie weltlicher Armut die Güte Gottes zu beweisen. Das ist eine theologische Kategorie, kein wildromantischer Pauperismus bourgeoiser Provenienz - und keine "Befreiungstheologie", wie Hesemann in seinen sehr wertvollen Kapiteln über Werdegang und Wirkung des Kardinals Bergoglio S.J. zeigen kann.

Ein weiterer Vorzug des Buches, von einem 'praktizierenden' Historiker verfasst, der sich vor Ort selber ein Bild macht, ob in Jerusalem oder Buenos Aires, ist die dosierte Integration längerer Rückblenden in die Kirchengeschichte, bis hin zum 'Berg der Verklärung'. Vieles ist auffindbar und immer echt. Die Zuverlässigkeit biblischer Quellen - gut paulinisch - stützt das Petrusamt (etwa Mt 16,18), aber mehr und mehr stärkt Petrus für die Seinen auch die Gnaden der Schrift. Auch auf diesem Felde darf man Hesemann trauen, dass Papst Franziskus der vielleicht noch härtere, aktivere Nachfolger, fast Nachkämpfer des Jesus-Papstes Benedikt sein wird. So hat in der langen Perspektive des pilgernden Gottesvolkes auch St. Franziskus das neu aufgegriffen und neu bewährt, was schon seit St. Benedikt galt: 'ora et labora'. Beider Urtyp ist Paulus, für den es keine süßere, tröstendere Freude gab als das Evangelium zu verkünden, den Ostersieg, das Licht für das Licht. Dieses in Anlehnung an Paul VI. formulierte "Programmwort" des 2013er-Papstes dokumentiert Hesemann auf S. 26. Späterer Geschichtsschreibung bietet das Buch überall bewegende Beiträge vieler Zeitzeugen von überallher (auch seitens des "emeritierten" Papstbruders wie der Papstschwester).

Hesemann räumt nebenbei auch auf mit einigen früh lancierten Legenden, z.B. zu 'vatileaks'. Kardinal Scola verzichtete im Konklave bereits nach dem 3. Wahlgang (S. 28) hochherzig auf jedweden "Machtkampf". Das ist plausibel. Joseph Ratzinger wollte ganz gewiss keinen Wunschnachfolger durchdrücken, bei aller Sympathie für Scola. Ein bisschen gerät Kardinal Sodano bei Hesemann in die Rolle des "Spielverderbers" im verflossenen Pontifikat, eine Rolle, die andere mehr Bertone antrugen. Wer weiß? Aber auch hier übertreibt Hesemann nicht. Nicht 'Klatsch und Tratsch' aus dem Vatikan sind sein Thema. Er leistet Verstehenshilfe für den schwierigen, bisher einzigartigen pontifikalen Übergang, inmitten einer Krise der Glaubenslehre (nicht ihres Bestandes, aber ihrer Vermittlung), die für die entzauberte 'Welt' weit gefährlicher ist als ihr 'vorschwebt'. Nur eine Orthopraxie aus den Quellen des Evangeliums kann der gekränkten Humanität noch aufhelfen. Die wohlverstandene 'Entweltlichung' der Kirche: Das ist auch die Botschaft des Weltjugendtags, der 'lio von Rio', der heilsame Wirbel katholisch-orthodoxer Dynamik. Keine andere hilft. Benediktinisch-franziskanisch besagt 'Entweltlichung' aber noch weit mehr als etwa nur eine 'Besinnung' auf die Evangelischen Räte auch im Laikat, wie sie Kardinal Cordes jüngst in kluger Interpretation der Ansätze bei H.U. Balthasar vorschlug - oder auch eine Überprüfung der Arbeitgeber-Rolle der Diözesen und Verbände in Deutschland, die Dr. Lütz - gewiss zurecht - anmahnte. Das Kernproblem ist, ob wir Christen alle die "süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden" leben, die Kräftigung unserer Kernkompetenz also, aus der Osterfreude, die ohne die 'evangelisierende' Rede von Himmel, Hölle und Gericht keine profunde Freude im Herrn kann aufkommen lassen. "Sinnsprüche" allein, in EKD-Manier, helfen niemandem 'das' Licht der Welt zu erblicken, über die Todeslinie hinaus. Evangelium. Das ist eine andere Freude als nur Rausch und "Götterfunken", sondern Seelenspeise, greifbar in eucharistischer Anbetung wie sakramentaler Kommunion. Nur dann führt Buße zum Licht, Welt zur Ewigkeit.

Wäre es dem Autor erlaubt gewesen, auch die Antrittsenzyklika noch zu beleuchten und "Rio" zu kommentieren, so wäre sein Botschaft mit noch kräftigeren Konturen ausgestattet. (Kleiner Schönheitsfehler: Er zitiert die Pfingstvigil 2013, datiert das Vorwort aber auf den 13. Mai zurück; Fatima zuliebe?) Aber sie gilt: Benedikt und Franziskus vollbringen "ein Werk", vierhändig sozusagen - von denen zwei jetzt mehr beten, zwei mehr arbeiten, auch in der Sommerpause. "Ipse harmonia est", schrieb ein unbenannter Kirchenvater, den 'Papa Bergoglio' gern zitiert, über den Heiligen Geist. "Er selber ist Harmonie!" Also spricht viel, sehr viel dafür, dass Erfordernis wie Ergebnis des Konklaves '13 ein Werk desselben Inspiration sind. Diesen Schlüsseldienst leistet der Geist, der 'Herr ist und lebendig macht', aber doch mindestens seit 1846 ununterbrochen, vielleicht sogar schon seit 1522; und mit ganz geringfügigen Schwächephasen seit Pfingsten, als Petrus vor das Volk trat, pastor pastorum ecclesiae catholicae. Diese Kontinuität ist aufweisbar. Danke, Michael, "Erzengel" h.c. Seiner Heiligkeit!


Michael Hesemann
Papst Franziskus
Das Vermächtnis Benedikts XVI. und die Zukunft der Kirche
20,60 EURO
1. Auflage 2013, 288 Seiten, mit 16 Abb.
ISBN: 978-3-7766-2724-4

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