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Der wahre Geist der Erneuerung

13. Juni 2013 in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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Eine wirkliche Erneuerung der Kirche, die nicht stets dem Heiligen Geist hinterherhinkt, kann allerdings nur dann gelingen, wenn sich die Kirche wirklich dem Geist Christi öffnet und eine Erneuerung von ihm her zulässt. Von Georg Dietlein


Köln (kath.net) In einer Predigt zum 86. Geburtstag seines Amtsvorgängers sprach Papst Franziskus am 16. April 2013 verheißungsvolle Worte über notwendige Änderungen in der Kirche: „Haben wir alles getan, was uns der Heilige Geist beim Konzil gesagt hat? In jener Kontinuität des Wachstums der Kirche, die das Konzil gewesen ist? – Nein. Wir feiern diesen Jahrestag, wir setzen ein Denkmal, aber es darf uns ja nicht stören. Wir wollen keine Änderung. Mehr noch: Es gibt Stimmen, die rückwärts gehen wollen. Das heißt es, halsstarrig zu sein, das heißt es, den Heiligen Geist zu zähmen, das heißt es, töricht und langsamen Herzens zu werden.“ – Über diese und viele andere Worte des Heiligen Vaters, über seine Gesten und symbolischen Entscheidungen, die auch Veränderungen für die Kirche von Rom und die Weltkirche bedeuten, ist seitdem viel diskutiert worden. Wie soll man Veränderungen und „Reformen“ in der katholischen Kirche bewerten? Sorgsam wird das Verhalten des Papstes beobachtet, um ihn, der bisher medial eher im Schatten stand, ein wenig besser zu verstehen.

Die Kirche denkt nicht in Lagern.

In einem früheren Artikel bin ich bereits einmal auf einige gebräuchliche Kampfbegriffe in der katholischen Kirche eingegangen: Selbst- und Fremdbezeichnungen wie „konservativ“, „progressiv“, „liberal“ oder „reaktionär“ sind der Kirche fremd. Sie denkt nicht in Lagern. Anders als einige Außenstehende vielleicht vermuten, ist die Kirche, der Leib Christi, keineswegs ein monolithischer Block, in dem alles klar von oben bis unten durchgeordnet ist – in der Hierarchie von Papst, Bischöfen, Priestern und Laien. In der Kirche herrscht eine gesunde Vielfalt. So gibt es durchaus Bischöfe, die ein wenig anders denken als der Papst, und Laien, die den Glauben aus einem anderen Blickwinkel betrachten als ihre Bischöfe – dies alles jeweils im gesunden Rahmen des gemeinsamen Glaubensgutes.

Ein missverstandenes Denken in ausschließlich hierarchischen Strukturen würde die fruchtbare und charismatische Vielheit und Vielfalt in der Kirche ausblenden. In der Kirche und in der Welt gibt es zwar eine einzige Wahrheit – das ist Christus selbst –, aber viele verschiedene – neue und gewachsene – Ausdrucksformen dieser einen Wahrheit – und viele verschiedene Wege, sich dieser einen Wahrheit zu nähern. Denken wir allein an die spirituelle und liturgische Vielfalt in der Kirche. Es gibt viele verschiedene legitime Ausdrucksformen von Liturgie, Gebet und Anbetung. Vergleichen wir etwa einmal eine Messfeier nach der außerordentlichen Form des römischen Ritus mit einer „modernen“ Jugendmesse in einer Großstadt, einer ostkirchlichen Liturgie, einem charismatischen Gottesdienst mit einer neuen geistlichen Gemeinschaft oder einer musik- und tanzuntermalten Sonntagsmesse in einem afrikanischen Dorf. Hier gibt es weder „richtig“ noch „falsch“, denn alles dies gehört zum „Katholischen“ dazu. Katholisch zu sein heißt „für alle“ da zu sein und beinhaltet daher naturgemäß eine legitime Vielfalt. Wer zu einer modernen Jugendmesse geht, ist also nicht gleich „liberal“ oder „hart an der Grenze“, sondern geht seinen eigenen Weg in der Kirche, der nicht Frucht des Relativismus, sondern der eigenen Berufung ist.


Diese Vielfalt der Ausdrucksformen in der einen Kirche gründet schließlich darin, dass die Kirche sowohl Leib Christi, Volk Gottes als auch Tempel des Heiligen Geistes ist. Sie ist kein von oben bis unten durchorganisierter Konzern, kein monarchischer Staat mit klaren Machtstrukturen, einem König, einem Hof und einem mehr oder weniger bedeutungslosen Volk. Die Kirche ist allerdings auch keine Gemeinschaft, die sich „einfach so“ als Freundschaftskreis gegründet hat und in der es keine Ordnung gäbe. Die Kirche kann einerseits nicht ohne Vielheit und Vielfalt, weil sie nur so jeden einzelnen Menschen in seiner Individualität, seiner persönlichen Berufung und Veranlagung zu Christus führen kann. Sie kann andererseits aber auch nicht ohne ihre innere Einheit, weil sie nur so als Leib Christi auf ihren einen Herrn hinweisen kann und nur so den Willen ihres Erlösers verwirklicht. Es gibt nur einen Christus, einen Glauben, eine Wahrheit – und so auch nur eine Kirche, die jeweils in ihren Hirten bis hin zum Papst sichtbar und sakramental geeint ist.

Die Kirche muss die Zeichen der Zeit erkennen und verstehen lernen.

Ohne ihre Vielfältigkeit wäre die Kirche im Laufe der Zeiten nicht fähig gewesen, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes 4). Das Unvermögen, die Welt, in der wir leben, zu verstehen und daraus Konsequenzen zu ziehen, nennt Papst Franziskus in seiner oben zitierten Predigt die Halsstarrigkeit der Menschen. Der Mensch muss sich stets führen lassen vom Heiligen Geist, der das Volk Gottes stets erneuern und zurück auf den Pfad Christi führen möchte – aber jeweils im Hier und Jetzt. So waren die Erneuerungsbewegungen im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils letztlich Frucht des Heiligen Geistes in einer Zeit, die das allgemeine Priestertum aller Gläubigen neu entdeckt hat.

Ohne Kontinuität und Klarheit könnte die Kirche aber genauso wenig überleben wie ohne eine wahre Erneuerung. Es ist nicht einfach egal, wie ich meinen Glauben lebe, ausdrücke und bekenne. In der Kirche muss es Regeln, Normen und Dogmen geben, damit der Glaube letztlich nicht zum Machwerk von Menschen wird, sondern Geschenk Gottes bleiben kann. Die Kirche ist schließlich nicht die Spielwiese von Menschen, die in unbegreiflicher Überheblichkeit für andere festlegen, an was sie glauben sollen. Der Glaube der Kirche gründet in der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, die sich im Glauben der Apostel und in der Tradition der Kirche niedergeschlagen hat – und nicht im Willen von Menschen. So klar die Dogmen und Glaubenssätze der Kirche allerdings sind – es besteht immer wieder Spielraum, sich der einen Wahrheit von verschiedenen Seiten zu nähern. So stellt das vierte Laterankonzil (1215) vor fast 800 Jahren fest: „Zwischen Schöpfer und Schöpfung besteht keine so große Ähnlichkeit, dass nicht immer eine größere Unähnlichkeit festgestellt werde müsste.“ Mit unserer menschlichen Sprache, die die Grundlage für die Weitergabe des Glaubens ist, können wir uns Gott also immer nur ansatzweise und nach Menschenweise nähern. Und darum ist in der Kirche auch vieles so doppeldeutig und schließlich interpretationsbedürftig.

Die Kirche ist Abbild des dreifaltig-einen Gottes.

Vielfalt und Einheit der Kirche haben letztlich eine theologische Begründung. Sie gründen darin, dass die Kirche kein Club nach Menschenwillen ist, sondern Abbild des dreifaltig-einen Gottes. Genauso wie Gott einer in drei Personen ist, ist auch die Kirche eins in den vielen. Einheit und Vielheit befruchten und bereichern sich gegenseitig, wie das Geheimnis der Trinität zeigt. Vater, Sohn und Heiliger Geist stehen nicht „nebeneinander“, „übereinander“ oder „untereinander“. Sie leben in dialogischer und sich durchdringender Liebe, die niemals die Andersartigkeit und Individualität des anderen leugnet, sondern das Anders-Sein des Gegenübers gerade in der verbindenden Einheit und Wesensgleichheit wertschätzt. Genauso gibt es in der Kirche verschiedene Berufungen, unterschiedliche Gnadengaben, gegensätzliche Strömungen und Ansichten. Eine solche Vielfältigkeit in der Kirche kann manchmal für eine innere Erneuerung auch ganz hilfreich sein. Eine wirkliche Erneuerung der Kirche, die nicht stets dem Heiligen Geist hinterherhinkt, kann allerdings nur dann gelingen, wenn sich die Kirche wirklich dem Geist Christi öffnet und eine Erneuerung von ihm her zulässt.

Die Erneuerung der Kirche muss von innen kommen.

Erneuerung wird gerne mit Anpassung, Angleichung und „Modernisierung“ verwechselt. Gemäß der Haltung des Mainstream müsste Erneuerung dann bedeuten: Positionen und Traditionen, die heute nicht mehr konsensfähig sind, abzustreifen, möglichst die Angleichung an Welt und „Durchschnittsmeinung“ zu suchen und jede Provokanz und Anstößigkeit abzulegen. Eine solche Erneuerung „von der Welt her“ wäre in der Tat das, was Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus als Verweltlichung angeprangert haben. Es geht keineswegs darum, die Augen vor der Welt zu verschließen und sich in Weltflucht zu üben. Wahre Erneuerung kann allerdings nur dann gelingen, wenn sie Maß nimmt an Jesus Christus und seiner frohen Botschaft, und nicht an der Welt.

In der Kirche Christi herrscht in dieser Hinsicht durchaus noch großer Reform- und Rückbesinnungsbedarf: Die Kirche muss sich immer wieder auf ihre „Kernkompetenz“ zurückbesinnen. Sie muss neu lernen, wie sie in einer Mediengesellschaft ihre Botschaft richtig zu vermitteln und Menschen zu erreichen vermag. Sie muss sich immer wieder zu einem klaren Bild ihrer selbst durchringen – als Volk Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes.

Dies erfordert regelmäßig Nach- und Neujustierungen sowie radikale Veränderungen – jeweils unter der Prämisse, dass nicht Menschen die Kirche verändern, sondern sich die Kirche von Christus selbst her verändern lässt. Manchmal unterschätzen wir die Bedeutung dieser Erneuerung und meinen: Es kann doch eigentlich alles so bleiben, wie wir es gewohnt sind. Das wäre weit gefehlt. Richtig verstanden wird der „Konservative“ immer auch ein „Progressiver“ sein, weil er nur so – durch den Blick in die Zukunft – auch das bewahren kann, was in der Vergangenheit war.

Hören wir zum Schluss noch einmal auf Papst Franziskus: „Lasst uns dem Heiligen Geist nicht mit Widerstand begegnen. Das ist die Gnade, die wir alle heute vom Herrn erbitten sollen: die Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist; jenem Geist, der zu uns kommt und uns auf dem Weg der Heiligkeit fortschreiten lässt, jener so schönen Heiligkeit der Kirche.“

kath.net-Buchtipp
Freut Euch! Glaubensbekenntnis eines jungen Christen
Von Georg Dietlein
Hardcover, 232 Seiten
Mm Verlag Mai 2013
ISBN 978-3-942698-15-3
Preis: 15.30 EUR


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Foto Georg Dietlein: © www.student-litigators.de


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