27 April 2013, 06:30
Pädophilie, Politik, Preisverleihung - Saure Doppelstandards
 
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Seien wir nicht so spießig bei deftigen Kindersexfantasien „ausgezeichneter“ Politiker. Pädophil sind doch eh nur katholische Priester - Ein kath.net-Kommentar von Monika Metternich

Berlin (kath.net/mm) Als Konsument des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gerät man immer wieder ins Staunen. So auch, als ZDF-Kommentator Wolfgang Herles die Verleihung des renommierten Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit (Foto) kommentierte. Da kämen, so Herles „die Liebhaber moralinsaurer Wassersuppe daher, wollen ihm den Preis verwehren, bezichtigen ihn der Pädophilie.“ Den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, der seine Teilnahme als Laudator abgesagt hatte, weil der Preisträger sich „in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern“ geäußert habe, nennt Herles einen „Feigling“ (kath.net hat über die Entscheidung Voßkuhles berichtet).

Direkt unter seiner Tirade verlinkt das ZDF sodann jene Worte, welche der Stein des Anstoßes der „moralinsauren“ Kritiker Cohn-Bendits sind: „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: ,Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?’ Wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.“ Auch sein Auftritt in einer Fernsehtalkshow auf dem französischen Sender „France 2“ aus dem Jahre 1982 wird penibel dokumentiert, sogar eine Übersetzung liefert das ZDF: „Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches. Man muss aufrichtig sein, seriös, bei den ganz Kleinen ist es etwas anderes, aber bei den Vier- bis Sechsjährigen, wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, Sie auszuziehen. Es ist großartig, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel.“

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Zwischen der Veröffentlichung der von Cohn-Bendit selbst beschriebenen, lustvollen Fummelspiele mit Kindern in den 70ern und der ausgestrahlten Sendung liegen immerhin sieben Jahre. Genug Zeit, sollte man denken, um postpubertäre Jugendidiotien abzulegen, die man angeblich zu einer Zeit erstunken und erlogen hat, in der es offenbar noch als schick und revolutionär galt, Kinder zu betatschen und sich von ihnen erotisieren zu lassen.

Sieben Jahre, in denen man Jugendsünden der peinlichsten und widerlichsten Art hinter sich gelassen haben könnte. Daniel Cohn Bendit stand jedoch auch noch 1982 zu dem, was ihn bereits in den 70erjahren in ernstere Schwierigkeiten gebracht hatte, wie er selbst im „großen Bazar“ schildert: „Da hat man mich der ,Perversion’ beschuldigt. Unter Bezug auf den Erlass gegen ,Extremisten im Staatsdienst’ gab es eine Anfrage an die Stadtverordnetenversammlung, ob ich von der Stadtverwaltung bezahlt würde. Ich hatte glücklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wäre ich entlassen worden.“

Perversion setzt Cohn Bendit noch zur Veröffentlichungszeit 1975 in Anführungszeichen, und 1982 steht er noch derart unumwunden zum Kindersex, dass er sich dessen sogar bräsig in einer französischen Fernsehshow brüstet.

Man stelle sich einen katholischen Priester vor, der vor 30 Jahren öffentlich seine „wahnsinnig erotischen Spiele“ mit Fünfjährigen gepriesen hätte. Da wäre die Staatsanwaltschaft schneller eingeschaltet, als das Abspielen des Videos dauert. Und zu Recht. Das würde sicher auch Wolfgang Herles so sehen. Und zwar auch dann, wenn der Vorfall 30 Jahre zurückliegt.

Man braucht nicht lange darüber nachzudenken, warum das so gehandhabt wird. Die meisten Missbrauchs-Verdachtsfälle in der katholischen Kirche sind verjährt – aber sie werden dennoch systematisch untersucht und aufgearbeitet. Auch wenn es nie zu einer Anklage oder gar einer Verurteilung gekommen ist. Das fordern nicht allein die Opfer, sondern auch die Öffentlichkeit, inklusive des ZDF. Dass dieses Vorgehen „moralinsauer“ sei, hat jedenfalls noch niemand öffentlich behauptet, und wer so etwas in Bezug auf die katholische Kirche sagte, würde öffentlich gesteinigt.

Sollte Herles ernst meinen, was er sagt, sollte er seine Vorwürfe zunächst einmal an die eigene Sendeanstalt richten, die doch noch vor kurzem (am 10. 1. 2013) Frau Leutheusser-Schnarrenberger umfänglich zitierte: Die Bundesjustizministerin habe „das vorläufige Aus für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bedauert.“ Mehr noch: Die „Entscheidung erwecke den Eindruck, dass Kirchen-Vertreter doch nicht alles unabhängig aufklären lassen und am Ende ihre Hand auf gewonnene Erkenntnisse halten wollten.“

Soll man nun sagen, das ZDF oder gar die Bundesjustizministerin, Vorsitzende des „runden Tisch gegen sexuellen Missbrauch“ der Bundesregierung, schwimme auf einer „moralinsauren Wassersuppe“? Weil die Ministerin im ZDF umfassende Aufklärung sexuellen Missbrauchs forderte? Oder weil die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Theodor-Heus-Stiftung nicht zur Preisvergabe erschien? Oder sind unangenehme, auch öffentliche Nachfragen in punkto Kindermissbrauch nicht ein ganz wesentlicher Teil der Aufklärung eines besonders düsteren Kapitels von Machtmissbrauch in den , wie Herles sagt „aus heutiger Sicht seltsamen, ja unzulässigen Methoden antiautoritärer Erziehung“ in den 1970er bis weit hinein in die 1980er Jahre? Bezeichnet Wolfgang Herles im Ernst Mißbrauchsopferverbände wie „Glasbrechen e.V“ zynisch als „moralinsauer“, weil sie heftig gegen eine Preisverleihung an Daniel Cohn Bendit protestiert haben?

Ja, Daniel Cohn-Bendit hat geweint bei der Preisverleihung. Weil alle ihn so hassen, sagt er. Auch er findet es heute nicht mehr ganz so gut (wie man wohl im Kindergärtnerjargon sagt), was er früher geschrieben und gesagt hat. Aber, so sagt er, er habe es eben nur geschrieben und gesagt und nichts getan. Als junger Mann genauso wie als Erwachsener. Er hat sich das alles nur genüsslich und detailreich ausgedacht. Und das sollen ihm nun alle „einfach so“ glauben. Und seinen Freunden. Wie Wolfgang Herles: „Von denen, die damals dabei waren, und ihn kennen, hat niemand Cohn-Bendit eine Verfehlung vorgehalten.“ Na, das ist doch überzeugend. Seien wir nicht so spießig bei deftigen Kindersexfantasien „ausgezeichneter“ Politiker. Pädophil sind doch eh nur katholische Priester. Bei ihnen wird kräftigere Kost als moralinsaure Wassersuppe eingesetzt, jede Wette.

Ministerpräsident Kretschmann appellierte, seinem alten Kumpel Vergebung zukommen zu lassen. Vergebung, obwohl er nichts getan hat. Und als Trostpflaster gibt es den Theodor-Heuss-Preis für neue Wege in der Demokratie.


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Foto Cohn-Bendit: © Wikipedia/ Marie-Lan Nguyen
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