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Das Kompositionsprinzip von Gottes Römischer Symphonie

23. März 2013 in Kommentar, keine Lesermeinung
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Kontrast verbindet, Wiederholung trennt: Nicht nachahmend und nicht kontradiktorisch, aber komplementär zu Benedikt XVI. wird das neue Pontifikat gelingen – Wochenkommentar von Andreas Püttmann/ Radio Horeb.


Immenstadt (www.kath.net)
Für römische Katholiken, aber auch für viele Christen anderer Konfessionen stand die vergangene Woche noch ganz im Zeichen des Pontifikatswechsels. Höchst aufmerksam wurde der neue Papst beobachtet, kleinste Gesten und Details gedeutet. Man kann sich geradezu an die Diskussion über das Zweite Vatikanische Konzil erinnert fühlen: Einer Hermeneutik des Bruches steht eine der Kontinuität gegenüber.

Eine Glaubensgemeinschaft, die sich vom Heiligen Geist inspiriert und letztlich von Gott selbst geführt denkt und deren Lebenselixier das Immergültige im historisch Wandelbaren ist, wird natürlich hochsensibel auf Kurskorrekturen und scheinbare Widersprüche reagieren. Was die einen ersehnen, weil sie längst eine andere Kirche wollen, das gilt den anderen als Risiko der Abweichung vom rechten Weg und fatales Signal, dass die Kirche statt eines „Corpus Christi mysticum“ letztlich doch nur Menschenwerk sein könnte. Wie sollte sich Christus als „Haupt der Kirche“ auch widersprechen, indem er seinen „Vicarius“ auf Erden konterkarieren ließe, was Er zuvor durch dessen Vorgänger selbst wirken ließ?

So sehr man also Verständnis dafür haben mag, dass Progressive und Konservative derzeit begierig oder bangend auf Veränderungen im Vatikan fokussiert sind, so mutet es doch etwas überdreht an, wie manche Beobachter im Kaffeesatz lesen und aus Kleidungsstücken, kolportierten Satzfetzen oder ersten Gesten der Begrüßung schon ein ganzes Pontifikatsprofil ableiten. Als hätte nicht soeben das Konklave den neunmalklugen Vorhersagern eine Lektion erteilt. Der Geist weht wo und wie er will.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken. Und eure Wege sind nicht meine Wege. So hoch wie der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Gedanken als eure Gedanken“ (Jes 55, 8-9). „Spruch des Herrn!“ Man täte gut daran, ruhig und gelassen, frei von egozentrischen Wunschvorstellungen und unbeeindruckt von der medialen Dauergeschwätzigkeit betend den Beginn des neuen Petrusdienstes zu begleiten.

Grundsätzlich kann ein und dieselbe Wahrheit unter verschiedenen Umständen zu ganz anderen Akzentuierungen und Pointen führen. Hier liegt der Reichtum einer Weltkirche, die kulturell immer auch Kirche in „Ungleichzeitigkeit“ ist. Leben in ihr doch Gläubige aus unterschiedlich entwickelten Gesellschaften mit einem je eigenen Erfahrungs- und Verständnishorizont.

Papst Franziskus kommt aus einem sozial zerklüfteten, in der christlichen Missionsgeschichte um etliche Jahrhunderte „jüngeren“ Kontinent, den viel unterscheidet von den nivellierten Wohlstandsgesellschaften des Westens, die nicht nur ökonomisch, sondern auch religiös und kulturell ihre besten Zeiten hinter sich haben dürften. Die geistliche Vitalität ihrer Ortskirchen ist insbesondere in Westeuropa so schwach, dass sie sich als Reform-Lehrmeisterinnen der Weltkirche nicht eignen.


Insofern überraschte die Schlagzeile einer italienischen Zeitung nicht: „Das Papsttum verlässt Europa“. Schon Joseph Ratzinger war kein typischer Repräsentant des heutigen Europas mehr, sondern ragte wie aus einer anderen Epoche in die Jetztzeit hinein – und strahlend aus ihr heraus mit seiner umfassenden Bildung und Sprachkunst, seiner demütigen Dienstbereitschaft und Frömmigkeit und mit seinem schlichten Lebensstil. Einfachheit und Bescheidenheit im bedeutendsten Amt der Christenheit braucht der neue Papst wirklich nicht neu zu erfinden. „Zu rein, zu unschuldig, zu heilig“, hatte ein einfacher Italiener Benedikt XVI. bei der Abschiedsaudienz auf dem Petersplatz genannt.

Es fällt auf, dass Papst Franziskus seinen Vorgänger mehrmals, auch am Dienstag bei seiner ersten Heiligen Messe vor dem Petersdom, überaus wertschätzend und warmherzig würdigte. Am heutigen Samstag, wohl zu dieser Stunde, werden die beiden sich in Castel Gandolfo treffen. Der Gelehrtenpapst und der Seelsorgerpapst mögen in ihrem Werdegang und Temperament sehr ungleich erscheinen, doch sie in Widerspruch zueinander zu bringen, wäre erstens zu früh und erscheint zweitens abwegig nach allem, was man bisher über den bisherigen Erzbischof von Buenos Aires weiß.

Wer die Hermelin-umrandete Mozzetta und die roten Schuhe ablehnt und sein schlichtes Brustkreuz beibehält, ist noch lange kein Bilderstürmer. Wer die erste Eucharistiefeier mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle am Holzaltar zur Gemeinde gewandt feiert, ist noch lange kein Gegner des alten Ritus. Wer sich nach seiner Wahl auf der Loggia vor mehrheitlich italienischem Publikum als neuer „Bischof von Rom“ vorstellt und in der vatikanischen Pfarrkirche Santa Anna eine Sonntagsmesse zelebriert, gibt damit noch lange nicht zu verstehen, dass er sein universales Lehramt einzuschränken gedenkt.

Und wer sich dezidiert an die Seite der Armen stellt, ist noch kein Freund der sogenannten Befreiungstheologie. Wir könnten noch erleben, wie Papst Franziskus die kurzschlüssigen „Papstversteher“ Lügen strafen wird – und wohl auch, dass seine Sympathiewerte in Deutschland fallen werden, nicht anders als bei seinen Vorgängern, die nach Amtsantritt jeweils bei 70 Prozent der Deutschen beliebt waren, nach einigen Jahren jedoch nur noch bei 30 Prozent.

Dazu werden schon die notorisch antikatholischen Massenmedien beitragen, die auch in dieser Woche wieder durch dilettantische Fehlleistungen und Sticheleien gegen den neuen und alten Papst glänzten. Da war zum Beispiel am Dienstag in Zeitungen nur von „Zehntausenden Gläubigen“ auf dem Petersplatz die Rede, obwohl es nach Angaben der Stadt Rom Hunderttausende waren. Da sprach der Fernsehsender n-tv penetrant von einer „Krönungsmesse“, obwohl die Papstkrönung längst der Vergangenheit angehört. Die Berliner taz hatte den neuen Papst schon zuvor als „alten Sack der xte“ schmähen lassen.

Das öffentlich-rechtliche TV-Morgenmagazin brachte am Mittwoch nach dem eindrucksvollen Glaubensfest in Rom gleich wieder eine Miesmacher-Story zu Franziskus‘ angeblich zwielichtigen Agieren unter der Militärdiktatur, wobei nur ein scharfer journalistischer Kritiker, aber kein Verteidiger zu Wort kam. Dass die FAZ am Sonntag und Montag in langen, akribisch recherchierten Artikeln die konkreten Verdächtigungen als unbegründet decouvriert hatte, wurde einfach ignoriert. Als Jesuitenprovinzial tat Pater Bergoglio offensichtlich alles, um die beiden eigenwilligen und risikobereiten Ordensbrüder zu schützen.

Auch dieser Papst, wenn er nur lange genug regieren kann, wird es den Deutschen schließlich wieder nicht recht machen können, weder den immer nur fordernden Protestanten, noch den Atheisten und auch nicht den zeitgeistsynchronisierten „Reformkatholiken“. „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, wird die Schar der Treuen sich sagen müssen und erleichtert sein dürfen, dass der „graue Nörgelton“ (Heinz-Joachim Fischer) nun wenigstens nicht mehr aus dem Heimatland des Papstes kommt. Die Argentinier zeigen uns, wie man mit einem Kirchenoberhaupt aus den eigenen Reihen umgeht. Ihre Präsidentin Cristina Kirchner, deren Canossagang nach Rom zu den erbaulichen Nebeneffekten dieser Papstwahl gehört, wird sich hüten, den Papst und Landsmann öffentlich zu maßregeln wie einst Kanzlerin Angela Merkel.

Franziskus aber wird in den Schuhen des Fischers ebenso unbeirrbar von jeglichem Störfeuer wandeln wie Benedikt XVI. Dessen Vision einer „entweltlichten“ Kirche wird er konkretisieren, zum Verdruss des deutschen Funktionärskatholikenbiotops ebenso wie zum Unbehagen mancher Konservativer, die die Substanz der Frohen Botschaft leicht aus den Augen verlieren vor lauter kirchlichem Statusdenken, liturgischem Ästhetizismus, selbstgerechtem Ordnungsdenken und höfischem Getue um Bischofsstühle herum.

Schon die Freiburger Konzerthausrede schloss die katholische „Betonfraktion“ vom Entweltlichungsappell keineswegs aus. Schonungslos kritisierte der deutsche Papst „Skandale“ und „Unbotmäßigkeit der Verkünder des Glaubens“ sowie Versuche, bloß „eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen“.

Stattdessen gelte es, „jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheiten sind“. Man kann Papst Franziskus‘ Signale des Unkonventionellen, die manchem Benedikt-Verehrer die Falten auf die Stirn treiben, durchaus in der Spur dieser Worte sehen.

Und selbst wenn nicht, wenn sich hier doch ein gewisser Kontrast des neuen zum letzten Pontifikat abzeichnen sollte: Zur musikalischen Formenlehre gehört die Riemannsche Regel: „Kontrast verbindet, Wiederholung trennt“. Hätten die Kardinäle eine Art Benedikt-Fortsetzer auf den Stuhl Petri gewählt, sich also für die Wiederholung entschieden, dann wäre das Risiko für ein fades Pontifikat groß geworden. Einem „Mozart der Theologie“ kann man es schlechterdings nicht gleichtun.

Kardinal Sodano sagte in seiner Replik auf Benedikts Rücktrittsrede: „Natürlich leuchten auch die Sterne am Himmel immer weiter, und so wird unter uns immer der Stern Ihres Pontifikats weiterstrahlen.“

Dies bedeutete für das „Design“ eines nachfolgenden Pontifikats, wenn es nicht wie ein matter Abklatsch wirken sollte, dass die Kardinäle zu einem anderen Typus von Pontifex gelangen mussten. Nicht kontradiktorisch, aber komplementär kann das neue Pontifikat erfolgreich werden. Stellt man sich die Kirche wie einen Kathedralbau vor, der abends angestrahlt wird, dann darf man sich die Päpste wie mächtige Scheinwerfer vorstellen, die die komplexe Steinstruktur von unterschiedlichen Seiten her ausleuchten und erst so in ihrer ganzen Schönheit und Majestät sichtbar machen.

Von Cicero stammt der Aphorismus: „Das steht jedem am besten, was ihm am natürlichsten ist“. Auch deshalb sollte man nicht voreilig in persönlichen Widersprüchen denken. Der eine Papst kann über Jahre leidend im Amt sterben, der andere zur Vermeidung einer langen Agonie sein Amt rechtzeitig niederlegen und sich in Demut einem Nachfolger unterordnen. Beide haben Recht, obwohl sie doch scheinbar gegensätzlich handeln. Nun tut Papst Franziskus gut daran, das am Christentum, was ihm am natürlichsten ist, auch im neuen Amt authentisch zu leben.

Nach der Rückkehr des emeritierten „Papa tedesco“ in den Vatikan wird ein Wort Jesu anschaulich die komplementäre Verschiedenheit der zwei Päpste zum Ausdruck bringen: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“. Und wenn spätere Generationen von Christen einmal zurückschauen werden auf diese beiden Pontifikate unter den Namen zweier großer Ordensgründer, dürften sie noch deutlicher als wir heute das dynamische Kompositionsprinzip von Gottes Römischer Symphonie erkennen: „Kontrast verbindet, Wiederholung trennt“.


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