15 Februar 2013, 09:00
Absurde ‚Warnung’ vor dem nächsten Papst
 
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Die Botschaften der ‚Warnung’ fordern dazu auf, den Nachfolger Benedikts XVI. nicht anzuerkennen. Dieser sei ‚falscher Prophet’ und mit dem Antichrist im Bunde. Ein Kommentar über diese und andere nicht ernst zu nehmende Botschaften von Johannes Graf

Linz (kath.net/jg)
Seit März 2011 kursieren im Internet und mittlerweile auch in Buchform angebliche Privatoffenbarungen einer anonymen Seherin, die sich „Verborgene Prophetin“ nennt. Sie bezeichnet sich auch als „Maria von der göttlichen Barmherzigkeit“. Die Botschaften handeln meist von einer sogenannten „Warnung“, einem Moment, in dem alle Menschen durch einen gnadenhaften Akt Gottes den Heilszustand ihrer Seele sehen können. Dieses Ereignis soll in naher Zukunft stattfinden.

Weihbischof Laun hat bereits in einmal auf kath.net die Warnung kritisiert. Der bevorstehende Rücktritt Benedikts XVI. und die Wahl eines neuen Papstes sind ein Anlass, sich wieder mit diesem Phänomen zu befassen. In den Botschaften der Warnung wird behauptet, Papst Benedikt XVI. sei der letzte „echte“ Papst, sein Nachfolger aber ein Betrüger, der mit dem Antichrist im Bunde sein werde. Die Botschaften fordern zum Schisma auf, sobald der Nachfolger Benedikts XVI. feststeht. In der Botschaft vom 10. April 2012 heißt es wörtlich: „Die eine Hälfte (der Gläubigen, Anm.) wird — aus Pflichtgefühl heraus — glauben, dass es notwendig ist, dem Falschen Propheten zu folgen, dem Papst, welcher Papst Benedikt XVI. folgen wird. Andere, die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind und denen aufgrund ihrer demütigen Seele die Gnade des Unterscheidungsvermögens gegeben worden ist, werden auf der Stelle erkennen, dass in der Kirche in Rom ein Betrüger sitzt.“ Das ist ein Aufruf, den Nachfolger Benedikts XVI. nicht anzuerkennen.

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Vieles an den Botschaften der „Warnung“ ist richtig. Die Achtung vor den Sakramenten, dem Papst und der Kirche, die Besinnung auf Gott werden in Erinnerung gerufen. Gerade das macht sie aber gleichzeitig gefährlich. Die oben angeführten Botschaften stehen eindeutig im Widerspruch zur Zusage Christi, die Mächte der Unterwelt würden die Kirche nicht überwältigen (Mt 16,18). Wenn ein Anhänger des Antichrist Papst würde, wäre genau das geschehen.

Die folgenden Botschaften stehen ebenfalls im Widerspruch zur Mt 16,18: „Sie (gemeint sind „gottgeweihte Diener innerhalb des Vatikan“, die einer freimaurerischen „bösen Sekte“ angehören, Anm.) planen, den Heiligen Stellvertreter Christi, Papst Benedikt XVI. durch einen „Diktator der Lügen“ zu ersetzen. Er wird im Bunde mit dem Antichristen und seiner Gruppe eine neue Kirche erschaffen, um die Welt in die Irre zu führen.“ (Botschaft vom 18. Januar 2012) Auch das würde bedeuten, dass es den „Mächten der Unterwelt“ gelingen würde, die Kirche zu überwältigen und zu verändern. Gott würde zulassen, dass seine Kirche den Beistand des Heiligen Geistes verliert, in die Irre geht und viele treue Seelen mitnimmt. Prophezeiungen wie diese bringen Verwirrung, Unsicherheit und Spaltung unter die Gläubigen, die sich – wenn sie den Botschaften glauben – weder auf die Kirche nach Benedikt XVI. noch auf die Zusagen des Evangeliums verlassen können, sondern einer anonymen Seherin folgen sollen. Das wird in der Botschaft vom 7. Juni 2011 explizit verlangt: „Es ist wichtig, dass Meine Anhänger gegenüber jedem neuen Papst, der auftreten mag, auf der Hut sind, weil er nicht von Gott sein wird.“

Die Umstände des Rücktritts Benedikts XVI. stimmen nicht mit den Botschaften der „Warnung“ überein. Dort wird behauptet, Benedikt XVI. würde „vom Heiligen Stuhl in Rom vertrieben werden.“ (11. Februar 2012). Ebenso wird vorausgesagt: „Er (Benedikt XVI., Anm.) wird zerdrückt werden, als Haupt Meiner Kirche, und ihm wird keine Gnade gezeigt werden. Der Widerstand wird schnell zunehmen, wobei er für nicht mehr zuständig erklärt werden wird.“ (13. November 2012)

Der Rücktritt Benedikts XVI. ist freiwillig erfolgt. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er unter Druck von außen stand. Niemand hat ihn für „nicht mehr zuständig erklärt“, sondern er hat selbst auf das Petrusamt verzichtet.

Abgesehen von diesen Widersprüchen gibt es noch weitere Unstimmigkeiten der Botschaften der „Warnung“. Ich kann hier nur auf einige wenige Probleme eingehen.

Innere Widersprüche

In der Botschaft vom 20. Dezember 2010 wird vorausgesagt, dass Ende 2012 eine „Große Drangsal“ über die Welt hereinbrechen werde, die unter anderem durch viele ökologische Katastrophen erkennbar sein werde. Allerdings wird nur ein paar Wochen später, nämlich in der Botschaft vom 11./12. Januar 2011 behauptet, die Große Drangsal werde „jetzt“ beginnen. Das wird ein paar Monate später wieder anders. Jetzt erleben wir nur die „Drangsal“, die „Große Drangsal“ beginne doch erst Ende 2012 (Botschaft vom 20. Juli 2011)

Falsche Verheißungen

Am 31. Mai 2011 wurden die Anhänger der „Warnung“ aufgefordert, sich auf das Eintreten der „Warnung“ vorzubereiten, es blieben nur mehr ein paar Monate. In der Botschaft vom 1. Juli 2011 wird sogar erklärt, dass mit „Monaten“ ein Zeitpunkt „jederzeit innerhalb eines Jahres“ gemeint ist. Seit Ende Mai 2011 sind allerdings mehr als eineinhalb Jahre vergangen, ohne dass die „Warnung“ eingetreten ist.

Anonymität

Durch ihre Anonymität entzieht sich die angebliche Seherin der Überprüfung durch die Kirche. Die Kinder von Fatima und Bernadette von Lourdes waren dem Gespött der Leute und der Verfolgung durch die Behörden ausgesetzt. Durch ihre Treue zu den Erscheinungen legten sie ein starkes Zeugnis für deren Echtheit ab. Sie konnten von der Vertretern der Kirche befragt werden. Auf diese Weise konnte die Kirche zu einem Urteil gelangen. Die „Verborgene Prophetin“ der Warnung hingegen lebt weiter ihr normales Leben und veröffentlicht ihre „Botschaften“ anonym im Internet.

Trotzdem sollen wir ihr nicht nur glauben, dass der nächste Papst nicht von Gott sein wird, sondern noch mehr: „Ohne dein Opfer könnte Ich (Jesus, Anm.) Mein Versprechen nicht erfüllen, die Menschheit zu retten, so dass jeder Seele die Chance gewährt wird, dass ihr ihr rechtmäßiges Erbe zugutekommt.“ (Botschaft vom 7. November 2011)

Kirchliche Anerkennung

Laut eigener Aussage ist sie durchaus bereit, ihre Botschaften dem Urteil des Papstes zu unterwerfen. Das ist in der Einleitung zu den Botschaften zu lesen. Erscheinungen werden aber von der Kirche in der Regel erst dann überprüft, wenn sie schon abgeschlossen sind. Davon ist aber bis jetzt keine Rede. Wenn nun Benedikt XVI. die Botschaften nicht bis Ende Februar anerkennt, ist eine päpstliche Anerkennung nach Logik der „Warnung“ gar nicht mehr möglich. Der nächste Papst wird die Botschaften sicher nicht anerkennen, denn der ist ja – laut den Botschaften der „Warnung“ – der „Falsche Prophet“, der die Kirche verändern wird. Theoretisch wäre es denkbar, dass ein späterer Papst wieder von Gott eingesetzt würde. Doch wer sollte das dann beurteilen? Das könnte wieder nur durch Botschaften der „Warnung“ erkannt werden. Wenn Botschaften echt wären, würde Jesus von den Gläubigen verlangen, einer kirchlich nicht anerkannten Privatoffenbarung mehr zu glauben als der Kirche. Das wäre schlicht und einfach absurd.

Eine Anerkennung ist anscheinend auch gar nicht wichtig: „Es ist nicht wichtig, ob die Kirche diese Botschaften anerkennt; denn die Zeit läuft davon. Meine geistlichen Diener werden viele, viele Jahre brauchen, um Meine Botschaften anzuerkennen. Also mache weiter.“ (Botschaft vom 9. Juli 2011)

‚Heilige Schrift’

Die Botschaften der „Warnung“ werden auf dieselbe Stufe gestellt wie die Heilige Schrift. „Du brauchst all deine Energie, um das Buch zu schreiben. Das Buch, über das Ich (Jesus, Anm.) spreche, ist eine heilige Schrift und ist Teil des Plans, wie er im „Book of Kells“ enthüllt worden ist. Dieses Buch wird Leben ändern, Seelen retten und wurde vorausgesagt. Ja, das Buch ist das, was prophezeit worden war. Du bist der Schreiber. Ich bin der Autor.“ (Botschaft vom 12. November 2010)

Das „Book of Kells“ ist nur in der deutschen Übersetzung der Botschaft enthalten. Auf Anfrage teile der Übersetzer mit, es sei ihm aufgefallen, dass der Satz in der englischen Version gestrichen (!) worden sei. Daraufhin habe er ihn auch aus der deutschen Übersetzung entfernt, später aber wieder hinzugefügt. Sollte es sich wirklich um eine Botschaft Gottes handeln, könnte man wohl nicht so einfach einen Satz streichen und wieder hinzufügen.

Das „Book of Kells“ wurde von irischen Mönchen im Mittelalter herausgegeben. Es enthält praktisch nur die vier Evangelien. Wo dort eine weitere Heilige Schrift angekündigt werden soll, bleibt rätselhaft. Die Kirche betrachtet die Bibel mit der Offenbarung des Johannes als abgeschlossen. Es kann daher kein neues Buch geben, das zur Bibel hinzugefügt werden könnte.

Die Aussagen der 'Warnung' zum nächsten Papst und zur Entwicklung der Kirche sollten daher nicht ernst genommen werden. Sie säen Angst und Misstrauen gegenüber dem nächsten Papst und der Kirche und sie tun das gerade unter den Katholiken, die dem Papst und der Kirche bis jetzt treu waren.

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