02 Dezember 2012, 09:30
Saltos und ein Löwenbaby für den Papst
 
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Tausende Artisten und Schausteller waren zu Gast im Vatikan - Von Christoph Schmidt - KATHTUBE: 2 Videos

Vatikanstadt (kath.net/KNA) Sascha Ellinghaus vermisst seine Schützlinge. «Genau hier wollten wir uns treffen, aber bei Zirkusleuten ticken die Uhren etwas anders», sagt der Pfarrer. Er steht vor einem blau-gelben Zirkuszelt, und hinter Ellinghaus steht der Petersdom. Die skurrile Kombination hat ihren Grund: In Rom sind die Gaukler. Tausende Artisten und Straßenkünstler aus ganz Europa und den USA sind an diesem Wochenende der Einladung des Päpstlichen Migrantenrats gefolgt und wollen gleich den Papst treffen. Ellinghaus hat sich mit 60 Zirkus- und Kirmesleuten aus Deutschland auf den Weg gemacht. Er ist einer von sechs katholischen Priestern der Zirkus- und Schaustellerseelsorge und seine Herde meistens auf Achse. «Notfalls fahre ich für eine Taufe von Paderborn bis Frankfurt.»

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Die dröhnenden Technobässe auf Europas Kirmesplätzen lassen kaum noch erahnen, dass die meisten Volksfeste kirchlichen Ursprung haben, aus Kirchweih- («Kirmes») oder Heiligenfesten entstanden sind. «Wir Schausteller halten eine Tradition am Leben», beharrt jedoch Albert Ritter, der mit seiner Gruppe dazugestoßen ist. Der Präsident des europäischen Schaustellerbundes und seiner deutschen Sektion erhofft sich vom Besuch im Vatikan nicht nur seelischen Beistand. «Wir wollen, dass die Unesco Volksfeste als immaterielles Kulturgut anerkennt und bauen auf Unterstützung vom Migrantenrat.» Dessen Präsident, Kardinal Antonio Maria Veglio, habe schon Wohlwollen signalisiert. Deutschland dagegen sei einer von drei Staaten, die den Beschluss blockierten. «Dort denkt man lieber an die Investoren, die auf der Kirmeswiese ein Einkaufszentrum bauen wollen.»

45.000 Menschen arbeiten in der Bundesrepublik im Schausteller- und Zirkusgewerbe. Die meisten Familien schon seit Generationen. Und die meisten sind katholisch. Ja, meint Pfarrer Ellinghaus, das fahrende Volk sei wohl gläubiger als der Durchschnitt. «Wer immer unterwegs ist, braucht eine Heimat, die er mitnehmen kann.» Leicht und lustig sei das Leben der Clowns und Zuckerwatteverkäufer oft nicht. Das ständige Auf- und Abbauen bei jedem Wetter ist man gewohnt. «Doch die Menschen leben immer in derselben sozialen Gruppe, in der nichts geheim bleibt. Da sind sie froh, wenn mal einer da ist, der alles für sich behält.» Einer wie Ellinghaus.

Artisten und Dompteure haben außerdem keinen ungefährlichen Job. Sonja Probst war 15 als die Fußschlaufe ihres Vertikalseils riss und sie aus neun Metern Höhe mit dem Kopf aufschlug. Nach vier Wochen Koma wurde klar, dass der Traum von der Karriere am Trapez zu Ende war. Die behinderte Frau wurde Clown - ein Zirkusleben.

Sonja Probst gehört zu den Artisten, die dem Papst beim Treffen in der großen Audienzhalle am Mikrofon über ihr Leben erzählen dürfen. 7.000 Akrobaten, Puppenspieler, Straßenmusikanten, Dompteure, Budenbetreiber und Zauberer bereiten Benedikt XVI. einen laut-fröhlichen Empfang, als er dort die Bühne betritt - die sogleich zur Manege wird. Nicht oft erlebt das Kirchenoberhaupt eine so unterhaltsame Audienz. Sizilianische Kinderakrobaten und Marionettenspieler bringen auf sein Gesicht immer wieder ein vergnügtes Lächeln. Als Dompteure dem Papst ein Löwenbaby vorführen, freuen sich nicht nur die Fotografen, sondern auch Benedikt XVI.
macht das Kraulen im Fell ganz offenbar Spaß.

Betroffen hört er dagegen die Geschichten von Menschen, die sich wie Sonja Probst bei der Arbeit verletzt hatten. Ihnen und allen Gästen gibt der Papst Ermutigendes mit auf den Weg. Mut, Ausdauer, Verantwortungssinn, familiärer Zusammenhalt und Großzügigkeit seien die Tugenden der «großen Familie» der Zirkusleute und Schausteller. «Die Freude der Zuschauer, die Grazie Eurer Darbietungen, der Rhythmus der Musik schaffen eine direkte Kommunikation mit Groß und Klein.» Und Benedikt XVI. erinnert auch an die Herausforderungen, denen die umherreisenden Künstler ausgesetzt sind - vom Schulunterricht für die Kinder bis zur Bürokratie der Behörden. Unbedingt sollten die Gäste aber an ihrer Kunst festhalten und dabei auf ihren Glauben vertrauen. Menschen wie Sonja Probst wird das nach diesem Tag noch ein bisschen leichter fallen.

Video 1: Papst und die Löwen





Video 2:





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