27 September 2012, 11:30
Wie katholisch ist der Hobbit?
 
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J.R.R. Tolkien, der Autor von "Der kleine Hobbit", war praktizierender Katholik. Welche Einflüsse sein Glaube auf sein schriftstellerisches Werk hat, beantwortet Michael Hageböck im kath.net-Interview. Von Johannes Graf.

Kissleg (kath.net/jg)
Zu Weihnachten kommt „Der Hobbit“ als Prequel zu „Der Herr der Ringe“ in die Kinos. Viele Katholiken fragen sich, was an den phantastischen Geschichten von J.R.R. Tolkien christlich sein soll. In einem Interview mit kath.net erklärt Buchautor Michael K. Hageböck, was hinter Mittelerde steckt.

kath.net: Viele kennen John R.R. Tolkien nur als Autor von "Der Herr der Ringe". Wenige wissen aber, dass er ein praktizierender Katholik war. Welche Rolle spielte der katholische Glaube in seinem Leben?

Michael Hageböck:
Der katholische Glaube war für Tolkien Prinzip und Fundament. Er betete den Rosenkranz, ging regelmäßig zur Beichte und diente noch in hohen Jahren in der Messe als Ministrant. Dies belegen seine Briefe ganz eindeutig. Seinen Söhnen empfahl er täglich zu kommunizieren und den Kanon der Messe auswendig zu lernen. Seine Kinder und Enkel besuchten katholische Schulen, sein ältester Sohn wurde Priester. Tolkien bekannte seinen Glauben, obwohl er dadurch Schmähungen in Kauf nehmen musste. Seiner Mutter, einer allein stehenden Witwe, hatte die Verwandtschaft jegliche finanzielle Unterstützung entzogen, nachdem sie zur römischen Kirche konvertiert war. Tolkien verehrte sie zeitlebens als Märtyrerin. Nach ihrem Tod wurde Pater Francis Morgan sein Vormund; er war Kaplan von John Henry Newman gewesen. Die Spiritualität und die Bücher des seligen Kardinals prägten Tolkien tief. Man kann diesen Einfluss sogar in „Der Herr der Ringe“ nachweisen - jedenfalls versuche ich dies in einem Buch, welches zur Jahreswende erscheinen soll. Hier könnte man beispielsweise die alexandrinische Angelologie nennen (welche Tolkien in seinem Valar-Konzept anwandte), Newmans Betrachtungen zum Marienmonat Mai (deren florale und stellare Motive wir bei Tolkien in Bezug auf Elbereth wieder erkennen oder etwa beim Garten Galadriels), sein Verständnis von der Entwicklung der Glaubenslehre (welche die Komplementarität von heidnischen Sagen und christlichem Glaube in Tolkiens Werk erklärt). Der Selige liebte das Mittelalter, die Bücher von Sir Walter Scott und damit die nordische Sagenwelt. Tolkien war vom größten Theologen des 19. Jahrhunderts beeinflusst und beeinflusste seinerseits den größten Apologeten des 20. Jahrhunderts: Durch ihn wurde C.S. Lewis Christ.

kath.net: Im Vorwort von "Der Herr der Ringe" schreibt Tolkien, dass er ein allegorisches Verständnis seines Romanes ablehnt. Ist eine christliche Rezeption des Buches deshalb gegen die Intention des Autors?

Hageböck:
Völliger Blödsinn. In Brief 141*) erklärt Tolkien, „Der Herr der Ringe“ sei ein „von Grund auf religiöses und katholisches Werk“– und in Brief 165 schreibt er: „Die einzige Kritik, die mich geärgert hat, war eine, dass es keine Religion enthalte.“ Freilich könnte man zu diesem Thema weit ausholen. Nach dem Verständnis von Tom Shippey wollte Tolkien im Vorwort seines Hauptwerkes lediglich sagen, dass er dem Leser seine Freiheit lassen wolle und ihn nicht zu Deutungen zwinge. Allegorie im strikten Sinne würde bedeuten, dass die Figuren einer Erzählung keine selbstständigen Charakter sind, sondern nur Zeichen, die auf etwas anderes hinweisen, also Personifikationen. Tolkien aber schuf mehr als Typen, er gestaltete glaubhafte Individuen, ordnete sie in Genealogien und Chroniken ein, verband sie mit einander. Anders als im Märchen sind sie Gestalten einer faktischen (wenngleich fiktiven) Historizität.

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Doch in dem, was diese Charaktere tun und was überhaupt in Mittelerde passiert, sehen wir sehr wohl ein Konzept, welches mit dem katholischen Verständnis von Welt kompatibel ist. Das Böse wird als privatio boni vorgestellt, Gott ist der Herr der Geschichte, seine Vorsehung lenkt die Geschicke und dennoch sind die Handelnden mit einem freien Willen ausgestattet.

Tolkien selber gesteht in Brief 215: „Man kann den primären Stoff nicht zu sekundären Mustern gruppieren, ohne Gefühle und Meinungen zu seinem Stoff zu verraten.“ Seine religiösen Überzeugungen treten aber nicht in Form von Allegorien auf, sondern werden angewendet. Eben dies meinte Tolkien im Vorwort: „Ich glaube, dass viele Leute »Anwendbarkeit« mit »Allegorie« verwechseln.“

Nichts desto trotz benutzte Tolkien seine literarischen Bilder im privaten Rahmen sehr wohl als Metaphern. An seinen Sohn Christopher schrieb er beispielsweise: „Im wirklichen (äußeren) Leben hast Du Menschen auf beiden Seiten: also eine zusammengewürfelte Allianz von Orks, Bestien, Dämonen, schlichten und von Natur ehrlichen Menschen und Engeln.“ Tolkien verabscheute Allegorien, aber er gebrauchte sie selber – ganz unzweifelhaft in seinem Beowulf-Aufsatz, wo er von einem Turm spricht und uns etwas über den Umgang mit der Überlieferung sagen möchte. Viele Wissenschaftler, die sich mit unserem Schriftsteller beschäftigen, sehen in Erzählungen wie „Ein Blatt von Tüftler“ eine klassische Allegorie.

kath.net: Du erwähnst kleinere Werke von Tolkien: Sind sie überhaupt lesenswert?

Hageböck:
Wer sich ein bisschen auf diesen Schriftsteller einlässt, wird alles lesenswert finden, weil es Teile eines riesigen Puzzles sind. Für den Anfang empfehle ich „Die Briefe“, „Das Silmarillion“ und „Gute Drachen sind rar“. Von den kleinen Erzählungen gefällt mir „Der Schmied von Großholzingen“ am besten. Sämtliche Werke Tolkiens sind jedenfalls tief von seinem katholischen Glauben geprägt und erklären uns ein Stück weit die Geschichten von Mittelerde: Ob es nun „Ancrene Wisse“ ist (die geistliche Unterweisung für Inklusinnen), „Beorhtnoth“ und „Hengest“ (womit die Theorie des Mutes verknüpft ist), „Sir Gawain und der Grüne Ritter“ (mit seinen mariologischen Symbolen) oder das Gedicht „Imram“ über den heiligen Brendan (und seiner Seefahrt zu den Unsterblichen Landen im Westen). Für Tolkien war der Glaube zentral: Er besorgte für die englische Ausgabe der Jerusalem Bibel sogar die Übersetzung und Kommentierung des Buches Jona. Und mit einem Schmunzeln darf man ergänzen, dass er das „Vater Unser“, das „Ave Maria“, das „Sub tuum praesidium“ und die „Lauretanische Litanei“ ins Elbische übertrug. Mittelerde und Abendland gehören bei Tolkien eng zusammen.

kath.net: Lassen sich konkrete christliche Bezüge in Mittelerde finden?

Hageböck:
Gegenfrage: Wo lassen sie nicht finden? Ich kenne kein Werk der Weltliteratur, welches auch nur entfernt eine so intensive Rezeption des katholischen Glaubens liefert. Wer sich intensiver damit auseinander setzen möchte, soll Peter Kreeft lesen, Bradley J. Birzer, Stratford Caldecott, Richard Purtill oder Koseph Pearce. Im deutschen Sprachraum sind vor allem die Publikationen von Prof. Dr. Marianne Schlosser und Prof. Dr. Michael Waldstein wichtig.

Hier geht es nicht nur um die moralische Ordnung, um Liebe, Demut und Opferbereitschaft. Es geht um Gott als Schöpfer der Welt, der den Menschen nach seinem Bild erschaffen hat, ihn mit Kunstfertigkeit ausstattet. Tolkien thematisiert, wie sich die Schöpfung gegen ihren Schöpfer wendet und der Mensch seine ihm verliehene Subkreativität missbraucht. Es geht um die Tragödie des Menschseins, wobei nicht nur die Sünde tragisch ist und die Verwicklung der Figuren in widrige Umstände, sondern die Geschichte als solche und damit alle Geschichten, die den Anspruch erheben, etwas Wahres auszusagen.

Einerseits weiß Tolkien um unsere Gefallenheit und ist Pessimist – andererseits glaubt er an einen Gott, der Gebete erhört und eingreift. Tolkien prägte dafür den Begriff der Eukatastrophe, also der unerwarteten Wende zum Guten, wodurch auf das Evangelium hingewiesen werde, die Frohe Botschaft par excellence. Die Eukatastrophe ist alles andere als ein Happy Ending, denn bei Tolkien gibt es keine Auflösung durch einen Deus ex machina, sondern einen Gott, der hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hält, während auf der Bühne seine Vorsehung waltet, ohne dass sie irgendwo sichtbar wird oder sie den Willen der Handelnden negiert. Gandalf deutete dies Frodo gegenüber an: „Im Hintergrund war noch etwas anderes am Werk, das über die Absicht des Ringschöpfers hinausging.“

Vieles, was wie ein Unglück erscheint, erweist sich als Voraussetzung für das Gelingen: Beispielsweise setzt ein Grabunhold den Hobbits zu, aber eben in dieser Szene bekommt Merry jenes Schwert, mit dem er später dem Hexenmeister von Angmar überhaupt Schaden zufügen kann. Solche Verknüpfungen wirken bei Tolkien keinesfalls verschraubt, sondern sind derart in den Fluss der Erzählung eingearbeitet, dass es Freude bereitet, wenn man sie entdeckt. Bei Dostojewski wirkt alles glaubhaft, weil er meisterhaft die Psyche des Menschen darstellt, während wir Tolkien seine Geschichte abnehmen, weil Vorsehung und freier Willen in rührender Weise zusammen wirken.

Unser Schriftsteller behandelt die Sehnsucht, die Sterblichkeit, die Versuchung, die Macht. Aber darin erschöpft sich das Christliche bei ihm nicht. „Der Herr der Ringe“ ist eine fiktive Frühgeschichte Nordeuropas und stellt dar, wie das adventistische Heidentum auf die wahre Religion ausgerichtet ist. Um dies zu plausibel zu machen, könnte ich seitenlang Kardinal Newman und die Theologen der Abendland-Bewegung zitieren (z.B. Theodor Haecker und Hugo Rahner), die Tolkien meines Erachtens aufgreift.

kath.net: Wie ordnest Du Tolkiens Werk geistesgeschichtlich ein?

Hageböck:
„Der Herr der Ringe“ greift auf den mittelalterlichen Dreiklang von Christentum, Antike und Germanentum zurück. Eben deswegen wirkt alles so vertraut: Es geht um unseren Glauben, unsere Kultur und den Raum, in dem wir leben. Dieser vom Kirchenhistoriker August Franzen beschriebene Dreiklang wurde in der Neuzeit zerstört, indem Elemente verabsolutiert wurden und man so die Mitte und damit das Ganze verlor.

Nördlich der Alpen predigte der Protestantismus das sola scriptura, er will zurück zur Bibel und sieht alle anderen Einflüsse als Abirrung. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 wurde südlich der Alpen die Renaissance der Antike eingeläutet, auf die der Humanismus und die Aufklärung folgte: Der Mensch und nicht mehr Gott stand im Mittelpunkt des Denkens. In Ablehnung der hellenistisch geprägten Adelskultur beschäftigten sich im 19. Jahrhundert die jungen demokratischen Bewegungen mit der Volkskultur, den Sagen der Germanen, den mitteleuropäischen Liedern und Märchen. Protestantismus, Aufklärung und Nationalismus sind Strebekräfte weg von der mittelalterlichen Einheit einer katholischen Kultur.

Tolkien brachte den Dreiklang von Christentum, Antike und Germanentum erneut zu Gehör. „Der Herr der Ringe“ ist die Rückgewinnung des Eigenen. Gondor und die Menschen des Westens sind wir. Leider ist uns die heilsgeschichtliche Relevanz Europas nicht mehr bewusst. Wenn ich vorhin von Anwendung sprach, dann sind die Erzählungen Tolkiens eine Anwendung der Theologie des seligen Kardinal Newmans und der Abendlandbewegung. Darüber gibt es Wichtiges zu sagen. Weil ich hier nicht genügend Platz dazu habe, tue ich dies in meinem Buch.

kath.net: Wie christlich ist "Der kleine Hobbit"?

Hageböck:
Wie bereits angedeutet, ist Tolkien vielschichtig. Als reine Allegorie wollte er sein Werk nicht verstanden wissen. Was aber die Moral der Protagonisten anbelangt, so ist diese nach dem Naturrecht ausgerichtet. Aragorn, Faramir und Bilbo sind tugendhafte Figuren, deren Gewissen fein ausgebildet ist. Wenn wir den „Hobbit“ untersuchen, dann sehen wir archaische Persönlichkeiten wie Thorin und Beorn, die grob, kauzig, ernst und heldenhaft sind, aber treu zu ihren Freunden halten, sich durch besonderen Mut auszeichnen, einen Sinn für Dichtung haben und humorvoll sind. Sie erscheinen uns fremd, aber wir lernen sie lieben, weil sie von Herzen gut sind - allerdings auf eine andere Weise, als von uns geschätzte Zeitgenossen.

Eine Art Vermittler in die Moderne ist Bilbo, der wie ein viktorianischer Engländer auftritt. Er liebt Bratkartoffeln und Tomaten, trinkt Tee, benutzt Taschentücher und raucht – kurz: Er bildet als lebendiger Anachronismus eine Brücke zur altertümlichen Sagenwelt. Ein Steampunk reversed, der nicht zuletzt wegen der vermittelnden Kommentare des Erzählers funktioniert. Die Eigentümlichkeit des kleinen Hobbit macht ihn sogar sympathisch: Ein Abenteurer von der Wohnzimmercouch, etwas zimperlich, meidet Gefahren und gerät dennoch in sie hinein. Sozusagen: Ein Held wider willen - ein Meisterdieb, der niemandem etwas stehlen möchte und es am Schluss dennoch tut. Er löst den Knoten der Geschichte, weil er sich fremdes Eigentum aneignet. Damit bricht er die Sturheit der Zwerge.

Interessant ist hier die Parallele zum Nibelungenlied: In beiden Fällen geht es um einen Schatz, der von einem Drachen behütet wurde und um den sich die Völker streiten. Während jedoch die Burgunder bis zum letzten Mann kämpfen, verhindert Bilbo den Untergang, denn durch sein Eingreifen verbünden sich Elben, Zwerge und Menschen gegen den wahren Feind. In der wirklichen Geschichte erlitt Europa erheblichen Schaden, weil in beiden Weltkriegen am Mythos der Nibelungen-Treue festgehalten wurde – in Tolkiens Erzählung findet die Geschichte eine gute Wendung.

Eine weitere Schicht christlicher Bezüge entdecken wir, wenn wir „Der Hobbit“ mit tradierten Sagen vergleichen. Anders als bei antiken Texten aus Rom und Griechenland, sind uns keine rein paganen Schriften von den Germanen überliefert: Alles was wir haben, wurde von Christen aufgeschrieben und ist von der Frohen Botschaft beeinflusst. Dies trifft sogar auf die Edda und die isländischen Sagen zu. Wer aus den germanischen Liedern das Heidentum rekonstruieren möchte (so wie im Dunstkreis des Nationalsozialismus geschehen), missbraucht diese Texte. Tolkien geht den umgekehrten Weg. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten zeigt er auf, dass bereits die frühesten Überlieferungen vom mittelalterlichen Dreiklang gekennzeichnet sind: Die Germanen haben schon längst mit christlichem Glauben und antiken Denken Tuchfühlung aufgenommen, als ihre Erzählungen verschriftlicht wurden.

Während Tolkien den kleinen Hobbit schrieb, setzte er sich wissenschaftlich mit dem „Beowulf“ auseinander. In einem Essay über diesen Stoff zeigte er auf, wie ein gebildeter Christ einen alten, heidnischen Stoff bearbeitete. Damit beschrieb Tolkien nicht nur einen Dichter aus dem achten Jahrhundert, sondern sich selbst, seine Arbeit an „Der Hobbit“ (oder später am Völsungen-Lied, welches er zur Präfiguration der biblischen Heilsbotschaft umfrisierte, wie man in „Die Legende von Sigurd und Gudrun“ nachlesen kann). Der Hobbit ist also alleine schon deswegen christlich, weil ein Christ sein Autor ist.

Seit 1916 schrieb Tolkien an seinem Legendarium, also den Geschichten von Mittelerde. „Der Hobbit“ (1937) war eigentlich viel zu drollig, als dass er zu dem ernsten und schweren Hintergrund passte. Dass der von Bilbo nebenbei mitgenommene Ring zum Hauptgegenstand des Nachfolgebandes wird, war vom Schriftsteller nicht geplant. Vielmehr musste Tolkien nachträglich ein Kapitel von „Der Hobbit“ umschreiben, damit die Geschichte vom Ringfund überhaupt zu „Der Herr der Ringe“ passte. Personen wie Gandalf, Elrond und der Nekromant (Sauron) boten schon eher einen Übergang. Außerdem begegnet Bilbo dem Vater von Legolas und reist mit Verwandten Gimlis. „Der Herr der Ringe“ ist eine Fortsetzung und bezieht sich mit dem ersten Kapitel (A long expected Party) auf seinen Vorgänger (An unexpected Party).

kath.net: Im Dezember kommt der erste Teil der Verfilmung von "Der kleine Hobbit" in die Kinos: Am Unexpected Journey. Er wird vom selben Team gemacht, der auch "Der Herr der Ringe" verfilmt hat. Wie beurteilst Du die Filme?

Hageböck:
Vom Hobbit kenne ich bislang nur die beiden Trailer, doch dürften Machart und Textverständnis ähnlich wie bei den „Der Herr der Ringe“-Filmen sein. Positiv finde ich, dass Regisseur Peter Jackson versucht die erzählerische Tiefe des Originals nachzuempfinden, also beispielsweise „Die Reise zum Erebor“ aus den „Nachrichten aus Mittelerde“ mit verwertet. In „Der Hobbit“ wird am Rande ein Nekromant erwähnt, von dem wir aus „Der Herr der Ringe“ wissen, dass es sich um Sauron handelt, welcher in Dol Guldur wieder an Macht gewinnt. Davor war der Düsterwald gar nicht düster und beherbergte auch keine Spinnen. Ich nehme an, hier wird der Film vieles erklären, was man sonst nur durch aufmerksame Lektüre versteht.

Wenig gelungen finde ich die Darstellung der Zwerge. Diese armen Geschöpfe sind noch hässlicher als der Elefantenmensch bei David Lynch, wobei dieser Regisseur zurückhaltend genug war, seine Kreatur nur kurz und andeutungsweise zu zeigen, um dem ästhetischen Empfinden des Publikums keine Gewalt anzutun, während Jackson vermutlich noch Freude an seiner Freakshow hat. Dies ist wirklich schade, zumal John Howe, der bei „Der Herr der Ringe“ als Conceptual Artist mitarbeitete, eigentlich ein Garant für eine gelungene Optik hätte sein können. Tatsächlich gibt es bei Jackson großartige Bilder. Aber die Frisuren der Hobbits erinnern mich zu sehr an die Dauerwellen-Mode der späten „DDR“, die tristen Farben empfinde ich unerträglich muffig, die Gesichter der Schauspieler lassen Reinheit und Edelmut vermissen. Die Orks waren schlichtweg grotesk. Zum Glück wurde uns vor 10 Jahren im Kino nicht der Director Cut zugemutet - es reichte, dass in der extended Version der DVD Rülpser und Nasenpopler zu sehen waren. Jackson drehte früher Horror-Movies der B-Klasse und noch heute merkt man seinen Filmen ein unkeusches Verhältnis zu allem Hässlichen an. Man könnte auch von einem Triumph des Vulgären sprechen. „Vulgus“ ist ja das gemeine Volk. Bei dem kam Jackson unheimlich gut an. Da war es auch nicht weiter schlimm, wenn Legolas auf einem Schild rumsurft oder die Ringgeister bei Verfolgungsjagden im ersten Teil mehrfach mit dem Protagonisten beinahe kollidierten, ohne ihn dann fangen zu können.

Wirklich geärgert hat mich aber, dass die Anrufungen Elbereth zensiert wurden, meines Erachtens Anrufungen von mariologischem Charakter. Dafür wurde Zauberei hinzugefügt, die so im Buch nicht vorkommt. Im Hobbit-Trailer sichtete ich jetzt Hasen und Igel, deren Bedeutung sich mir nicht erschließt: Die einen Tiere ziehen einen Schlitten über das Laub, die anderen werden von einem Zwerg aufgepäppelt. Ich bin gespannt, in welchem Kontext diese Ausschnitte stehen. Merkwürdig finde ich jedenfalls, dass man aus einem Buch drei Filme macht. Stoff fürs Kino böte Tolkien ja genug, etwa die Erzählung von Beren und Luthien oder über die Kinder Hurins. Mein Favorit wäre allerdings „Der Schmied von Großholzingen“. Doch dafür bräuchte man einen christlichen Regisseur, der sein Handwerk versteht. Vielleicht Mel Gibson, wenn wir feste für ihn beten ...

Insgesamt hat die filmische Interpretation von Jackson sicherlich eine agnostische Färbung, welche der Anmut und Vornehmheit des Originals nicht gerecht wird. Amerikanische Christen rufen sogar zu einem Boykott der Jackson-Filme auf. Dies geht mir zu weit, denn bei aller Kritik war „Der Herr der Ringe“ nicht so schlecht, dass nicht noch etwas von Tolkien übrig geblieben wäre. Auch bei „Der Hobbit“ sehe ich in der Werbung für das Buch die wichtigste Sache, was der Film zu leisten vermag. Mögen sich viele Menschen mit dem Werk Tolkiens beschäftigen - und mit dem katholischen Glauben, der es durchdringt.

kath.net: Vielen Dank für das Interview.

*) Die Nummerierung der Briefe bezieht sich auf die Veröffentlichung einer Auswahl von Briefen Tolkiens in Buchform durch Humphrey Carpenter und Christopher Tolkien.

Hinweis: Haben Sie Interesse an ein Seminar mit Michael Hageböck über J.R.R. Tolkien, Herr der Ringe, Der kleine Hobbit und die christlichen Hintergründe? Geplant für Mitte Januar 2013 im Raum Linz an einem Samstag. Vormerkung bei tolkien@kath.net bereits möglich!

Trailer auf kathTube: DER HOBBIT 2012










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