12 November 2002, 15:03
Keine Amtshandlungen für homosexuell lebende Paare
 
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Deutsche Wissenschaftler appellieren an die Leitungen der Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Deutschland (www.kath.net)
Im Oktober wurde von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen ein Papier zum Thema "Homosexualität und Kirche" veröffentlicht, das sich vor allem an die Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) richtet. KATH.NET veröffentlicht diesen Brief ungekürzt:

"Es ist anzunehmen, dass in den nächsten Wochen und Monaten das Thema "Homosexualität und Kirche" die Landeskirchen und ihre Leitungsorgane erneut beschäftigen wird. Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu dem Lebenspartnerschaftsgesetz ist die Diskussion nicht zu einem Ende gekommen. Sie wird in ganz neuen Perspektiven fort geführt werden.
In dieser Situation wenden wir uns als Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, als evangelische Christen und als Nichttheologen in unserer Verantwortung aus dem allgemeinen Priestertum an unsere Kirchenleitungen, um ihnen aus unserer Sicht zu raten und ihren Dienst zu unterstützen.

Bisher konnte man fällige Entscheidungen als innerkirchliche Probleme verstehen. Es ging um die Auslegung der Heiligen Schrift, um das rechte Verständnis von Seelsorge, um die Bedeutung des Segens Gottes und der Segenshandlungen der Kirche. Man konnte die Vorstellung haben, dass es in der Rechtssetzung um Minderheitenschutz gehe und um die Förderung von gegenseitiger Verbindlichkeit und Verpflichtung in homosexuellen Partnerschaften.

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Inzwischen ist klar, dass bereits jetzt viel weiter reichende Perspektiven zu beachten sind:

1. Die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen wird zunehmend geleugnet, damit aber zugleich die Ich-Du-Struktur als anthropologischer Grundkonstante. Das ist ein absolut neues Phänomen in der Kulturgeschichte, ein fundamentaler Paradigmenwechsel.

2. Im Widerspruch zu zahlreichen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen wird behauptet, die sexuelle Orientierung sei so früh festgelegt, dass Jugendliche und deren Eltern keine Verantwortung für die Entwicklung geschlechtlicher Identität hätten, dass diese gleichsam "naturgesetzlich" verlaufe. Deshalb seien auch alle sexuellen Orientierungen in gleicher Weise erstrebenswert: heterosexuelle, homosexuelle, bisexuelle, intersexuelle usw.

3. In Kindergarten und Schulen wird Kindern die Gleichrangigkeit einer "Homo-Ehe" mit einer heterosexuellen Ehe nahe gebracht.

4. Gefordert wird das Adoptionsrecht für schwule Paare und das Recht auf In-vitro-fertilisation für lesbische Paare. Der nächste Schritt ist die Einführung von Samenbanken und Leihmutterschaft. So wird die Zeugung von Leben aus der Geschlechterspannung herausgenommen.

Diese weiteren Perspektiven, für die es ausreichend Belege gibt, müssen im Auge behalten werden, wenn sich die Kirchenleitungen erneut dem Thema zu stellen haben. Es geht jetzt um die Grundlagen unserer Kultur schlechthin. Mit ihnen stehen dann aber zugleich der demokratische Rechtsstaat und die von ihm verbürgten Freiheiten seiner Bürgerinnen und Bürger in Gefahr.

Vor dieser Herausforderung muss sich die Kirche nicht nur - wie bisher - als Gemeinschaft der Glaubenden zu bewähren versuchen. Sie ist jetzt auch deutlich als kulturelle Institution gefordert. Als solche kann sie im übrigen darauf vertrauen, dass auch Nichtchristen kirchliche Entscheidungen verstehen und unterstützen, die dazu dienen, die Grundlagen unserer Kultur zu verteidigen.

Unser Ratschlag beschränkt sich bewusst auf zwei Punkte. Weitere Folgerungen aus dem Dargelegten mögen die Kirchenleitungen dann selbst ziehen:

1. Die Kirchen sollen die weitere Einführung von Amtshandlungen für homosexuell lebende Paare unterlassen und die bisher eingeführten zurück nehmen und zwar unabhängig davon, ob diese Paare nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz verpartnert sind oder nicht und auch unabhängig davon, wie diese Handlungen benannt sind. Amtshandlungen sind eine hervorgehobene Darstellung kirchlichen Selbstverständnisses. Mit Amtshandlungen für homosexuell lebende Paare würde sich die Kirche an Entwicklungen beteiligen und sie fördern, die unsere Gesellschaft und mit ihr die Kirche in eine kulturlose Zeit hinein führen.

1.1 Gegen diesen Ratschlag darf man nicht anführen, dass er Menschen aus der christlichen Gemeinde ausgrenze. Niemand wird vom Heiligen Abendmahl ausgeschlossen, der Gemeindesegen am Ende eines jeden Gottesdienstes wird allen ausnahmslos zugesprochen.

2. Die Kirchen dürfen im Pfarrdienst keine Menschen beschäftigen, die in einer homosexuellen Partnerschaft leben und zwar unabhängig davon, ob der Pfarrdienst in einer Gemeinde oder in einer Spezialaufgabe eingerichtet ist. Pfarrerinnen und Pfarrer stehen mit ihrem Amt für die Institution Kirche. Das begründet die besondere Verantwortung, die die Kirche bei der Übertragung des Amtes eingeht.

2.1 Gegen diese Forderung hat man früher eingewendet, sie errichte ein "Berufsverbot". Aus unserer breiten beruflichen Erfahrung wissen wir, was auch für unsere Kirche gelten muss: Es gibt spezifische Hindernisse für die Ausübung besonderer Berufe. Beim Pfarrdienst ist das die homosexuelle Prägung als solche nicht, wohl aber ihre Praktizierung. Je klarer die Kirche an diesem Punkte redet, desto weniger wird sie junge Menschen enttäuschen, die eventuell betroffen sind.

Wir können nicht abschätzen, inwieweit dieser Ratschlag mit seinen beiden Konkretionen der Kirche möglicherweise Schwierigkeiten bringen mag. Gegebenenfalls muss die Kirche auch öffentlich bekennen, dass sie in Einzelfällen Menschen ihren Dienst schuldig bleibt, weil sie Erwartungen nicht erfüllen kann, die ihrem Gesamtauftrag widersprechen. Wir vermuten, dass auch in diesem Punkte außerhalb der Kirche mehr Verständnis zu finden sein wird als innerhalb der Kirche.

Als Nichttheologen sehen wir uns kaum in der Lage, in die exegetischen und hermeneutischen Diskussionen über diejenigen Stellen der Heiligen Schrift einzutreten, die sich zur Homosexualität äußern. Angesichts der oben referierten weiteren Perspektiven des Themas drängt sich uns aber der Eindruck auf, dass diese Stellen von großer weltlicher Vernunft sind und in der durchgängigen Unterscheidung und Zuordnung von Mann und Frau (und eben nicht von Mann und Mann und Frau und Frau) eine Wahrheit enthalten, die auch ohne den Glauben an den Gott der Bibel einsichtig ist.

Diesen Ratschlag übergeben wir dem Herrn Präses der Synode der EKD, Herrn Bundesminister a. D. Dr. Jürgen Schmude, und dem Herrn Vorsitzenden des Rats der EKD, Herrn Präses Manfred Kock. Den Präsides der landeskirchlichen Synoden, den leitenden Geistlichen und dem Kirchenamt der EKD senden wir ihn ebenfalls zu."

Prof. Dr. Klaus Blecken, Heilbronn, Nachrichtentechnik
Prof. Dr.-Ing. Klaus Detert, Siegen, Maschinenbau
Prof. Dr. Hartmut Genest, Berlin, Religionspädagogik
Prof. Dr. Reinhardt Haupt, Jena, Wirtschaftswissenschaften
Prof. Dr. Eckhard Helmers, Trier, Umwelt
Prof. Dr. Walter Heuer, Chemnitz, Physik
Prof. Dr. Erika Kimmich, Stuttgart, Germanistik
Prof. Dr. Jörg Knoblauch, Führungslehre, Nürtingen
Prof. Dr. med. Friedhelm Lamprecht, Hannover, Psychosomatik
Prof. Dr. Klaus Motschmann, Berlin, Politologie
Prof. Dr. Günter Müller-Schweinitz, Braunschweig, Mathematik
Prof. Dr. Rainer Nobiling, Heidelberg, Medizin
Prof. Dr. Lutz E. v. Padberg, Paderborn, Geschichte
Prof. Dr. Hans-Martin Pawlowski, Mannheim, Rechtswissenschaft
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dipl.-Chem. Portheine, Nordhorn, Medizin und Chemie
Prof. Dr. Hartmann Rüppel, Berlin, Chemie
Prof. Dr. Hermann Schneider, Heidelberg, Physik
Prof. Dr. Karl-Ludwig Scholler, Freiburg, Medizin
Prof. Dr. Gottfried Schröter, Kiel, Pädagogik
Prof. Dr. Wolfgang Stief, Frankfurt/Main, Elektrotechnik
Prof. Dr.-Ing. Heinz Trauboth, Karlsruhe, Informatik
Prof. Dr.-Ing. Eckhard Walter, Darmstadt, Maschinenbau

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