06 Juli 2012, 12:00
Es gibt 'manchen theologischen Wildwuchs im deutschen Sprachraum'
 
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„Nicht wenige Theologen vor allem im deutschen Sprachraum sehen sich, ob bewusst oder unbewusst, als kleine Päpste“, beobachtet der emeritierte Freiburger Theologieprofessor Hubert Windisch. Ein kath.net-Interview von Petra Lorleberg

Freiburg-Regensburg (kath.net/pl) „Nicht wenige Theologen vor allem im deutschen Sprachraum sehen sich, ob bewusst oder unbewusst, als kleine Päpste und legen dementsprechend auch bei ihrem Theologietreiben papale bzw. zumindest episkopale Attitüden an den Tag. Man beansprucht dann das Lehramt eigentlich für sich und seine eigene, oft begrenzte Theologie.“ Darauf weist Hubert Windisch hin, der bis zu seiner Emeritierung im April dieses Jahres den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg innehatte. Im kath.net-Interview erläutert Windisch die Hauptschwierigkeiten, mit denen sich die wissenschaftliche Theologie in Deutschland aktuell konfrontiert sieht.

Über die Berufung von Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation sagt der jetzt wieder in seine Heimatdiözese Regensburg zurückgekehrte Priester: Es sei in Zukunft auch „mit einem wachsameren Auge auf manchen theologischen Wildwuchs im deutschen Sprachraum zu rechnen.“

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kath.net: Herr Professor Windisch, in Deutschland wurde erneut verschiedenen Universitäten der Status einer Eliteuniversität verliehen bzw. aberkannt. Sicher standen da die Theologischen Fakultäten nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie sehen Sie die Entwicklungen dort? Zurückgehende Studentenzahlen sind ja nicht das einzige, was hier Sorgen macht.

Professor Hubert Windisch:
Abgesehen davon, dass man aus wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspraktischen Gründen dem gesamten Exzellenzwettbewerb sehr wohl kritisch gegenüberstehen kann, können sich die Theologischen Fakultäten sowohl von ihrer Größe als auch von ihrem Sachgebiet her in einem solchen Wettbewerb am wenigsten behaupten, was kein Nachteil für die Fakultäten sein muss, wenn man, wie angedeutet, diesem Wettbewerb kritisch gegenübersteht.

Was Ihre eigentliche Frage betrifft, habe ich die Sorge, dass die Fakultäten – unabhängig von Exzellenzwettbewerben – so, wie sie sich im Augenblick präsentieren, keine Zukunft haben werden. Das hat strukturelle, inhaltliche und personelle Gründe.

Strukturell insofern, als den Theologischen Fakultäten im Würgegriff des Bolognaprozesses, der von wissenschaftsunkundigen politischen und ökonomischen Vorgaben bestimmt ist, die Luft der theologischen Freiheit und Selbstbestimmung ausgehen wird.

Inhaltlich insofern, als der Druck an den Universitäten, sich als Fakultät jeweils immer neu beweisen zu müssen, zur Befassung mit Themen führt, die sich zwar gut für Schlagzeilen in den Medien eignen, aber über kurz oder lang die theologische Substanz der Fakultäten auflösen.

Personell insofern, als zu beobachten ist, dass beim wissenschaftlichen Personal an den Fakultäten im Horizont der beiden soeben genannten Gründe die Entkirchlichung des theologischen Selbstverständnisses zunimmt.

Ich bin sehr dafür, dass die Theologischen Fakultäten schon aufgrund ihrer historischen Dignität an den staatlichen Universitäten bleiben, aber sie müssten sich mit einem neuen Konkordat neu aufstellen lassen.

kath.net: Theologie ist eine Wissenschaft des Glaubens, sagt man. Sie sei der geistigen Durchdringung und Systematisierung von Schrift und Tradition verpflichtet. Welche Aufgabe hat die Theologie als Wissenschaft nach dem überkommenen Verständnis der Kirche?

Windisch:
Man muss kein Theologe sein, um ein gläubiger Christ zu sein. Man muß kein Exeget sein, um die Bibel lesen und verstehen zu können. Dennoch ist dem christlichen Glauben ein theologisches Moment wesentlich inhärent, weil christlicher Glaube immer in Zuordnung und in Spannung zur menschlichen Vernunft zugleich vollzogen wird.

Es gilt eine gegenseitige Verwiesenheit, oder um es mit Anselm von Canterbury zu sagen: fides quaerens intellectum und intellectus quaerens fidem. Der Glaube braucht den Verstand, und der Verstand braucht den Glauben.

Dieser Zusammenhang, auf den hinzuweisen die letzten beiden Päpste nicht müde wurden bzw. werden, macht aus jedem Gläubigen grundsätzlich einen Theologen, und sei es in der bitteren, oft stummen Frage nach dem Warum einer Krankheit oder eines Schicksalsschlages.

Der professionelle Theologe nun hat in objektiver Hinsicht ganz einfach der Richtigkeit der Argumente in den Aussagen der Kirche in Bezug auf Glaube und Moral nachzugehen. Das geschieht in der Auseinandersetzung mit Texten, zumal der Heiligen Schrift, mit der Geschichte der Kirche, ihrem gedanklich-systematischen Corpus und mit den praktisch-seelsorglichen Ermöglichungen des kirchlichen Credos im Leben der Gläubigen.

In subjektiver Hinsicht ist die Theologie eines professionellen Theologen der denkerische Modus der Nachfolge Christi, oder um es mit Thomas von Aquin zu sagen: Liturgie des Geistes.

kath.net: Weithin ist in der gegenwärtigen Theologie eine auffallende Distanz zum Lehramt, eine sog. Hermeneutik des Verdachts gegenüber der kirchlichen Autorität zu beobachten. Vom „prophetischen Protest“ ist gar die Rede.

Windisch:
Nicht wenige Theologen vor allem im deutschen Sprachraum sehen sich, ob bewusst oder unbewusst, als kleine Päpste und legen dementsprechend auch bei ihrem Theologietreiben papale bzw. zumindest episkopale Attitüden an den Tag. Man beansprucht dann das Lehramt eigentlich für sich und seine eigene, oft begrenzte Theologie.

Nichts gegen theologisches Selbstbewusstsein, aber es muss mit Bescheidenheit gepaart sein. Die Theologie ist auf dem großen Kuchenteller des gesamtkirchlichen Lebens nur ein kleines Kuchenstück.

Der aufgrund der Ausbildung gegebene Wissensvorsprung eines Theologen gegenüber einem „einfachen“ Gläubigen verpflichtet zum Dienst. Das ist sicher auch ein bisweilen kritischer Dienst am Lehramt, zuallererst aber ist Theologie ein Dienst gegenüber den Kleinen des Evangeliums.

Verliert hingegen Theologie diese diakonische Seele, wird sie arrogant.

kath.net: John Henry Newman hat auf die fundamentale Bedeutung der „schola theologorum“ in der Kirche hingewiesen und festgestellt, dass sie das prophetische Amt Christi weiterführt. In welchem Themenbereich, an welchen Schnittstellen sehen Sie die Theologie als Wissenschaft gerufen, voraus zu denken und zu arbeiten? Was ist Ihrer Meinung nach gerade „dran“ in der Theologie?

Windisch:
Zuoberst steht als Thema die Gottesfrage, also die denkerische Vermittlung des sich in der Bibel offenbarenden dreieinen Gottes in die heutige Zeit hinein. Dem zugeordnet ist wesensnotwendig die theologische Durchdringung der Christusbotschaft mit all ihren Facetten und schließlich die Entwicklung einer pneumatologischen Pastoral in den zukünftig gegebenen Gemeinden.

Erst weit hintangestellt rangieren strukturelle und personelle Kirchenfragen, die, würde man sie zuoberst behandeln, eine eigenartige Schräglage nicht nur innerhalb der Theologie erzeugten.

Theologie würde nämlich hauptsächlich Kirchenpolitik, ohne dabei zu merken, wie sie in der Öffentlichkeit doch nur als Gezänk vorgeführt wird.

Verliert die Theologie die Rangordnung ihrer Themen aus dem Blick, besteht die Gefahr, die eigenen Kräfte implosiv zu vergeuden.

kath.net: Sie sind nach Ihrer Emeritierung wieder in Ihr Heimatbistum Regensburg zurückgekehrt. Nun wurde Ihr bisheriger Bischof Gerhard Ludwig Müller vor kurzem zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen. Welche Hoffnungen bzw. Erwartungen verknüpfen Sie damit?

Windisch:
Diese Frage kann ich ganz kurz beantworten. Bischof Müller ist ein Theologe mit weitem Horizont, was ihm für die neue Aufgabe sehr dienlich sein wird. Dabei wird er sein Amt eher in Kontinuität mit Ratzinger als mit dem blassen Vorgänger Levada ausüben.

Sicher ist auch mit einem wachsameren Auge auf manchen theologischen Wildwuchs im deutschen Sprachraum zu rechnen.

Foto Prof. Hubert Windisch: © Universität Freiburg

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