03 Juli 2012, 19:05
Das sind nicht Nachrichten, das ist Agitation
 
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KATH.NET dokumentiert einen Offenen Brief des katholischen Publizisten Dr. Andreas Püttmann an den Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens

Bonn (kath.net)
Sehr geehrter Herr Dr. Bellut,
in den „Heute“-Nachrichten wurde gestern über die Berufung des Regensburger Bischofs Müller nach Rom in das drittwichtigste Amt der katholischen Weltkirche berichtet. Oder eigentlich eher: Es wurde angesagt, was man darüber zu denken habe. Statt gemäß der klassischen Journalistenregel „Was wo wer wann wie...“ mit den wichtigsten Tatsachen zu beginnen, stimmte Petra Gerster die Zuschauer im ersten Satz so ein: „Die neue Personalie im Vatikan erregt Aufsehen und löst Kritik aus.“ Der hermeneutische Schlüssel für alles Weitere ist also: Wieder ein Skandal des Benedikt-Pontifikats! Erst danach kommt die Nachricht: „Denn Papst Benedikt XVI. hat den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Chef der Glaubenskongregation ernannt.“

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Das war es dann aber schon wieder mit der faktenorientierten Informationspflicht, denn Satz 3 stellt Müller nicht etwa mit seiner theologischen Qualifikation als Dogmatikprofessor in München oder mit seinem „Ressort“ Ökumene in der Deutschen Bischofskonferenz vor, sondern pappt ihm plump eine Gesinnungsplakette an: „Damit wird ein Mann oberster Glaubenshüter, der als erzkonservativer Hardliner gilt.“ Frage: Wem „gilt“ er das? Der Redaktion? Ihren Kirchenlieblingsgesprächspartnern? Den ZdK-Kollegen des Chefredakteurs?

Zweite Frage: Hätte „konservativ“ als Schubladisierung nicht gereicht? Wieso musste das Abwertungsattribut gleich zu „erzkonservativ“ aufgeblasen werden – und für die ganz Begriffsstutzigen dann auch noch flankiert durch „Hardliner“?
Folgt Satz 4: „Die Glaubenskongregation ist wie ihre Vorgängerin, die Inquisition, für die Reinheit der katholischen Lehre zuständig.“ Man hört die Folterketten schon rasseln: Den Dan-Brown-Gruseleffekt wollte man sich doch nicht entgehen lassen. Botschaft: Die einschlägige Person für das passende Amt. Leiten Sie Meldungen zur Partei „Die Linke“ demnächst auch immer so ein: „Die Linke ist, wie ihre Vorgängerin, die SED-Nachfolgepartei PDS, der Meinung, dass ...“?

Nach der tendenziösen Anmoderation bläut Korrespondent Sydow den Zuschauern weiter ein, wie man über Bischof Müller zu denken hat: Der sei ein „Hardliner“. Statt mehr Information in der knappen Zeit von 1:30 Minuten also lieber eine Wiederholung. Doppelt gemoppelt hält eben besser, und am wichtigsten ist doch, dass man vor diesem Mann warnt. Dabei darf selbstverständlich auch das Attribut „umstritten“ nicht fehlen. Ebenso wenig „Missbrauch“, wo Müller „keine generelle Verantwortung der Kirche“ sehen wolle – was immer der Bischof da tatsächlich gesagt haben mag und der Zuschauer sich jetzt darunter vorstellen soll.

Es folgt eine referierte Einschätzung als "katastrophale Fehlbesetzung" und nochmal „erzkonservativ“, jetzt allerdings auf die Piusbrüder bezogen; der Kontakt zu ihnen gehöre zu Müllers neuen Aufgaben. Der Zuschauer kann folgern: Wenn Müller wie die Piusbrüder „erzkonservativ“ ist, muss es sich wohl um Brüder im Geiste handeln. So führen überdrehte Etikettierungen schließlich zur Ununterscheidbarkeit. In der „erzkonservativen“ Finsternis sind alle Katzen grau.

Tatsächlich ist den reaktionären Lefebvre-Jüngern aber kaum ein Bischof verhasster als Müller. Das rechtsradikale, ihrer Williamson-Strömung nahestehende Internetportal „kreuz.net“ giftete am selben Tag gegen den Regensburger Widersacher als „hartgesottenen Ketzer“, Schüler des „altliberalen Theologen Hw. Karl Lehmann“, „Benedikts Glaubensbock“ und „eiskalten Karrieristen“. Beim ZDF aber kommen alle in einen Topf: „erzkonservativ“!

Rekapitulieren wir die Reizwörter: Aufsehen erregend – Kritik auslösend – erzkonservativ – Hardliner – Inquisition – Hardliner, die Zweite – umstritten – Missbrauch – katastrophale Fehlbesetzung – erzkonservativ, zum Zweiten: macht zusammen 10. Wenn der unmündige Zuschauer es nach diesem Skandalierungs-Overkill immer noch nicht kapiert haben sollte, kann man dem ZDF wirklich keinen Vorwurf machen, den Anfängen nicht gewehrt zu haben.

Das sind nicht Nachrichten, verehrter Herr Intendant, das ist Agitation. Unter der Verantwortung Ihres Chefredakteurs Peter Frey.
Wohlgemerkt: Es geht mir hier nicht darum, ob man für oder gegen die Personalie Müller ist, oder ob auch die Kritik an ihm in der aktuellen Berichterstattung erwähnt werden durfte oder musste.

Es geht um Qualitätsstandards im Nachrichtenjournalismus, um einen halbwegs rationalen Diskurs, um Fairness und um die Mündigkeit der Zuschauer.

Bei dieser Gelegenheit: Vor einigen Wochen faselte dieselbe Moderatorin in einem anderen ZDF-Magazin, während man hinter ihr die deutschen katholischen Bischöfe in einen Dom einziehen sah, etwas von „freudloser Männergesellschaft“. Wenn es gegen die katholische Kirche geht, ist eben kein Klischee zu billig.
Was unternehmen Sie dagegen?

Mit kollegialen Grüßen

Ihr Andreas Püttmann

E-mail: zuschauerredaktion@zdf.de

Film des Bistums Regensburg über den Abschied






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