27 Mai 2012, 10:45
‚Der Geist macht es möglich, gekreuzigt glücklich zu sein.‘
 
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Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum Hohen Pfingstfest im Hohen Dom zu Köln.

Köln (www.kath.net/ pek)
Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Am Ostertag öffnete Gott bei der Auferweckung Christi das verschlossene Grab. Pfingsten öffnet er die verschlossenen Türen des Abendmahlsaals in Jerusalem, in den sich die Jünger aus Furcht vor den Juden eingeschlossen hatten. Indem sich der Geist Gottes in brennenden Feuerzungen auf die Apostel niederlässt, löst er eine Bewegung aus, die der ganzen Welt eine positive Veränderung gebracht hat. Pfingsten ist aber noch lange nicht zu Ende. Es hat jemand geschrieben:

„Der Pfingsttag kennt keinen Abend, weil der Geist Gottes, seine Sonne, keinen Untergang kennt“. Der Heilige Geist macht aus der Institution Kirche eine Expedition. Pfingstliche Christen sind Leute, die auf die Straße gehen, um der Welt zu bezeugen, dass sie vom Geist Gottes Berührte, d.h. geheiligte Menschen sind. Ich glaube, dass unsere Kirche und die Weltchristenheit nichts nötiger hat als den Heiligen Geist, damit aus diesem müden Haufen Stoßtrupps begeisterter Zeugen Christi werden, die wie am Anfang des Evangeliums die Welt durchwandern, um sie mit der Wirklichkeit und damit mit dem Glanz Gottes zu erfüllen.

1. Der Geist Gottes ist ein Geist der Kindschaft. Er zeugt in uns den Geist der Gotteskindschaft, der uns in Christus gleichsam inkorporiert, einpflanzt, und uns zu seinem Vater hinwendet, indem er uns jetzt so rufen lässt wie er selbst: „Abba, Vater!“ (Röm 8,15). Christus, der seine menschliche Natur aus der Überschattung durch den Heiligen Geist in Maria empfangen hat, wird uns die ganze Realität unserer Gotteskindschaft zueignen aus der Mitteilung des Heiligen Geistes. Schon bei der Schöpfung erweckte der Hauch göttlichen Lebens in Adam ein Geschöpf nach dem Ebenbild Gottes, sodass es wirklich ein Vergehen gegen Gott selber ist, wenn man den Selbstmord des Menschen, modern ausgedrückt: die Selbsttötung des Menschen, gesetzlich legitimieren möchte.

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Aber der Pfingststurm schafft darüber hinaus eine neue Menschheit, die vom Geiste der Kindschaft durchpulst und durchhaucht ist. Der Heilige Geist macht uns in der Welt Gottes heimisch, vertraut. Er ersetzt das Gesetz durch Freiheit, durch eigenen Antrieb, durch Neigung, weil mein Wille durch den Geist Gottes identisch mit dem Willen Gottes wird. Das Gesetz allein gibt nicht das Leben. Es macht unfruchtbar und tötet. Der Pharisäer ist der Mann des Gesetzes. Er will wissen, woran er ist, und will dann seine Rechnung begleichen. Der reiche Jüngling beobachtete das Gesetz, aber er kannte nicht den Geist Gottes, den Geist, der Vater der Armen ist, Lehrer derer, die hören, den Geist, der uns die Seligkeiten offenbart und der uns den Geschmack an Gott mitteilt. Ohne ihn hätten wir nur Verpflichtung ohne Aufschwung, Gebete ohne Innerlichkeit, eine schale, langweilige Religion.

Er ist es, der uns Geschmack an den Dingen Gottes empfinden lässt: „recta sapere“. Das zu schmecken und das verstehen, was uns die Würze, die Schmackhaftigkeit, den Reiz dieser Dinge an Gott entdecken lässt, was also die Abgeschmacktheit, die Langeweile, die Geschmacklosigkeit und den Überdruss an Gott und der Kirche vermeidet. Der Geist lässt uns von innen her alles verstehen, was uns die Kirche von außen her zusagt. Nur die Kinder des Hauses wollen gern wissen, was im Hause vorgeht. Die Fremden interessiert das nicht. Sie verstehen nichts davon.

Aber die Töchter und die Söhne nehmen an allem Anteil, was diesen Vater betrifft. Wenn wir nicht den Geist der Kindschaft haben, sind die Dinge Gottes für uns uninteressant. Sie sagen uns gar nichts. Der Geist der Kindschaft wird uns aber dann dazu führen, dass wir Gott, den Vater, lieben, wie Christus ihn geliebt habt; dass wir beten, wie Christus gebetet hat; dass wir uns mit dem Vertrauen Christi Gott anvertrauen können: „Vater, ich weiß, dass du mich allzeit erhörst. All das Deinige ist mein“. Ein kühnes Gebet des Sohnes, das jedoch aus einem kindlichen Herzen quillt und das unwiderstehlich ist. Er lehrt uns, zu seinem Vater „Vater“ zu sagen. Wir dürfen das Vaterunser beten. Es ist das Gebet unserer Gotteskindschaft.

2. Durch den Heiligen Geist wagen wir nicht nur das Heil, sondern auch die Freude zu erhoffen. „Selig die Trauernden“ (Mt 5,4): im Heiligen Geist wird dieses Paradoxon realisierbar. Der Geist macht es möglich, gekreuzigt glücklich zu sein. So sehr hat man den Eifer des Vaters empfangen. Fleisch und Blut begreifen nichts von diesen Dingen Gottes, aber die Gaben des Heiligen Geistes machen sie uns von innen her wahrnehmbar, erfahrbar und schmackhaft. Er gibt uns die Gnade, Gott und die anderen zu lieben, und lässt uns die Liebe erfahren, mit der er uns liebt. „So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm 8,16), schreibt der Apostel Paulus an die Römer. Der Heilige Geist ist der Geist Christi.

Manche Leute sagen: „Wie soll man sich denn nur in der heiligsten Dreifaltigkeit zurechtfinden? Ich soll an den Vater denken, dann soll ich auch noch an den Sohn denken, und schließlich ist der Heilige Geist auch noch da. Da wird man doch hin- und hergerissen, gleichsam aufgespalten“. – Nein! Durch den Heiligen Geist wird man geeint. Es ist eben nicht nötig, zu jeder der drei Personen für sich zu beten. Wir sollten uns bewusst sein, dass wir mit dem Sohn niemals enger vereint sind, dass wir dem Sohn niemals mehr Ehre erweisen, als wenn wir sagen: „Vater“, als wenn wir am Reich des Vaters mitarbeiten. Und wir sollten nicht vergessen, dass wir dem Geiste Gottes am besten entsprechen, dass wir dem Heiligen Geist die größte Aufmerksamkeit, und Andacht zuwenden, ihm den größten Gefallen erweisen, wenn wir uns durch ihn mit dem Sohne Gottes identifizieren lassen, um dann richtig wie der Sohn und mit dem Sohn „Vater“ zu sagen.

3. Der Heilige Geist ist ein Geist der Geschwisterlichkeit. Der Heilige Geist kann uns nicht zu Töchtern und Söhnen Gottes machen, ohne uns gleichzeitig zu Schwestern und Brüdern zu machen. Man kann nicht in Gott ganz versunken sein, ohne gleichzeitig mit den Schwestern und Brüdern Gemeinschaft zu haben. Wenn es wahr ist, dass dort, wo zwei oder drei im Namen Christi, d.h. in seinem Geist versammelt sind, er mitten unter ihnen ist, so ist es noch viel, viel wahrer, zu sagen, dass dort, wo Christus, wo der Geist Christi ist, Einheit und Einmütigkeit ist. Der letzte Wunsch Christi war: „Damit sie eins sind wie wir“ (Joh 17,11).

Wohl gemerkt, Christus bittet nicht nur um unsere Einheit mit ihm, sondern er bittet um unsere Einheit untereinander. Der Geist der Liebe, der vom Vater zum Sohn und vom Sohn zum Vater strömt, wendet uns auch einander zu. Er ist Pfingsten auf die Apostel herabgekommen, die an einem Ort versammelt waren, aus einem Herzen beteten, eine einzige geschwisterliche Gemeinde bildeten. Und er ist auch in uns Geist der Gemeinschaft. Er verwirklicht und beseelt nicht einzelne Individuen, sondern den Leib Christi, der die Kirche ist. Die Kirche ist die Epiphanie, die Erscheinung des Heiligen Geistes. In ihr macht er sich für weit mehr Menschen sichtbar als nur für die drei Weisen aus dem Morgenland.

Er wird sichtbar für die unzähligen Zeugen kirchlichen Lebens, die sich verwundern, indem sie sagen: „Seht, wie sie einander lieben“. Sobald er zu wehen begann, sprengte er die Fenster und Türen auf, führte er die fremdesten, die am meisten in ihrem Winkel verkrochenen, die schüchternsten und die feindseligsten Leute zusammen. Wie gut täte er daran, heute am Pfingstfest in unserem Dom und in unseren Kirche über uns Christen kräftig zu wehen!

Bei manchen Menschen fragt man sich, ob sie wirklich den Glauben haben, denn eigentlich sind manche noch niemals auf den einzigen Grund gestoßen, aus dem man den lebendigen Glauben haben kann: Sie haben den Heiligen Geist nicht gesehen. Sie haben ihn nie erlebt. Sie haben nie erfahren, wie man einander liebt. Sie kennen diesen Heiligen Geist nicht, der Austausch, Freude, Teilnahme und geschwisterliche Gemeinschaft ist. Es bedürfte eines wirklichen Pfingsten, damit die Menschen mit Freuden den Geist Gottes in ihrer jeweiligen Muttersprache zu sich reden hören.

Ja, noch mehr! Es handelt sich ja nicht bloß um ein sprachliches Kunststück, damit ein Wunder der Liebe uns so verwandelt, dass jeder sich geliebt, verstanden, glücklich und geeint fühlt. „Ihr wisst nicht, aus welchem Geist ihr seid!“, sagt Jesus zu seinen Hörern. Sein Geist ist der Geist, der uns voll Freude den anderen entgegentreibt. Gewiss, das wäre wirklich eine neue Schöpfung. Aber der Heilige Geist ist doch Schöpfer: „Veni creator spiritus“, so betet die Kirche zum Heiligen Geist: „Komm, Schöpfer Geist! Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“, ruft die Kirche Tag für Tag in unermüdlichem Optimismus hinaus. „Und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“ Die drei Worte: „Komm, Heiliger Geist!“ bewegen die Welt. Sie verändern positiv unser Herz.

Zum Schluss einen praktischen Hinweis: Das Autofahren in den Städten wird immer komplizierter. Immer häufiger landet man vor einer Ampel, die ja meistens rot ist, und dort muss man warten. Man sollte in einer solchen Situation nicht schimpfen, sondern sich erinnern, dass Rot die Farbe des Heiligen Geistes ist und dann schlicht die drei Worte beten: „Komm, Heiliger Geist!“, bis es wieder Grün wird, an der Ampel und im eigenen Herzen. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln







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