04 Mai 2012, 07:43
Die Hölle auf Erden überlebt
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Korea'
Nordkorea: In der seit 1948 kommunistischen Volksrepublik leiden rund 200.000 politisch Andersdenkende – darunter etwa 70.000 Christen – unter schlimmsten Bedingungen in Zwangsarbeitslagern. Matthias Pankau / idea

Wetzlar (kath.net/idea) Wer geglaubt hat, dass nach den KZs im Nationalsozialismus und den Gulags in der kommunistischen Sowjetunion die Zeit der Massenvernichtungslager zu Ende sei, sieht sich getäuscht, blickt er nach Nordkorea. In der seit 1948 kommunistischen Volksrepublik leiden rund 200.000 politisch Andersdenkende – darunter etwa 70.000 Christen – unter schlimmsten Bedingungen in Zwangsarbeitslagern. idea-Redakteur Matthias Pankau sprach mit einer Betroffenen.

Für Kim Hye-sook (51) ist die Hölle nichts Abstraktes – sie ist etwas ganz Reales. Und sie hat einen Namen: „Kwan-li-so Nr. 18“. So lautet der Name des „Internierungslagers Pukch’ang“ in Nordkorea. Sie war gerade einmal 13 Jahre alt, als sie 1974 verhaftet und in das berüchtigte Straflager gebracht wurde. Ihre Eltern und die vier Geschwister waren zu der Zeit bereits seit fünf Jahren dort. Sie selbst war bis dahin von ihrer Großmutter versteckt worden, doch schließlich fand man auch sie. Beide wurden verhaftet und – wie Zehntausende andere auch – ohne Gerichtsverhandlung weggesperrt.

Werbung
ninive 4

Ein Lager vom Ausmaß einer Großstadt

„Direkt bei meiner Ankunft erfuhr ich, dass mein Vater bereits gestorben war“, erzählt sie mit ruhiger Stimme. Der Tod ist keine Ausnahme im ältesten nordkoreanischen Straflager in der Provinz Pyongan-namdo, das 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Pjöngjang liegt. Denn Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen, brutalste Quälereien und öffentliche Erschießungen sind an der Tagesordnung. „Kwan-li-so Nr. 18“ ist aber nicht einfach ein Lager: Mit knapp 80 Quadratkilometern entspricht es einer Fläche knapp halb so groß wie die US-Hauptstadt Washington. Das Lager wurde Ende der 1950er Jahre nach dem Vorbild der sowjetischen Zwangsarbeits- und Straflager – den Gulags – errichtet. Bis zu 27.000 vornehmlich politische Gefangene sind hier zeitgleich inhaftiert, überwacht von 3.000 Sicherheitsleuten. Entkommen konnte niemand – denn gesichert ist das riesige Gelände von einem vier Meter hohen Starkstromzaun. „Wer in die Nähe des Zauns kam, den sog er regelrecht an, so dass man verbrannte“, erzählt die ehemalige Insassin.

Kim Hye-sook hat ein großes Plakat des Lagers angefertigt. Es ist mehrere Meter lang und an vielen Stellen schon mit Tesafilm geklebt. Sie hat es immer dabei, wenn sie unterwegs ist. Denn sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Weltöffentlichkeit über das unmenschliche Herrschaftssystem in Nordkorea aufzuklären. Ihre Mission: Sie will nicht, dass die Menschen in diesen Lagern vergessen werden. Detailliert schildert sie, wo sie untergebracht war und wo die Wächter wohnten. Auch die Bergwerke, die Folterkeller und den Hinrichtungsplatz hat sie aus der Erinnerung eingezeichnet. „Ich hatte ja 28 Jahre Zeit, mir alles genau einzuprägen“, sagt sie.

Klassenfeinde über drei Generationen ausrotten

Warum sie eigentlich eingesperrt war, wusste sie während der gesamten Zeit nicht. Denn schon auf die Frage nach dem Grund für die eigene Inhaftierung stand die Todesstrafe: „Das hätte bedeutet, dass man die Gesetze der kommunistischen Führung infrage stellt.“ Erst nach ihrer Entlassung 2001 erfuhr sie von ihrem Onkel die Ursache für ihr jahrzehntelanges Martyrium: Ihr Großvater war während des Koreakrieges (1950–1953) nach Südkorea übergelaufen. Die kommunistische Führung sah darin Grund genug, die gesamte Familie zu bestrafen – als „gefährliche Elemente“. „Staatschef Kim Il-Sung selbst hatte ja die Parole ausgegeben: Klassenfeinde – wer immer sie sind – müssen über drei Generationen ausgerottet werden“, erklärt die zierliche Frau.

Wer einen Gottesdienst besuchte

Dass sich an diesem Leitspruch inzwischen etwas geändert habe, bezweifelt die in Seoul ansässige „Bürger-Allianz für Menschenrechte in Nordkorea“: Der jetzt herrschende Enkel des Diktators – Kim Jong-Un – habe bisher nicht erkennen lassen, neue Wege einschlagen zu wollen. Zwar gebe es heute im nördlichen Teil der Halbinsel „nur“ noch sechs Lager – und nicht mehr wie bis Ende der 1980er Jahre 12. Doch am brutalen Umgang mit den geschätzt 200.000 Gefangenen in den Strafkolonien in Nordkorea habe sich nichts geändert. Zum gleichen Ergebnis kommt der Anfang April vorgelegte Bericht „Der versteckte Gulag“ des in Washington beheimateten „Komitees für Menschenrechte in Nordkorea“ (www.hrnk.org; siehe auch www.igfm.de). Auf mehr als 200 Seiten berichten ehemalige Häftlinge, die ins Ausland flüchten konnten, was sie in nordkoreanischen Lagern erlebt haben. Es reichte schon, ein ausländisches Radioprogramm zu hören oder einen christlichen Gottesdienst zu besuchen, um sich eines „staatsfeindlichen Verbrechens“ schuldig zu machen.

Kim Hye-sook musste nach ihrer Einweisung ins Lager zunächst drei Jahre lang eine „Umerziehungsschule“ besuchen. Besonders schlimm sei die Schule im Winter gewesen, da die meisten Kinder keine warme Kleidung hatten. „Viele kamen barfuß“, erzählt sie. „Die Folge waren so schwere Erfrierungen, dass ihnen schließlich die Füße amputiert werden mussten.“ Sie habe ihre Füße in den Wintermonaten in die Fetzen einer alten Decke gewickelt und diese mit Schnüren zusammengebunden.
Täglich 18 Stunden im Bergwerk

Wer 16 Jahre alt wurde – ob Mann oder Frau –, musste zur Arbeit ins Kohlebergwerk. Kim Hye-sook verbrachte 14 Jahre dort – und schuftete bis zu 18 Stunden täglich. An jedem einzelnen Tag habe sie Schmerzen gehabt, erinnert sie sich. Eines der größten Probleme war, dass es nicht genug zu essen gab: „Einer siebenköpfigen Familie standen pro Monat vier Kilogramm Mais und 300 Gramm Salz zu.“ Da das nicht gereicht habe, hätten sich die meisten Lagerinsassen in den warmen Monaten zusätzlich von Blättern, Pflanzen und Insekten aus dem Wald ernährt. „Wir wurden nur aus einem Grund als Menschen bezeichnet – weil wir wie Menschen aussahen. Der Begriff Menschenrecht aber war ein Fremdwort“, sagt die 51-Jährige und schweigt einen Moment, um dann leise hinzuzufügen: „Unzählige Male habe ich darüber nachgedacht, Selbstmord zu begehen. Doch ich hatte nie den Mut dazu.“

Wegen des Glaubens an Christus hingerichtet

Es gab Monate, da starben die Häftlinge um sie herum wie die Fliegen, berichtet sie. „Es dauerte nicht lange, bis ich beim Anblick von Leichen überhaupt nichts mehr fühlte – hatte ich doch schon so viele tote Menschen gesehen.“ Bei Hinrichtungen mussten prinzipiell alle Lagerinsassen zusehen. Sie seien immer als „öffentliche Verhandlung“ angekündigt worden. „Dann wurde der Gefangene, der vorher meist schon halbtot geschlagen worden war, an den zentralen Hinrichtungsplatz in der Nähe des Kraftwerks gebracht. Dort musste er sich aufrecht hinstellen und wurde erschossen.“ Jedes Jahr seien auf diese Weise oder durch den Strang mehr als 100 Insassen hingerichtet worden. Die Gründe reichten von „Diebstahl“ bis hin zu „Aberglaube“ (wozu auch der christliche Glaube gehörte).

Plötzlich frei: eine unter 1.000

2001 erlebte sie die große Überraschung: Sie und ihre zwei Kinder – ihr Mann war im Lager umgekommen – wurden plötzlich begnadigt. Anlässlich des 60. Geburtstages des „lieben Führers“ (wie der Diktator genannt wurde) am 16. Februar wurden sieben Familien entlassen: 28 der insgesamt 27.000 Insassen. Bevor sie die Lager-Hölle aber verlassen durften, mussten die Begnadigten eine Erklärung unterschreiben, „dass wir nichts erzählen von dem, was wir gesehen und erlebt haben“. Wieso wurde ausgerechnet Kim Hye-sook freigelassen? Sie hat lieber nicht nachgefragt. Ihre beiden Schwestern und ihr zweiter Bruder kommen indes nicht frei. Kim geht davon aus, dass sie nach wie vor im „Lager Nr. 18“ sind. Auch ihre Mutter erlebte die Freiheit nicht mehr, sondern starb im Lager. Und auch Kims Leiden endete noch nicht: Bei einem Hochwasser im August 2003 ertranken ihre beiden Kinder.

Trost im christlichen Glauben gefunden

Was sollte sie jetzt noch in dem Land, das ihr doch alles genommen hatte? Kim Hye-sook vertraute sich Schleusern an, mit deren Hilfe sie über China, Laos und Thailand schließlich nach Südkorea gelangte, wo sie heute lebt. Dort fand sie Trost im christlichen Glauben. Doch vergeben kann sie denen, die ihr all das angetan haben, bis heute nicht. Auch deshalb leitet sie eine Organisation (www.nkgulag.org), die sich dafür einsetzt, dass die nordkoreanischen Gulags aufgelöst werden, und hält dafür weltweit Vorträge. Wie lange sie das noch machen kann, ist ungewiss: Sie leidet an einer Staublunge im fortgeschrittenen Stadium – eine Folge der schweren Zwangsarbeit im Kohlebergwerk.







kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

Kardinal Marx: Unterschiedliche Regelungen in Kommunionsfrage denkbar (78)

Weiterhin Druck auf die "glorreichen Sieben" (56)

Paul VI. zu Lefebvre: „Dann leiten Sie doch die Kirche!“ (45)

„Eucharistie für Protestanten? Dafür hatte mich Marx gemaßregelt“ (42)

Alle Bischöfe von Chile reichen geschlossen ihren Rücktritt ein (40)

Achtung Sprache! (32)

Schafft die Kirchensteuer ab! (30)

Mangel, der an die Substanz geht (29)

„Ich habe keine Lust mehr auf diese Banalitäten“ (25)

Wohin man schaut: Skandale (22)

„Der Auftrag von Jesus war aber nie: Schafft Häuser!“ (19)

Interkommunion: Papst kann nicht auf Petrusamt verzichten (19)

Mannheimer Brauerei entschuldigt sich bei Muslimen (18)

Kardinal Kasper zur Interkommunionfrage (16)

Lagerfeld verabscheut Merkel wegen der Flüchtlingspolitik (16)