16 April 2012, 18:50
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Benedikt XVI. verkörpert so gesehen die Stunde der authentisch Gläubigen, die nicht mehr „Wir-tun-nur-so-als-ob“ auf ihren Fahnen stehen haben - Großes KATH.NET-Interview mit Peter Seewald zum 85. Geburtstag von Papst Benedikt XVI.

München-Rom (kath.net/ps/rn)
KATH.NET: Herr Seewald, 85 Jahre Joseph Ratzinger, sieben Jahre Benedikt XVI. – ein Grund zum jubeln?

Peter Seewald: Zum Jubeln vielleicht nicht, zur Freude aber schon. Niemand vermag es besser als der heutige Papst, nicht nur die katholische Kirche einzustellen auf die Herausforderungen unserer Zeit; zu zeigen, worum es geht, sich zu wappnen, die Wege zu finden, um aus Verirrungen wieder herauszufinden. Nicht zu übersehen ist freilich auch eine Krise, die wirklich dramatisch ist. Die Ausbreitung des Unglaubens ist von den derzeitigen Zivilisationskrankheiten mit Sicherheit die gefährlichste. Denn wenn es dem Glauben schlecht geht, kann es der Gesellschaft nicht gut gehen.

KATH.NET: Kürzlich stellte ein italienischer Vatikanist die Frage, ob Ratzinger nicht doch die falsche Wahl gewesen sei.

Peter Seewald: Die Wahrheit ist, dass es gar keine andere Wahl gab. Ratzinger hatte das Pontifikat Johannes Paul II. mitgestaltet. Er war der bekannteste und faszinierendste Kardinal weltweite. Niemand brachte bessere Kenntnisse der Kurie mit. Er war in den 25 Jahren als Präfekt ein Römer geworden, sprach neun oder zehn Sprachen, galt als integere, umfassend gebildete Persönlichkeit, war international anerkannt als einer der größten Theologen und bedeutendsten Denker unserer Zeit, und, und, und. Natürlich gab es in den vergangenen sieben Jahren auch Fehler. Aber schon alleine es geschafft zu haben, nach einem Mann wie Wojtyla ohne jeden Bruch auf so feine, fast elegante Art in ein neues Pontifikate überzuleiten, ist eine ungeheure Leistung.

KATH.NET: Was zeichnet ihn besonders aus?

Peter Seewald: Da gibt es vieles. Seine Unermüdlichkeit, sein Feuer, seine Aufopferung, seine Menschenliebe. In einer Zeit, die so gottfern und missmutig ist, preist er das Lob Gottes. Wo Gläubige und Priester in einen Aktionismus verfallen, zeigt er die Kontinuität und die wahren Quellen des christlichen Glaubens.

Für ihn ist die Katharsis immer auch der Anfang des Neuen. Was noch als Zusammenbruch aussieht, mit Schutt und Moder, kann bereits der Humus für die neue Pflanzung sein. Benedikt XVI. ist nicht nur der Papst einer Renaissance des christlichen Ursprungs, er übt auch den Primat Petri in einer sehr ökumenischen Weise aus, die es anderen Konfessionen leichter macht, im Bischof von Rom nicht einen Konkurrenten zu sehen, sondern ein Symbol für die große Aufgabe der Einheit.

KATH.NET: Es heißt, der öffentliche Zuspruch sei größer bei seinem Vorgänger.

Peter Seewald: Er versammelt zumindest bei seinen Generalaudienzen ein vielfach größeres Publikum. Auf seinen Reisen, wie soeben in Mexiko, wird er von Millionen von Menschen enthusiastisch begrüßt. Keinem Politiker, keinem Popstar, niemanden gelingt dies wie ihm. Und was für ein Bild, als in Kuba der greise Commandante Fidel Castro, der einen langen Weg gegangen ist, von der Auflehnung gegen die Religion bis zu deren Wiederentdeckung, gerade von diesem Papst Bücher für sein geistliches Studium erbat!

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KATH.NET: Benedikt XVI. sei nicht zeitgemäß genug, so die Kritik.

Peter Seewald: Aber wer dann die Klischees einmal beiseite lässt und genauer hinsieht, wird einigermaßen verblüfft sein: In einer Zeit, in der Unsinn, Unvernunft und schierer Wahnsinn explosionsartig zunehmen, steht an der Spitze der Kirche jemand, den man nachgerade als den Papst der Vernunft bezeichnen könnte. In einer Zeit, in der die intellektuelle Klasse abgewirtschaftet hat und die öffentliche Diskussion immer dünner wird, trägt der Stuhl Petri einen ausgesprochenen Intellektuellen. Einen jedoch, der bei rein rationalem Denken nicht halt macht, sondern zeigt, wie aus der Symbiose von Wissenschaft und Glaube dann Weisheit, Schönheit, Wahrhaftigkeit entstehen. Und während alle Welt meint, auf Wahrheit verzichten zu können, hält der Papst stand, verweist auf jene ewigen Wahrheiten, die man besser nicht außer Acht lassen sollte.

Benedikt XVI. ist einer der demütigsten Päpste überhaupt. Für ihn sind Gewaltlosigkeit und Liebe die größte Kraft, die auf Erden wirken kann. Mit ihm entledigt sich das Papsttum von falschen Attributen, von Machtgehabe. Ja, hier ist sogar einer, der von seiner Kirche die Machtlosigkeit, das Aufgeben von Privilegien geradezu einfordert.

KATH.NET: Stichwort „Entweltlichung“.

Peter Seewald: Man wundert sich, dass dieser Begriff bei uns so falsch oder so gar nicht verstanden wird. Nichts liegt dem Papst ferner, als dass Kirche ihre eigene kleine Sonderwelt erbaut. Entweltlichung bedeutet nicht Abkehr von den Menschen, sondern Abkehr von Macht, vom Mammon, von der Kumpanei, vom falschen Schein, von Betrug und Selbstbetrug. Ratzinger spricht übrigens bereits 1958 wörtlich vom „Vorgang der Entweltlichung der Kirche“. Diese sei notwendig, damit der Glaube wieder seine Wirkstoffe entfalten könne.

„Entweltlichung“ hat also nichts mit einem Rückzug aus dem gesellschaftlichen und politischen Engagement zu tun, oder gar einer Abkehr von der christlichen Tugend der Caritas. Es geht darum, widerständig zu bleiben, zu zeigen, dass mit Christentum eine Haltung verbunden ist, die weit über jede rein weltliche, materialistische Weltanschauung hinausreicht.

Benedikt XVI. verkörpert so gesehen die Stunde der authentisch Gläubigen, die nicht mehr „Wir-tun-nur-so-als-ob“ auf ihren Fahnen stehen haben, sondern: „Wir tun es“ – auch wenn wir schwach sind, auch wenn wir immer wieder scheitern und immer wieder von neuem anfangen müssen.

KATH.NET: Ein Titelbild des „Spiegel“ zeichnete Benedikt 2009 als „Der Entrückte“. 2010 folgte „Der (Un)Fehlbare“. Und 2011 hieß es: „Der Unbelehrbare“.

Peter Seewald: Das Cover für 2012 steht noch aus. Das wird dann wohl „Der Starrsinnige“ lauten; weil er halt nicht nach der Pfeife der Medien tanzt. Dabei ist Ratzinger einer der letzten Vertreter einer Hochkultur von Bildung und Begabung, die einmal unter dem Begriff des „deutschen Genius“ weltweit bewundert wurde.

Es gibt heutzutage die Angst, nicht genügend konform zu sein. Man will von überall schmeichelhafte Feedbacks bekommen, auch wenn das auf Kosten der Wahrheit oder der Fairness geht. Der Papst widersteht dieser Versuchung. Insofern ist er unbequem, unangepasst und in der Tat nicht im Mainstream der Moden. Für ihn lautet die Frage nicht: Was ist zeitgemäß? Sondern sie lautet: Was ist zukunftsgemäß? Wie gelingt es, überhaupt noch Zukunft zu haben? Ist es wirklich fortschrittlich, unreflektiert Moden zu folgen, die mit der Grundordnung dieser Schöpfung einfach nicht kompatibel sind? Braucht es nicht ein neues Zeitalter, das sich durch Verantwortung auszeichnet, durch eine Lebensart, die uns hilft, unsere Seele zu bewahren und diesen wunderschönen Planeten Erde nicht kaputt zu machen?

KATH.NET: Papst Benedikt würde dem Fortschritt im Wege stehen, er sei ein Feind der Moderne.

Peter Seewald: Das hat man von Wojtyla auch gesagt. Bis jedermann erkennen konnte, dass sein Beitrag zur Überwindung der menschenfeindlichen Systeme im Osten Europas gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wie sieht diese Moderne denn inzwischen aus? Ist es nicht geradezu eine Auszeichnung, angesichts so vieler Fehlentwicklungen Stein des Anstoßes zu sein? Sicher, der Papst ist alt. Aber gerade aus der Erfahrung des letzten Jahrhunderts und einem biblischen Denken heraus besticht er durch seine Urteilskraft. Wo immer mehr Mensch sich krank fühlen kann er ein Heilsangebot anbieten, das im Grunde nicht zu toppen ist. Wie erleben ja nicht nur die Rückkehr der Dämonen, sondern auch ein großes Comeback des Papsttums.

KATH.NET: Wie meinen Sie das?

Peter Seewald: Dass die Kirche über große institutionelle Macht verfügte, ist Vergangenheit. Die noch verbliebenen Einflusssphären weichen der Befehdung, dem Spott, und zunehmend auch der Verfolgung. Die Kirche wird so gesehen wieder christlicher. Paradox: sie verliert – und gewinnt gleichzeitig hinzu. Und die institutionelle Schwäche der Kirche korrespondiert mit einer inhaltlichen Stärkung des Papsttums. Die Menschen suchen Halt, einen geistlichen Vater, dem sie vertrauen können und dessen Wort verlässlich ist. Baut nicht auf Sand, hatte Jesus geraten, baut auf den Fels.

KATH.NET: Er hat sehr schnell in das Amt hineingefunden.

Peter Seewald: Niemand hatte das für möglich gehalten. Es liegt eine gewisse Symbolik darin, dass bei Benedikt XVI. Geburtstag und Papstwahl zusammenfallen. Die drei Tage, die dazwischen liegen, die brauchte es offenbar für die Wiedergeburt des Joseph Ratzinger vom Hüter des Glaubens zum Hirten der Gläubigen. Auffällig ist: Alles geschieht im Dienen. Die Demut ist nachgerade – neben den großen Zeichen von Wahrheit, Glaube, Liebe – das Siegel dieses Pontifikat. Ganz nach dem Motto, das er zu seiner Priesterweihe gewählt hatte: „Nicht Herren eures Glaubens sind wir, sondern Diener eurer Freude.“

KATH.NET: Man hat ihn den „Theologen-Papst“ genannt.

Peter Seewald: Aber das ist unzureichend. Er verkörpert einerseits eine neue Intelligenz in der Verkündigung der Mysterien des Glaubens, andererseits ist er kein typischer Gelehrter, der die dicken Wälzer schreibt, mit Millionen von Fußnoten, akkurat und versessen auf das letzte Detail.

Im Vordergrund steht bei ihm, die Herzen der Menschen zu erreichen. Er nimmt das Schwere, aber er macht es leicht, ohne dem Großen das Geheimnis zu nehmen, ohne das Erhabene zu banalisieren.

KATH.NET: Hat er sich in den sieben Jahren Pontifikat sehr verändert?

Peter Seewald: Bei Ratzinger ist schon sehr früh alles mittig. Nicht im Sinn von mittel-mäßig, sondern von Mitte und Maß, seine Mitte gefunden zu haben. Das betrifft Lehre und Haltung in theologischen oder kirchenpolitischen Fragen, das spiegelt sich aber auch in seinem Temperament wieder. Er ist immer im Takt. Und mit dieser Gleichmäßigkeit ist er nicht nur besonders scharfsinnig, sondern auch besonders leistungsfähig. Daran hat sich genauso wenig geädert wie an seiner Einfachheit und liebenswürdigen Art. Andererseits sind inzwischen Amt und Person derart verschmolzen, dass sie nicht mehr zu unterscheiden sind.

KATH.NET: Wie zeigt sich das?

Peter Seewald: Er spürt, wie er selbst sagt, nicht nur die einzigartige Gnade dieses Amtes, sondern er will in der Verwandlung seiner ganzen Person, so gut es geht, zu dem werden, den er zu vertreten hat. Die Stellvertretung Christi definiert er nicht als eine Statthalterei, die mit Macht und Ruhm versehen ist, sondern um an dessen statt zu zeigen, wie dieser ist. So wie man den Vater durch Christus sieht, so soll man Christus durch den Nachfolger Petri sehen. Und das in aller Bescheidenheit. Er ist also Vor-Denker und Vor-Bild zugleich.

KATH.NET: Wenn man am 85. Geburtstag zurückblickt auf dieses Leben, was fällt einem da besonders auf?

Peter Seewald: Da ist vor allem eine beispiellose Kontinuität vom Beginn seines Wirkens an bis heute. Wer die frühen Texte liest, hat einen schon fertigen Ratzinger vor sich, der sich nicht mehr korrigieren muss, dessen Texte sich heute noch so modern lesen wie damals.

Andererseits war Ratzinger immer auch einer, der sich spreizte, ein Aufmüpfiger, wie es in seinem Schulzeugnis heißt, trotz aller Schüchternheit. Jemand, der sich getraut, der Schikane eines Nazikommandanten genauso entgegenzutreten wie einem eitlen Theologie-Professor, auch wenn dieser als Koryphäe seines Faches gilt. Er sperrt sich gegen die Berufung zum Bischof, gegen die Berufung nach Rom, gegen die Berufung auf den Stuhl Petri. Gerade durch diese Wegweisung aber, die seinem eigenen Willen so ganz und gar nicht entspricht, zeigt sich dann aber auch ein Schicksal, das offenbar jemand anderer in der Hand hält.

KATH.NET: Was hat ihn früh beschäftigt?

Peter Seewald: Vor allem zwei Themen: Wahrheit und Liebe, wobei es für ihn keine Liebe ohne Wahrheit und keine Wahrheit ohne Liebe geben kann. Liebe war das zentrale Wort seines theologischen Leitsterns Augustinus, der nicht von ungefähr als „Genie des Herzens“ bezeichnet worden war. Die Liebe ist dann auch das Thema seiner ersten Enzyklika.

KATH.NET: War die Arbeit über Augustinus auch Grundlage für Ratzingers Kirchenbild?

Peter Seewald: Ja. Kirche ist demnach immer auch ein Gebilde, wo Weizen und Unkraut gemeinsam wachsen. Augustinus meinte gar, manchmal sei diese Kirche so sehr die „Kirche der Sünder“, dass man sich fragen könnte, ob es in ihr überhaupt noch einen einzigen Gerechten gibt. Aber gerade auch diese Zusammensetzung gehört zum Heilsmysterium. Es sei geradezu notwendig, sich vor der Versuchung zu hüten, eine Kirche der Reinen gründen zu wollen, eine exklusive Gemeinschaft, die andere ausschließt und die Tore der Stadt Gottes nicht mehr geöffnet hält.

KATH.NET: Was hat ihn getrieben?

Peter Seewald: Eine Karriere im bürgerlichen Sinne jedenfalls hat ihn nie interessiert. Er lebt seit jeher in der Bescheidenheit eines Mönches, dem Luxus fremd und ein Ambiente, das über das Nötigste an Komfort hinaus geht, völlig gleichgültig ist.

Die Wirklichkeit, die ihn interessiert, liegt in einem Bereich, der die Überschreitung des Üblichen erfordert. Hier erst beginnt jene begehrenswerte Realität, von der die allermeisten Zeitgenossen noch nicht einmal ahnen, dass es sie gibt. Joseph Ratzinger ist gewissermaßen ein Entdecker geistlicher Erd- und Himmelsteile. Alles andere ist zu wenig. Alles andere ist nicht geeignet, wirklich Frieden zu finden, inneren und äußeren Frieden. Er hat früh etwas gesehen, was verborgen war. Diese Beschäftigung ist freilich nicht das Glasperlenspiel eines virtuosen Kulturliebhabers, ein zweckfreier Zeitvertreib, sondern es geht dabei immer um einen Dienst – für Gott und die Menschen.

KATH.NET: Gibt es auch den unbekannten Ratzinger?

Peter Seewald: Wir wissen im Grunde noch sehr wenig über ihn. Etwa über den früh Genialen, der bereits mit 23 Jahren seinen Augustinus studiert hat, alle Bände. Den jungen Professor, der in den Ferien in seiner Heimat die Gottesdienste im Gefängnis übernimmt. Den unkonventionellen Querdenker, als der er in der Freundschaft zu akademischen Outsidern oder aber auch einen Mystik-Verehrer wie Hans Urs von Balthasar zum Ausdruck kommt. Den Präfekten, der an jedem Donnerstag nach der Frühmesse auf dem Campo Santo mit der Pförtnerin gemeinsam frühstückt. Recht unbekannt ist vor allem auch der Anteil Ratzingers am 2. Vatikanischen Konzil.

KATH.NET: Was meinen Sie konkret?

Peter Seewald: Die neuere Forschung zeigt, dass der Beitrag des damals blutjungen Konzilsberaters an der Seite von Kardinal Frings weit größer war, als er das hat erkennen lassen. Er erarbeitete im deutschen Kolleg „Santa Maria dell‘Anima“ an der Piazza Navona Strategien und maßgebliche Texte aus. Ohne Zweifel hat er auch an Konzilsdokumenten wie Lumen gentium oder Dei verbum maßgeblichen Anteil. Seine intellektuelle und theologische Leistung und sein Drängen sind mitverantwortlich, dass die ursprünglichen, allzu einengenden Vorgaben fallengelassen wurden.

Allerdings hat er auch früher als andere erkannt, dass einige Triebe des Konzils Wassertriebe waren, die keine Früchte tragen würden.

KATH.NET: Immer wieder ist deshalb von einer konservativen Wende Ratzingers die Rede.

Peter Seewald: Bis heute haben sich seine Ansätze von damals nicht geändert: Dialog, Öffnung, Wiederentdeckung der Ursprünge, Konzentration auf die Offenbarung Christi. Nehmen Sie seine Forderung nach der Authentizität der Verkündigung, der Wiederentdeckung der Sakramente und insbesondere einer Liturgie, die dazu beiträgt, die Freude am Wort Gottes zu vermitteln, das Mysterium der Messfeier wieder deutlich zu machen. Er warb stets für ein Bewusstsein, das von der ganzen Breite der christlichen Überlieferung ausgeht, eine Öffnung hin zur Ganzheitlichkeit des Glaubens. Das ihm Eigene ist nicht ein politisches Lagerdenken, sondern die kritische Analyse auf der Basis biblischen Denkens und einer festen Verankerung in der Botschaft Jesu.

Das macht auch seine Freiheit aus. Wenn er Rechenschaft abgeben muss, dann nicht irgendwelchen Gremien – und schon gar nicht dem Zeitgeist. Sondern immer nur dem Urheber von allem, Christus selbst.

KATH.NET: Ist Ratzinger der Prediger gegen den Unglauben des 20. Jahrhunderts?

Peter Seewald: Er hat diesen nach dem Terror der atheistischen Systeme zumindest früher wahrgenommen als andere. Bereits 1967 spricht er bei einer Vorlesung in Tübingen davon, dass christlicher Glauben nunmehr „von einem Nebel der Ungewissheit“ umgeben sei „wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte.“ Es werde immer weniger Menschen geben, die die ursprüngliche Religion zu bekennen wagten. Seine „Einführung in das Christentum“ von 1968 sah er dezidiert als Versuch, eine Mauer aus Vernunft und Glauben zu bauen, ein aufklärendes Manifest gegen die „bedrängende Macht des Unglaubens“, die er früh heraufziehen sah.

KATH.NET: Es scheint, im Amt des Oberhirten der Kirche schließt sich ein Kreis.

Peter Seewald: So könnte man es in der Tat sagen. Der Junge ist wie der alte und der alte wie der junge Ratzinger – was der Kirche hilft, zu ihrem Quell, ihrer Authentizität zurückzufinden. Das einzige Rezept sei, erklärte Ratzinger beizeiten, die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens, seine Überzeugungskraft aus dem Logos und dem Mysterium Christi neu darzulegen – ohne Firlefanz, ohne Aggiornamento im Sinne eines religionslosen Christentums und einer Anpassung an die Sprach-, Denk- und Lebensweisen der säkularen Welt.

KATH.NET: Sie haben Benedikt VI. in einem Interview als einen Pontifex bezeichnet, der bereits heute einer der Großen in der langen Reihe der Päpste sei.

Peter Seewald: Natürlich wird erst die Geschichte darüber urteilen, wie groß er wirklich ist. Benedikt ist zunächst der „kleine“ Papst. So sieht er sich jedenfalls selbst. Im Vergleich etwa zu seinem übermächtigen Vorgänger. Aber wir wissen ja, dass in der christlichen Logik die Begriffe oft vertauscht sind. Das Kleine kann das Große sein, der Letzte eines alten Äons der erste eines neuen.

Die Aufgabe, der er sich gestellt hat, ist die schwerste von allen: innere Erneuerung. Dabei geht es nicht um Restauration, sondern eine christliche Renaissance, die Wiederentdeckung der Schönheit, der Freiheit, der Freude.

KATH.NET: Was beeindruckt Sie besonders?

Peter Seewald: Ich finde, die Pontifikate von Johannes Paul und Benedikt ergänzen sich perfekt. War der eine Papst eher ein Mann des Bildes, so ist der andere eher ein Mann des Wortes. Und wenn Johannes Paul II. in stürmischer Zeit die feste Burg schuf, um die Stürme abzuwehren, baut Benedikt XVI. wieder auf, was im Inneren der Burg kaputtgegangen ist. Er setzt dabei ganz auf die Hilfe Gottes und nimmt den Vorwurf in Kauf, er mache zu wenig nach außen. Beeindruckend ist, dass dann in einem scheinbar nichtgeschichtlichen Pontifikat die heilsgeschichtliche Prägung der Epoche zum Ausdruck kommt: gerade weil nicht mehr der Vikarius Christi mit Macht im Vordergrund steht, sondern Christus selbst.

KATH.NET: Wird Benedikt XVI. zur Symbolfigur?

Peter Seewald: Zweifellos. Er kommt aus dem Alten und verkörpert das Neue: eine Kirche, die nicht ihre Strukturen, sondern ihren Glauben leben will – und damit das Zentrum der christlichen Botschaft: die Liebe, die Verheißung des Ewigen Lebens.
Als Professor konnte Joseph Ratzinger durch seine treffenden Analysen weit in die Zukunft schauen. Als Papst geht er der Zukunft quasi persönlich voraus. Es geht ihm um das Ganze, um das Leben an sich, um unsere Zukunft in einem anderen Sein.

KATH.NET: Was wünschen Sie dem Papst zum 85. Geburtstag?

Peter Seewald: Jedem anderen würde man in diesem Alter einen geruhsamen Ruhestand wünschen. Papst Benedikt wünsche ich, er möge für den Weinberg des Herrn viele Arbeiter finden; Priestern, Nonnen und Mönche, einfache Gläubige, die es noch wagen, gegen den Strom zu schwimmen; deren Träume nicht bei Konsum und Karriere enden, und die nicht für Glaubensverweichlichung stehen, sondern für Glaubensfestigung!
Für ihn ist wichtig: Nichts kann sich ändern und gut werden, wenn nicht auch die Herzen der Menschen sich verändern. Kirche kann nicht wieder erstarken, wenn nicht der Glaube wieder stark wird. Ihre Stärke ist dabei ja nicht für sich selbst gedacht, sondern um Salz der Erde, Segen der Menschheit, Licht der Welt zu sein.

KATH.NET: In diesem Sinne: Happy birthday, Papst Benedikt!

Peter Seewald: Viva il Papa!

KATH.NET: Herzlichen Dank für das Interview

kathTube: Die Predigt von Papst Benedikt von heute zum Geburtstag











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