24 Februar 2012, 19:43
Warnung vor Verweltlichung der Kirche
 
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Bischof Gerhard Ludwig Müller im Hirtenbrief zur Fastenzeit: Mit der Unterwerfung kirchlicher Einrichtungen und Lehren unter den Zeitgeist kann man keine neue Glaubwürdigkeit vor der Welt gewinnen.

Regensburg (kath.net)
KATH.NET dokumentiert den Hirtenbrief zur Fastenzeit 2012 von Bischof Gerhard Ludwig Müller (Bistum Regensburg):

Meine lieben jugendlichen und erwachsenen Schwestern und Brüder!

Der Mensch auf der Suche nach Sinn

1. Immer wieder komme ich mit Menschen ins Gespräch, denen eine bloß innerweltliche
Deutung des Menschseins nicht mehr genügt. Es mehren sich die Anzeichen, dass wir uns im Übergang befinden zu einer Zeit des Postmaterialismus und Postsäkularismus.

Aber was werden die Leitideen für einemenschenwürdige Zukunft sein? Wer ist in der Lage, sie zu formulieren? Öffentlich wird
immer noch ein Mehr und Mehr an materiellem Reichtum und Luxus als eigentlicher Lebenszweck
angepriesen. In der Stille aber vollzieht sich die Wende zu einer geistigen Auffassung.

2. Das Zweite Vatikanische Konzil, das vor50 Jahren eröffnet wurde, sagt in seiner Konstitution über die „Kirche in der Welt von heute“: Es „wächst angesichts der heutigen Weltentwicklung die Zahl derer, die die Grundfragen stellen oder mit neuer Schärfe spüren: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes – alles Dinge, die trotz aller Fortschritte [in Wissenschaft, Medizin und Technik] noch immer weiterbestehen? Wozu diese Siege, wenn sie so teuer erkauft werden mussten?

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Was kann der Mensch der Gesellschaft geben, was von ihr erwarten? Was kommt nach diesem irdischen Leben?“ (Gaudium et Spes
10). Christus als Lotse im Schiff unseres Lebens

3. Wer nicht auf eine Sandbank auflaufen oder an den Klippen zerschellen will, wendet klug sein Lebensschiff zur Mitte, wo der Strom am tiefsten ist. Mitte und Tiefe der menschlichen Existenz ist Gott. In seinem Sohn Jesus Christus kommt er wie ein Lotse an Bord. Er geht mit uns das Risiko einer Schicksalsgemeinschaft ein – im Gelingen oder Scheitern. Durch die Macht seiner Gottheit erlöst er uns aus aller Angst und Gefahr.

Der bestmögliche Kapitän geleitet uns sicher in den Hafen der Ewigkeit. Er bleibt bei seinen
Jüngern im Boot, auch wenn ein heftiger Seegang uns Angst und Schrecken einjagt.

Darum setzen wir unsere Hoffnungen nicht auf sterbliche Menschen mit ihren immer begrenzten
Projekten und wechselnden Zielen,
sondern allein auf unseren Schöpfer und Herrn. Nur Gott ist Dein Retter. Suchst Du Frieden in Deinem Herzen, dann wirf all Deine Sorgen auf den Herrn.

4. So bekennt und bezeugt die Kirche allen Menschen jederzeit ihren Glauben: Jesus Christus, der Sohn Gottes, der unser Menschsein angenommen hat, „der für alle starb und auferstand, schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung nachkommen kann“. Christus, das Haupt Seiner Kirche, ist „der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte“ (GS 10).

Christ–Sein ist Gotteskindschaft und die Erfahrung von grenzenloser Freiheit. Der Christ spürt und versteht, dass Gott ihn ernst–
nimmt, annimmt und aufnimmt. „Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt
hat: Wir heißen Kinder Gottes, und
wir sind es“ (1 Joh 3,1).

Die Frohbotschaft vom Reich Gottes

5. Am Ersten Fastensonntag lässt uns der Evangelist auf Jesus treffen in der extremsten
Situation, in die ein Mensch geraten kann und in der wir, genau genommen, eigentlich alle sind: in einer lebensfeindlichen Wüste. Wir treffen ihn nicht in einem Königspalast, im Zentrum der Macht oder in einer Kongresshalle, wo ein gestylter Publikumsmagnet
sich gefällig als der große Weltdeuter einschmeichelt.

Jesus hingegen ist draußen in der Wüste – ganz allein. Er fastet. Umlauert von wilden Tieren ist er der Hinterlist und den Fallstricken
diabolischer Versuchungen ausgesetzt.

Nach dem Täuschungsmanöver des „Vaters der Lüge“ (Joh 8,44) soll er die Anbetung des einzigen und wahren Gottes eintauschen gegen den Besitz aller Reiche und Ehren der Welt. Einsam, ohne alle menschlich-irdische Absicherung ist er im Gebet nur mit Gott,
seinem Vater, verbunden.

6. Nach diesem vierzigtägigen Härtetest kehrt der Messias in die Öffentlichkeit zurück und beginnt mit der Aufrichtung der Gottesherrschaft. Er verkündet eine gewaltige Botschaft, die Supermessage vom Reich Gottes:
Auf Gott kannst du vertrauen. Er meint es gut mit dir. Keine Macht auf unserem Planeten und im Universum kann dich fertig machen.
Denn jetzt ist die Zeit gekommen, da Gott das Heft in die Hand nimmt und alles zum Guten lenkt. „Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6,10), so beten wir nach der Weisung des Herrn. Dein Schöpfer, Vater und Freund hat nun das Sagen und nichts und niemand kann Dir die Berufung zum ewigen Glück und
Frieden nehmen.

7. Wie aber komme ich in diesen Bereich Gottes? – Ganz einfach! Ich wende mich ab vom Weg, der abwärts führt, und gehe meinen Weg mit Jesus zum Vater – himmelwärts.

Ich glaube und vertraue auf Seine Botschaft, „dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach
seinem ewigen Plan berufen sind“ (Röm 8,28). Wir müssen nicht bei den Leuten gut ankommen, die uns nicht aus der Endlichkeit und Kontingenz erlösen können. Wir brauchen nur bei Gott anzukommen, der in der Fülle der Zeit in seinem Mensch gewordenen
Sohn Jesus Christus in unsere Welt hineingekommen ist.

8. Christen nennt man uns, weil wir zu Jesus Christus gehören (vgl. Apg 11,26). Wir sind
getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Im Sakrament der Firmung wird der Getaufte besiegelt
mit der Gabe Gottes: dem Heiligen
Geist. Wie oft haben wir das Glaubensbekenntnis schon in unserem Leben gesprochen?
Immer wieder haben wir unsere Sünden bereut und bekannt und sind neu aufgebrochen zu einem Leben aus dem Glauben in der Nachfolge Christi. Auf diese Weise kommen wir bei Gott an und er lebt in uns.

Die wahre Reform: Erneuerung in Jesus Christus

9. Das ist die Botschaft dieser vorösterlichen Gnadenzeit: Wir sind gerufen zur Erneuerung
in Jesus Christus. In weltlichen Institutionen ist immer wieder von notwendigen Reformen die Rede. Und manche übertragen unreflektiert das Schlagwort vom „Reformstau“ auf die Kirche.

Dabei merken sie nicht, dass sie dadurch den Tempel Gottes entweihen und die Kirche
Jesu Christi verweltlichen. Die Kirche aber muss heilig werden, indem nicht die Welt, sondern Gott ihr Maß ist. Mit der Unterwerfung kirchlicher Einrichtungen und Lehren unter den Zeitgeist kann man keine neue Glaubwürdigkeit vor der Welt gewinnen.

10. Es gibt jedoch Reformbedarf; aber der liegt bei uns. Bauen wir den Reformstau vor der eigenen Haustür ab, indem wir die Gebote
Gottes und die Weisungen der Kirche treu und freudig erfüllen. Sie wollen uns nicht ärgern
oder gängeln, sondern dienen unserem Heil, auch wenn uns Bequemlichkeit und Unlust
manchmal das Gegenteil vorgaukeln.
Neue Glaubenskraft und der Wagemut zur Neuevangelisierung werden wach, wenn wir den persönlichen Reformstau vor der Tür
unseres Herzens abbauen, wenn wir Lauheit und Kälte in unserer Gottesliebe überwinden.

Werden wir stark im Glauben und sicherer in der Hoffnung! Übertreffen wir einander in der
Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Hinweise für die Erneuerung des persönlichen Lebens

11. Die regelmäßige Mitfeier des Kreuzesopfers und der Auferstehung unseres Herrn in der hl. Messe, der Empfang des Leibes und Blutes Christi als Speise und Trank zum ewigen Leben in der hl. Kommunion helfen am meisten, den Reformstau abzubauen. Auf diese Weise öffnen wir dem Herrn die Tür zu unserem Innern. Er sagt: „Ich stehe vor der
Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten,
und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,20). So bleiben wir im
geistlichen Leben jung und fit, aktiv und gesund.

12. Denken wir an die Sakramente der Buße und der Krankensalbung. Überhöre nicht, wenn er Dir in die Augen schaut, Seinen Ruf
zum geistlichen Stand im Priesterdienst und
Ordensleben. Schätzt die Heiligkeit der Ehe und bedenkt den herrlichen Tag Eurer Hochzeit.
Als Braut und Bräutigam habt Ihr vor Gottes Angesicht für alle Tage Eures Lebens einander das große Jawort der Liebe versprochen
– in Freude und Leid.

13. Richten wir unser moralisches Leben aus an den zehn Geboten und den Seligpreisungen
der Bergpredigt, den Werken der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit! Stellen wir das Wohl des Nächsten über das eigene.
Fragen wir, was gut ist für meinen Mann, für meine Frau, für meine Kinder, für meine Eltern,
für meine Schulfreunde, für meine Arbeitskollegen und für meine Verwandten und Freunde. Wie kann ich meine Talente einsetzen
für das Gemeinwohl in Kirche und Gesellschaft?

14. Reformieren wir unseren persönlichen Tagesablauf: Beginnen wir den Tag mit einem
Gebet und beschließen wir ihn mit Dank und einer Gewissenserforschung. Verschlingen
wir unser tägliches Brot nicht gedankenlos, sondern danken wir im Tischgebet dem, der wie der gute Hausvater ohne Unterlass für seine Kinder sorgt.

15. Beschäftigen wir uns mit den Inhalten unseres Glaubens, sodass wir den Spöttern schlagfertig begegnen können. Wir müssen
in der Lage sein, den Suchenden Sinn, Inhalt und Logik der Offenbarung Gottes, des
Schöpfers und Erlösers, überzeugend darzulegen. Keiner soll scheitern an der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Glauben und Vernunft.

16. Mit diesen Hinweisen, meine lieben Mitchristen, nehme ich das Tagesgebet dieses Ersten Fastensonntages wieder auf. Danken
wir Gott, der uns die heiligen vierzig Tage als eine Zeit der Umkehr und der Buße schenkt.
Gemeinsam bitten wir den allmächtigen Gott: „Gib uns durch ihre Feier die Gnade, dass
wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat
durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.“

Dazu segne euch, meine lieben Schwestern und Brüder, der dreieinige Gott, der + Vater
und der + Sohn und der + Heilige Geist!

Regensburg, am Aschermittwoch im Jahr des Heils 2012
+ Gerhard Ludwig
Bischof von Regensburg

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