15 Februar 2012, 12:31
Mit Verlaub gesagt: Das ist völliger Unsinn
 
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"In keinem alten Katechismus steht, daß 'auf Erden' der Mittelpunkt Gott sei!" - Ein KATH.NET-Gastkommentar von P. Dr. Martin Lugmayr von der Petrusbruderschaft zu den Behauptungen von Pater Schmidberger von der Piusbruderschaft im kath.net-Interview

Linz (kath.net)
Im kath.net Interview vom 14.2.2012 führt Pater Schmidberger, Distriktoberer der Priesterbruderschaft St.Pius X. in Deutschland, folgende Beispiele aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil an, die seiner Ansicht nach nicht in Kontinuität mit dem vorkonziliaren Lehramt stehen:

Pater Schmidberger: „In „Lumen gentium“ heißt es gleich in § 1, die Kirche sei das Sakrament der Einheit des Menschengeschlechtes. Aber wo in der Heiligen Schrift, bei welchem Kirchenvater, in welcher päpstlichen Verlautbarung und in welchem Konzil hat man jemals etwas Ähnliches gelesen?“

Die Antwort: Pater Schmidberger zitiert nur einen Halbsatz und entstellt damit den Zusammenhang. An erster Stelle ist nämlich die Einheit mit Gott genannt, für welche die Kirche „Sakrament“ ist: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen Gentium 1). Weil die Kirche die Menschen innigst mit Gott vereinigt, werden sie gleichzeitig auch untereinander verbunden. Was soll daran falsch sein? Die Konzilsväter haben bewußt die erste Wirkung der Kirche, die Einheit mit Gott, an den Anfang gestellt, wie aus der Veränderung der ersten Textfassung hervorgeht. Übrigens bezeichnet bereits der hl.Cyprian (gest. 258) die Kirche als „Sakrament der Einheit“ (De unit.eccl. 4,7). Und daß durch und in Christus, dem neuen Adam, Juden wie Heiden (also das Menschengeschlecht!) vereinigt werden, lehrt ganz deutlich der Epheserbrief: „Denn er ist unser Friede. Er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen. Er hat das Gesetz der Gebote in Satzungen beseitigt, um die zwei – Frieden stiftend – in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen und die beiden in einem Leib mit Gott zu versöhnen durch das Kreuz, durch das er die Feindschaft getötet hat (Eph 2,14-16).

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Pater Schmidberger: „Oder nehmen Sie „Lumen gentium“ Nr. 16: Seit wann beten wir mit den Moslems den einen Gott an? Diese verehren Allah, wir die allerheiligste Dreifaltigkeit – das ist nicht dasselbe!“

Antwort: Bereits der heilige Papst Gregor VII. (gest. 1085) schrieb in einem päpstlichen Dokument an einen muslimischen Herrscher: „Denn der allmächtige Gott, der will, daß alle Menschen gerettet werden und keiner verlorengeht (1 Tim 2) an­erkennt nichts mehr in uns, als daß der Mensch nach der Liebe zu sich selbst den Nächsten liebe und daß er anderen nichts antue, von dem er selbst wünscht, es möge ihm nicht angetan werden (Math 7). Daher schulden wir [Christen] und ihr [Muslime] diese Liebe uns gegenseitig mehr als den übrigen Völkern, da wir an einen Gott, wenn auch auf verschiedene Weise, glauben und ihn bekennen, und wir ihn als Schöpfer der Zeiten (Jahrhunderte) und Lenker dieser Welt täglich loben und verehren“ (PL 148, 451).

Übrigens ist auch bei Katholiken und allen Christen, welche Arabisch als Muttersprache haben, der Begriff für „Gott“ das Wort „Allah“, d.h. auch sie beten zu „Allah“ (der Unterschied zu den Muslimen ist nicht der Glaube an den einen Gott, sondern, daß dieser eine Gott dreifaltig ist).

Pater Schmidberger: „In Nr. 8 desselben Dokumentes [Lumen gentium] heißt es, die Kirche Christi subsistiere – sei verwirklicht, bestehe in der katholischen Kirche. Papst Pius XII. lehrt ausdrücklich in voller Einheit mit dem Lehramt bis zum II. Vatikanum: Die Kirche Christi ist die katholische Kirche“.

Die Antwort: Auch hier gilt es zuerst auf den Kontext zu achten: „Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff), für immer hat er sie als "Säule und Feste der Wahrheit" errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht (subsistit in) in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, daß außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindränge“ (Lumen gentium, 8).


Der lateinische Ausdruck „subsistit in“ steht nicht im Gegensatz zum „ist“ (es heißt ja auch am Anfang „das ist die einzige Kirche“, und zwar die eine, heilige, katholische und apostolische!), sondern bezieht sich auf die Tatsache, daß außerhalb der sichtbaren römisch katholischen Kirche gültige Sakramente gespendet und Glaubenswahrheiten bekannt werden. Der Gegensatz ist also nicht „ist“ und „ist nicht“ (sonst könnte es außerhalb der katholischen Kirche keine gültigen Sakramente und Glaubenswahrheiten geben!), sondern „volle Verwirklichung“ und „nicht volle Verwirklichung“.

Pater Schmidberger: „In „Gaudium et spes“, der berühmten Pastoralkonstitution, heißt es in Nr. 12, Ziel und Mittelpunkt aller Dinge auf Erden sei der Mensch. In meinem alten Katechismus lese ich, Ziel und Mittelpunkt aller Dinge auf Erden sei Gott. Auch dies ist nicht dasselbe“

Antwort: Mit Verlaub gesagt: das ist völliger Unsinn. In keinem alten Katechismus steht, daß „auf Erden“ der Mittelpunkt Gott sei! Bereits der heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos lehrte: „Welches ist das Wesen, das in solchem Ansehen geschaffen ist? Es ist der Mensch, die große, bewundernswerte lebendige Gestalt, die in den Augen Gottes wertvoller ist als alle Geschöpfe. Es ist der Mensch; für ihn sind der Himmel und die Erde und das Meer und die gesamte Schöpfung da“ (serm. in Gen. 2,1). Der Mensch aber ist geschaffen, Gott zu erkennen und zu lieben sowie die Geschöpfe so zu leiten und zu gebrauchen, daß er dabei Gott verherrliche – und genau das lehrt „Gaudium et spes“ Nr. 12!

Pater Schmidberger: „Im Dekret über den Ökumenismus heißt es in § 3, der Heilige Geist habe die anderen Bekenntnisse gewürdigt, Mittel des Heiles zu sein. Wenn das stimmt, dann braucht sich kein Protestant mehr zu bekehren und kein Orthodoxer den päpstlichen Primat annehmen“

Antwort: Das steht so nicht im Ökumenismusdekret. Vielmehr lehrt es, daß der Geist Christi von der katholischen Kirche getrennte Kirchen und Gemeinschaften als Mittel des Heils gebraucht, weil in ihnen gültige Sakramente gespendet und Glaubenswahrheiten bekannt werden. Das Konzil betont, daß die Wirksamkeit nicht von dem ausgeht, was trennt und spaltet, sondern sich herleitet „von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit“. Und weiter: „Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heiles ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben“ (Ökumenismusdekret, nr.3).

Pater Schmidberger: „In der Erklärung über die Religionsfreiheit heißt es in § 2, der Mensch habe auf diese ein Recht, das in seiner Würde wurzle, also ein Naturrecht darstelle. Bis hin zu Papst Pius XII. ist diese Auffassung ausdrücklich verworfen worden. Schauen Sie nur nach in „Quanta cura“ vom 8. Dezember 1864, mit welchen Worten der selige Pius IX. eine solche Ansicht geißelt“

Antwort: Pater Schmidberger spielt hier mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen von „Religionsfreiheit“. Verurteilt wurde „Religionsfreiheit“, insofern sie von der Anschauung abgeleitet wurde, der Mensch könne gar nicht die Wahrheit erkennen.

Das „Dekret über die Religionsfreiheit“ lehrt hingegen in Nr.1 ausdrücklich: „ Fürs erste bekennt die Heilige Synode: Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. Er sprach ja zu den Aposteln: "Gehet hin, und lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe" (Mt 28,19-20). Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren“ (DH, nr.1).

Das Zweite Vatikanum versteht unter „Religionsfreiheit“ die „Freiheit von Zwang seitens des Staates“: „Da nun die religiöse Freiheit, welche die Menschen zur Erfüllung der pflichtgemäßen Gottesverehrung beanspruchen, sich auf die Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft bezieht, läßt sie die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet“ (ebd.).

P. Martin Lugmayr ist Mitglied der Petrusbruderschaft

Dokumente des 2. Vatikanums

Folgeartikel: Tradibeben - Warum KATH.NET einem Autor der Piusbruderschaft keine Plattform geben wollte

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