20 Oktober 2011, 11:30
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Jetzt sind die Bischöfe dran. In Deutschland sprach Benedikt XVI. pointiert, er hat provoziert und herausgefordert. Er hat eine missionarische Kirche vorgelebt, die der Welt etwas zu sagen und zu geben hat. Von Guido Horst / Vatican Magazin

Rom (kath.net/VaticanMagazin) Man kann es drehen und wenden, wie man will: Während sich der Papst in Rom auf das Friedenstreffen in Assisi und die Reise nach Benin in Afrika vorbereitet, sind es zunächst und vor allem die Bischöfe in Deutschland, denen Benedikt XVI. ein pfundiges Vermächtnis hinterlassen hat. Weder die Kirchenredakteure in den Medien, noch die Kommentatoren im Fernsehen oder die katholischen Komitees und Gremien ziehen die Furchen durch den bisweilen recht trockenen Acker der deutschen Diözesen, sondern deren bestellte Hirten. Und der in der säkularen Berichterstattung über den zurückliegenden Papstbesuch gerne verwandte Trick, die Aussagen des deutschen Gelehrten auf dem Petrusstuhl seien so hochtheologisch gewesen, dass niemand mehr drankommt, verfängt bei den Bischöfen nicht. Sie haben sehr wohl verstanden – und viele Gläubige auch, die die Ansprachen Benedikts mit Begeisterung aufgenommen haben.

So etwa, als er im Deutschen Bundestag darauf bestand, dass man auch heute noch vom Naturrecht sprechen kann und sogar muss. Oder als er im Olympia-Stadion jene kritisierte, die „mit ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt“ hängen bleiben. „Dann erscheint die Kirche nur mehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft“, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe „Kirche“ zu beurteilen und zu behandeln sei. Benedikt XVI. sprach in Deutschland pointiert, redete niemandem nach dem Mund und gab nicht den Karnevalsprinzen, der nach allen Seiten nur Bonbons austeilt. Es gab Erwartungen in evangelischen Kreisen, dass der Papst in Erfurt im Stil eines diplomatischen Chefunterhändlers Kompromissangebote oder Zwischenlösungen anbieten würde. Dass der Papst das Augustinerkloster aufgesucht hat, wo Martin Luther die Messe feierte, die Muttergottes verehrte und den katholischen Glauben lehrte, zeigte vielmehr den evangelischen Christen, woher sie kommen. Wohin sie wollen, müssen sie jetzt einmal sagen.

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Wie immer, so hat Benedikt XVI. jetzt auch in Deutschland provoziert und herausgefordert. Und er wusste ganz genau, dass er es war, den man aufspießen wollte. Wochen, ja Monate lang hatte diese merkwürdige Koalition aus katholischen Unionspolitikern, protestantisierenden katholischen Theologen und Wutkatholiken in den Medien die Landebahn des Heiligen Vaters gründlich eingeseift. Man erinnere sich an die Ausgangslage: Erstens, es war das Projekt einiger Jesuiten und Gleichgesinnter, den Missbrauchsskandal, der nicht nur, aber doch vor allem an Jesuiten-Schulen publik geworden war, zu einem Instrument zu machen, um in der Kirche endlich das in Bewegung zu bringen, was den 68-ern im Klerikerstand seit Jahrzehnten auf der Seele brennt: die so genannten Reizthemen, die an dieser Stelle nicht mehr aufgeführt werden müssen. Das Projekt war, die Sünde einzelner Kleriker der starren, vormodernen und sexuell verklemmten Kirche, vor allem aber ihrem Oberhaupt anzulasten. Die Kirche habe an Glaubwürdigkeit verloren, aber im Grunde sei es der Papst, der mit seinen überkommenen Dogmen und seiner überkommenen Moral die Kirche endgültig vor die Wand der modernen und aufgeklärten Gesellschaft fahre. Dieses Projekt, so lehrt der Papstbesuch, ist granatenmäßig in die Hose gegangen.

Zweitens: Papsthasser, Kirchenfeinde, Humanisten und Homosexuelle wollten Berlin zu großen Bühne machen, um dem Gast aus Rom zu bedeuten, dass er sich doch besser zum Teufel scheren soll. Die Abgeordneten des Bundestags, die der Papstansprache fern bleiben wollten, waren das große Thema. Man müsste einmal nachzählen, wie viel Meldungen dazu die Katholische Nachrichten-Agentur vor dem Papstbesuch über das ganze Land verbreitet hat. Wer spricht heute noch davon? Hans-Christian Ströbele hat sich den Ruf des „hässlichen Deutschen“ eingehandelt und ansonsten denkt niemand mehr darüber nach. Dass es nur einige hundert Demonstranten und vereinzelte Protestierer sowie ein Luftgewehr-Schütze waren, die den Papstbesuch stören wollten, spricht eine klare Sprache. Wenn Globalisierungsgegner auf die Zusammenkünfte der Staats- und Regierungschefs treffen, ist wirklich Ärger angesagt. Das ist dann Unmut, den die Sicherheitskräfte mit gewaltigen Kraftanstrengungen kanalisieren müssen. Was jetzt am Rande des Papstbesuchs geschah, ist nichts dagegen.

Nimmt man Benedikt XVI. ernst, so muss man seine „Botschaft“ so zusammenfassen: Bei euch, in Deutschland, sind die Strukturen gut entwickelt, aber im Inneren, da fehlt es an Geist. Die Hülle steht, aber im Kern mangelt es an Glauben. Darum müsste eine Konsequenz des Papstbesuchs eigentlich die sein, die Mechanismen zu überprüfen, mit denen der Glaube weitergegeben wird: die Vorbereitung auf die Erstkommunion, den Religionsunterricht, die Neuevangelisierung durch die Gemeinden, das theologische Studium, die katholische Erwachsenenbildung, die Ausbildung der Seminaristen und jungen Ordensleute, die kirchliche Jugendarbeit. Das alles sind Felder, wo letztlich die Bischöfe das Sagen haben. Werden sie ihrem Bruder in Rom folgen?

„Entweltlichung der Kirche“ war das Stichwort, unter das der Papst seine große Ansprache vor engagierten Katholiken in Kirche und Gesellschaft im Konzerthaus in Freiburg gestellt hat, als er der materiell so gut ausgestatteten Kirche in Deutschland in gewisser Weise die Leviten las: Was tun wenn die Kirche „sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin”? Enteignung von Kirchengütern, Streichung von Privilegien müssen da nicht unbedingt ein Nachteil sein. „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.” Damit teile sie, so der Papst weiter, „das Schicksal des Stammes Levi, der nach dem Bericht des Alten Testamentes als einziger Stamm in Israel kein eigenes Erbland besaß, sondern allein Gott selbst, sein Wort und seine Zeichen als seinen Losanteil gezogen hatte. Mit ihm teilte sie in jenen geschichtlichen Momenten den Anspruch einer Armut, die sich zur Welt geöffnet hat, um sich von ihren materiellen Bindungen zu lösen, und so wurde auch ihr missionarisches Handeln wieder glaubhaft.“

Benedikt XVI. hat in Deutschland viel von einer Reform gesprochen, von Änderungen, von einer Umkehr, von einer Neubesinnung auf Jesus Christus, mit dem jeder Getaufte so verbunden ist wie die Rebe mit dem Weinstock. Wenn die deutschen Bischöfe zu ihren Beratungen zusammen kommen, soll die Stimmung – wie man immer wieder hört – nicht gerade eine pfingstliche sein. Funktionäre der Bischofskonferenz haben Tischvorlagen vorbereitet, dann wird abgestimmt, viele Bischöfe sind froh, wenn sie nach den quälenden Sitzungen wieder zu Hause sind. Dialogprozesse mögen hilfreich sein. Aber sind es nicht die Bischöfe selbst, die einen Dialogprozess untereinander brauchen? Und zwar einen Dialog, der aus dem starken Glauben lebt, den ihnen jetzt Papst Benedikt vorgeglaubt hat? Katholische Kirche ist eben doch etwas anderes als das, was einem die säkularen Medien oft vormachen wollen. Sie ist – Benedikt XVI. hat es immer wieder hervorgehoben – ein Mysterium, das von einem Anderen lebt. Und in diesem gnadenhaften Mysterium kommt hier auf Erden – das wird solange so sein, solange die katholische eine apostolische Kirche ist – den Bischöfen die Aufgabe zu, den engsten Jüngerkreis zu bilden, aus dem die Gemeinschaft der Glaubenden lebt.

Die Bischöfe können das tun mit der Erinnerung an das Olympia-Stadion, das Eichsfeld, den Platz vor dem Erfurter Dom und den Gottesdienst in Freiburg. Das ist immer noch eine Ortskirche, die mit ihrer Freude und Jugendlichkeit die Bedenkenträger und Miesepeter Lügen straft. Das Fernsehen hat es in viele Wohnzimmer übertragen: Das waren keine Menschen, die kurz davor stehen, ihrer Kirche den Rücken zuzudrehen. Haben die Bischöfe den in Mannheim begonnenen Dialogprozess, der dem deutschen Gremienkatholizismus, aber auch den Medien noch vier lange Jahre erhalten bleiben soll, den Richtigen geöffnet? Und hat nicht Papst Benedikt in seiner Ansprachen vorweg genommen, worum es im Letzten geht, wenn eine Ortskirche einen „Aufbruch“ sucht?

Die Kirchenführungen in Deutschland, von der nationalen bis zur lokalen Ebene, können sehr schnell zu Besitzstandswahrung, zur Verwaltung des Mangels, zu Karrieren und Kommissionen, zum bürokratischen Alltag einer materiell sehr gut ausgestatteten Ortskirche zurückkehren. Die Weisung des Papstes ging in eine ganz andere Richtung. „Mit Paulus wage ich euch zuzurufen“, rief Benedikt XVI. zum Abschluss seines Besuchs bei der Messe in Freiburg: „Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr fest in Christus geeint seid! Die Kirche in Deutschland wird die großen Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft bestehen und Sauerteig in der Gesellschaft bleiben, wenn Priester, Gottgeweihte und christgläubige Laien in Treue zur jeweils spezifischen Berufung in Einheit zusammenarbeiten; wenn Pfarreien, Gemeinschaften und Bewegungen sich gegenseitig stützen und bereichern; wenn die Getauften und Gefirmten die Fackel des unverfälschten Glaubens in Einheit mit dem Bischof hochhalten und ihr reiches Wissen und Können davon erleuchten lassen. Die Kirche in Deutschland wird für die weltweite katholische Gemeinschaft weiterhin ein Segen sein, wenn sie treu mit den Nachfolgern des heiligen Petrus und der Apostel verbunden bleibt, die Zusammenarbeit mit den Missionsländern in vielfältiger Weise pflegt und sich dabei auch von der Glaubensfreude der jungen Kirchen anstecken lässt.“ So hoffnungsfrohe Worte hat man in der Kirche deutscher Zunge lange nicht gehört.


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