26 September 2011, 13:30
Die 'Revolution Benedikt'
 
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Game over: Entweder die deutsche Kirche folgt dem Wort des Papstes oder sie festigt ein bereits bestehendes de-facto-Schisma. Eine Analyse von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Es besteht kein Zweifel: die Deutschlandreise Papst Benedikts XVI. war ein historisches Ereignis. Was der Papst gesagt und getan hat, ist wie ein glühender Stein, der in einen trüben Tümpel geworfen wurde, der so nicht umhin kam, sich zu erhitzen, zu brodeln, aufgewühlt zu werden. Der Stein ist so glühend, dass er auch unter dem morastigen Wasser weiterleuchtet. Es geht darum, den schlammigen Tümpel zu reinigen, um das Licht der altneuen Glut des Glaubens, den der Papst verkündet, zum Mittelpunkt des Seins und der notwendigen Erneuerung zu machen. Natürlich gilt das Wort des Papstes nicht allein der Kirche in Deutschland. Der Papst spricht immer auch an die Weltkirche. Nur nimmt sein Wort in einem säkularisierten Land einen besonderen Geschmack an, zumal wenn es an eine Kirche gerichtet wird, die in ihrem Innern mit einer fortschreitenden Selbstsäkularisierung zu kämpfen hat.

Jenseits der Worte, der Inspirationen und Lehren, die diesen entnommen werden könnten – so sie denn gehört und angenommen werden, verdeutlichte sich während der Reise gleichsam in einem Crescendo ein Abstand zwischen der Wahrheit des Glaubens, die der Papst predigt, und der kirchlichen Wirklichkeit, die ihn umgab: angefangen bei zweifelhaften „Demokratiespielchen“ im „Vorprogramm“ zur Jugendgebetsvigil in Freiburg am Samstag Abend bis hin zur Art des Kommunionempfangs während der heiligen Messe. Der Unterschied zwischen dem eucharistischen Feiern des Papstes und dem der anderen dürfte wohl nie so klar zutage getreten sein wie in diesen Tagen.

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Deutlich geworden ist, was Benedikt XVI. vom vielzitierten „Dialogprozess“ zu halten scheint: nämlich nichts. Eines der in der letzten Zeit meist genutzten Worte – „Dialog“ – es kam nie von den Lippen des Papstes, dies in einem Land, in dem sich die Kirche ja programmatisch bis zum Jahr 2015 eben diesem „Dialogprozess“ verschrieben hat, einem Prozess, der nach weltlichen Strukturen konzipiert ist, der den üblichen weltlichen Schemen folgt. Dem hält Benedikt XVI. den „ungleichen Tausch“ zwischen Gott und Mensch entgegen, dem sich die Kirche verdankt. Und der Akzent steht auf „ungleicher“ Tausch. Der Papst betont die Notwendigkeit der „Ent-weltlichung“ der Kirche als Bedingung für jede wirkliche „Änderung“, damit nicht einfach frische Farbe auf verfaultes Holz aufgetragen und so der Anschein des „Neuen“ aufrecht erhalten wird. Mit anderen Worten: Es geht um die Substanz, die nicht Ergebnis eines auch noch so ausgefeilten Lavierens sein kann, denn: „Was das grundlegende Motiv der Änderung betrifft, so ist es die apostolische Sendung der Jünger und der Kirche selbst“.

„Dieser ihrer Sendung muss die Kirche sich nämlich immer neu vergewissern“, so der Papst in seiner letzen Ansprache im Freiburger Konzerthaus. Diese Sendung „gründet zunächst in der persönlichen Erfahrung“, „sie kommt zum Ausdruck in Beziehungen“ und „sie gibt eine universelle Botschaft weiter“. Durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt aber, so die Mahnung Benedikts XVI., „wird dieses Zeugnis immer wieder verdunkelt, werden die Beziehungen entfremdet und wird die Botschaft relativiert“. Daraus ergibt sich für die Kirche die vordringliche Notwendigkeit, immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung zu nehmen, „sich zu ent-weltlichen“.

Dazu gehört, nicht an der äußeren Gestalt der Kirche hängen zubleiben, sondern das Geheimnis der Kirche aus der Tiefe ihrer Christusverbundenheit zu erfassen. Und dieses steht nicht zur Verfügung und kann nie Gegenstand eines „Dialogs“ sein. Denn, so der Papst in seiner Predigt im Berliner Olympiastadion: Bleibt man mit dem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen, so „erscheint die Kirche nur mehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe ‚Kirche’ zu beurteilen und zu behandeln ist“. Dann verschwindet die Freude an der Kirche und am Kirche sein, es „verbreiten sich Unzufriedenheit und Missvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von ‚Kirche’, die eigenen ‚Kirchenträume’ nicht verwirklicht sieht“.

Fazit: Dialogprozess ade. Anders gesagt: Den Dialogprozess an die Spitze der Erneuerung des kirchliche Lebens zu stellen, bedeutet, das Pferd von hinten her aufzuzäumen. Denn es gibt keine Kirche, in der sich ihre Glieder nicht zuerst an Gott wenden, um ihm zu danken, dass er sie in seine Kirche berufen hat.

Die Worte des Papstes in Berlin, in Freiburg an das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ und schließlich an die ganze Kirche im Konzertsaal stellen einen Meilenstein dar: jetzt ist es nicht mehr möglich, sich herauszureden, sich in Kommissionen, Ausschüssen und Dialogecken zu verstecken. Wie Christus stellte sein Stellvertreter die entscheidende Frage, die nicht „strukturell“ zu lösen ist: Liebt ihr Christus? Liebt ihr die Kirche, seinen mystischen Leib? Benedikt XVI. fordert, es mit dem unaufhebbaren Skandal des Christentums ernst machen, der es erfordert, „die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen“. Das hat nichts mit einer Weltverweigerung oder Weltverleugnung zu tun, sondern mit der wahren Freiheit des Christen, der bar des Ballasts des Herkömmlichen in der Lage ist, die Lebenskraft des Christlichen authentisch zu vermitteln. Das heißt natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil.

Es gibt keine Taktiken, die Bestand haben könnten, um der Kirche „Geltung“ zu verschaffen, so Benedikt XVI. im Freiburger Konzerthaus: „Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist“.

Die „Revolution Benedikt“ ist in eine neue, noch ausdrücklichere Phase getreten. Der Papst will Radikalität, Leidenschaft und Einkehr in das Urgestein des Glaubens, denn nur aus diesem Glauben erwächst „der Rest“. Er fordert die „totale Redlichkeit“ ein, die alles Relative entlarvt und daher durch das von der „Fackel des unverfälschten Glaubens“ entfachte Feuer beseitigt. Denn: nur um diesen unverfälschten Glauben, um den Primat Gottes geht es dem Papst, der nicht Ergebnis, sondern Fundament ist. „Vor allem müssen wir den Primat Gottes in unserer Welt, in unserem Leben wiedergewinnen, denn es ist dieser Primat, der es uns gestattet, die Wahrheit über das, was wir sind, neu zu finden, und gerade dadurch, dass wir den Willen Gottes erkennen und ihm folgen, werden wir unser wahres Wohl finden“, hatte Benedikt XVI. am 11. September in Ancona erklärt.

In Deutschland zeigte Benedikt XVI., dass er ein Prophet ist. Seine Mahnungen und Weisungen rufen unmittelbar seinen großen und heiligen Vorgänger Gregor VII. in Erinnerung, durch dessen Reformwerk die damals darbende Kirche zu neuer Blüte und Heiligkeit gelangte. Es bleibt zu hoffen, dass der revolutionäre Sturm, den Benedikt XVI. zu entfachen versuchte, nicht durch die Banalität des Alltäglichen erstickt wird.

Vielen wäre es genehm, könnte man den Besuch des „deutschen Papstes“ als nunmehr abgefeierte Show abhaken und zum „business as usual“ übergehen. Es bleibt zu hoffen, dass es einen Boden gibt, der das Wort des Papstes wie ein trockener Schwamm aufgesogen hat, so dass er zu neuer Fruchtbarkeit gelangen kann. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Boden von den Hirten gepflegt und auch vom Papst nicht vergessen wird. Gleichzeitig dürfte es nunmehr für viele schwerer sein, sich unbehelligt über das Wort Benedikts XVI. hinwegzusetzen. Der „kleine Rest“ ist aufgerufen, „cum et sub Petro“ voranzuschreiten und die Lehren des Papstes an die deutsche Kirche umzusetzen.

Das Testament und Erbe Benedikts XVI. ist die Möglichkeit, mit ihm zum festen Glaubensgrund vorzustoßen und ihn zum Ausgangspunkt für wahre Erneuerung zu machen. Alles andere wäre banales Gerede einer Kirche, die es aufgegeben hat, den „Skandal des Kreuzes“ zu verkündigen, und der Illusion erliegt, attraktiv zu sein, indem sie sich der Welt ausliefert und die Wahrheit verkauft. Man könnte sagen: „the game is over“: entweder die deutsche Kirche folgt dem Wort des Papstes oder sie festigt ein bereits bestehendes de-facto-Schisma. Das Testament des Papstes ist die absolute Herausforderung, an der sich die Zukunft entscheidet.

Dr. Armin Schwibach ist Vatikankorrespondent von KATH.NET in Rom

Das Video von der Ansprache des Heiligen Vates an die engagierten Laien:



Ansprache an die JUGEND:



Video von der Predigt in Freiburg:







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