16 September 2011, 12:00
Kaputte Kirche?
 
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Eine echte Reform der Kirche fängt, so banal es klingt, beim Geld und das heißt bei der staats-kirchlichen Finanzverquickung an - Ein KATH.NET-Gastkommentar von Prof. Hubert Windisch, Universität Freiburg

Freiburg (kath.net)
Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in seiner Antwort auf das Memorandum deutschsprachiger Theologen vom Februar dieses Jahres einleitend davon spricht, dass den Papst bei seinem Deutschlandbesuch im Herbst eine lebendige Kirche erwarten werde, die fest in der Gesellschaft verwurzelt sei, dann ist das eher das berühmte Pfeifen im Walde als eine nüchterne Analyse der gegenwärtigen kirchlichen Situation in Deutschland. Wer im Walde pfeift, hat Angst. Wovor aber hat man in den Führungsetagen der Kirche Angst? Es ist die Angst, der Wahrheit in bezug auf den Zustand der Kirche und ihrer Theologie in Deutschland ins Gesicht zu schauen. Es ist ja beileibe nicht so, dass die Kirche bei uns lebendig und fest in der Gesellschaft verwurzelt ist.

Das mag vielleicht noch für einen kirchlichen Überbau, also für Kirchenstaffage und die dazu nötigen Sach- und Personalausstattungen gelten. Es mag auch bezüglich kirchlicher Lebendigkeit die sog. pastoralen Ungleichzeitigkeiten geben, wonach ein Schwarzwalddorf noch anders in kirchlichem Glauben und Brauchtum beheimatet ist als eine Großstadtpfarrei in München. Und es gibt auch noch sich kirchlich verstehende Theologen und Theologinnen jenseits des Memorandums.

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Aber ein ehrlicher und angstfreier Blick auf die kirchliche Gesamtsituation, die sich in den protestantischen Kirchen noch dramatischer darstellt als in der katholischen Kirche, zwingt zu der Behauptung, dass wir uns seit geraumer Zeit im beschleunigten Prozeß einer rasanten Minderung an Christlichkeit und Kirchlichkeit befinden, und zwar in quantitativer und qualitativer Hinsicht.

In quantitativer Hinsicht läßt sich diese Aussage laut den statistischen Zahlen mit Händen greifen: In Kürze werden die katholische Kirche und die protestantischen Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland nur noch je ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, wovon maximal ca. 10-15% der jeweiligen Christen aktive Gemeindemitglieder sein werden. Damit ist auch schon die qualitative Minderung an Christlichkeit innerhalb der Kirchen selbst angedeutet, die sich etwas plakativ mit der Verschiebung weg vom substantialen hin zum funktionalen Glaubens- und Kirchenverständnis, weg vom objektiven Credo der Kirche hin zu einem rein subjektiven Credo des einzelnen und weg von einer personal-geschichtlichen hin zu einer apersonal-zeitlosen Gottesvorstellung beschreiben lässt.

Ein elementarer Zerfall einer bisher gewohnten äußeren und inneren Kirchengestalt ist im Gang, der vor allem auch mit einer erschreckenden Entfernung großer katholischer Orden von ihrem Ursprung verbunden ist. Wenn z. B. ein namhafter Vertreter des Jesuitenordens angesichts von kirchlichen Mißbrauchsfällen, die zu über 80% homosexuellen Hintergrund aufweisen, anmahnt, die Kirche müsse ihre Homophobie überwinden, dann muß man leider im gesamten Zerfallsprozeß auch eine rasante Minderung an Intellektualität notieren.

Es gibt im Augenblick einen nicht zu leugnenden innerkirchlichen Richtungsstreit. Bei diesem Richtungsstreit geht es vor allem bei medial sehr präsenten Kirchenfunktionären um die Auflösung des Auftrags der Kirche in gesellschaftliche und staatliche Gesetzmäßigkeiten.

Letztlich will man ein Staatskirchentum neuzeitlicher Prägung. Die Kirche soll ins Boot der Zeit, um allem und jedem das Weihwasser zu geben. Der Altar sei des Thrones Untertan. Man sagt dafür gerne, die Kirche müsse modern sein bzw. endlich modern werden, und meint eigentlich nur die Unterwerfung der Kirche unter die aktuellen Zeitläufte.

Geschickt werden dazu von den jeweiligen Machthabern ausgediente politische Komparsen in kirchliche Gremien wie z. B. das ZdK geschleust, um die Reformkalauer „Abschaffung des Zölibatsgesetzes, Zulassung der Frauen zur Priesterweihe und positive Bewertung der Homosexualität“ am Köcheln zu halten. Nimmt man aber den Zustand der Ehe in heutiger Zeit, die Problematik der Frauenordination in den protestantischen Kirchen und die Auswirkungen der politischen Schwulenlobby auf Gesellschaft und Kirche ernst, dann sind die genannten Reformkalauer eher Zerfallsbeschleuniger als Zerfallsverhinderer des kirchlichen Systems.

Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Kirchenzerfall mit einem Profilverlust der deutschen Theologie ohnegleichen einhergeht. Eingebunden in die politischen und marktlogischen Vorgaben der zuständigen Ministerien ist die deutsche Theologie dabei, ihr Selbstverständnis und ihren Selbstand zu verlieren. Das Memorandum ist eigentlich ein Mitleid erregender Ausdruck dafür.

Wenn man einen aus unterschiedlichsten Themen von unterschiedlichster Wertigkeit zusammengerührten Brei der Kirche – im Ton übrigens sehr autoritär – als Reformen vorschlägt und wissen kann, dass daran die Kirchen der Reformation schon wieder zerbrechen, muß man entweder an der Wirklichkeitsfähigkeit oder an der Motivation der Unterzeichner zweifeln. Nicht Anpassung an die Vorgaben der teilweise so kaputten modernen Welt ist die Lösung, die im Kniefall mancher Theologen vor der Tür des Rektorats einer Universität zu symbolisieren wäre.

Widerständigkeit gegen die kurzatmige Nachahmung politischer und marktlogischer Verhältnisse, die über kurz oder lang zum Verlust der spirituellen Dimension, zum Verlust der Seele in der Theologie führt, wäre angebracht. Die Theologie braucht wieder den Kniefall vor dem Tabernakel in der Kirche. Freilich wäre für eine derart produktive Widerständigkeit – und das spüren die Theologen – ein gewisser Preis zu zahlen. Theologie würde den gängigen Denk- und Praxisplausibilitäten im Wissenschaftsverständnis und -betrieb gegenüber noch fremder werden als sie es ohnehin schon ist. Es könnte zu einem neuen rechtlichen Status der theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten kommen, was auch persönliche Konsequenzen für die Theologen hätte.

Theologischer Mut zu dieser Fremdheit würde sich dann auch über theologisch-berufliche Selbstbehauptung hinaus der Frage stellen, wozu die Leute eigentlich Kirche und ihre Theologie brauchen. Angesichts der religionszoziologischen Fakten ist es ja nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Leute in Zukunft Kirche gar nicht wollen und zwar auch nicht so, wie sie im Memorandum angeboten wird. In der Tat: Brauchen die Leute für ihr ewiges Heil wirklich eine Kirche, die sich bei uns immer mehr als ein selbstreferentielles System mit einem hochdotierten und aufgeblähten Pastoral- und Theologenapparat erweist, die Leute aber in ihrer Gottesnot allein lässt, oder brauchen die Leute eine solche Kirche nicht? Wenn die Kirche mit ihrer Theologie auf diese Frage keine Antwort findet, ist sie nicht mehr wichtig, sondern tut nur noch wichtig.

Eine echte Reform der Kirche fängt, so banal es klingt, beim Geld und d. h. bei der staats-kirchlichen Finanzverquickung an. Es muß diesbezüglich wieder Gottes und des Kaisers sein, was Gottes und des Kaisers ist, ansonsten wird das an sich nie spannungsfreie Miteinander von Kirche und Staat zur finanzierten Kumpanei. Man bekommt zwar für Gotteskaiserdienste leicht die Narrenkappe, aber keinen Respekt. Im Gegenteil: Die Kirche wird zum Tanzbär in der Manege der Tagespolitik, der mit dem Geldring in der Nase tollpatschige Kreise dreht. Der Beifall ist dem Bären sicher, jedoch als Hohn und Verachtung. Denn eigentlich ist der Bär doch frei. Er müsste den Ring nicht tragen. Deshalb einige einfache Vorschläge, die der Kirche und ihrer Theologie wieder zu einer ihr angemessenen Souveränität verhelfen können: Bischöfe sollten nicht mehr vom Staat bezahlt werden. Pfarrer und Theologieprofessoren auch nicht. Bischöfe sollten keinen Eid mehr auf die staatlichen Verfassungen leisten. Und Kirchensteuer und Freiwilligkeit der Gläubigen dürften sich nicht mehr ausschließen. Was bliebe, wäre sicherlich eine neue kirchliche Bescheidenheit – jedoch getragen von großem Selbstbewusstsein.

Prof. Hubert Windisch ist Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg








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