05 August 2011, 11:10
Deutsche Teilung: Mein Glaubenserlebnis auf Raten
 
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Vor 50 Jahren wurde die Mauer in Berlin gebaut - Von Uwe Siemon-Netto,

Berlin (kath.net)
Kein Ereignis bewegte Europa nach dem Zweiten Weltkrieg so sehr wie der Bau der Berliner Mauer ab dem 13. August 1961. Erstmals wurde eine Stadt eingemauert. Wer die Mauer von Ost nach West überkletterte, wurde erschossen. Deutschland schien endgültig geteilt. Uwe Siemon-Netto war als junger Journalist dabei. Anlässlich des Jahrestages blickt er für idea zurück.

Mit einem Anruf am Sonntagmorgen begann vor 50 Jahren die dramatischste Phase meiner Laufbahn – und zugleich ein jahrzehntelanges Glaubenserlebnis auf Raten. „Schmitti“, der stellvertretende Chefredakteur des deutschen Dienstes der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in Frankfurt am Main – wo ich als junger Journalist arbeitete –, war am Telefon. „Los, zum Flughafen!“, bellte er in den Hörer. Verschlafen fragte ich: „Nach Leopoldville?“ Ich hatte mich seit Wochen darauf vorbereitet, für AP über den Bürgerkrieg im früheren Belgisch-Kongo zu berichten. „Nach Berlin“, beschied mir Herbert Schmitt. „DDR-Staatschef Walter Ulbricht baut eine Mauer!“

Mein längster Arbeitstag war am 13. August 1961

Dies war am 13. August 1961. Vor mir lag der längste Arbeitstag meines Lebens: 36 Stunden. Ich flog in einer viermotorigen Propellermaschine der amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am nach Tempelhof und fuhr in einem Leihwagen sofort zur Bernauer Straße, die entlang der Grenze zwischen dem französischen und dem sowjetischen Sektor verlief. Als ich dort eintraf, seilten sich an ihrer Ostseite Menschen von den Fenstern ab, während Volkspolizisten über die Hinterhöfe die Mietshäuser stürmten. Flüchtlinge sprangen in Feuerwehrnetze. Neun Tage später verfehlte Ida Siekmann (59) das Netz. Sie wurde das erste Maueropfer.

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Ich war in jener Zeit ein eher lauer Christ, der Gott einen Platz im Wartesaal der eigenen Biografie zugewiesen hatte. Und was ich an der Bernauer Straße sah, gab mir keinen Grund zum Optimismus. Ich war erst 24, rechnete aber nicht damit, ein wiedervereinigtes Berlin und Deutschland zu erleben. Dass Gott letztlich der Herr der Geschichte ist, wurde mir erst viel später klar.
Ich habe unzählige Dramen miterlebt
Die Bernauer Straße wurde mein wichtigster Arbeitsplatz. Ich war da, als DDR-Arbeiter Stacheldrahtverhaue zogen und dann durch die Mauer ersetzten, und als sie die Versöhnungskirche auf der Ostseite der Sektorengrenze unzugänglich machten. Und ich war vor Ort, als Betriebskampfgruppen das Feuer auf eine neunköpfige Flüchtlingsfamilie eröffneten, woraufhin ein französischer Leutnant im Jeep herbeieilte, aus seinem Maschinengewehr eine Warnsalve abgab und den Ost-Milizionären per Lautsprecher zurief: „Stoppt – oder ich schieße zurück!“ Die Flüchtlinge kamen heil über die Grenze. Ich lud sie zum Willkommenstrunk in eine Eckkneipe ein und begleitete sie dann zum Notaufnahmelager Marienfelde.
Der Westberliner Stadtteil Marienfelde war die Hauptbühne dieses deutsch-deutschen Dramas. Von den bis dahin rund 2,6 Millionen „Zonenflüchtlingen“ wurden im Notaufnahmelager in der Marienfelder Allee 1,5 Millionen untergebracht und versorgt, ehe sie in die Bundesrepublik ausgeflogen wurden. Bevor Ulbricht am 13. August die Grenze schließen ließ, kamen täglich bis zu 2.500 neue hinzu. Die DDR-Wirtschaft stand vor dem Kollaps. Ganze Industriebetriebe konnten nicht mehr produzieren, weil ihnen die Fachkräfte davongelaufen waren.
Chruschtschow: Kennedy ist ein „Knabe in kurzen Hosen“
Aber die Dinge standen auch für den Westen schlecht. Ulbricht drängte darauf, dass der Flüchtlingsstrom gestoppt wurde; er wollte die Kontrolle über die Zufahrtswege nach Berlin, wo noch die vier Siegermächte USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion das Sagen hatten. Im Juni hatte mich AP nach Wien geschickt, um die Redaktion während des Gipfeltreffens zwischen dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy zu verstärken. Was wir damals hörten, bestätigte jüngst der frühere Diplomat W. R. Smyser in seinem Buch „Kennedy and the Berlin Wall“: Chruschtschow hielt Kennedy für einen unreifen „Knaben in kurzen Hosen“, der sich einschüchtern ließ.
Kennedy war anfangs tatsächlich kein Freund der Deutschen; das änderte sich erst 1963, als er vor dem Schöneberger Rathaus einer jubelnden Menge zurief: „Ich bin ein Berliner.“ Aber vorläufig ließ er die Kommunisten gewähren, womit er dem Drängen enger Mitarbeiter wie Außenminister Dean Rusk und Sicherheitsberater McGeorge Bundy folgte – linksintellektueller „Eierköpfe“, über die der frühere US-Hochkommissar John J. McCloy gegenüber Bundeskanzler Konrad Adenauer spottete: „Diese Typen hatten in ihrer bisherigen Laufbahn nie Wichtigeres zu entscheiden, als wer von ihren Professorenkollegen verbeamtet werden durfte.“ Egon Bahr, engster Vertrauter des damaligen Regierenden Bürgermeisters in Berlin, Willy Brandt (SPD), sagte mir später, dass sein Misstrauen gegenüber den USA von dieser Episode rührte. Brandt betäubte seinen Kummer auf eine Weise, die Adenauer veranlasste, ihn „Willy Weinbrandt“ zu nennen. Es muss Kennedy zugutegehalten werden, dass er General Lucius Clay, den „Vater der Berliner Luftbrücke“ 1948–49, als seinen Sonderbeauftragten in die geteilte Stadt schickte. Clay – Spitzname „der Kaiser“ – stärkte seinem Präsidenten das Rückgrat und verhinderte so weitere Zugeständnisse an die Sowjetunion. Die Berliner liebten ihn wie keinen anderen Staatsmann vor oder nach ihm.
Die Berliner erwiesen sich als unbeugsam
Apropos Berliner: Sie waren einerseits schnelllebig und trinkfest, andererseits aber machten sie jedem Besucher klar, dass sie sich nie wieder einem Tyrannen beugen würden. Selbst die Weltkrise im Mauerjahr 1961 konnte uns nicht von derben Späßen abhalten.
Einer meiner Beobachtungsposten war ein Erkerzimmer über dem schmuddeligen „Café Kölln“ am Grenzübergang Checkpoint Charlie; heute ist in diesem Haus das Mauermuseum untergebracht. Aus meinem Fenster hatte ich einen guten Blick auf die DDR-Kontrollposten. Eines Abends erspähte ich einen weißen Mercedes 220 mit Ost-Berliner Nummernschild, und wer saß am Steuer? Der „Sudel-Ede“ – Karl-Eduard von Schnitzler, der in seinem Hetzprogramm im DDR-Fernsehen – „Der Schwarze Kanal“ – seine Polemiken gegen die Bundesrepublik mit Ausschnitten aus westdeutschen Fernsehsendungen zu belegen versuchte.
Schnitzlers Frau, die wunderbare ungarische Schauspielerin Marta Rafael, musste wohl an jenem Tag auf Tournee gewesen sein – denn „Sudel-Ede“ kam augenscheinlich in der Absicht, unter West-Berlins einsamen Herzen zu wildern. 16 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier viele partnerlose Frauen in den besten Jahren, weil die Männer, die zu ihnen gepasst hatten oder hätten, im Krieg gefallen waren. Und wo fanden sie abends Zerstreuung? In Ballhäusern wie dem „Resi“ in der Hasenheide, einem Etablissement mit tanzenden Fontänen, 200 Tischtelefonen und Rohrpost zu allen Gästen. Dorthin steuerte Schnitzler seinen Mercedes. Eine Horde frecher West-Journalisten setzte ihm nach, entschlossen, seine Schürzenjagd zu vereiteln. Wir verteilten uns im Ballsaal, riefen unentwegt seine Tischnummer an und baten ihn per Rohrpost zum Tanz, so dass es ihm nicht gelang, einsame West-Herzen zu brechen. Wutentbrannt fuhr er in den Osten zurück; wir hingegen feierten im „Café Kölln“ unseren persönlichen Etappensieg im „Kalten Krieg“.
Gefährliche Konfrontation am Checkpoint Charlie
Auf der Leipziger Frühjahrsmesse des Jahres 1961 hatte ich eine DDR-Funktionärin kennengelernt, die das Ulbricht-Regime hasste. Sie ersann pfiffige Methoden, mir Informationen zukommen zu lassen. Als Geschenk zu meinem 25. Geburtstag erwies sich ihr Hinweis, ich solle zum ehemaligen Kronprinzenpalais in den Ostsektor eilen. Dort entdeckte ich – meines Wissens als erster Journalist –, dass drei Dutzend sowjetische Panzer in die Stadt eingerückt waren. Ich hatte meine Sensationsgeschichte. Zwei Tage später, am 27. Oktober, kam es zu einer höchst brisanten Konfrontation zwischen ihnen und amerikanischen Tanks am Checkpoint Charlie, bei der die ganze Welt den Atem anhielt.
Plötzlich war ich eine unerwünschte Person
Tags drauf wollte ich mich mit ihr treffen, wurde aber am Übergang Heinrich-Heine-Straße aufgehalten und wegen meines Panzer-Berichts verhört: „Wer war Ihr Informant?“ Ich gab ihren Namen nicht preis, erfuhr jedoch bald, dass ich meine Familie in der DDR nun auf Jahre hinaus nicht mehr sehen würde. Meine Großmutter lebte in Leipzig. Ihre Nachbarin war eine wohlmeinende „Volksanwältin“, und diese hatte ihr die Warnung zugesteckt, dass ich beim nächsten Einreiseversuch festgenommen und wegen „Spionage“ vor Gericht gestellt werden sollte. Meine Großmutter schickte mir diese Information in einem Aluminium-Kassiber, den sie in einen Mohnkuchen eingebacken hatte. Es schien, als wäre ich jetzt für immer aus meiner sächsischen Heimat verbannt und von meiner dort verbliebenen Familie abgeschnitten. Zugleich nahm meine Karriere eine jähe Wende. Der Axel-Springer-Verlag warb mich von AP ab und schickte mich ins Ausland – erst nach London, dann nach Paris, New York, Vietnam, Hongkong und in den Nahen Osten. Deutschland schien fern – und auf ewig geteilt.
Ausgerechnet in Karl-Marx-Stadt ein Aufbruch
Aber wie so oft erwies sich die „Ewigkeit“ als recht kurz. 1973 kehrte ich nach Deutschland zurück. Im selben Jahr beschloss die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki Reiseerleichterungen zwischen Ost und West – sie betrafen auch mich. Zwei Jahre später erwirkte das ZEIT-Magazin für mich überraschend ein sechsmonatiges DDR-Visum, das tiefe Folgen für mein Glaubensleben haben sollte. Ich eilte sofort zu meinem Onkel Horst Persing, der bei Leipzig eine Pfarrstelle innehatte. Er berichtete mir von einem lawinenartig wachsenden Aufbruch unter jungen DDR-Bürgern und schickte mich unter anderem zu Pfarrer Theo Lehmann. In dessen Schlosskirche in Chemnitz – damals Karl-Marx-Stadt – erlebte ich einen Jugendgottesdienst mit Tausenden von Teilnehmern, darunter Volksarmisten in Uniform. Wo immer ich auf meinen Reisen durch Mitteldeutschland hinkam: Überall begegnete ich begeisterten jungen Christen.
Ich erfuhr, dass diese Bewegung bereits im Frühsommer 1968 in meiner Heimatstadt Leipzig ihren Anfang genommen hatte – zu einer weltweit turbulenten Zeit, in der ich in Vietnam schwere Gefechte miterlebt hatte, während in West-Berlin Horden linker Studenten mit Vietcong-Fahnen durch die Straßen zogen. In Leipzig hatte Ulbricht am 30. Mai am Karl-Marx-Platz – der heute wieder Augustusplatz heißt – die grazile Universitätskirche St. Pauli (im Volksmund „Unikirche“ genannt) sprengen lassen. Drei Wochen später war bei einem internationalen Bach-Wettbewerb in der Kongresshalle am Zoo vor Prominenten aus aller Welt ein großes gelbes Plakat entrollt worden. Es zeigte die Umrisse der ehemaligen Kirche und die Aufschrift „Wir fordern Wiederaufbau“. Die barbarische Zerstörung der beliebten Kirche, so erfuhr ich 1975 während meines Heimatbesuches, war ein Mit-Auslöser der Friedensbewegung, deren Zeuge ich wurde. Sie schwoll zu einer Lawine an, die 1989 die Berliner Mauer zum Einsturz brachte und ein Jahr später Deutschland seine Wiedervereinigung bescherte. Kein Erlebnis hat meinen christlichen Glauben dergestalt gefestigt wie dieses. Ich verstand an diesem handfesten Beispiel den Wahrheitswert des Sprichwortes: „Der Mensch denkt – und Gott lenkt“.
Kehrt der Osten zum Glauben zurück?
Damit ist meine Geschichte aber noch nicht zu Ende. Unter dem Schirm der Kirche konnte die friedliche Revolution in Deutschland gedeihen und schließlich Früchte tragen. Aber die Hoffnung, dass die (Ost-)Deutschen zum Glauben ihrer Väter zurückkehren würden, erfüllte sich leider nicht. Fast alle evangelischen Kirchen brachten es nicht über sich, am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, Gott für die friedliche Revolution und die Einheit mit Kirchengeläut zu danken. In einer Gemeinde in Berlin wurden gar Trauergottesdienste für „die verschiedene Braut“ gefeiert – gemeint war die DDR. Ostdeutschland gilt heute neben Tschechien als die gottloseste Region Europas – und Berlin als heidnischste Hauptstadt.
Gottes Ironie ist noch für manche Überraschung gut
Als einer, der den Mauerbau und eine Generation später allem Pessimismus zum Trotz Deutschlands wiedererlangte Einheit aus nächster Nähe miterlebt hat, hüte ich mich aber, den Glaubensabfall meiner Landsleute als endgültig zu akzeptieren. Geschichte ist nach vorn immer offen und der Heilige Geist stets für Überraschungen gut. Es gibt schließlich kaum ein einprägsameres Symbol für Gottes Ironie als den 368 Meter hohen Berliner Fernsehturm – ein Produkt kommunistischer Großmannssucht. An klaren Tagen spiegelt sich die Sonne in der Form eines Kreuzes in der Glaskugel an der Spitze dieses Ulbricht-Baus wider. Ulbricht, ein kleinkarierter Despot, soll sich darüber so geärgert haben, dass er die Architekten dieses Turms nicht zu seiner Einweihungsfeier einladen ließ. Mir aber beweist diese hinreißende Begebenheit den Wahrheitsgehalt einer meiner liebsten Bibelstellen: „Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer“ (Psalm 2, 4).

Der Autor, Dr. Uwe Siemon-Netto, leitet heute das Zentrum für Lutherische Theologie und Öffentliches Leben an der Concordia-Universität in Irvine (Kalifornien), wo der 74-Jährige zugleich einen Lehrauftrag für Journalistik hat.

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