05 Juli 2011, 20:00
Otto von Habsburg war auch der Sohn eines Seligen
 
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Historikerin Giovanna Brizi: Karl I. hat Zeugnis der Gottes- und Nächstenliebe vor allem während seiner letzten Exilsmonate auf Madeira eindrucksvoll gelebt - Kathpress-Hintergrundbericht von Franz Morawitz

Wien (kath.net/KAP) Otto von Habsburg war auch Sohn eines Seligen: Unter den fünf Seligen, die Johannes Paul II. am 3. Oktober 2004 zur "Ehre der Altäre" erhob, war der Vater Ottos der "letzte": Denn Karl I. (1887-1922), Kaiser von Österreich (als König von Ungarn Karl IV.), kam erst nach den Priestern Pierre Vigne und Joseph Cassant sowie den Ordensfrauen Anna-Katharina Emmerick und Maria Ludovica de Angelis an die Reihe, als der damalige Papst die Namen der neuen Seligen in der lateinischen Verkündigungsformel aussprach. Dennoch war es Karl, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog.

In Österreich löste die Seligsprechung für Kaiser Karl damals Auseinandersetzungen aus, bei denen mehr als einmal die Grenzen der nüchternen Diskussion überschritten wurden. Der Vatikan und das Haus Habsburg sahen sich gezwungen, mit einer Informationsoffensive dagegen zu halten. Ein vom Haus Habsburg eigens zu diesem Anlass eingestellter Pressesprecher informierte in Rom gemeinsam mit Historikern die Vatikan-Journalisten über den Stand der Kaiser-Karl-Forschung und die geschichtlichen Zusammenhänge.

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Betont wurde, dass Karl im Ersten Weltkrieg stets für den Frieden eingetreten sei und dass er sich Verdienste erwarb, weil er durch seine Zurückhaltung die unblutige Auflösung der Donaumonarchie ermöglicht habe. Der damals im Vatikan für die Seligsprechungsprozesse zuständige Kardinal, Jose Saraiva Martins, sagte, weder die Herrscherfamilie der Habsburger noch die Monarchie als Staatsform seien mit dieser Seligsprechung gemeint. Vielmehr gehe es einzig um die Frömmigkeit und das vorbildhaft aus dem Glauben gestaltet Leben des Christen Karl von Österreich.

Papst Johannes Paul II., dessen Vater noch unter Kaiser Karl im Vielvölkerreich der Habsburger als Soldat gedient hatte, bewies, dass er geschichtlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Österreich nicht nötig hatte. Er erklärte beim Gottesdienst die Seligsprechung mit einfachen, aber klaren Worten: "Von Anfang an verstand Kaiser Karl sein Herrscheramt als heiligen Dienst an seinen Völkern. Sein ernstes Bestreben war es, der Berufung des Christen zur Heiligkeit auch in seinem politischen Handeln zu folgen. Dabei war ihm der Gedanke der sozialen Liebe wichtig."

Letzte Monate auf Madeira entscheidend

Das für eine Seligsprechung notwendige Zeugnis der Gottes- und Nächstenliebe habe Karl vor allem während seiner letzten Exilsmonate auf Madeira 1921/22 eindrucksvoll gelebt, betonte die römische Historikerin und Theologin Giovanna Brizi bei einem Symposion in Wien, das im Zuge der Seligsprechung im Februar 2004 stattgefunden hatte. Karl I. habe "die Herzen der Inselbewohner in knapp fünf Monaten erobert". Sie hätten aber nicht den "exilierten Kaiser Karl I." gesehen, sondern den "guten Menschen Carlos". Diesen hätten sie häufig in der Kirche Nossa Senhora do Monte beim Gebet angetroffen.

Karl habe sich ab dem Zeitpunkt, an dem er vom Verschwinden der Familienjuwelen erfuhr, die er zur Finanzierung eines Hauses in Funchal dringend gebraucht hätte, in die Erkenntnis gefügt, dass er "einen Golgotha-Weg gehen" müsse, so Brizi. Am Tag der Beerdigung des Monarchen seien in Funchal sämtliche Geschäfte geschlossen gewesen, sagte die Historikerin: "Tausende nahmen am Begräbnis teil".

Problem Giftgas

Von den Kritikern der Seligsprechung wird immer wieder das Giftgas thematisiert. Für Karl war der Gaswerfereinsatz an der Isonzo- und Piavefront zweifellos ein Gewissensdilemma.

Er unternahm mehrfach Friedensbemühungen im Ersten Weltkrieg. Dazu zählten jene, bei denen er die Vermittlung seiner Schwager Prinzen Franz Xaver von Bourbon-Parma und Prinz Sixtus von Bourbon-Parma ("Sixtus-Affäre") in Anspruch nahm. Die Sixtus-Briefe boten zwar eine große Friedenschance im Ersten Weltkrieg, das Projekt floppte jedoch aufgrund zahlreicher Pannen. Kaiser Karl bekannte sich dennoch auch im Exil zu der Aktion.

Papst wollte Restauration in Ungarn

Die beiden Versuche von 1921, in Ungarn seine königliche Verantwortung und Aufgabe wieder auszuüben, ernten ebenfalls viel Kritik. Karl unternahm sie jedoch auf ausdrücklichen Wunsch Papst Benedikts XV. Die - in heutiger Sicht prophetische - Sorge des Papstes galt einer kommunistischen Bedrohung Ungarns und der anderen Nachfolgstaaten der Monarchie. König Karl sollte stabile Verhältnisse schaffen und im weiteren eine Konsolidierung der Mitte Europas herbeiführen. Als dem Monarchen klar geworden war, dass der Restaurationsversuch in einem Bürgerkrieg enden würde, gab er auf, da er ein Blutvergießen vermeiden wollte.

Nach dem Scheitern der Restauration und einer kurzen Internierung in der Abtei Tihany am Plattensee wurde Karl auf die portugiesische Insel Madeira gebracht. Dorthin hatte ihn die Entente nun verbannt, um ihm Auftritte in seinem ehemaligen Herrschaftsbereich unmöglich zu machen.

Das Paar traf am 19. November 1921 auf der feuchten Atlantikinsel ein. Karls und Zitas Kinder kamen erst am 2. Februar 1922 bei ihren Eltern an. Die Familie wohnte zunächst in einem Hotel. Nach dem Diebstahl der als letzte Reserve verbliebenen persönlichen Juwelen übersiedelte sie in eine Villa in Monte bei Funchal, die ihnen von einer Bankiersfamilie kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Am 9. März 1922 zog sich Karl eine schwere Erkältung zu. Um Geld zu sparen, wurde erst am 21. März ein Arzt gerufen, der eine schwere Lungenentzündung feststellte. Am 1. April 1922 starb Karl knapp 35-jährig.

30.000 kamen zum Begräbnis

An seiner Beisetzung am 5. April nahmen etwa 30.000 Personen teil. Sein Leichnam wurde in der Kirche Nossa Senhora in Monte begraben. Sein Herz wird in der um die Mitte des 20. Jahrhunderts neu angelegten Familiengruft der Habsburger unter der Loretokapelle des Klosters Muri im Schweizer Kanton Aargau aufbewahrt.

Seit der Beisetzung von Zita 1989 in der Wiener Kapuzinergruft ist dort ein Platz für Karl reserviert. Seine Familie, vor allem Otto von Habsburg, wollte aber keine Überführung. Denn dies wäre als Affront gegenüber der Bevölkerung von Madeira aufgefasst worden.

Seligsprechungsprozess dauerte 55 Jahre

Der Seligsprechungsprozess für Kaiser Karl dauerte insgesamt 55 Jahre. Seit der Seligsprechung hat die Begräbnisstätte des letzten Kaisers in der Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Monte für die dortige Bevölkerung noch stärker an Bedeutung gewonnen. Regelmäßig sind dort viele Beter anzutreffen.

Beim Wiener Symposion über Kaiser Karl im Februar 2004 wurde zur Person resumierend festgehalten: Die Charakterfestigkeit des Kaisers wurde gerade beim Zusammenbruch der Monarchie, im Exil und bei seinem Sterben deutlich. Er gab keiner materiellen oder ruhmverheißenden Versuchung nach, sondern erfüllte seine Aufgabe bis zur Selbstaufopferung, und er hielt seinen Krönungseid.

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