16 Juni 2011, 12:00
Wie die Kirche nach dem Konzil zum Schlachtfeld wurde
 
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Weltbejaher gegen Zeitkritiker: Nur Petrus kann den Parteienstreit bei der Interpretation des Zweiten Vatikanums überwinden. Von Andreas Wollbold / Vatican magazin

Rom (kath.net/Vatican magazin) Im Krieg der Efraimiter gegen den wilden Richter Jiftach gelang es diesem, alle Übergänge über den Jordan zu besetzen. „Und wenn efraimitische Flüchtlinge kamen und sagten: Ich möchte hinüber!, fragten ihn die Männer aus Gilead [also Jiftachs Leute]: Bist du ein Efraimiter? Wenn er Nein sagte, forderten sie ihn auf: Sag doch einmal ‚Schibbolet’. Sagte er dann ‚Sibbolet’, weil er es nicht richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort an den Furten des Jordan nieder“ (Ri 12,5f.).

Große Organismen neigen zur Parteienbildung. Es gibt die einen und es gibt die anderen, jedoch jede Seite will für das Ganze sprechen. Wie bricht dann das Ganze nicht auseinander? Demokratien bieten dafür die „Jeder darf einmal“-Lösung an, genauer: Jede Partei darf die Macht übernehmen, wenn sie eine Mehrheit hinter sich gebracht hat. Diese Lösung ist überall da überzeugend, wo Macht nicht an Wahrheit gebunden ist. Denn ob eine Regierungspartei wirklich den besten Weg verkörpert oder nicht, kann man nie sagen. Entscheidend ist nur, ob sie am nächsten Wahltag wieder eine Mehrheit hinter sich sammeln kann.

Das Konzil, das Schibbolet der Kirche

Dass es auch in der katholischen Kirche Parteien gibt, ist nicht verwunderlich. Aber fatal wäre es, wenn in ihr Mehrheiten über Wahrheiten zu entscheiden hätten. Wenn die Schibbolet-Sager also den Ton angeben könnten und die Sibbolet-Sager niedergemacht würden. Damit das nicht geschieht, gibt es das Amt des Petrus. Nur einer kann allen und für alle sagen, was wahr ist. Denn Petrus ist Sprecher und Haupt der Apostel. Nur auf einen kann man schauen, wenn es um das Wort in letzter Instanz geht. Denn Petrus ist Stellvertreter Christi, der Wahrheit selbst. Nur so können auch die Spannungen von Parteien und Richtungen zu fruchtbaren Spannungen werden. Durch das Wort des Papstes – manchmal auch sein Machtwort – ist es zum Beispiel gelungen, den Streit zwischen Weltklerus und Bettelorden im Hochmittelalter in geordnete Bahnen zu lenken oder später im Gnadenstreit um 1600 die fruchtlosen Diskussionen zwischen Dominikanern und Jesuiten zu beenden. Denn von allen fordert Petrus die Bindung an die Wahrheit. Niemand darf etwas anderes, als die Wahrheit zum Schibbolet der Kirche erklären. Es gibt Wichtigeres, als sich um „Sch“ oder „S“ die Köpfe einzuschlagen.

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Das Zweite Vatikanische Konzil ist leider weithin zu einem solchen Schibbolet der katholischen Kirche geworden, und das ist fatal für das Konzil ebenso wie für die Kirche. Hüben und drüben macht man es zu einem Gesinnungs-Prüfstein, an dem man Wahr und Falsch zu erkennen glaubt. Das geht so weit, dass das Lied der „Freie Deutsche Jugend“ in der DDR das Zeug zu einem katholischen Schlager hätte: „Sag mir, wo du stehst!“ Darum soll dieser Beitrag nachweisen, wie die Orientierung an den Absichten von Papst Johannes XXIII. selbst jegliche Konzils-Schibbolistik ausschließt und eine fruchtbare Rezeption ermöglicht. Denn erst wenn man auf Petrus schaut, kommt das wahre Konzil und nicht das Parteien-Konzil in den Blick.

Das geöffnete Fenster

Oft und zu Recht kritisiert ist eine Methode der Schibbolistik die, den „Geist des Konzils“ zu definieren, ohne die Texte selbst zu lesen. Eine weitere Methode ist nicht weniger folgenschwer: Konzils-Bilder zu produzieren und auf sie hin Konzilsaussagen zu projizieren. In der Tat hat die Konzilspublizistik Schlüsselbilder gefunden, die bis heute das kollektive Bewusstsein von Sinn und Bedeutung dieser Kirchenversammlung beherrschen. Ihre suggestive Kraft muss durchschaut werden, sonst bleibt das rechte Verständnis dieser Kirchenversammlung wie berauscht und vernebelt. Da ist die Episode von Papst Johannes XXIII., der einem Besucher auf die Frage „Wozu das Konzil?“ eine sprechende Antwort gegeben haben soll. Er öffnete das Fenster und ließ frische Luft herein. Dieses Bild vermag die einfache Botschaft zu transportieren: „Genauso hat sich im Inneren der Kirche die Luft verbraucht. An sich lässt es sich in ihren Räumen gut leben, aber einmal kräftig durchzulüften erfrischt die Geister und rötet die Wangen. Keine Angst also, die Luft draußen ist nicht verpestet! Sie tut gut.“ Die Kirche soll sich der modernen Welt also öffnen, das Gute in ihr sehen und sich einem gesunden Fortschritt nicht verweigern.

Diese Erzählung wirkt harmlos und hat gerade dadurch bis heute Sympathisanten in fast allen Lagern gefunden. Aber trifft sie die Absicht des seligen Johannes XXIII. wirklich? Wahrscheinlich hat die Begebenheit nie so stattgefunden, wie der Sekretär des Papstes, Monsignor Loris Capovilla, beim Seligsprechungsprozess aussagte. Übrigens fürchtete der Roncalli-Papst Luftzug und vermied deshalb offene Fenster.

Auf sichererem Boden steht man darum mit den berühmten Worten seiner Ansprache zur Eröffnung des Konzils am 11. Oktober 1962. Darin tadelt er Personen, „die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den Zeiten früherer Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitte und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und recht zugegangen. Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die überall das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde.“

Bereits im Kern ist darin angelegt, wodurch sich für den Papst ein rechtes Verständnis der Öffnung zur Welt auszeichnet: durch seine missionarische Zuversicht. Sie sagt eben nicht naiv: „Die Welt ist gut. Sie besitzt bereits die Wahrheit und ist anonym christlich.“ Noch weniger behauptet sie: „Die Welt ist besser, moderner, menschlicher als die Kirche. Wir Christen müssen noch viel von ihr lernen.“ Sie sagt einfach: „Gott will das Heil aller Menschen und darum auch der Menschen dieser Zeit. Darum ist es für sie nicht unmöglich, die Wahrheit und das Leben zu finden.“ Das ist die Chance für die Kirche, die Gott selbst eröffnet: „Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte“ (Joh 4,35). Wie könnte die Kirche darum nicht alles tun, um diese Ernte auch wirklich einzubringen?

Der neue Frühling

Eng mit der Vorstellung vom geöffneten Fenster verbunden ist ein zweites Bild, das von Pfingsten, dem neuen Frühling in der Kirche: Jetzt fängt das winterdürre Holz an zu grünen und zu blühen. In einer heute kaum mehr fassbaren Begeisterung glaubten zur Konzilszeit viele, durch das Abstoßen von „Ballast“, durch umfassende Reform und durch allgemeine Nachsicht gegenüber der Welt würde die Kirche zu einer Art Avantgarde der Menschheit auf dem Weg in ein besseres Morgen. Wer solche Vorstellungen allerdings genauer bedenkt, wird darin eher einen Herbst der Kirche erkennen, der den Winterfrost vorbereitete. Es ist doch Herbst, wenn nutzlos gewordene Blätter abfallen, dürres Holz wegbricht und kein Same mehr die Welt erobert. Es wäre lohnend, die sechziger Jahre in Kirche und Kultur eher als eine Spätzeit zu begreifen, der das Vertrauen in die eigenen Wurzeln abhanden gekommen ist und die sich an den Kaminen kleiner Zirkel von Denkern neue, ganz andere Welten erträumte.

Umso deutlicher hebt sich davon die Zuversicht von Papst Johannes XXIII. ab. Die Konzilsidee vom Fest Pauli Bekehrung 1959 erschien ihm wie eine Eingebung von oben: „Plötzlich entsprang in Uns eine Eingebung wie eine Blume, die in einem unerwarteten Frühling blüht. Unsere Seele wurde von einer großen Idee erleuchtet... Ein Wort, feierlich und verpflichtend, formte sich auf Unseren Lippen. Unsere Stimme drückte es zum ersten Mal aus – Konzil!“ Dieses Widerfahrnis der Gnade hat den Papst so stark geprägt, dass er ihm bei der Eröffnung des Konzils sogar einen eigenen Abschnitt seiner Rede widmete. Der Papst dachte also im ersten Moment gar nicht an den Frühling der Kirche, sondern an die Frühlingsblume der Erleuchtung.

Diese Metapher ist selbst für italienische Rhetorik ungewöhnlich. Umso mehr fällt sie auf und lässt nach ihren Quellen fragen. Vielleicht darf man dazu eine Vermutung äußern. Die heilige Therese von Lisieux, die vom Papst sehr verehrte Heilige des kleinen Weges, bezeichnet sich in ihrer „Geschichte einer Seele“ gleich mit den ersten Worten als Frühlingsblume. Das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes hat sie durch den Winter von Prüfungen und Leid geführt und nun wunderbar aufblühen lassen. Ist es vermessen, zumindest eine unbewusste Verwandtschaft der Konzilsidee des Papstes damit zu vermuten?

Dann läge auch der Schlüssel zum „Optimismus“ des Papstes auf der Hand. Er ist keineswegs blauäugig und naiv. Vielmehr gibt ihm das Vertrauen auf Gott die Kraft, die Kirche trotz vieler dunkler Seiten der Gegenwart der Führung Gottes anzuvertrauen. Er hofft auf geistliche Schätze, die der Kirche die Kraft geben, sich unerschrocken der Zukunft zu stellen und nicht vergangenen Zeiten nachzutrauern. Nicht zufällig kehrt das Vertrauen in die Barmherzigkeit wieder, wenn Johannes XXIII. die Vorgehensweise angesichts der Irrtümer dieser Zeit umschreibt: „...nicht mit den Waffen der Strenge, sondern dem Heilmittel der Barmherzigkeit“.

Vor diesem theresianischen Hintergrund würde sich die programmatische Absage an die Pessimisten und Nostalgiker durch den Papst noch einmal neu lesen lassen. Denn meist werden die genannten Worte als Triumph der Optimisten, als Sieg der Fortschrittsgläubigkeit über den Kulturkonservativismus verstanden. Das gute Schibbolet der Weltbejaher also gegen das böse Sibbolet der Zeitkritiker! So gesehen, hätte die Entwicklung der letzten Jahrzehnte den Papst aber Lügen gestraft. Seine Eingebung wäre dann nichts anderes als bloße Einbildung gewesen. Hier hat man auf den Punkt gebracht die Aporie vieler Konzilsdiskussionen. Ihnen geht es nur darum, welche dieser beiden Parteien Recht behält.

Ganz anders jedoch, wenn dieses Programm mit der heiligen Therese von Lisieux verstanden wird. Denn nur mit Vertrauen und Liebe zu Gott gelesen, drücken diese Worte wirklich eine göttliche Eingebung aus. Sie wissen nur zu gut, dass jede Zeit der Barmherzigkeit Gottes bedarf. Es gibt keine in sich guten Epochen, ebenso wenig aber auch in sich schlechte, die von Gott nicht mehr erreicht werden könnten. Soll die Kirche verzagen? Nein, sie ist gehalten von Gottes mächtigem Arm, und darum kann sie ihren Auftrag auch heute erfüllen und das Heil allen Menschen verkünden. Darum muss sie auch alles tun, um nicht aus eigener Schuld Hindernisse zu errichten.

Ob dieser Glaubensmut damals von allen verstanden wurde? In der Publizistik jedenfalls überwog bald das Bild vom Frühling der Kirche in einem recht banalen Sinn: Das Neue ist das Frischere, Bessere, Angebrachtere. Der „Tutiorismus des Wagnisses“ (Karl Rahner) berechtigt dazu, niederzureißen, wenn auch nur irgendein Theologe damit Hoffnungen zu verbinden versteht. Theologisch wurde das Bild zum Vehikel eines gefährlichen Joachimismus, also der auf Abt Joachim von Fiore zurückgehenden Vorstellung von den drei Weltzeiten. Gestalten der deutschen Philosophie wie Schelling haben sie dem kulturellen Gedächtnis hierzulande tief eingeprägt. Danach ist die Zeit des Vaters die des Alten Bundes, also des Gesetzes. Die Zeit des Sohnes ist die Zeit der Gnade, also der Kirche. Nun aber breche die dritte Zeit an, die Zeit des Heiligen Geistes. Die weltliche Idee des Fortschritts eroberte die Kirche. Nun sollte die Freiheit über die Autorität triumphieren. Äußere Formen, Autorität und Grenzen fallen, alles wird eins. „Fair is foul and foul is fair“ (Macbeth). Eine Bresche wurde in die „wohlgeordnete Schlachtreihe“, die „acies bene ordinata“ der Kirche geschlagen. Ihre Reihen wurden aufgelöst. Alles musste verändert werden, Strukturen wurden „hinterfragt“, Verhältnisse wurden „demaskiert“ und Seelen wurden „analysiert“. Der Frühling hatte einen Frühlingssturm entfacht, und vor dem Furor der Veränderung lautet die Devise nur noch: „Rette sich, wer kann!“

Wie weit ist eine solche Veränderungswut vom geistlichen Frühling entfernt, den Liturgie und Kirchenväter in warmen Worten preisen. Hier ist das „ver sacrum“, der geistliche Frühling, das Osterfest. Der Geist des österlichen Herrn bekehrt und erneuert die Seelen. So rühmt Gregor von Nazianz: Wie der Zugführer bei einer Prozession schreitet das kosmische Wiedererwachen der Natur dem Osterfest voraus, es schickt dem Auferstandenen einen helleren Himmel, eine strahlendere Sonne und einen größeren Glanz voraus. Und noch praktischer erkennt Ambrosius von Mailand: Wie die Israeliten im Frühjahr Ägypten verließen, so verlassen die Gläubigen an Ostern Laster und Leidenschaften; Tugend und Gnade blühen in ihren Seelen auf.

Die Verselbständigung der Bilder

Die beiden Bilder vom zur Welt hin geöffneten Fenster und vom neuen Frühling waren so erfolgreich, dass kaum jemand in den folgenden Jahren auf sie verzichtete. Aber unter der Hand wurden beide im Umkreis von 1968 weiter radikalisiert. Der frische Wind wurde zum Sturm, der keinen Stein auf dem anderen lässt. Die Kirche selbst und nicht die glaubensarmen Christen musste durcheinandergewirbelt werden. Ja, der eigentliche Sinn der Öffnung wurde es nun, dass der Unterschied zwischen Kirche und Welt wegfallen sollte. War die Kirche bis dahin die Arche Noah in der Sintflut der Welt, so durften ihre Insassen nun die Luken aufbrechen und hinaustreten in eine Welt, die aufblühte zu einem neuen Leben. Dieser Umschlag drückte sich darin aus, dass für viele nun „Gaudium et Spes“ in einseitiger Lesart zum Emblem einer neuen Zeit wurde: Christsein ist Zeitgenossenschaft, und weltlicher Fortschritt ist sein eigentlicher Sinn. Auch wenn die Pastoralkonstitution wohl das mit heißester Nadel gestrickte Dokument ist und es vielfach an Klarheit der Aussagen fehlt, ist dies mit Sicherheit eine weit überzogene Deutung. Aber Bilder wirken mehr als Worte. Der „Geist des Konzils“ verselbständigte sich von seinen Worten.

Der frische Wind schuf im Nu auch ein einfaches Geschichtsbild: Die „pianische“ Ära zwischen Papst Pius IX. und Papst Pius XII., so meinte man, sei von Abschottung gegenüber der Welt geprägt gewesen. „Mief“, Enge und Selbstbeschäftigung, das habe diese Ära ausgezeichnet. Nun endlich seien die Tabus gefallen, herrschte die Freiheit eines Christenmenschen. Nun breche die „dritte Epoche der Kirchengeschichte“ (Karl Rahner) an.

Deutlich spiegeln beide Bilder auch einen Umschlag in der Konzilsinterpretation. Dabei wurde Verhältnis von Kirche und Welt radikalisiert. Die Texte selbst sprechen von einer Öffnung zur Welt im Sinn einer missionarischen Kirche. Dennoch wurden sie zunehmend dahingehend interpretiert, dass die Kirche sich nur als Teil der Welt verstehen könnte. Die „societas perfecta“, die von Gott mit allem Wesentlichen ausgestattete freie Gemeinschaft der Gläubigen, wurde zum Haussklaven der Welt und ihrer Moden.

Nun muss man sicher einräumen, dass nicht wenige Aussagen des Zweiten Vatikanums, im Abstand von fast fünfzig Jahren gelesen, tatsächlich nicht immer durch Klarheit und Eindeutigkeit glänzen. Besonders „Gaudium et Spes“ macht streckenweise den Eindruck, dass das Verständnis für die Welt auf Kosten der Klarheit der Lehre geht. Dennoch ist die eigentliche Wasserscheide die zwischen der missionarischen Zuversicht eines Johannes XXIII. und einer freiwilligen Unterwerfung unter die Welt in vielen nachkonziliaren Verhaltensweisen und Verständnissen. Wer die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils darum mit seinen Absichten liest, wird vor Einseitigkeiten und Verzerrungen bewahrt.

Von Johannes XXIII. zu Benedikt XVI.

Johannes XXIII. verstand die Konzilsidee als Gnadenerlebnis. Seine Frühlingsblume war für ihn Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes, die auch die Gegenwart umfängt und erneuert. Trotz vieler Probleme und Herausforderungen wollte der Papst der Kirche die Kraft geben, sich unerschrocken der Zukunft zu stellen. Kirchlicher Fortschritt ist allein der Schritt auf jeden Menschen zu: Gott will das Heil aller Menschen und darum auch der Menschen dieser Zeit. Darum ist es für sie nicht unmöglich, die Wahrheit und das Leben zu finden. Das ist die Chance, die Gott selbst eröffnet: „Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte“ (Joh 4,35). Wie könnte die Kirche darum nicht alles tun, um diese Ernte auch wirklich einzubringen? Wer die vergangenen fünfzig Jahre nüchtern überblickt, wird kaum behaupten können, dieses Programm sei bis heute eingelöst.

Der Papst ist der Garant der Einheit der Kirche. Beim Kurs der katholischen Kirche heute hilft weder der so genannte „Geist des Konzils“ noch schlecht verstandene Bilder wie die vom geöffneten Fenster oder vom Frühling der Kirche. Nur der Blick auf Petrus bewahrt das Konzil davor, zum Instrument im Parteienstreit zu werden. Allein der Papst beruft ja ein Ökumenisches Konzil ein, allein er verleiht seinen Dekreten Rechtskraft (vgl. CIC c. 338). Allein er kann darum auch verbindlich aufzeigen, in welchem Sinn seine Aussagen zu verstehen sind.

Heute gibt Papst Benedikt für das Zweite Vatikanum eine Hermeneutik der Kontinuität vor. Sie stellt keine neue Partei unter den vielen Konzilsinterpretationen dar. Sie bildet den Maßstab für jede weitere gültige Rezeption. Dasselbe gilt von den Vorgaben der vatikanischen Kongregationen, also etwa von den Dokumenten der Glaubenskongregation wie die Erklärung „Mysterium Ecclesiae“ (1973), das Schreiben „Communionis notio“ (1993), die Erklärung „Dominus Iesus“ (2000), die „Note über den Ausdruck ‚Schwesterkirchen’“ (2000) oder „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ (2007). In ihnen spricht Petrus. Er klärt und bewahrt vor Missverständnissen und Irrtümern. Er zeigt die Wahrheit auf und macht so die Lehren des Zweiten Vatikanums erst fruchtbar. So war es bei Papst Johannes XXIII., und so ist es bei Papst Benedikt XVI. Wer diese Aussagen dagegen ignoriert, verkennt nicht nur die Bedeutung des Petrusamtes. Er macht sich damit auch zu einem Ewig-Gestrigen – trotz aller Rhetorik vom geöffneten Fenster und vom Frühling.

Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Pastoraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Foto: (c) kath.net

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