06 Juni 2011, 11:31
Grün-rot ist der Kirchentag
 
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Viel Harmonie, doch man scheut die „heißen Eisen”: Sarrazin war nicht eingeladen. Und das größte Unrecht "vergaß" der Kirchentag: 130.000 abgetriebene Kinder pro Jahr in Deutschland. Ein Kommentar von Wolfgang Polzer

Dresden (kath.net/Idea) Grün-Magenta war die Erkennungsfarbe auf den Plakaten des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden. Und Grün-Rot war auch die vorherrschende politische Farbenlehre des Protestantentreffens. Nicht so sehr, weil mit Katrin Göring-Eckardt eine Spitzenpolitikerin der Grünen Kirchentagspräsidentin ist. Auch nicht, weil Politiker anderer Parteien gefehlt hätten: Von den (ganz) Linken bis zur Union gaben sich Spitzenvertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien in Dresden ein Stelldichein. Das ist grundsätzlich nichts Neues, wenn auch Vertreter der evangelischen Kirche inzwischen ihre frühere Scheu gegenüber einer Linken, die zum größten Teil aus der SED hervorgegangen ist, abgelegt haben. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, nahm ausgerechnet in Dresden erstmals am Empfang der dunkelroten Partei teil. Welche Empfindungen mag das bei christlichen Opfern der SED-Diktatur wecken?

Kaum noch Unterschiede zwischen Parteien

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Grün-rot geprägt war der Kirchentag also nicht wegen einer unausgewogenen Präsenz der deutschen Politik, sondern weil die Nähe des Publikums und der meisten Referenten zu derartigen Positionen in Friedens-, Umwelt-, Integrations- und Wirtschaftspolitik überdeutlich zu verspüren war. Ein Spiegelbild der inzwischen weithin profillosen deutschen Parteienpolitik, bei der der Bürger bei bestimmten Themen kaum noch Unterschiede zwischen Union, FDP, SPD und Grünen zu erkennen vermag.

Zu viel Harmonie?

So viel Einigkeit erzeugt Harmonie, und das war das auffälligste Merkmal des Dresdener Kirchentags. Man mag ja die Nachdenklichkeit begrüßen, wie es die Kirchentagsverantwortlichen und der sächsische Bischof Jochen Bohl (Dresden) tun. Freilich wünscht sich niemand die teilweise gewalttätigen Krawalle auf westdeutschen Kirchentagen zurück, etwa 1989 in Berlin, als eine Nicaragua-Veranstaltung wegen der Beteiligung eines Vertreters der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) gesprengt wurde – aber etwas mehr Kontroverse dürfte schon sein. Nein, nicht streiten um des Streits willen, sondern weil „Friede, Freude, Eierkuchen” nun wahrlich nicht dem Selbstverständnis des Kirchentags entspricht. Dieser hat sich immer gerühmt, politischen, gesellschaftlichen und religiösen Debatten eine Plattform zu bieten; davon sind weithin nur die Platt-Formen geblieben. Und das liegt nicht allein am harmoniebedürftigen Publikum.

Keine Einwände gegen Atomausstieg?

Denn die „heißen Eisen“, die weite Teile der Bevölkerung umtreiben, bleiben unberührt. Thema Energiewende: Wer den Kirchentag besucht, muss den Eindruck gewinnen, dass es gar keine begründeten Einwände gegen einen zu raschen Ausstieg aus der Atomenergie geben kann und dass alles gut wäre, wenn Deutschland möglichst schon morgen zu Wind- und Sonnenenergie wechseln würde – egal, wer die Zeche bezahlt und was mit den wenige Hundert Kilometer entfernten AKWs im benachbarten Ausland geschieht.

Wo war Sarrazin beim Kirchentag?

Thema Integration: Bundespräsident Christian Wulff berichtete auf dem Kirchentag, dass er auf seinen Satz „Der Islam gehört inzwischen zu Deutschland“ rund 200 positive Zuschriften erhalten habe – aber 4.000 sorgenvolle über den zunehmenden Einfluss des Islam in Deutschland. Doch diese Bürger haben auf dem Kirchentag keine Stimme. Wenn es wirklich „kirchentagsgemäß“ zuginge, hätte man eigentlich den umstrittenen SPD-Politiker Thilo Sarrazin einladen müssen, um die kruden Thesen in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab” wenigstens zur Diskussion zu stellen.

Das größte Unrecht vergaß der Kirchentag

Aber unbequeme oder verschwiegene Themen, die dem Zeitgeist zuwider laufen, sind nicht Sache des Kirchentags. So regte sich „Superstar“ Margot Käßmann in einer Bibelarbeit zu Recht darüber auf, dass die etwa zwei Dutzend Opfer des Bakteriums EHEC die Schlagzeilen in Deutschland bestimmen, aber kaum jemand ein Wort über die 2,2 Millionen Kinder verliert, die jährlich in Entwicklungsländern an Hunger sterben. Ob die uns wohl weniger wert sind? fragte die frühere EKD-Ratsvorsitzende. Doch nicht nur diese Kinder sind vergessen – noch mehr sind es mindestens 130.000 Kinder pro Jahr in Deutschland, die das Licht der Welt gar nicht erst erblicken dürfen, weil sie abgetrieben werden. Alle möglichen Menschenrechtsverletzungen werden auf dem Kirchentag angeprangert, ausgiebige Debatten darüber geführt, ob und wie man ihren Urhebern wie dem seit Jahrzehnten als Terrorist bekannten libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi in den Arm fallen solle – nur beim Thema Abtreibung verstummt der Kirchentag ebenso wie fast die gesamte deutsche Öffentlichkeit. Nur eine Veranstaltung unter dem Titel „Die Blumen des Lebens“ war dem „Recht des ungeborenen Lebens“ gewidmet – allerdings als „kritische Auseinandersetzung“. Wenn dem Kirchentag wirklich am Eintreten für Menschenrechte gelegen ist, dann dürfte die Tötung ungeborener Kinder nicht länger ausgeblendet werden – gerade weil das Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung auf diesem Gebiet fast auf Null gesunken ist. Aber dieses Thema schwimmt eben nicht im Hauptstrom des Protestantentreffens mit.

Sternstunde über Friedensethik

Freilich hat die Nachdenklichkeit des Kirchentagspublikums auch gute Seiten. Zu einer Sternstunde wurde das Gespräch zwischen dem EKD-Ratsvorsitzenden Schneider und Verteidigungsminister Thomas de Maizière über Friedensethik sowie das Für und Wider von Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Hier wurden respektvoll Argumente ausgetauscht und von beiden auch biblisch begründet. Kein Soldat wurde als Krieger abqualifiziert, das Publikum hörte aufmerksam zu und dachte mit. Der Kontrast zu den Kirchentagen der achtziger Jahre mit heftigen Angriffen und Verleumdungen des damaligen Verteidigungsministers Hans Apel (SPD) 1981 in Hamburg wegen des NATO-Doppelbeschlusses zur Nachrüstung hätte größer nicht sein können.

Europas christliche Grundlage

Anschauungsunterricht für die Bedeutung des christlichen Glaubens als Wertegrundlage für Europa konnten die Kirchentagsteilnehmer in zahlreichen Veranstaltungen vor allem im Ost-West-Begegnungszentrum machen. Darunter waren politische Akteure der Revolutionszeit in Mitteleuropa wie der erste frei gewählte Ministerpräsident Polens, Tadeusz Mazowiecki (Amtszeit 1989-1990), und sein deutsches Pendant, Lothar de Maizière (CDU), der 1990 als letzter Ministerpräsident der DDR amtierte. Aber auch Politiker der Gegenwart wie der Präsident des Europaparlaments Jerzy Busek – ein polnischer Lutheraner – betonten, wie wichtig es für Europa ist, dass gemeinsame christliche Wertvorstellungen erhalten bleiben. Und das gerade in einer Zeit, in der – unter anderem befördert durch die Staatsverschuldungskrisen in Griechenland und Portugal – die Sehnsucht nach nationalen Alleingängen stärker wird. Aber auch hier: EU-Skeptiker hatten keine Chance, auf dem Kirchentag ihre Stimme zu erheben.

„Biotop für Träumende“

Der Kirchentag hat sich immer als „Zeitansage“ verstanden. In Wirklichkeit war und ist er eine Zeitgeistansage. Die Veranstalter und die Mehrzahl der Besucher reiten auf den Wellen des Hauptstroms. Für gegenteilige oder unbequeme Meinungen ist kein Platz mehr. Auch ein Tummelplatz für „Wutbürger“ war der Kirchentag nicht – eher ein „Biotop für Träumende“, wie Margot Käßmann das Protestantentreffen charakterisierte. Träumt weiter!

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