31 Mai 2011, 11:00
Die 'Päpstin Johanna' – eine satirische Legende
 
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Eine Musical-Uraufführung in Fulda bringt wieder eine dem römischen Karneval entspringende Figur ins Gespräch. Vatikan und Frauen: die falsche Richtung der Faszination. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Die Legende ist eine dem Märchen und der Sage verwandte Textsorte bzw. literarische Gattung. Der Begriff leitet sich von dem mittelalterlich-lateinischen Ausdruck ‚legenda’ ab, was soviel bedeutet wie ‚das, was zu lesen ist’, ‚das Vorzulesende’ bzw. ‚die zu lesenden Stücke’. Die Herkunft des Begriffs deutet somit – im Gegensatz zur Sage – eine enge Beziehung zur literarischen Tradition an“. So erklärt die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ den allgemein gängigen Begriff eines literarischen Genus.

Eine Legende ist eine frei erfundene Erzählung, die sich ausschmückend historischer Umstände bedient und so etwas Neues schafft. Sie ist, wie der Humanist Erasmus von Rotterdam feststellt, als „res ficta“ das Gegenteil zu den „facta“ und muss im Bereich der „educatio“ (Erziehung und Bildung) vermieden werden. Durch einen Film, der im Oktober 2009 in die Kinos gekommen ist und auf der Grundlage eines Bestsellers aus den 90ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Leben und Wirken der legendären Päpstin Johanna inszeniert, ist es wieder interessant geworden, sich mit der Entstehung und den historischen Hintergründen einer derartigen Legendenbildung auseinanderzusetzen – dies umso mehr, als nun am 3. Juni im Fuldaer Schlosstheater das Musical „Die Päpstin“ zur Uraufführung kommt.

Es war der bedeutende Kirchengeschichtler Ignaz von Döllinger, der sich in seinem 1863 in München veröffentlichten Werk „Die Papst-Fabeln des Mittelalters. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte“ wissenschaftlich abschließend mit der Päpstin Johanna auseinandergesetzt hatte. Dennoch war es möglich, dass die Autorin des 555-Seiten-Romans „Die Päpstin“ (55 Auflagen allein in Deutschland) Donna Woolfolk Cross den Anspruch erhob, dass ihre Geschichte zu den „facta“ gehört. Johanna von Ingelheim wird als eine „reale Person“ behauptet, die „eine der außergewöhnlichsten Frauengestalten der abendländischen Geschichte“ gewesen und ab dem Jahr 853 für zweieinhalb Jahre als die erste und letzte Frau auf den Stuhl Petri erhoben worden sei. Die Autorin behauptet, dass ihre Existenz „bis ins 17. Jahrhundert allgemein bekannt und erst dann aus den Manuskripten des Vatikans entfernt“ worden sei. Wie immer: der böse Vatikan vertuscht eine fürchterliche Wahrheit: eine Frau – Nachfolger des Petrus, die es zudem in ihrem hohen Amt nicht vermeiden konnte, Protagonistin einer Liebegeschichte zu sein und durch die Frucht ihrer Liebe gestürzt zu werden.
Natürlich hat es eine Päpstin Johanna nie gegeben, selbst wenn es im Vatikan nicht an künstlerischen Darstellungen von Frauengestalten fehlt, die mit einer Tiara gekrönt sind: die Kunst bildet so die Kirche und den Grund ab, auf dem sie von Christus errichtet worden ist. Johanna ist die mythische Gestalt einer mittelalterlichen Legende, die ihre Ursprünge mit großer Wahrscheinlichkeit in einer antipäpstlichen Satire hat, zum ersten Mal nach dem Tod des Staufer-Kaisers Friedrich II. (13. Dezember 1250) auftritt und im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Papsttum zu sehen ist.

Andere Historiker brachten die Legende (unberechtigt) mit der Satire auf die römische „Pornokratie“ im 9. Jahrhundert in Verbindung, als das Papsttum unter dem Joch des „Weiberregiments“ der Theodora und Marozia stand. Dabei ergibt sich der satirische Charakter gerade daraus, dass die Legende drei große Ängste des mittelalterlichen Menschen karikiert: das Entsetzen vor einem sexuell aktiven Papst, die Abscheu vor einer Frau, die Männer und ihre Welt dominiert und der sexuellen Promiskuität nicht abgeneigt ist, sowie die Angst, dass Lug und Trug, ja dass der „Herr der Lüge“ selbst mitten in das Zentrum der Kirche hineingetragen wird.

Die Päpstin Johanna ist somit nichts anderes als eine Karnevalsfigur, die man sich unschwer in den deftigen und sarkasmusgetränkten Umtrieben des berühmt-berüchtigten römischen Karnevals vorstellen kann. Die Kraft der Legende war so mächtig, dass Johanna sogar in einigen Verzeichnissen der Päpste auftrat (so im Dom zu Siena). Dazu kommt, dass „Johannes“ der häufigste Papst-Name ist, den auch einige Gegen-Päpste trugen, was weiteren Verwirrungen Vorschub leistete. Bis ins 15. Jahrhundert hielten sich die phantastischen Fabeln um Johanna und ihr Schicksal. Mit dem Humanismus beginnt dann die kritische Geschichtsschreibung und „der Päpstin“ wird ihr Reich zugewiesen: das der Phantasie.

Da es die „Päpstin“ nicht gab, bleibt die interessante Frage, wie es im Einzelnen zu dieser Geschichte gekommen ist. In das allgemeine Bewusstsein der Römer hat sie ab Mitte des 13. Jahrhunderts Eingang gefunden, als sie aufgezeichnet wurde. Die gesamte abendländische und byzantinische Literatur von 850 bis 1250 enthält keinen einzigen noch so vagen Hinweis auf eine Päpstin. Der erste, der die Legende kennt, ist, wie bereits Ignaz von Döllinger erläutert (S.7 ff.) der französische Dominikaner Stephan (geboren Ende des 12. Jahrhunderts, gestorben 1261), der sie in seinem Werk „Die sieben Gaben des Heiligen Geistes“ zitiert. Jean Mally, ein Dominikanermönch aus dem 13. Jahrhundert, hat sie dann in seine Chronik aufgenommen und wahrscheinlich dem Volksmund entnommen.

Die Chronik des Martinus Polonus († 1278), eines päpstlichen Kaplans, bietet dann eine weitere Version der „Tatsachen“. Polonus weiß, dass nach Papst Leo IV. (847-55) der Engländer Johannes von Mainz („Ioannes Anglicus, natione Moguntinus“) „zwei Jahre, sieben Monate und vier Tage“ auf dem Stuhl Petri gesessen habe. Der Chronist weiter wörtlich: „Er soll, so wurde behauptet, eine Frau gewesen sein“. In jungen Jahren habe ihr Geliebter sie in Männergewändern verkleidet nach Athen gebracht, wo sie sich große Gelehrsamkeit erwarb. Schließlich sei sie nach Rom berufen worden, um dort zu lehren. Dort schätzte man sie so sehr, dass man sie nach dem Tod Leos IV. zum Papst krönte. Johanna sei im Amt schwanger geworden und „auf dem Wege von Sankt Peter zum Lateran“, der damaligen Residenz der Päpste, niedergekommen. Sie sei bei der Geburt gestorben und an Ort und Stelle begraben worden. „Sie wurde auch nicht in die Aufstellung der heiligen Päpste aufgenommen, sowohl ihres weiblichen Geschlechtes als auch der Niedertracht ihrer Handlungen wegen.“

Voneinander abschreibende „Chroniken“ trugen zur Verbreitung der römisch-boshaften Klatschlegende bei, die in besonderem Maß das Verhältnis der Römer zu den Päpsten und den schmähenden Volksmund widerspiegelt, der dann als „Geschichte“ in die Annalen eingeht und zu einem besonders schimpflichen Ereignis für den Römischen Stuhl wird, durch das auch historische Gegebenheiten umgedeutet werden. So geschah es zum Beispiel dem von den mittelalterlichen Zeremoniellen zum Antritt des Papstamtes als „sedes stercorata“ definierten Papstthron, der vor der Lateranbasilika stand und auf dem der Papst nur einmal in seinem Leben Platz nahm. Es handelt sich hierbei um einen durchbrochenen Sitz, der für das Volk einem Abort ähnlich war und auf dem sich seit Paschalis II. (1099) der neue Papst bei der feierlichen Prozession zum Lateran niederließ, um von seinem Amt Besitz zu ergreifen.

Die Throne stammen aus altrömischer Zeit und gehörten wahrscheinlich zu antiken Thermenanlagen. Der skurrile Name hingegen, der an den gern zitierten „Kackstuhle“ des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. erinnert, auf dem sitzend dieser auch in Audienz empfing, war vielmehr ein Symbol der Selbsterniedrigung des neuen Papstes und wurde auf ein Wort der Bibel bezogen: „Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt; er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, einen Ehrenplatz weist er ihm zu“ („suscitat de pulvere egenum et de stercore elevat pauperem, ut sedeat cum principibus et solium gloriae teneat“: 1 Sam 2,8). Es dürfte sich um die radikalste Form der Erniedrigung handeln, die einem Papst vorbehalten war, gerade da „stercus“ Unrat, Schlamm und eben auch Exkremente bedeutet. Im Zuge der Legende von der Päpstin Johanna verquerte das Volk diese hehre Symbolik in einen Stuhl, durch dessen besondere Beschaffenheit es möglich gewesen sein sollte, das Geschlecht des Papstes zu kontrollieren. Das Auffallende, Unbegriffene, die Phantasie Anregende wird zum Ausgangspunkt einer neuen „Wirklichkeit“.

Warum die Geschichte einer Frau auf dem Papstthron, die sich so ihrer weiblichen Eigenheiten beraubt, in eine Männerwelt eintrat und diese nachahmend zur höchsten Macht gelangt, gerade für einen zeitgenössischen Feminismus anziehend erscheint, bleibt ein Rätsel der heutigen Zeit, die sich nicht scheut, bedingt durch eine ideologische Sexualisierung auch in einer fernen und phantastischen Vergangenheit Bestätigung für das eigene unreflektierte Weltbild zu finden. Dies erklärt den „Erfolg“ eines Romans und macht die Hoffnung auf ähnliches für einen Phantasy-Film voller üblicher Klischees verständlich.

Wie arm diese Strategie ist, lässt ein anderer, im Mittelalter beheimateter Film erkennen. Margarethe von Trottas Werk „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen", das im Oktober 2009 auch im Rahmen des Filmfestivals in Rom aufgeführt wurde, geht tiefere Wege, wenn sie es wagt, sich mit der Mystikerin Hildegard (1098-1179), der „Prophetin Deutschlands“ und dem „Juwel Bingens“ auseinanderzusetzen.

Die Kälte der Klosterzelle und das brennende Herz der Heiligen führten die Regisseurin zu einer Kunst, in der Licht und Finsternis, Gnade und Sünde, die Sonne des Tages und die Strenge des Klosterlebens ineinandergreifen und der Glaube die Zeit bemisst. von Trotta basiert ihre Interpretation ausschließlich auf die historischen Quellen und das, was Hildegard selbst in ihrem Werk bietet, und eröffnet so einen einzigartigen Zugang zum Leben der Heiligen. Die Regisseurin macht einem oberflächlichen Spektakel keine Zugeständnisse. Hildegard wird als mutige Frau gezeigt, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen musste. Auch die Frau, die in der Naturheilkunde bewandert und eine Musikkomponistin ist, wird in ihrem Kampf zur Verwirklichung ihrer Gaben dargestellt, an dessen Ende sie Gott findet und ihm dankt.

In detailliert ausgestatteten Gewändern und Klostergebäuden bewegt sich ein Mensch, der im Moment seiner Visionen nur in seiner Wesentlichkeit zum Vorschein kommt. Die von Hildegard komponierte Musik, die dem Film unterlegt ist, und eine Reinheit der Fotografie erlauben es, in die Weite des Geschehens Eingang zu finden und in der Tat ein „Mittelalter“ zu leben. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, durch die Worte Hildegards in den Raum der Geschichte einzutreten: der Geschichte Gottes mit einem Menschen.

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